KARL II. DER KAHLE                           Westfränkischer König (843-877)
------------------------------                          König von Italien (875-877)
13.6.823-6.10.877                                   römischer Kaiser seit 25.12.875
Frankfurt Dorf Avrieux

Begraben: Nantua, dann St-Denis
 

Einziger Sohn des Kaisers LUDWIG I. DER FROMME aus seiner 3. Ehe mit der WELFIN Judith, Tochter von Graf Welf
 

Lexikon des Mittelalters: Band V Spalte 967
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KARL II. DER KAHLE, Kaiser, westfränkischer König
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* 13. Juni 823, + 6. Oktober 877
Frankfurt/Main   Avrieux/Savoyen

Begraben: Nantua, dann St-Denis

Nach der Ordinatio Imperii (817) aus der 2. Ehe LUDWIGS DES FROMMEN mit der WELFIN Judith geboren, stürzte der aus fränkischem Erbfolgerecht resultierende Wille zu angemessener Ausstattung KARLS das Reich seit 829 in schwere Krisen. In wechselnden Koalitionen rangen LUDWIG DER FROMME und seine Söhen um die Reichsteilung. Nach dem Tod des Bruders Pippin I. (838) und des Vaters (840) besiegten KARL DER KAHLE und Ludwig der Deutsche den ältesten Bruder, Kaiser LOTHAR, 841  in der Schlacht bei Fontenoy; 843 kam es im Vertrag von Verdun zur Reichsteilung. Den westlichen Teil, begrenzt durch Schelde, Maas, Saone und Loire, erlangte KARL, der seinem regnum im Vertrag von Coulaines (November 843) mit dem Adel eine innere, bis 859 freilich bedrohte Grundlage schuf. Prekär waren die Ausgestaltung der karolingischen Brüdergemeinde und KARLS Durchsetzung im eigenen Reich, vor allem gegen die Bretonen und gegen die Ansprüche des NeffenPippin II. auf Aquitanien. Erst der Akzeptanz des aquitanischen Adels verdankte KARL DER KAHLE seine Herrschaft dort seit 848, während Pippin852 und endgültig 864 in Kirchenhaft kam. Mehrfache Angebote des westfränkischen Adels an Ludwig den Deutschen zur Übernahme der Herrschaft im W erwiesen dei labilen Machtgrundlagen KARLS, die durch Angriffe der ostfränkischen KAROLINGER (854, 858/59) ernsthaft bedroht waren. Bereits vor dem in W-Franken als König amtierenden Bruder nach Burgund geflohen, vermochte sich KARL DER KAHLE nur dank der entschlossenen Haltung des westfränkischen Episkopats unter Führung Hinkmars von Reims 859 zu behaupten. Der Juni 860 in Koblenz geschlossene Friede bescherte dem westfränkischen Reich nach dem Abklingen ständiger Invasionen der Normannen eine Phase der Konsolidierung, in der KARL seine Herrschaft konsequent sicherte. Im Bund mit geistlichen Beratern betrieb er insbesondere die Fortentwicklung eines sakralisierten Königtums, deutlich schon 848 in seiner krönung und Salbung zum aquitanischen König durch Erzbischof Wenilo von Sens, fortgeführt in Weiheakten am ältesten Sohn, Karl dem Kind, zum aquitanischen Unterkönig. 855, an der Tochter Judith zur englischen Königin anläßlich ihrer Vermählung 856 wie an der Gattin Irmintrud 866. Anknüpfend an politische Traditionen, gepflegt in kirchlichen Zentren der Francia und weitergeführt in der spät-karolingischen Hofkultur, suchte KARL DER KAHLE mit den Mitteln seiner Vorfahren zu regieren (Kapitularien, Entsendung von Missi) und baute die theoretischen Grundlagen der königlichen Amtsgewalt in der Idee des rex christianus weiter aus (besonders auf Hoftagen in Pitres 862-869. Freilich konnte damit der Wandel der Reichsverfassung, die Verringerung königlichen Fiskalgutes, der Aufbau adliger Herrschaftskomplexe und die beginnende Feudalisierung der Ämter kaum wirksam aufgehalten werden. Seit 869 wurde KARL DER KAHLE zum Nutznießer der Auflösung des lotharischenMittelreichs. Nachdem König Lothar II. vor allem wegen scharfer Opposition im westfränkischen Episkopat die Annullierung seiner Ehe und die Legitimierung des Sohnes Hugo nicht hatte durchsetzen können, nuzte KARL II. DER KAHLE die Situation bei dessen Tod 869 zum Erwerb Lothringens und zu seiner von Hinkmar von Reims geleiteten Königskrönung in Metz. Damit wurde Ludwig der Deutsche provoziert, mit dem es 870 im Vertrag von Meerssen zu einer Teilung Lothringens kam; den Verlust der Aachener Pfalz suchte KARL DER KAHLE in der Gründung eines Marienstiftes in Compiegne und der Errichtung eines Zentralbaus in der Nachfolge Aachens zu kompensieren.
875 konnte KARL DER KAHLE, der sich gegen die Designation des ostfränkischen Königs-Sohnes Karlmann durch Kaiser LUDWIG II. die Anwartschaft auf das Kaisertum von den Päpsten Hadrian II. und Johannes VIII. gesichert hatte, durch einen raschen Zug nach Rom die Kaiserkrone erlangen (25. Dezember 875); Johannes VIII., dem päpstlichen Coronator, bestätigte und erweiterte er die Pacta zwischen römischer Kirche und Frankenherrschern. KARLS Bulleninschrift "Renovatio imperii Romani et Francorum" täuscht nicht darüber hinweg, daß er sein Kaisertum dem Papst und den Römern verdankte, seine italienische Herrschaft schließlich einer Reichsversammlung vom Februar 876. Der westfränkische Adel trat im Sommer 876 in Ponthion den italienischen Entscheidungen bei. Die Grenzen karolingischer Kaiserpolitik traten bald zutage: KARLS Expansionsversuch nach O-Franken beim Tod Ludwigs des Deutschen scheiterten (militärische Niederlage gegen Ludwig den Jüngeren im Oktober 876 bei Andernach), und auch ein erneuter Italienzug, gegen die Opposition im westfränkischen Adel auf einem Hoftag zu Quierzy (Juni 877) vorbereitet, offenbarte trotz der Bestätigung des Kaisertums die Fragilität westfränkischer Politik. Angesichts der Bedrohung durch einen Angriff Karlmanns aus Bayern und der Verweigerung weiterer Hilfeleistung durch den eigenen Adel mußte KARL DER KAHLE aus Italien fliehen und starb in einem savoyischen Dorf, im westfränkischen Königtum von seinem Sohn Ludwig II. dem Stammler gefolgt.
KARLS Herrschaft im Spannungsfeld von Tradition und politischem Wandel, basierend auf einer späten Blüte karolingischer Kultur im alten fränkischen Kernraum, schuf aus heterogenen geographischen, ethnischen, kulturellen, sprachlichen und historischen Wurzeln die Grundlage des westfränkisch-französischen regnum und seiner Monarchie, die seit dem 10., besonders seit dem 12. Jh. ihren Anfang in KARLS Königtum sah.

Literatur:
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HEG I, 590ff. - NDB XI, 175-181 - J. Calmette, La diplomatiae carol. du traite de Verdun a la mort de Charles le Chauve 1901 - F. Lot-L. Halphen, Le regne de Ch. le Ch. I, 1909 - Receuil des actes de Ch. II. le Ch. roi de France, I-III, ed. G. Tessier, 1943-1955 - J. Fleckenstein, Die Hofkapelle der dt. Kg.e, I, 1959, 142-151 - P. E. Schramm, Der Kg. v. Frankreich I, 1960², 9ff. - P. Classen, Die Verträge v. Verdun und Coulaines 843 als polit. Grundlage des westfrk. Reiches, HZ 196, 1963, 1-35 - K.-U. Jäschke, Die Karolingergenealogien aus Metz und Paulus Diaconus. Mit einem Exkurs über K. 'd. K.', RhVjbll 34, 1970, 190-218 - W. Schlesinger, Zur Erhebung K.s zum Kg. v. Lothringen 869 in Metz (Landschaft und Gesch. [Fschr. F. Petri, 1970]), 454-475 - J. M. Wallch-Hadrill, A Carol. Renaissance Prince: the Emperor Ch. the Bald, PBA 64, 1978, 155-184 - P. Zumthor, Ch. le Ch., 1981² - J. L. Nelson, Politics and ritual in early medieval Europe, 1986 - P. Godman, Poets and Emperors, 1987 - W. Kienast, Die frk. Vasallität, 1990, 319ff. - Ch. the Bald. Court and Kingdom, ed. M. T. Gibson-J. L. Nelson, 1990² - N. Staubach, Rex christianus. Hofkultur und Herrschaftspropaganda im Reich K.s [im Dr.] -
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Werner Karl Ferdinand: Seite 447
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"Die Nachkommen Karls des Großen bis um das Jahr 1000 (1.-8. Generation)"

III. Generation
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Zum Lebensgang KARLS II. Dümmler 1,51,127;2,388,397; Eiten 133-139; Lot-Halphen 11-67; BM² 1473f, 1479h.
Das Tagesdatum der Ehe mit Ermentrud, das bei Brandenburg fehlt: Lot-Halphen 60, Anm. 3 (Die Angabe zweier Diplome, Tessier nr. 246 und 247, ist Nithard IV,6, der  vom 14. Dezember spricht, vorzuziehen).
Geburtstag Ermentruds: Tessier nr. 246.
Zur Familie der Ermentrud und ihrer politischen Rolle Werner, Unters. 154ff. Zur Vorgeschichte von KARLS zweiter Ehe mit Richildis (Brandenburg druckt auf der Tafel versehentlich "Richardis", was Isenburg, Stammtafeln, getreulich abschreibt; in der Anmerkung hat Brandenburg den richtigen Namen) Annales Bertiniani 869 und dazu die Anmerkung von L. Levillain in der Ausgabe von Grat, Paris 1964. Am 6. Oktober starb Ermentrud in S.-Denis, am 9. Oktober erhielt KARL die Nachricht in der Pfalz Douzy in den Ardennen und befahl seinem Günstling Boso, dessen offenbar für diesen Fall schon bereitgehaltene Schwester Richildis herbeizubringen, und diese traf am 12. Oktober bei KARL ein.- Der coniunctio der Liebesleute gedenkt, das Datum nennend, das Diplom Tessier nr. 355. Das Datum der später folgenden Eheschließung gibt Brandenburg irrig mit 870 XI 22, statt I 22 (Ann. Bertiniani 870: in die festivitatis septuagesimae = I 22). Das Todesdatum Richildis (Brandenburg "nach 877") läßt sich präzisieren. Wir besitzen zwei Urkunden, die Richildis zwischen 910 II 4 und 911 II 3 ausgestellt hat, ed. D'Herbomez, Cartulaire de l'abbaye de Gorze (Mettensia II), nr. 87 und 88. Auf diese letzte Erwähnung Richildis hat übrigens schon Dümmler 3,673, Anm. 3 hingewiesen. Im gleichen Chartular ist aber eine Urkunde des Neffen der Richildis, des Grafen Boso, von 913 X 10/914 XII 20 abgedruckt (nr. 19), die den Terminus ante quem für Richildes Tod ergibt. Zur Familie der Richildis und ihres Bruders Boso Poupardin, Provence 41-55.
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829 erhielt KARL DER KAHLE Schwaben, Raetien und Teile Burgunds zugesprochen, wogegen sich seine drei älteren Brüder empörten. Obwohl er 839 bei der Reichsteilung gut bedacht worden war, empörte er sich 840 mit Ludwig dem Deutschen gegen LOTHAR I., der entsprechend der Ordinatio imperii von 817 die volle Kaisergewalt forderte, und schlugen sein Heer am 25.6.841 bei Fontenay (südwestlich von Auxerre) entscheidend. Im Vertrag von Verdun (10.8.843) erhielt KARL die westlichen Reichsgebiete, westlich von der Schelde, Maas, Saone und Rhone. Ihm blieb es überlassen, seinen im Vertrag nicht berücksichtigten Neffen Pippin II. aus Aquitanien zu verdrängen. Auf dem Hoftag zu Coulaines bei Le Mans (November 843) versprach KARL den Großen seines Reiches die Wahrung ihrer Rechte und der Kirche den Schutz ihrer Rechte und die Garantie ihres Besitzes. Die politische Gewalt ging nach den hier getroffenen Vereinbarungen nicht mehr vom König allein aus, sondern zugleich auch von der Gemeinschaft der Großen, die dem König als Partner gegenübertraten. 856 und 858 riefen die mit KARL unzufriedenen Großen Ludwig II. den Deutschen ins Land. Bei der Bekämpfung der Normannen blieb KARL erfolglos. Diese gelangten 844 bis Toulouse, 845 bis Paris, verwüsteten 856 Orleans, 857 Paris und Tours und erschienen 859/60 sogar im Rhonegebiet. Nach langen Kämpfen gelang es KARL 864, Pippin II. in Aquitanien auszuschalten und dieses große Gebiet fester ins westfränkische Reich einzugliedern. Nach dem Tode Lothars II. (+ 8.8.869) besetzte KARL dessen Reich und wurde ohne nennenswerte Kämpfe von den Großen Lothringens anerkannt. Bereits am 9.9.869 wurde er in Metz von Erzbischof Hinkmar von Reims gesalbt und gekrönt. Als Ludwig der Deutsche mit militärischen Mitteln Anspruch auf Lothringen geltend machte, mußte KARL im Vertrag von Meersen (8./9.8.870) einer Teilung Lothringens zustimmen. Ähnlich schnell reagierte KARL, als Kaiser LUDWIG II. am 12.8.875 starb. Bereits Ende September erschien er mit einem kleinen Heeresaufgebot in Oberitalien. Am Weihnachtstage des Jahres 875 wurde KARL - genau 75 Jahre nach KARL DEM GROSSEN - in Rom zum Kaiser gekrönt und bald darauf, im Februar 876, in Pavia auch von den lombardischen Großen anerkannt. KARL vermochte diesen Erfolg trotz der Proteste von ostfränkischer Seite zunächst zu behaupten, und als im August 876 Ludwig der Deutsche starb, unternahm er sogar den vergeblichen Versuch, den 870 abgetretenen Teil Lothringens zurückzugewinnen. In den Kapitularien von Quierzy (Juni 876) mußte der König vor einem geplanten Italienzug den Großen beträchtliche Zusagen machen, um sie zur Teilnahme zu bewegen. KARL II. wünschte auf diesem Hoftag sicherzustellen, dass im Falle seines Todes auf dem Italienzug  sein Sohn Ludwig der Stammler als Nachfolger anerkannt wurde. Dafür versprach er, dass den Söhnen der Großen die väterlichen Lehen, auch Grafschaften überlassen werden sollten, falls der Vater während des Italienzuges sterben sollte. Diese Verfügung trug allgemein zur Festigung des Prinzips der Erblichkeit der Lehen bei und stärkte die Unabhängigkeit der Kronvasallen gegenüber dem Königtum. Im August 877 brach KARL, vom Papst dringend gegen die Plünderungszüge der nordafrikanischen Sarazenen zu Hilfe gerufen, abermals mit nur wenigen Kriegern nach Italien auf. Diesmal mußte er jedoch vor einem starken ostfränkischen Heer nach kurzer Zeit die Flucht ergreifen. Bei der Überquerung der Alpen starb er unweit des Mont Cenis.
Sein ehrgeiziger Versuch, auf den Spuren KARLS DES GROSSEN das fränkische Großreich zu erneuern, war infolge der unzureichenden militärischen Mittel gescheitert. Das westfränkische Reich, in dem sich der erstarkende Adel immer unabhängiger gebärdete, war keine geeignete Basis für eine so weit ausgreifende Politik. Dennoch ist es unbestreitbar, dass die Regierungszeit KARLS DES KAHLEN den Grundstein für den Zusammenhalt des westfränkischen Reiches gelegt hat.

Schieffer Rudolf:
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"Die Karolinger"

Nach dem Verzicht seines Vaters LUDWIG auf dem "Lügenfeld" zu Colmar wurde der 10-jährige KARL unter LOTHARS   Verantwortung ins Eifelkloster Prüm gesperrt, aus dem ihn der Sturz LOTHARS befreite. Ende des Jahres 838 verfügte der Kaiser von sich aus eine neue Ausstattung KARLS, die die zentralen Bereiche der Francia von Friesland über die Gaue zwischen Maas und Seine bis weit nach Burgund umfaßte, wogegen Ludwig und LOTHAR protestierten. Während im Sommer 838 Ludwig dem Deutschen alle rechtsrheinischen Gebiete bis auf Bayern wieder entzogen wurden, stieg der Stern KARLS immer höher. Im September wurde er in Quierzy nach Vollendung des 15. Lebensjahres mit dem Schwert umgürtet und von seinem Vater zum König gekrönt, wobei er Neustrien als Unterherrschaft erhielt, anscheinend neben dem im Vorjahr verfügten Erbteil. Ende Mai 839 auf der Reichsversammlung in Worms teilte Kaiser LUDWIG I., nachdem er sich mit seinem ältesten Sohn ausgesöhnt hatte, das Erbe erneut, abzüglich des für Ludwig den Deutschen vorbehaltenen bayerischen "Pflichtteils", entlang von Maas, Saone, Rhone und W-Alpen. LOTHAR wählte die östliche, Italien einschließende Hälfte, KARL die westliche und damit auch den Konflikt mit den Söhnen des eben verstorbenen Bruders Pippin.
KARL DER KAHLE hatte überhaupt die schwierigste Ausgangslage unter den 3 Brüdern zu meistern. Nach dem Wegfall der väterlichen Protektion erwies sich seine Herrschaft in Aquitanien als kaum durchsetzbar, aber auch in der westlichen und südlichen Francia hatten sich 840/41 zunächst viele Magnaten ihm verweigert und LOTHAR zugewandt. Erst nach dem Sieg von Fontenoy (25.6.841) konnte KARL daran gehen, sich bestimmenden Einfluß auf die Kirchen und ihren Besitz zu sichern, indem er Ebo, den im Vorjahr wiedereingesetzten Erzbischof von Reims, endgültig verdrängte und immerhin Drogos Bruder, den Abt von Saint-Quentin und letzten Kanzler LUDWIGS DES FROMMEN, auf seine Seite zog. An der Spitze des Hofklerus erscheint jedoch als Erzkapellan Bischof Ebroin von Poitiers, zugleich Abt von Saint-Germain-des-Pres in Paris, der früher bei Pippin I. von Aquitanien Kanzler gewesen war und sich durch Herkunft aus der im ganzen fränkischen Westen mächtigen Sippe der RORGONIDEN empfahl, während KARL für das Amt des Erzkanzlers einen mit diesem gemeinsamen Verwandten gewann: Ludwig, der einer Verbindung von KARLS DES GROSSEN Tochter Rortrud mit eben dem Grafen Rorico/Rorgo entstammte und nun zum Abt von Saint-Denis gemacht wurde. Aus diesem Kloster wiederum ging 845 der Mönch Hinkmar hervor, mit dessen Erhebung zum Erzbischof KARL die lange Vakanz in Reims beendete. Bedachtsam war auch die Wahl des Gattin, die der 19-jährige König Ende 842 ehelichte, denn sie fiel auf Irmintrud, die Tochter des 834 gegen LOTHAR gefallenen Grafen Odo von Orleans und Nichte des einflußreichen Seneschalk Adalhard, "weil er (durch diese Heirat) den größten Teil des Volkes für sich zu gewinnen glaubte" (wie Nithard durchaus kritisch anmerkte).
Jedenfalls gebar Irmintrud nach einer Tochter Judith 846 den Stammhalter Ludwig, dem im kurzem Abstand noch drei weitere Söhne, Karl, Karlmann und Lothar, folgten. Neben der dynastischen Sicherung seiner Herrschaft besorgte KARL auch eine gleichsam konstitutionelle, indem er im November 843 bald nach dem Vertragsabschluß von Verdun, auf einer Reichsversammlung in Coulaines bei Le Mans schriftlich eine Vereinbarung seiner weltlichen und geistlichen Großen billigte, die auf eine Garantie der honores von Kirche, König und Getreuen abzielte und jeden Mißbrauch von "Verwandtschaft, Hausgenossenschaft oder Freundschaft" mit dem König zum persönlichen Vorteil ausschließen sollte: "Es ist der Gedanke des gleichen und gemeinsamen Rechtes, der die im gleichen Teilreich zusammengeführten Herren eine Genossenschaft bilden läßt, die dem König gegenübertritt" (P.Classen).
Vom halbwegs gefestigten Terrain der westlichen Francia aus suchte sich KARL DER KAHLE, ungeachtet der ständig zunehmenden Herausforderung durch die Normannen, auch weiter südlich Geltung zu verschaffen. Beim Vorstoß nach Aquitanien konnte er 844 zwar den Grafen Bernhard von Septimanien, einst Favorit seiner Mutter Judith, mit List in seine Gewalt bringen und als Hochverräter hinrichten lassen, doch wußte sich Pippin II. weiter im Lande zu behaupten und fügte KARLS Aufgebot bei Angouleme eine empfindliche Niederlage zu, die Hugo von Saint-Quentin das Leben kostete und den Erzkapellan Ebroin von Poitiers zum Gefangenen machte. KARL blieb nichts anderes übrig, als im Frühjahr 845 (während gerade die Wikinger in Paris wüteten) mit dem Neffen einen Friedensvertrag in Fleury abzuschließen, worin Pippingegen ein allgemeines Ergebenheitsversprechen die Hoheit über fast ganz Aquitanien zugestanden wurde. Nicht minder zu einem Debakel geriet der anschließende Versuch, die Bretonen wieder botmäßig zu machen, die unter ihrem Anführer (dux) Nominoe während der fränkischen Reichskrise kräftig an Boden gewonnen und zudem in den Söhnen von LOTHARS Parteigänger Lambert von Nantes (+ 837) Verbündete gefunden hatten. KARLS Aufmarsch gegen sie endete am 22.11.845 in einem Gefecht bei Ballon unweit von Redon, in dem Nominoe obsiegte, was auch hier eine Einigung auf der Basis des ungünstigen Status quo erforderlich machte (846). KARL ließ sich gleichwohl nicht entmutigen und hatte 848 mehr Glück, als ihm beim normannischen Einfall in Aquitanien ein gewisser Abwehrerfolg gelang, der, verglichen mit Pippin, den Eindruck größerer Schlagkraft vermittelte. Das konnte er nutzen, um sich sogleich in Orleans von vielen, freilich nicht allen, aquitanischen Großen zum König ihres Landes akklamieren, also wählen, und überdies durch Erzbischof Wenilo von Sens salben und krönen zu lassen. Er erlangte auf diese Weise eine formal nicht durch den Vertrag von Verdun begründete und zudem sakral bekräftigte Autorität, die auch auf die Francia ausstrahlte, ihn vor allem aber beflügelte, 849 unangefochten bis Limoges und Toulouse vorzudringen. Pippin II. dagegen sah seinen Anhang schwinden und fiel 852 - wie schon 849 sein jüngerer Bruder Karl - in die Hände KARLS DES KAHLEN, der ihn im Kloster Saint-Medard in Soissons festsetzte. Der (einstweilige) Durchbruch in Aquitanien ließ sich allerdings gegenüber der Bretagne nicht wiederholen, deren Herrscher Nominoe sich vielmehr politisch und kirchlich vollends verselbständigen und einen Metropoliten in Dod einsetzte, und von ihm, wohl 850, zum König gesalbt zu werden. Nach seinem plötzlichen Tod (851) nahm der Sohn und Nachfolger Erispos im August 851 in einer dreitägigen siegreichen Schlacht am Fluß Vilaine den W-Franken jede Hoffnung auf einen Umschwung und erzwang im Frieden von Angers seine Anerkenneng samt Überlassung der ganzen bretonischen Mark um Nantes und Rennes.
Auf die mit knapper Not überstandenen Krise in Aquitanien reagierte KARL DER KAHLE in ganz dynastischewr Weise: Da er sich auch weiterhin mit Pippins Sonderherrschaft nicht abfinden mochte, suchte er die eigene Familie gerade in den gefährdeten Zonen seines Reichsteils verstärkt sichtbar zu machen. Den etwa 8-jährigen Sohn Karl das Kind bestimmte er im Oktober 855 den Aquitaniern "auf ihren Wunsch", wie es heißt, zum König und ließ ihn in Limoges salben und krönen, um Pippinden Boden zu entziehen, während er für seinen Ältesten, den mit einem Sprachfehler behafteten Ludwig den Stammler, 856 ein Verlöbnis mit einer Tochter des Bretonen-Führers Erispoe verabredet und den 10-jährigen mit einem Unterkönigtum im angrenzenden Neustrien ausstattet. Offenbar gedachte KARL auf diese beiden überhaupt sein monarchisches Erbe zu beschränken, denn zu 854 wird auch überliefert, dass sein dritter Sohn Karlmann die geistliche Tonsur erhielt, also entgegen aller Familientradition trotz legitimer Abkunft von der Aussicht auf Machtbeteiligung ausgeschlossen werden sollte. Der Grund kann eigentlich nur in der Sorge vor einer Zersplitterung W-Frankens durch allzu viele konkurrierende Thronanwärter gesehen werden, anders als im Falle des jüngsten Königs-Sohns Lothar, der wegen angeborener Gebrechen von vornherein als herrschaftsunfähig gegolten hatte und in jungen Jahren ins Kloster gegeben wurde.
Die stabilisierende Wirkung, die sich KARL DER KAHLE von dieser zeitigen "Hausordnung" versprach, sollte ihm gewiß den Rücken freihalten angesichts der politischen Unwägbarkeiten, die sich 855 aus dem absehbaren Ende LOTHARS I. ergaben.
Was sich als "Samtherrschaft" des karolingischen Hauses gedacht war, bot sich damit für die nächste Zeit als ein Nebeneinander von 5 Teilreichen dar, die sich nach Größe und innerer Kohärenz deutlich unterschieden. Das Kaisertum war von Aachen, ja der gesamten Francia gelöst, weshalb nördlich der Alpen um so mehr der Gegensatz zwischen den beiden KARLS-Enkeln im Westen und im Osten dominierte, die sich wechselseitig am Eingreifen in die Händel ihrer jungen Neffen im Mittelreich gehindert hatten. Gegenüber Ludwig dem Deutschen, der 856 Karl, den aus westfränkischer Haft entkommenen jüngeren Bruder Pippins von Aquitanien, als Erzbischof in Mainz installierte (+ 863), blieb KARL DER KAHLE weiter im Nachteil. Weder vermochte er gegen Pippin viel Boden gutzumachen noch gar der Normannen Herr zu werden, die ihre Plünderungen von Städten und Klöstern ungehemmt fortsetzten und durch die Einrichtung fester Stützpunkte in den Mündungsgebieten von Seine, Loire und Gironde geradezu systematisierten. Obendrein mußte KARL 857 erleben, dass Erispoe ermordet wurde und der neue Bretonenkönig Salomon sogleich Ludwig den Stammler aus seinem angrenzenden Unterkönigtum um Le Mans verjagte. Verärgerte, zum Widerstand entschlossene Große namentlich aus Aquitanien und Neustrien hatten schon 856 eine Intervention Ludwigs des Deutschen erbeten, der jedoch nur abwinkte. KARL DER KAHLE suchte sich 857 durch ein Bündnis mit Lothar II. zu sichern, was Ludwig zu einem Treffen mit seinem kaiserlichen Neffen in Trient veranlaßte. Als ihm 858 erneut eine westfränkische Adelsgruppe um Robert den Tapferen, den Grafen von Anjou und Touraine aus dem ursprünglich rheinfränkischen Hause der ROBERTINER, und den Erzbischof Wenilo von Sens die Herrschaft anbot, hielt er sich nicht länger zurück und gedachte seine Stellung als ältester und mächtigster Teilkönig des Hauses eine fühlbare Suprematie über das karolingische Gesamtreich umzumünzen. Während KARL DER KAHLE nach der Verschleppung seines Erzkanzlers, des KARLS-Enkels Ludwig von Saint-Denis, durch die Normannen zusammen mit Lothar II. die Feinde auf der Seine-Insel Oscellus (bei Rouen) belagerte, drang Ludwig im Herbst 858 von Worms aus bis in die Gegend von Orleans vor und traf am 12.11. bei Brienne an der Aube auf KARL, der jedoch wegen seines tägliche schwindenden Anhangs dem Kampf auswich und nach Burgund floh. Ludwig richtete sich in der Pfalz Attigny ein, wo er Lothar II. empfing, urkundete in westfränkischen Belangen und glaubte sich am Ziel seiner kühnsten Wünsche.
In diesem Moment setzte die im französischen Geschichtsbewußtsein berühmt gewordene Gegenbewegung zugunsten KARLS ein, freilich nicht aus einer nationalen oder sprachlichen Aversion gegen den ostfränkischen Eindringling, sondern, historisch nicht minder bemerkenswert, aus verletztem Rechtsempfinden über die Mißachtung der beiden Verträge und eines gesalbten Königs, letztlich aus dem Bedürfnis nach Wahrung der Reichsteilung, die inzwischen als dauerhafte Friedensordnung erschien. Es kennzeichnet den geschichtlichen Wandel, dass der Umschwung von Männern der einst eher universalistisch eingestellten Kirche ausging, die sich unter Führung des Erzbischofs Hinkmar von Reims einer von Ludwig anberaumten Synode, womöglich zu dessen Krönung, verweigerten. Ihr Beispiel förderte bald auch bei vielen weltlichen Großen ein Verhalten, das Ludwigs Herrschaftsanspruch ins Leere gehen ließ. Nachdem er noch das Weihnachtsfest in Saint-Quentin begangen hatte, sah er sich am 15.1.859 zum Rückzug vor dem herannahenden KARL gezwungen und überließ ihm kampflos das Feld. Die förmliche Wiederherstellung des Friedens erforderte mehr als Jahresfrist und lag vornehmlich in den Händen des Episkopats sowie König Lothars II., der sich vorab mit KARL DEM KAHLEN aussöhnte und dann Mitte 859 als Vermittler und Gastgeber zunächst einer Zusammenkunft mit ihm und Karl von der Provence samt den jeweiligen Bischöfen in Savonnieres (bei Toul), schließlich einer direkten Begegnung KARLS DES KAHLEN mit Ludwig dem Deutschen auf einer Rheininsel bei Andernach auftrat. Am schwersten fiel die Einbeziehung der westfränkischen Großen in die Einigung, denn Ludwigbeharrte auf einer Amnestie für seine Parteigänger, wozu sich KARL nur sehr zögernd bereitfand. Erst daraufhin wurde es möglich, Anfang Juni 860 in Koblenz den Konflikt endgültig beizulegen und, wenn schon nicht die Brüderlichkeit, so doch den Respekt vor den vereinbarten Grenzen gegenseitig auf Romanisch und Fränkisch zu beschwören.
Auf Seiten KARLS DES KAHLEN stehen nach der schweren Krise von 858/59 politisch-militärische Erfolge nach außen heftigen Verwicklungen in seinem familiären und aristokratischen Umfeld gegenüber. Des aquitanischen Dauerproblems wurde er nun endlich ledig, da Pippin II. ohne die Aussicht auf Unterstützung durch andere KAROLINGER mehr und mehr an Boden verlor und zuletzt nur noch mit den Normannen im Bunde das Land unsicher machte, bis er 864 aufgegriffen wurde und in Klosterhaft in Senlis verschwand. Gegen die Bretonen unter dem dux Salomon, denen sich rorgonidische Grafen und selbst der Königs-Sohn Ludwig der Stammler, zuvor neustrischer Unterkönig, zugewandt hatten, half die Aussöhnung KARLS mit Graf Robert dem Tapferen (861), dessen Schlagkraft zumindest mittelbar einen erträglichen Friedensschluß in Entrammes bei Le Mans (863) herbeiführte. Als Befehlshaber im Raum zwischen Seine und Loire war Robert auch sehr wirksam in der Normannenabwehr, die der König jetzt durch vermehrten Befestigungsbau und dank gesteigerter Abgaben der Untertanen soweit zu intensivieren verstand, dass den Feinden das Vordringen merklich erschwert wurde. Roberts Tod im Gefecht bei Brisssarthe im Anjou (866) begründete wesentlich den Ruhm seines Geschlechts, der späteren KAPETINGER, gehört im Grunde aber bereits in eine Phase nachlassender normannischer Aggressivität, die sich für ein Jahrzehnt wieder stärker gegen England kehrte. Da Roberts Söhne, die nachmaligen Könige Odo und Robert, noch minderjährig waren, traten zunächst wieder Repräsentanten anderer großer Familien in den Vordergrund: der WELFE Hugo ("der Abt", als Inhaber von Saint-Germain in Auxerre), über Kaiserin Judith ein Vetter des Königs, im Besitz der Befehlsgewalt in Neustrien und 867 der RORGONIDE Gauzlin als Nachfolger Ludwigs von Saint-Denis in der Würde des Erzkanzlers.
Gleichzeitig verdüsterte sich jedoch die Zukunft des W-Reiches. Beide königliche Söhne KARLS DES KAHLEN, so berichtet Erzbischof Hinkmar in seiner 861 aufgenommenen Fortsetzung der Reichsannalen, wählten 862 eine Gattin gegen Willen des Vaters, ließen sich also für Adelsgruppen gewinnen, deren Bevorzugung nicht den aktuellen Zielen des Hofes entsprach. Karl das Kind, der kaum 15-jährige König Aquitaniens, verband sich mit der Witwe des Grafen Humbert (von Bourges?), was der Vater als Rebellion betrachtete und 863 mit dem Einmarsch in Aquitanien, mit der Absetzung des Sohnes und dessen Inhaftierung in Compiegne ahndete. Als KARL 865 einen neuen Versuch mit seinem gleichnamigen Sohn als König von Aquitanien machte, litt dieser bereits schwer an den Folgen eines Jagdunfalls, denen er 866 erlag. Dass schon 865 auch der bei der Geburt schwächliche Sohn Lothar, zuletzt nomineller Abt von Saint-Germain in Auxerre, und anscheinend um dieselbe Zeit Zwillingssöhne im Kindesalter verstorben waren, mag den besorgten KARL bewogen haben, seiner etwa 36-jährigen Gattin Irmintrud 866 in Soissons eine feierliche Salbung und Krönung durch die Bischöfe mit Gebetsbitte um weitere Nachkommmenschaft zuteil werden zu lassen, doch hinderte ihn dies keineswegs, kurz darauf deren Bruder als Aufrührer mit dem Tode zu bestrafen. Als Erbe geblieben war ihm allein der zuvor wenig bewährte Ludwig der Stammler, dem er 867 das vakante aquitanische Regnum anvertraute und dessen Gemahlin Ansgard zwischen 863 und 866 die Enkel Ludwig (III.) und Karlmann zur Welt brachte. Sein Vorrang scheint ab 870 den früh ins Kloster gegebenen und inzwischen mit mehreren Abteien ausgestatteten Königs-Sohn Karlmann zum Aufstand getrieben zu haben, der jedoch trotz einiger hochmögender Mitverschworener KARL kaum ernsthaft gefährden konnte und 873 mit Karlmanns Bestrafung durch Blendung sein düsteres Ende fand (+ 876).
Da Kaiser LUDWIG II. nach dem Tode seines Bruders Lothar II. (8.8.869) keine Anstalten machte, über die Alpen zu kommen und Ludwig der Deutsche in den entscheidenden Wochen krank in Regensburg darniederlag, war die Bahn frei für KARL DEN KAHLEN, der durch rasches Vorgehen im Wechselspiel mit seinem Anhang im Lande allen konkurrierenden Bestrebungen zuvorkam. Seine Königskrönung in Metz, bereits am 9.9.869 feierlich nach einem von Erzbischof Hinkmar entworfenen Ritus vollzogen, bezeugt ebenso wie der anschließende Zug nach Aachen und die Einsetzung neuer Erzbischöfe in Trier und Köln KARLS Entschlossenheit, entgegen früheren Teilungsabreden vom ganzen regnum Lotharii Besitz zu ergreifen und sich damit ein klares gesamtfränkisches Übergewicht zu sichern. Im Vollgefühl des Erfolges feierte er Anfang 870 in Aachen die Hochzeit mit seiner zweiten Gattin Richilde, einer Nichte Theutbergas und Hukberts, die an die Stelle der 869 gestorbenen Irmintrud trat und deren Bruder Boso von nun an eine wesentliche Rolle spielen sollte. Allerdings ließ sich der auf Anhieb erzielte Gebietszuwachs nicht völlig halten, als der ostfränkische Ludwig nach seiner Genesung die eigenen Ansprüche anmeldete und dafür ebenfalls Anklang  unter den lotharingischen Großen fand. Eine Teilung wurde doch noch unumgänglich und nach einer grundsätzlichen Einigung im März in allen Einzelheiten im Vertrag von Meersen vom August 870 vereinbart. Danach erhielt Ludwigdie Gebiete östlich von Maas, oberer Mosel und Saone, mithin auch Metz und Aachen, verzichtete aber auf die Gegenden von Lyon und Vienne, dieLothar II. erst 863 als Erbe Karls von der Provence gewonnen hatte. Dort schritt KARL DER KAHLE sogleich gegen Graf Gerhard von Vienne, seinen alten Feind, ein und ersetzte ihn durch seinen neuen Schwager Boso, während im nördlich angrenzenden Raum zwischen Jura und Alpen, der unverändert zum Reich LUDWIGS II. gehörte, schon seit längerem der WELFE Konrad, wie sein Bruder Hugo der Abte ein Vetter KARLS DES KAHLEN, dominierte, nachdem er 864 Hukbert bezwungen und getötet hatte. Zum Ersatz für das entgangene Aachen baute KARL in den folgenden Jahren die Pfalz Compiegne aus und verband mit ihr ein Stift, das 877 eingeweiht wurde.
KARL DER KAHLE konzentrierte sich auf das Kaisertum, dessen Weitergabe nach LUDWIGSTod beim Papst liegen würde, und ließ sich 872 von Hadrian II. wie auch dessen Nachfolger Johannes VIII. (872-882) vertrauliche Zusagen geben, während sein Bruder über eine Art Hausvertrag die Nachfolge seines Sohnes Karlmann sichern wollte. KARL DER KAHLE, vom Papst herbeigerufen, drang eilends in die Lombardei vor und vermochte dort im Herbst zuerst KARL III., dann auch Karlmann, den Söhnen des von der Witwe Angilberga alarmierten Ludwigs des Deutschen, den weiteren Vormarsch abzuschneiden. Obwohl sein Bruder Ludwig ins W-Frankenreich eindrang und Weihnachten 875 in KARLS Pfalz Attigny feierte, drang KARL davon unberührt weiter nach Rom vor, wo er am 17.12. Einzug hielt und am 25.12., genau 75 Jahre nach seinem Großvater, aus der Hand des Papstes die Kaiserkrone empfing. Von großer historischer Tragweite war, dass diese Rangerhöhung auf einer Auswahlentscheidung Johannes' VII. beruhte und erst in der Krönung rechtliche Gestalt gewann, denn so sollte es fortan auf Jahrhunderte bleiben.
Als Kaiser, von dem zumal der Papst tätigen Schutz der römischen Kirche erwartete, hätte KARL DER KAHLE sogleich Anlaß gehabt, gegen die wieder offensiv gewordenen Sarazenen im S einzuschreiten, doch überließ er dies dem dux Lambert von Spoleto und dessen Bruder Wido II. (aus dem durch LOTHAR I. dorthin gekommenen fränkischen Hause der WIDONEN) und ging selber daran, sich in der Nachfolge LUDWIGS II. wenigstens in Mittel- und Oberitalien Achtung zu verschaffen. Da sich die ostfränkischen Neffen verzogen hatten, brachte er ziemlich mühelos in Pavia eine Reichsversammlung zustande, die ihn im Februar 876 zum protector und defensor des italienischen Regnums proklamierte. Als bevollmächtigter dux und missus setzte er seinen Schwager Boso von Vienne ein, der sich alsbald durch Heirat mit Irmingard, der Tochter LUDWIGS II., eine zusätzliche Legitimation für eine umfassende Statthalterschaft sicherte. KARL selbst strebte nämlich eine schnelle Rückkehr nach W-Franken an, wo er eingedenk des erst kürzlichen Einfalls Ludwigs des Deutschen seine Autorität mit Hilfe der in Rom erlangten hohen Würde neu befestigen wollte. Aufsehen erregte, dass er "alle Gewohnheit fränkischer Könige verachtend" sich nach Meinung der Fuldaer Annalen den Seinen in unüblicher Kleidung präsentierte, "den Königstitel ablegte und sich Kaiser und Augustus nennen ließ über alle Könige diesseits des Meeres". Forum seines gesteigerten Selbstgefühls wurde eine große Versammlung im Juni/Juli in Ponthion, auf der er "in golddurchwirktem Gewand", sehr zum Verdruß des anwesenden Hinkmar von Reims, die vom Papst gewährte Erhebung des Erzbischofs Ansegis von Sens zum apostolischen Vikar "für Gallien und Germanien" (wie einst Drogo) bekanntgeben ließ, eine akklamatorische Bekräftigung seines Kaisertums entgegennahm und allen Anwesenden einen förmlichen Treueid abverlangte. Dass Große, wie ausdrücklich bezeugt wird, "aus Franzien, Aquitanien, Septimanien, Neustrien und der Provence" zugegen waren, machte das 843 geschaffene W-Frankenreich zum ersten (und einzigen) Male in vollem räumlichen Umfang erfahrbar und bezeichnet den Höhepunkt in KARLS langer Regierung. Er schien sein Erbteil endlich geeint und nach der Vermehrung um das halbe Lotharingien obendrein fest mit Italien verbunden zu haben, so dass der Kaisertitel einem ganz offenkundigen Übergewicht im Verhältnis zu dem älteren Bruder im Osten Rechnung trug. Bevor seine Neffen nach dem Tode Ludwigs des Deutschen (28.8.876) überhaupt zu einer Teilung zusammenkamen, sahen sie sich durch einen eiligen Vormarsch ihres kaiserlichen Onkels herausgefordert, der, ungeachtet einer gerade wieder akuten Normannengefahr im Seineraum, über Aachen nach Köln vordrang, um die Annexion des östlichen Lotharingien und wohl auch der linksrheinischen Gebiete O-Frankens um Mainz, Worms und Speyer, also die Rheingrenze, durchzusetzen. Wenige Tage nachdem seine Kanzlei bereits eine Urkunde "im ersten Jahr der Nachfolge des Königs Ludwig" datiert hatte, brachte ihm jedoch Ludwig der Jüngere mit einem Aufgebot aus Sachsen, Thüringern und Franken am 8.10.876 bei Andernach eine empfindliche Niederlage bei, die ihn zum sofortigen Rückzug und zur Aufgabe seiner Pläne nötigte.
KARLS DES KAHLEN kaiserliche Autorität hatte mit dem Debakel von Andernach ihren Zenit überschritten. Weder vermochte er weiter den Bestand des nun dreigeteilten O-Frankenreiches zu bedrohen, noch gelang ihm die Vertreibung der Wikinger von der unteren Seine auf andere Weise als durch einen hohen Tribut, der im Frühjahr 877 über eine allgemeine Umlage in W-Franken aufgebracht werden mußte. Als dann auch noch die Hilferufe des Papstes immer dringender wurden, der über sarazenische Raubzüge in der römischen Campagna, über die Bedrohung der Stadt selbst und über die Untätigkeit der Spoletiner Herzöge klagte, war die Überforderung KARLS augenscheinlich: Er mochte sich dem Appell an seine Kaiserpflichten nicht länger entziehen, zumal unmittelbar auch seine Hoheit über Italien auf dem Spiel stand, stieß aber mit dem Plan eines abermaligen Zuges über die Alpen bei den Großen seiner Umgebung auf sichtlichen Widerwillen. Da Dauer und Ausgang des Unternehmens völlig ungewiß waren, schienen sorgsame Vorkehrungen erforderlich, wie sie auf einer Reichsversammlung in Quierzy im Juni 877 in einem Kapitular niedergelegt wurden. Darin wird mit einem Sieg über die Sarazenen ebenso wie mit der Nachricht vom Tod des Kaisers oder einem ostfränkischen Angriff in der Zwischenzeit gerechnet, in jedem Fall aber den Lehnsträgern die Aussicht auf Erblichkeit ihrer Lehen nach kriegsbedingten Todesfällen eröffnet. Im Mittelpunkt steht jedoch die Einsetzung Ludwigs des Stammlers zum Regenten unter Bedingungen, die von massivem "Mißtrauen des Vaters gegen den einzig möglichen Thronerben" (C. Brühl) diktiert scheinen.
Der von den westfränkischhen Großen allenfalls hingenommene Italienzug wurde ein Fiasko. KARL DER KAHLE traf Anfang September in Vercelli und Pavia mit Johannes VIII. zusammen, der ihm von einer kurz zuvor in Ravenna gehaltenen großen Synode zur Bestätigung seiner Kaiserwürde berichtete, erfuhr jedoch gleichzeitig, dass sein Neffe Karlmann von O-Franken mit starker Heeresmacht die Alpen überquert hatte und ihm entgegeneilte. Da er sich mit seinem geringem Gefolge dem nicht gewachsen fühlte, forderte er dringend die verabredete Heranführung des westfränkischen Hauptkontingents an, mußte aber erleben, dass sich ihm nun seine Großvasallen versagten, allem voran Boso von Vienne, doch auch Hugo der Abt, Bernhard von Autun, Bernhard von Gothien und andere. Es blieb dem Kaiser nichts übrig als die Preisgabe Italiens und schleunige Flucht über die Alpen, bei der er kurz nach dem Passieren des Mont-Cenis am 6.10.877 in dem Dorf Avrieux in Savoyen mit 54 Jahren gestorben ist. Nach provisorischer Bestattung im Kloster Nantua wurde er später nach Saint-Denis überführt. Auch wenn der letzte Enkel des großen KARL als Gescheiterter die historische Bühne verließ, hat er doch für die französische Geschichte keine geringere Bedeutung gehabt als sein Bruder Ludwig für die deutsche.

Mühlbacher Engelbert: Band II Seite 336
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"Deutsche Geschichte unter den Karolingern"

Flucht und Tod Kaiser KARLS II.

Aus ihrer Sicherheit wurden sie durch die Nachricht aufgeschreckt, daß der Bayern-König Karlmann mit einem starken Heer in Italien eingebrochen sei und gegen Pavia marschiere. Papst und Kaiser flüchteten. Erst in Tordona machten sie Halt. Schleunigst ließ der Kaiser noch hier in der kleinen Landschaft, statt, wie es wohl geplant gewesen war, in Rom seine Gemahlin zur Kaiserin krönen und sandte sie mit seinen Schätzen über den Mont Cenis nach St. Maurienne voraus. In steigender Angst erwartete er die aufgebotenen Lehensmannen. Er wartete vergeblich, seine Getreuesten überließen ihn seinem Schicksal. Das Mißvergnügen über den Zug nach Italien, der ihnen so große Opfer zumutete, hatte fast alle Großen des W-Reiches und selbst die Bischöfe zu einer Verschwörung gegen den Kaiser geeint. Sie verweigerten den Zuzug. Schon nahte auchKarlmann. "Nach seiner Gewohnheit - denn sein Leben lang pflegte er, wo er dem Feind die Stirne bieten sollter, offen den Rücken zu kehren oder heimlich seinen Soldaten davonzulaufen", schreibt der deutsche Annalist - ergriff der Kaiser die Flucht. Auf der hastenden Flucht packte den Kaiser das Fieber. Man beschuldigte seinen Leibarzt, einen Juden Sedechias, der ihm ein Pulver verordnet hatte, daß er ihm Gift gereicht habe. In einer Sänfte wurde der Todkranke über den Mont Cenis gebracht. In einem kleinen Weiler, Namens Brides, mußte Halt gemacht werden. Nur eine elende Hütte bot Unterkunft. Die Kaiserin wurde herbeigeholt. Aus den Händen des Sterbenden empfing sie eine Urkunde, welche seinen Sohn Ludwig zum König bestellte, und die Reichsinsignien, das "Schwert des heiligen Petrus", die königlichen Gewänder, Krone und Zepter, um sie dem Thronfolgter zu überbringen. Am 6. Oktober 877 starb KARL DER KAHLE. Die Leiche wurde einbalsamiert und auf einer Bahre weitergetragen, sie sollte un St. Denis, wie der Verstorbene es gewünscht hatte, bestattet werden. Doch bald verbreitete sie einen so greulichen Gestank, daß man sie in ein innen und außen verpichtes und in Leder eingenähtes Faß legte. Es half nichts. Der Verwesungsgeruch wurde immer unerträglicher. Man vermochte die Leiche nicht mehr weiter zu schaffen und übergab sie im Kloster Nantua (unfern Lyon) in dem Faß, das als Sarg gedient hatte, der Erde. KARL DER KAHLE hat eine seiner würdiges Ende gefunden.
 
 
 
 

 13.12.842
  1. oo Irmintrud, Tochter Odos von Orleans
          27.9.830-6.10.869

 12.10.869
  2. oo Richilde, Tochter des Grafen Buin
          1.8.  -22.3.929
 
 
 
 

Kinder:
1. Ehe

  Judith
  844-   870

  1.10.856
  1. oo Aethelwulf König von Wessex
                 -   858

    858
  2. oo Aethelbald König von Wessex
                  -   860

    862
  3. oo Balduin I. Graf von Flandern
                  -   879

  Ludwig II. der Stammler
  846-10.4.879

  Karl König von Aquitanien
  847/48-29.9.866
            durch Unfall

  Karlmann Abt von St. Germain d'Auxerre (22.1.866-876)
         -   876

  Lothar Abt von St. Germain d' Auxerre
  um 850-25.12.865

  Ermentrud Äbtissin von Hasnon
         -

2. Ehe

  Rothild
  871-22.5.928/29

 890
  oo Rotger Graf von Maine
              -31.10.900
 
 
 
 

Literatur:
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