Lothar II.                                                  Frankenkönig (855-869)
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825-8.8.869
      Piacenza

Begraben: Kloster St. Antonin bei Piacenza

2. Sohn des Kaisers LOTHAR I. und der Irmingard von Tours, Tochter von Graf Hugo
 

Lexikon des Mittelalters: Band V Spalte 2124
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Lothar II., fränkischer König
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     + 8. August 869

Begraben: Kloster St. Antonin bei Piacenza

Der zweitälteste Sohn LOTHARS I. (Brüder: LUDWIG II. und Karl von der Provence) erhielt mit der Reichsteilung von 855 die nördlichen Gebiete mit Aachen als residenzartigem Vorort. Das Reich Karls von der Provence wurde bei dessen Tod 863 unter Lothar II. und LUDWIG II. aufgeteilt. Lothar II. setzte die diplomatische Tätigkeit seines Vaters fort und nahm an 29 meist in seinem Reich stattfindenden Königstreffen teil. In den Quellen wie in der Forschung steht seine Regierung ganz im Zeichen seines 'Ehestreites': Seit 855 mit Theutbarga, der Schwester des Laienabtes Hucbert von St-Maurice verheiratet, suchte Lothar II. die kinderlose Ehe seit 857 zugunsten einer Verbindung mit seiner früheren Friedelfrau Waldrada zu lösen, von der er einen Sohn (Hugo) hatte. Auf Aachener Synoden wurde die Ehe 860 geschieden und 862 als nich rechtmäßig anerkannt, so daß Lothar II. noch im gleichen Jahr heiraten konnte. Dieses Vorgehen stieß jedoch auf den erbitterten Widerstand zunächst des westfränkischen Erzbischofs Hinkmar von Reims, dann des Papstes Nikolaus I., der das Bestätigungsurteil der Metzer Synode von 863 verwarf, die federführenden Bischöfe Gunthar von Köln und Thietgaud von Trier suspendierte und Lothar II. 865 zur Wiederaufnahme Theutbergas zwang, die bald darauf aber selbst vergeblich um Annullierung ihrer Ehe bat. Unter Hadrian II. setzte Lothar II. seine Scheidungsversuche fort und erreichte auf einer Romreise ei Wiederaufnahmeverfahren, doch blieb der Streit bis zum Ende seiner Regierungszeit ungeklärt, da Lothar II. auf der Rückreise in Piacenza verstarb.
Der Prozeß zeigt den zunehmenden kirchlichen Einfluß auf das Eherecht und den päpstlichen Autoritätsanspruch als Hüter der Moral, ist vor allem aber vor dem politischen Hintergrund der Sicherung des seit 863 erneut auch von den Normannen heimgesuchten Reichs zugunsten des eigenen Sohnes und gegen die Ansprüche der Oheime im W und O zu sehen. Während die lothringischen Großen zu Lothar II. hielten, erreichte dieser 867 von Ludwig dem Deutschen gegen Gebietsabtretungen (Elsaß) die Zusicherung der Erbfolge. Nach seinem Tod aber stritten KARL DER KAHLE, der sich am 9. September 869 in Metz zum König krönen ließ, und Ludwig der Deutsche um Lothars Reich,  das sie im Vertrag von Meerssen 870 unter Ausschluß der Ansprüche LUDWIGS II. und Hugos unter sich entlang der Maas-Mosellinie aufteilten. Langfristig aber konnte Lothars aus zufälliger dynastischer Teilung entstandenes Reich (regnum Lotharii) als 'Lotharingien' eine eigenständige räumliche Tradition im Rahmen der Reichsstruktur entwickeln.

Literatur:
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wie Lothar I.
K. Schmid, Ein karol. Kg.seintrag im Gedenkbuch von Remiremont, FMASt 2, 1968, 96-134 - W. Schlesinger, Zur Erhebung Karls d. K. zum Kg. v. Lothringen 869 in Metz (Fschr. F. Petri, 1970), 454-475 [Ders., Ausgew. Aufsätze, 1987, 173-198] - S. Konecny, Die Frauen des karol. Hauses, 1976, 103-117 - R. Kottje, Kirchl. Recht und päpstl. Autoritätsanspruch (Fschr. F. Kempf, 1983), 97-103. -
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Beim Tode seines Vaters erhielt Lothar II. die nördlichen Gebiete zwischen Maas und Schelde einerseits und Rhein und Ems andererseits mit Aachen (nach ihm Lothringen benannt). Beim Tode seines Bruders Karl teilten sich LUDWIG II. und Lothar II. dessen Herrschaftsbereich, wobei Lothar Burgund erhielt. Seine Gemahlin wollte er zugunsten seiner Konkubine Walderada verstoßen, da die Ehe kinderlos blieb.

Schieffer Rudolf:
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"Die Karolinger"

Beim Tode seines Vaters erstrebte LUDWIG II. einen Gebietsanteil jenseits der Alpen, während Lothar dem minderjährigen, an Epilepsie leidenden Bruder Karl kein gesondertes Teilreich einräumen wollte. Lothar suchte und fand die Unterstützung bei Ludwig dem Deutschen, in dessen Pfalz Frankfurt er im Oktober 855 von seinen Großen zum König akklamiert wurde, bevor er wohl in Aachen Salbung und Krönung entgegennahm, vielleicht bereits durch Erzbischof Gunthar von Köln, der bei ihm als Erzkapellan dem kurz nach LOTHAR I. verstorbenen Drogo von Metz nachfolgte. Offenbar der Festigung seiner Position nach Süden hin diente auch der folgenschwere Entschluß des jungen Königs, anstelle seiner bestehenden Friedelehe mit Waldrada (wohl aus moselländischem Adel) eine rechtsförmliche Muntehe mit Theutberga, der Schwester des Abtes Hukbert von Saint-Maurice d'Agaune aus dem Hause der BOSONIDEN und wichtigsten Machthabers zwischen Jura und Alpen, einzugehen. Immerhin gelang es, LUDWIG II. vom Ausgreifen über Italien hinaus abzuhalten, aber auch Lothar II. mußte dem Drängen der provenzalischen Magnaten nachgeben, die mit Karl als nominellem König unter sich bleiben wollten und von Graf Gerhard von Vienne angeführt wurden, einem Schwager von LOTHARS I. Gemahlin Irmingard und einstigen, vor KARL DEM KAHLEN gewichenen Grafen von Paris. Auf einem Treffen in Orbe (bei Lausanne), inmitten von Hukberts Gebiet, bekräftigten die drei königlichen Brüder im Herbst 856 die vom Vater gezogenen Grenzen.
Lothar zeigte sich bereits 857 seiner von den politischen Umständen diktierten Ehe mit Theutberga überdrüssig und strebte nach der Legalisierung der älteren Verbindung mit Waldrada, von der er mit der Zeit wenigstens 4 Kinder, darunter wohl damals schon einen Sohn namens Hugo, hatte. Theutbergas Verstoßung unter der Beschuldigung der Unzucht mit ihrem Bruder Hukbert von Saint-Maurice bedeutete zugleich den Bruch Lothars mit diesem wichtigen Gebieter im Alpenraum, gegen den er 858 erfolglos zu Felde zog. Der Gegenden jenseits des Jura entledigte er sich daraufhin 859 überhaupt, indem er sie LUDWIG II. abtrat, ebenso wie er dem anderen Bruder Karl von der Provene gegen die Einsetzung zum Erben territoriale Zugeständnisse im Süden machte; auch seine rege Vermittlungspolitik im Streit Ludwigs des Deutschen mit KARL DEM KAHLEN859/60 erscheint von dem Wunsch bestimmt, sich nach keiner Seite äußere Feinde zu schaffen. Innerhalb Lotharingens setzte er nämlich, nachdem ein von den Großen verlangtes Gottesurteil 858 zugunsten der angeschuldigten Königin ausgefallen war, Anfang 860 zu einem neuen Scheidungsverfahren auf zwei Aachener Synoden an, die er unter der Führung der Erzbischöfe Gunthar von Köln und Thietgaud von Trier dazu brachte, Theutberga auf Grund eines Geständnisses ins Kloster zu verweisen. Hauptsächlich gegen diese Verfahrensweise richtete sich bald das von zweifelnden Beobachtern erbetene ausführliche Rechtsgutachten Hinkmars von Reims, und als Theutberga  noch vor Jahresende nach Westfranken floh, um dort ihr Schuldbekenntnis zu widerrufen und an den energischen Papst Nikolaus I. (858-867) zu appellieren, war nicht mehr zu übersehen, dass Lothars Eheaffäre gesamtfränkische Dimensionen angenommen hatte. Kaum zufällig eben in diesen Monaten suchte Kaiser LUDWIG II. seine seit Jahren bestehende Ehe mit Angilberga durch eine urkundlich verbürgte Ausstattung der Gattin rechtlich unanfechtbar zu machen.
Lothar II. nahm den Bruch mitKARL DEM KAHLEN in Kauf, verbündete sich mit Ludwig dem Deutschen, dem er das Elsaß versprach, und war mit ihm stark genug, um den westfränkischen Oheim Ende 861 durch diplomatische Intervention vom beabsichtigten Griff nach dem Reich des provenzalischen Karl abzuhalten. Auf einer 3. Aachener Synode erreichte Lothar 862, dass seine Ehe mit Theutberga annulliert und ihm eine neue Heirat gestattet wurde. Auch die Aussicht auf eine vom Papst und KARL DEM KAHLEN verlangte Neuberatung in größerem synodalen Rahmen, die er bei einer Begegnung mit KARL und Ludwig dem Deutschen in Savonnieres akzeptieren mußte, konnte ihn nicht beirren, Ende 862 Waldrada in aller Form zur gekrönten Königin zu erheben. Um das Einvernehmen mit seinem kaiserlichen Bruder LUDWIG II. zu wahren, willigte er nach dem frühen Tode Karls von Provence (24.1.863) rasch in eine Teilung der Rhoneländer ein, die zwar nicht den gerade noch gegebenen Erbzusagen entsprach, ihm aber immerhin Lyon und Vienne einbrachte und KARL DEN KAHLEN ausschloß. Gelassen empfing Lothar mit seinen Bischöfen im Juni 863 die päpstlichen Abgesandten, die sich auf einer Synode in Metz, angeblich durch Bestechung, von der neuen Argumentation überzeugen ließen, Waldrada sei von Anfang an rechtgültig mit Lothar vermählt gewesen und Theutbergas Ehe daher nichtig. Gunthar und Thietgaud machten sich persönlich nach Rom auf und trauten sich zu, dort eine Bestätigung dieser Rechtsauffassung erlangen zu können.
Die schroffe Zurückweisung durch Nikolaus I., der im Oktober 863 nicht nur die Metzer Beschlüsse verwarf, sondern in bis dahin ungekannter Konkretisierung seines Jurisdiktiionsprimats auch die beiden Erzbischöfe exkommunizierte und absetzte, bezeichnet den  Wendepunkt des ganzen Dramas, denn sie machte erstmals - und je länger, desto stärker - die Erwartung realistisch, dass Lothar mit seinem Verlangen scheitern und angesichts von Theutbergas Kinderlosigkeit sein Reich ohne legitimen Erben lassen könnte. Der König wagte es im Unterschied zu den empörten Erzbischöfen nicht, sich dem römischen Spruch offen zu widersetzen, suchte aber die Angelegenheit möglichst weiter in der Schwebe zu halten. Er ließ die von Gunthar bekleidete Würde des Erzkapellans fortan unbesetzt, hintertrieb 864, noch gemeinsam mit den anderen Königen, die fränkische Beteiligung an einer von Nikolaus angekündigten großen Synode in Rom und intensivierte seine Beziehungen zu LUDWIG II.jenseits der Alpen, der gleich Anfang 864 von Benevent aus einen drohenden Zug vor die Ewige Stadt unternommen hatte. Anfang 865 mußte es Lothar erleben, dass sich seine bislang verfeindeten Oheime Ludwig und KARL in Tusey bei Toul über ein Bündnis  verständigten und ihn von seinem eigenen lotharingischen Boden aus aufforderten, sich dem kirchlichen Eherecht zu beugen. Nikolaus I. jedenfalls sah alsbald Anlaß, die beiden brieflich zu mahnen, sie möchten "mit ihren von Gott verliehenen Erbteilen zufrieden sein und fremde Rechte nicht beeinträchtigen". Der päpstliche Legat, der dies überbrachte, konnte durchsetzen, dass Lothar im Sommer 865 Theutberga wieder aufnahm und sich von Waldrada trennte, - freilich nicht für lange, denn bereits 866 gewährte er der ungeliebten Gattin eine ansehnliche Abfindung und brachte sie dazu, ihrerseits den Papst um Auflösung der Ehe zu ersuchen, was bei diesem jedoch nicht verfing. Während Walderadas Sohn Hugo 867 ganz wie ein legitimer Thronerbe mit einer Unterherrschaft über das Elsaß ausgestattet wurde, besprachen sich Ludwig und KARL in Metz offen über eine Aufteilung der Reiche ihrer Neffen, außer dem lotharingischen also auch dem des söhnelosen LUDWIG II. Noch einmal schien sich eine Wende abzuzeichnen, als auf Papst Nikolaus der versöhnlichere Hadrian II.(867-872) folgte, der zwar weiterhin Theutbergas Scheidungswunsch zurückwies, aber doch Waldrada vom Bann löste und sich bereit fand, Lothar persönlich zu empfangen. Die Begegnung kam im Juli 869 in Montecassino und Rom zustande, führte aber zu nicht mehr als der Zusage einer neuen Untersuchung und einer neuen Synode. Da Lothar auf der Rückreise am 8.8.869 in Piacenza starb, ist es bei dieser ungewissen Lage geblieben, die Hugo und seinen Schwestern das Stigma der Illegitimität beließ und den Weg zu anerkannter Herrschaft verlegte.
Ohne einen unanfechtbaren Leibeserben Lothars II. konnte im Rahmen der karolingischen Samtherrschaft nach seinem Tode nur das "Anwachsungsrecht" anderwärts regierender Mitglieder des Hauses Platz greifen. Erster Anwärter wäre, wie auch der Papst betonte, LUDWIG II. gewesen, der damit das Mittelreich seines Vaters LOTHAR I. wiedervereint hätte, doch der "Kaiser Italiens", wie ihn Hinkmar gern einschränkend nannte, war in langwierige, erst 871 siegreich beendete Kämpfe mit den Sarzenen vor Bari verstrickt und machte keine Anstalten, des toten Bruders wegen über die Alpen zu kommen.

Hlawitschka Eduard: Seite14-19
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"Lotharingien und das Reich an der Schwelle der deutschen Geschichte"

Lothar II. hingegen wurde von seinem Vater mit dem übrigen auch die Residenzstadt Aachen einschließenden Land - von den Alpen und Burgund bis zur Nordsee - bedacht. Dieser hatte sich in seinem Teilreich überraschend schnell Anerkennung verschafften können und seine Herrschaft durch geschicktes Paktiieren - einmal mt Ludwig dem Deutschen im O, dann wieder mit KARL DEM KAHLEN im W - zu sichern gewußt. Das Entstehen eines festen und dauerhaften Teilreiches war gar nicht so unmöglich und ausgeschlossen, wie es oftmals dargestelt zu werden pflegt. Gerade dieser Bereich war ja der historische Kernraum des Frankenreiches gewesen. In ihm konzentrierte sich die Masse des karolingischen Krongutes, hier lagen so manche wichtige Klöster des einstigen Reiches wie Prüm, Echternach, Malmedy-Stablo, Nivelles und Lobbes, Gorze, Senones, Moyenmoutier und Remiremont und ebenso die für die damaligen Zeitzen angesehenen Städte Köln, Trier, Metz, Toul, Verdun und Straßburg, Utrecht, Lüttich und Cambrai, die zugleich Bischöfe, Domkirchen und bedeutende Klöster beherbergten usw.
Durch die langjährige Herrschaft LOTHARS I. schon vorbereitet, begann sich nun die Bezeichnung Lotharii regnum im Lande zu vertiefen, um nach Lothars II. Tode sogar noch bewußter daran haftenzubleiben. Das persönliche Schicksal eines Mannes verquickte sich hier wie kaum an einer anderen Stelle mit der allgemeinen Geschichte; unvorhersehbare Dinge ließen Lothar II. als Menschen und als Regenten scheitern.
Lothar II. hatte noch zu Lebzeiten seines Vaters mit einer virgo nobilis namens Waldrada eine Friedelehe geschlossen; das heißt Waldrada hatte sich ihm freiwillig verbunden und war nicht in seine Munt übergeben worden. Im Zuge der stärkeren Verchristlichung des fränkischen Reiches hatte die Kirche auch allen solchen Ehen, die nach germanischer Auffassung durchaus neben einer echten Muntehe bestehen konnten, den Kampf angesagt und sie in das abwertende Licht des Konkubinats zu rücken sich bemüht. Kinder einer solchen Friedelehe wurden dabei mehr und mehr den außerehelichen Nachkommen gleichgestellt, und ihr Erbrecht wurde - was im Jahrhundert davor noch undenkbar war - bestritten. Lothar II. sollte das selbst feststellen müssen. - Bald nach seines Vaters Tode war nämlich Lothar II. noch eine Muntehe mit einer edlen Dame aus dem Geschlecht der BOSONIDEN, Theutberga, eingegangen; diese blieb aber, wie er wohl schon 857 erkennen mußte, kinderlos [Die Frage der Unfruchtbarkeit Theutbargas muß - trotz oftmals geäußerter gegenteiliger Ansicht - gleich 857 eine Rolle gespielt haben. Inzest mit ihrem Bruder und Abtreibung (mit Folge der dauernden Unfruhtbarkeit) war doch damals schon der Anklagepunkt; vgl. E. Dümmler, Gesch. d. ostfränk. Reiches II² Seite 6f, besonders Seite 7 mit Anmerkung 1.] . Politische Spannungen mit Theutbergas Bruder Hucbert kamen hinzu. Sein Bemühen war fortan, die Scheidung von Theutberga und die Erhebung der Friedelehe mit Waldrada zur rechtsgültigen Muntehe zu erwirken - samt aller kirchlichen und weltlichen Folgen für seinen und Walderadas Sohn Hugo. Die Frage der Vollbürtigkeit und Erbberechtigung Hugos - auch hinsichtlich der väterlichen Herrschaft - war nunmehr das Kardinalproblem, an dessen Lösung die Weiterexistenz des regnum Lotharii sich entschied.
Diesem Bemühen Lothars II. war kein Erfolg beschieden, obgleich er hierfür sogar eine Verkleinerung seines Herrschafstbereiches im S, in Burgund, hinzunehmen bereit war, indem er seinem Bruder Karl von der Provence die Bistümer Belley und Tarantaise abtrat (858) und seinem Bruder LUDWIG II. (von Italien) die Grafschaften und Bistümer Genf, Lausanne und Sitten überließ (859), nur um sie für diese Sache zu gewinnen [Auch war Lothar II. bereit, das Elsaß Ludwig dem Deutschen für entsprechende Hilfe zuzusichern (Vergabung auf den Todesfall); BM² nr. 1293a.]. Die Einzelheiten dieses wahrhaft dramatischen Ringens brauchen nicht genannt zu werden. Das kirchliche Rechtsdenken, die Autorität des Papstes Nikolaus I.und der Wille des Metropoliten Hinkmar von Reims im Kampf um die grundsätzliche Unauflösbarkeit einer rechten Ehe erwiesen sich - begünstigt auch durch die in der Hoffnung auf einen vorteilhaften Erbfall gewährte politische Unterstützung seitens KARLS DES KAHLEN für Theutberga und ihren Bruder Hucbert - als stärker denn alle Willfährigkeit der Erzbischöfe von Köln und Trier sowie ihrer Anhänger, die Lothars Trachten zu decken und zu rechtfertigen suchten. Dabei stand nicht allein das Schicksal des Teilreiches Lothars II. in dem sich seit 860 mehr und mehr versteifenden Konflikt auf dem Spiel. Da Karl von der Provence kränklich war und 863 unverehelicht verschied, wonach sein Reich zwischen seinen Brüdern Lothar II. und LUDWIG II. geteilt wurde - was eine erneute Erweiterung des Reiches Lothars II. nach S herbeiführte - und da auch LUDWIG II. ohne männliche Nachkommen blieb, sein Reich also einmal Lothar II. anfallen mußte, war ja die Aussicht auf das gesamte 843 geschaffene Teilreich LOTHARS I. offen.
Es gelang aber nicht, Waldrada und Hugo zu legitimieren und damit die Voraussetzung für das Entstehen einer lotharingischen Dynastie zu schaffen. Lothar II. muß sich wenigstens 867 über die schlechten Aussichten, die Anerkennung Walderadas und die Nachfolge Hugos doch noch zu erreichen, selbst im klaren gewesen sein [Damals verlieh er nämlich das Elsaß als Herzogtum seinem Sohne Hugo, das er für den Todesfall an Ludwig den Deutschen vergabt hatte und empfahl diesen dem Schutz Ludwigs; Ann. Bertin. ad 867, MG SS rer. Germ., ed. G. Waitz (1883) Seite 87.] .

Mühlbacher Engelbert: Band II Seite 302
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"Deutsche Geschichte unter den Karolingern"

Lothars Tod

"Freudig" jedoch, kaum in Kennnis dieser Maßnahmen und im Bewußtsein, seine Ehesache in günstiges Fahrwasser gebracht zu haben, ging Lothar von Rom fort, um wieder heimwärts zu kehren. In Lucca - es war die heißeste Jahreszeit - packte ihn das Fieber. Die Seuche begann unter seinem Gefolge zu wüten; "haufenweise" sanken seine Begleiter vor seinen Augen hin. In angstbeflügelter Hast eilte er vorwärts. Er gelangte bis Piacanza. Er konnte nicht mehr weiter, die tückische Krankheit warf den Erschöpften nieder. Bewußtlosigkeit umfing seinen Geist. Am 8. August 869 verschied er. Seine Leiche wurde in dem Klösterlein St. Antonin außerhalb der Stadt beigesetzt. Die Leichen der dahingerafften lothringischen Großen wurden größtenteils nach Köln gebracht.
 
 
 
 

 855
  oo Teutberga, Tochter des Grafen Boso
  x          -25.11.875
 
 
 
 

Kinder:     von der Walderada
illegitim

  Hugo Herzog im Elsaß
  855/60- nach 900

  Gisela Äbtissin von Nivelles und Fosses
  860/65-26.10./12.5.907

 882
  oo Gottfried Herzog von Friesland
              - Mai 885 ermordet

  Berta
  863-8.3.925

  1. oo Theotbald Graf von Arles
                  -   887/895

  2. oo Adalbert Markgraf von Tuszien
                  -17.8.915

  Ermengard Nonne
         -
 
 
 
 

Literatur:
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Bauer Dieter R./Histand Rudolf/Kasten Brigitte/Lorenz Sönke: Mönchtum - Kirche - Herrschaft 750-1000 Jan Thorbecke Verlag Sigmaringen 1998, Seite 120,124,130,132,252 - Beumann, Helmut: Die Ottonen. Verlag W. Kohlhammer Stuttgart Berlin Köln, Seite 11,20 - Borgolte Michael: Die Grafen Alemanniens in merowingischer und karolingischer Zeit. Eine Prosopographie. Jan Thorbecke Verlag Sigmaringen 1986, Seite 25,98,100,107,163,167,244 - Borgolte Michael: Geschichte der Grafschaften Alemanniens in fränkischer Zeit. Vorträge und Forschungen Sonderband 31 Jan Thorbecke Verlag Sigmaringen 1984, Seite 124,214,215,216,255 - Deutsche Geschichte Band 1 Von den Anfängen bis zur Ausbildung des Feudalismus Mitte des 11. Jahrhunderts. VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften Berlin 1982, Seite 349,355 - Diwald Helmut: Heinrich der Erste. Die Gründung des Deutschen Reiches. Gustav Lübbe Verlag GmbH, Bergisch Gladbach 1987, Seite 97,223,397 - Dümmler Ernst: Die Chronik des Abtes Regino von Prüm. Verlag der Dykschen Buchhandlung Leipzig Seite 10,12,13,16-22,24-26,28-31,33, 36-38,41-43,75,76 - Dümmler Ernst: Geschichte des Ostfränkischen Reiches. Verlag von Duncker und Humblot Berlin 1865Band I; Band II Seite 33,61,69,71,95,119,135,387,407,464-471,498,537,568,576, 584 - Ennen, Edith: Frauen im Mittelalter. Verlag C.H. Beck München 1994, Seite 59,62 - Erbe Michael: Belgien, Niederlande, Luxemburg. Geschichte des niederländischen Raumes. W. Kohlhammer GmbH Stuttgart Berlin Köln 1993, Seite 43 - Hlawitschka, Eduard: Die Anfänge des Hauses Habsburg-Lothringen. Genealogische Studien zur Geschichte Lothringens und des Reiches im 9.,10. und 11. Jahrhundert, Saarbrücken 1969, Seite 23,34,74,134,158,162-165,171 - Hlawitschka, Eduard: Die Widonen im Dukat von Spoleto. in Stirps Regia von Eduard Hlawitschka Verlag Peter Lang Frankfurt am Main - Bern - New York - Paris, Seite 155-227 - Hlawitschka Eduard: Lotharingien und das Reich an der Schwelle der deutschen Geschichte. Anton Hiersemann Stuttgart 1968, Seite 14,17-19,22,27,29,48,68,89, 92,95,166, 200,207, 226,231,237,240 - Hlawitschka Eduard: Studien zur Äbtissinnenreihe von Remiremont. Buchdruckerei und Verlag Karl Funk, Saarbrücken 1963, Seite 37 - Hlawitschka, Eduard: Waren die Kaiser Wido und Lambert Nachkommen Karls des Großen?, in Stirps Regia von Eduard Hlawitschka, Verlag Peter Lang Frankfurt am Main - Bern - New York - Paris, Seite 227-247 - Hlawitschka, Eduard: Vom Frankenreich zur Formierung der europäischen Staaten- und Völkergemeinschaft 840-1046, Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt 1986 - Holtzmann Robert: Geschichte der sächsischen Kaiserzeit. Deutscher Taschenbuch Verlag München 1971, Seite 15,42,48,74, 98 - Illig Heribert: Das erfundene Mittelalter. Die größte Zeitfälschung der Geschichte. ECON Verlag GmbH, Düsseldorf und München 1996, Seite 190,292 - Konecny Silvia: Die Frauen des karolingischen Königshauses. Die politische Bedeutung der Ehe und die Stellung der Frau in der fränkischen Herrscherfamilie vom 7. bis zum 10. Jahrhundert. Dissertation der Universität Wien 1976, Seite 103-111 - Lebe Reinhard: Ein Königreich als Mitgift. Heiratspolitik in der Geschichte. Deutsche Verlagsanstalt Stuttgart 1998, Seite 37 - Mühlbacher Engelbert: Deutsche Geschichte unter den Karolingern. Phaidon Akademische Verlagsgesellschaft Athenaion - Norwich John Julius: Byzanz. Der Aufstieg des oströmischen Reiches. Econ Verlag GmbH, Düsseldorf und München 1993 Band II Seite 113 - Riche Pierre: Die Karolinger. Eine Familie formt Europa. Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG, München 1991, Seite 208-210, 213,218,222,235,237,251,364,383,388, 399 - Schieffer Rudolf: Die Karolinger. W. Kohlhammer GmbH Stuttgart Berlin Köln 1992, Seite 139,147,152-155,159-164,172,175, 180,183,195 - Schneidmüller Bernd: Die Welfen. Herrschaft und Erinnerung. W. Kohlhammer GmbH Stuttgart Berlin Köln 2000, Seite 65,66 - Schnith Karl Rudolf: Mittelalterliche Herrscher in Lebensbildern. Von den Karolingern zu den Staufern. Verlag Styria Graz Wien Köln 1990, Seite 57,63,66,78,105 - Werner Karl Ferdinand: Die Ursprünge Frankreichs bis zum Jahr 1000. Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG, München 1995, Seite 442,476 - Wies Ernst W. Kaiser Heinrich IV. Canossa und der Kampf um die Weltherrschaft. Bechtle Verlag Esslingen 1996, Seite 30,70,194 - Wies Ernst W.: Otto der Große. Kämpfer und Beter. Bechtle Verlag Esslingen 1989, Seite 27,233 -