Erzbistum Mainz
 

Lexikon des Mittelalters: Band VI Spalte 131
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Mainz
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Stadt am Rhein (Rheinland-Pfalz); Erzbistum

B. ERZBISTUM UND ERZSTIFT

I. FRÜH- UND HOCHMITTELALTER

1. Allgemeine Entwicklung
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Das Bistum Mainz war ein Ordnungsfaktor in dem seit dem 4. Jh. durch die Völkerwanderung geschädigten Mittelrheinraum. Eine Zeit relativ stetiger Entwicklung brachte die Inbesitznahme der Region durch die Franken um das Jahr 500. Nachrichten über das Martyrium etwa von Aureus und Justina sowie besonders des Alban, zahlreiche Grabfunde in der Stadt und im weiteren Umland links des Rheins lassen Rückschlüsse auf einen Fortbestand christlicher Gemeinden zu. Andererseits gibt es Hinweise auf geistliche Verbindungen nach Innergallien und von dort ausgehende Missionsinitiativen. Das Christentum wurde zunächst wohl von den gallorömischen Bevölkerungsanteilen getragen. Die Lückenhaftigkeit der erst um 920 konzipierten Bischofsliste hat sicher ihre Ursache in den Wirren der Spätantike. Der Galloromane Sidonius (Mitte 6. Jh.) ist der erste. Bischof von dem bei Venantius Fortunatus Nachrichten über größere Bautätigkeit, unter anderem an der Kathedrale, überliefert sind. Etwas später lassen sich Missionsinitiativen nachweisen (Goar, Wendel, Ingbert, Disibod). In den Auseinandersetzungen König Dagoberts mit Wenden und Sachsen tritt die Basisfunktion des Mainzer Raumes zutage, der zudem Stützpunkte für die auf die frühere Germania libera gerichteten Beziehungen lothringischer Kirchen verbot. Die Teilnahme von Mainzer Bischöfen an Synoden der MEROWINGER-Zeit zeigt, dass sich das Bistum festigte. Sein Sprengel läßt sich nur aufgrund späterer Überlieferung erkennen. Aus dem Ursprungraum um die Stadt, das Nahegebiet und das Rheinengtal griff man den Main entlang bis in die Wetterau, den Spessart und den nördlichen Odenwald aus. Die Bistümer Trier und Worms, seit Kilians Wirken am Mittelmain auch das von Würzburg, waren Rivalen bei der kirchenorganisatorischen Formung des Umlandes. Nun erhielten statt der Gallorömer Angehörige des fränkischen Adels das Bistum.
Bonifatius baute nach 720 teilweise auf dem bereits Erreichten auf, dehnte dann aber den Einfluß seiner Kirche nach Hessen, Thüringen und in den Weserraum aus (Amöneburg, Büraberg und besonders Erfurt). Geplant war die Errichtung neuer Bistümer, doch über bescheidene Ansätze ist er nicht hinausgekommen, so daß schließlich jene Orte und Regionen zum Mainzer Bistum gezogen wurden. Bonifatius' Lieblingsgründung und Grablege wurde die Abtei Fulda. Spannungsreiche Interferenzen mit Mainz selbst wie seit 769 auch mit Hersfeld wurden so für das gesamte Mittelalter grundgelegt. Wohl auf Betreiben des Hausmeiers Pippin kam man mit zum Missionsbischof ernannten Bonifatius 748 die Metropolitanwürde nach Mainz. Sie erlosch nach dessen Märtyrertod 754 zunächst und wurde erst 782 für den Nachfolger Lullus (+ 786) erneuert, um dann bis zum Ende des Alten Reiches fortzubestehen.
Unter Richulf (787-813) und Haistulf (813-826) erfolgte die Einbeziehung des Erzbistums in die fränkische Reichskirche. Mainz wurde wie Köln, Trier und Salzburg erhoben, doch kam seinem "Heiligen Stuhl" ein Vorrang und später die Primatswürde zu. Die Bistümer Worms, Speyer, Straßburg, Konstanz, Chur, Augsburg, Eichstätt, Würzburg, Halberstadt, Paderborn, Hildesheim und Verden wurden ihn zugeordnet. Die böhmisch-mährischen Bistümer Prag und Olmütz, die später folgten, gingen 1344 wieder verloren. Eine Ausweitung in den Raum zwischen Elbe und Oder verhinderte Magdeburgs Erhebung zum Erzbistum. Der aus bonifatianischer Zeit überkommene Missionsauftrag verschwand nicht ganz, aber wurde im 9. und 10. Jh. ergänzt und überlagert vom reichen Wirken der Erzbischöfe auf Synoden und Reichsversammlungen.

2. Klöster und Stifte, Domstift
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Die Metropole zeigt zunächst eine nur geringe monastische Kultur. Erst die vom Hofe KARLS DES GROSSEN ausgehenden Impulse veranlaßten Erzbischof Richulf zur Gründung der Abtei St. Albans 796 südlich der Stadt. Synoden zwischen 813 und 1085 zeigen, daß die Abtei reichspolitischen Rang besaß. Sie war die geistige Zentrale des Erzbistums bis weit in die STAUFER-Zeit hinein. Hier entstand der für die Kaiserkrönung von 962 benötigte Ordo. Bedeutend waren auch die Abteien Seligenstadt und Michelstadt. Das Geschick des Erzbistums wurde weithin bestimmt durch das Verhalten der Erzbischöfe zum Kronträger. Im 10. Jh. sticht die Distanz zum autokratischen Herrschaftsanspruch OTTOS DES GROSSEN hervor. Engere Übereinstimmung mit den KONRADINERN bestand bis zu deren Niederlage und dem Schwund ihrer Herzogsstellung 939. Um die Jahrhundertmitte sympathisiert man mit den Oppositionsbewegungen. Die Magdeburger Metrolitanprojekte konnte der Kaiser erst nach dem Tode seines in Mainz von 954 bis 968 wirkenden Sohnes Wilhelm realisieren. Zum langjährigen In- und Füreinander der von Herrscher und Metropolit jeweils verfolgten reichs- und raumpolitische Ziele kam es in der Amtszeit des Willigis (975-1011).
Um die Jahrtausendwende zeigten sich Entwicklungsansätze in doppelter Hinsicht: Einerseits schritt die Ausgestaltung des geistlichen Amtssprengels voran, andererseits wurden neue Methoden der Festigung weltlicher Herrschaft entfaltet. Beides hing miteinander zusammen, führte jedoch zu völlig verschiedenartigen Ergebnissen, zumal zur Inkogruenz von Erzbistum und Erzstift. Willigis erhielt vom Papst umfassende Privilegien des Vorranges vor allen Erzbischöfen in Germanien und Gallien, der Königssalbung und der Abhaltung von Synoden. Zudem war er ausgestattet mit dem Amt des Reichserzkanzlers. Dringendes Erfordernis war die Intensivierung der Seelsorge und mit ihr verbunden die der geistlichen Administration. Es wurden kanonikale Stifte geschaffen bzw. gestärkt oder ältere Einrichtungen in solche umgewandelt. Mit den Gottesdienstaufgaben verbunden war die Heranbildung junger Kleriker, die Schulung und Verwendung von Amtsträgern aller Rangstufen, insbesondere in den meisten Fällen die Verbindung der Propsteien mit den das Erzbistum gliedernden Archidiakonatsbbezirken. Die Archidiakone traten an die Stelle der älteren Chorbischöfe. Zentrale Körperschaft wurden seit Willigis das Domstift. Hier muß eine Schule hohen Niveaus existiert haben. Die an der Kathedrale wirkenden Kleriker lebten bis zur Wende vom 12. zum 13. Jh. in der vita communis ehe sich diese Lebensgemeinschaft wie anderswo zugunsten individualisierter Pfründennutzung auflöste. Zwischen Stiften und Domkapitel bestand ein intensives Beziehungssystem in der Art, daß Stiftsdignitäre in großer Zahl zugleich Domherren waren. Dies gilt in erster Linie für die Stadtmainzer Institutionen, weniger für die ferngelegenen. Der Erzbischof verfügte jedenfalls aufgrund dieses Systems übe rein beträchtliches Reservoir von sachkundigen Helfern. Die Pröpste waren Vorsteher ihrer Stifte und außerdem Archidiakone. In diese Eigenschaft waren sie zuständig insbesondere für die Sendgerichtsbarkeit in einer das Erzbistum lückenlos abdeckenden Form. Die Beanspruchung der Pröpste durch derart weitreichende Aufgaben, ihre Ernennung durch den Erzbischof und im Laufe der Zeit die Absonderung eines eigenen Pfründenvermögens ließen sie in faktischer Distanz zu ihren Kapiteln treten. Infolgedessen gewannen die Dekane die eigentliche Spitzenposition im Stift.
Mit bemerkenswerter Verspätung hat die Klosterreformbewegung im Erzbistum Mainz Einfluß gewonnen. Unter den auf Willigis folgenden vier Oberhirten stand man den aus dem burgundisch-lothringischen Raum wie dann vor der Kurie propagierten Leitideen abwartend gegenüber, die erst unter Siegfried I. (1060-1084) Verbreitung fanden. Ansätze in Saalfeld sowie die Gründungen von Ravengiersburg und Hasungen bilden die Frühstufe einer Entwicklung, die dann in Erfurt, Reinhardsbrunn und Lippoldsberg mitbestimmt wurde durch Einwirkungen aus Hirsau. Die Rezeption der Reformgedanken in St. Alban machte die Mainzer Abtei nochmals zum Zentralpunkt, von dem Ausstrahlungen nach Höchst und Johannisberg ausgingen. Mit den Reformforderungen verbunden wurde die Tendenz zur Entvogtung. Maßgebend hierfür war das allgemeine Leitmotiv der "libertas ecclesiae", das indessen jetzt im Sinne der individuellen Auseinandersetzungen mit weltlichen Kräften zur "libertas Moguntina" umgeformt wurde. Hervorstechende Beispiele für die Unterordnung monastischer Institutionen durch die Erzbischöfe bieten Komburg, Sponheim, Jechaburg, Weißenstein, Haina, Georgenthal, Ichtershausen, die Klöster im Wesergebiet und nicht zuletzt St. Jakob bei Mainz als jüngste Eigengründung.
Die Wirren im Reich infolge des Investiturstreits spiegeln sich wieder im wechselvollen Verhalten der Erzbischöfe seit Siegfried I. und in dessen Mitwirken bei der Erhebung der Gegenkönige, in dem Ausharren Wezilos (1084-1088) an der Seite des Königs, Ruthards (1098-1109) Hinwendung zum Papst mit der Teilnahme an der Absetzung HEINRICHS IV. in Ingelheim 1105, schließlich in den harten Umbrüchen der Politik Adalberts I. von Saarbrücken (1109-1137). Die Führungsschicht der Stadt Mainz hielt gegen den Erzbischof zu HEINRICH IV., um in der nächsten Generation Position gegen den Kaiser, zu beziehen und die Freilassung des Erzbischofs zu erzwingen, der als Dankesbeweis die erste Anerkennung kommunaler Eigenrechte formulierte.

3. Werdendes Territorium und weltliche Verwaltung
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Mit dem 1. Viertel des 12. Jh. begann die Entwicklung des Erzstiftes als weltliche Machtgebilde. Grundlage bildeten der aus Schenkungen des Königtums und der Adelswelt stammende Besitz, einschließlich der damit gegebenen Rechte, Immunitätsverleihungen sowie Nachrichten über Zölle und Märkte datieren aus der Zeit zwischen 975 und 1056. Spätere Nachrichten lassen den Ausgriff in das Naheland, das Untermaingebiet, die Wetterau, Hessen, Thüringen sowie das Wesergebiet erkennen, wo die Klosterpolitik wegweisend war. Kleinregional, doch in fester Position schuf sich das Erzstift in Oberlahnstein eine Außenstellung. So wie die Mainzer Kirche ihre weltliche Herrschaft inner- und außerhalb des Erzbistums etablierte, haben im eigenen geistlichen Sprengel fremde Bistümer und Abteien Besitzungen gewonnen. Vom Pfälzer Wald bis zum Harz und zu den Weserbergen reichte die Zone der sich verdichtenden Mainzer Machtstellung. Wie seine Vorgänger aus dem Saarbrücker Grafenhaus hat der möglicherweise aus dem sächsisch-thüringischen Raum stammende Erzbischof Heinrich I. (1142-1153) die auf Schutzgewährung beruhende Klosterpolitik fortgesetzt, die Ministerialität gefördert und die Adelswelt in seinen Bann gezogen. In seiner zeit wurde der Grund gelegt zum Burgenbau mit Funktionsintensivierung nicht nur im Wehrwesen, sondern in der noch wichtigeren Akkumulation administrativer Kompetenzen und grundherrschaftlicher Ausgestaltung mit Landesausbau in Waldregionen.
Das werdende Erzstift geriet in Rivalität mit den Nachbarmächten, vor allem mit der nach Süden herandrängenden Pfalzgrafschaft, ebenso mit den Fürsten- und Grafensippen und nicht zuletzt mit nach eigener Territorialherrschaft strebenden anderen Reichskirchen. Die staufischen Herrschaftszonen in Schwaben, am Oberrhein, in Franken und Thüringen boten Mainzer Initiativen keine Expansionsmöglichkeit, vielmehr wurden die Ressourcen der Kirche für das imperiale Streben FRIEDRICHS I. in Anspruch genommen. Zwar konnte Erzbischof Konrad von Wittelsbach in seiner zweiten Amtszeit nach 1183 vieles wiedergewinnen, die Verluste wogen jedoch schwerer. Ausdruck für die starke Stellung der STAUFER waren die Mainzer Reichsversammlungen von 1184,1188,1194 und 1196. Im 13. Jh. schritt die Territorialisierung des Erzstiftes voran. Durch die Dynamik der Auseinandersetzungen mit Herrschern und Nachbarmächten zeichnen sich die Erzbischöfe aus dem Hause EPPENSTEIN aus. Größter Gewinn war das Abteiland von Lorsch 1232 mit Gernsheim am Rhein, Bensheim, der Starkenburg und ansehnlichen Anteilen am westlichen Odenwald. Aus dem Spessart zielte die Expansion über den Main bis in den Jagst-Tauber-Grund, weiter nördlich wurde die Kinzigregion bei Orb ausgeweitet, die alte Position von Amöneburg konnte stabilisiert werden, in Thüringen wurde das Eichsfeld mit Heiligenstadt und Rusteberg konsolidiert; in Erfurt und dem Umland erwuchsen Schwierigkeiten, doch blieb die Stellung des Erzstiftes stabil. Es gelang der Erwerb der Herrschaft Dürn, der Kauf des Bachgaues von den Herren von Hanau, der Ausbau der Besitzrechte in Dieburg. Im Naheraum sicherte der Sieg Werners von Eppstein (1259-1284) über die Grafen von Sponheim, Sayn, Katzenelnbogen und Leiningen in der Schlacht bei Sprendlingen 1279 die Vorherrschaft. Die Vertreibung der Rheingrafen ließ die Opposition zwischen Rhein und Wisper zerfallen.

4. Innere Organisation des Erzstiftes
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Die Binnenstruktur des Erzstiftes war uneinheitlich. Oberste Beamte - wohl meist ministerialer Herkunft - waren die Vicedomini (Viztume). Ihre Ämter lassen sich sicher erst im 13. Jh. erkennen, wobei das Verhältnis zu den Kämmerern unklar bleibt. Viztume gab es für den Rheingau, in Aschaffenburg für das Oberstift, auf dem Rusteberg für das Eichsfeld und in Erfurt für die Stadt und das Umfeld. Die eigentliche Verwaltung nahmen die als Lehen oder in lehensähnlicher Form meist an ministeriale Bedienstete vergebenen Ämter und Oberämter wahr, deren institutionelle Festigung in der Hauptsache in das 14. Jh. fällt, die aber in der Folgezeit durch Verluste teilweise wieder verlorengingen. Unter der Oberhoheit des Erzbischofs existierten Sonderherrschaften in der Verfügung von Stiften oder Kloster Höchst kompliziert war die Finanzverwaltung; hier ist es nie zu einem einheitlichen Verrrechnungssystem gekommen, vielmehr bildeten die Zölle und die einzelnen Ämter stets singuläre Einheiten ohne Ausgleich untereinander. Das Städtewesen von meist mittlerer Qualität entwickelte sich eigenständig an regionalen Vororten wie Oberlahnstein, Eltville, Höchst, Fritzlar oder Heiligenstadt. Im Oberstift bildete der Neun-Städte-Bund eine Sonderform landsässigen Kommunalwesens. Eine Eigenstellung besaß im 15. Jh. Binden als Stadt des Domkapitels. Sehr bedeutend war Erfurt wegen seiner Größe und Wirtschaftskraft.

II. SPÄTMITTELALTER

1. Allgemeine Entwicklung
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Waren im 13. Jh. im Mittelrhein-Main-Gebiet große Erfolge zu verzeichnen, so deuteten sich in Hessen ungünstige Entwicklungen für das Erzstift an. Mit dem Tod des mit Hilfe Erzbischof Siegfrieds III. von Eppstein (1230-1249) erhobenen Gegen-Königs HEINRICH RASPE begann der Kampf um die hessischen Stellungen. Der Versuch des Lehenseinzugs scheiterte. Der Langsdorfer Friedensvertrag von 1263 war der erste. in einer langen Reihe von Abkommen nach sich wiederholenden Fehden bis hin zu den großen Verlusten im Frankfurter Frieden 1427 und schließlich zur durch den Landgrafen mitgestalteten Zeilsheimer Vermittlung in der großen Mainzer Stiftsfehde 1463, in der die Machtposition des Erzstsifts zerbrach. Hessens Überlegenheit wurde befestigt durch den Gewinn der Grafschaft Ziegenhain 1450 und Katzenelnbogen 1479. Dieser Ablauf ist zu konfrontieren mit demjenigen am Mittelrhein. Werner und Gerhard II. von Eppstein (1249-1284,1289-1305) sowie Peter von Aspelt (1306-1320) waren in den Wahlen von 1273,1292,1298 und 1308 entscheidende "Königsmacher". Die Wahl König LUDWIGS DES BAYERN brachte 1314 erheblichen Zugewinn an Reichspfandschaften. Dann setzte eine Abwärtsbewegung ein, die verursacht wurde durch den erneuten Konflikt zwischen Kaiser und Papst, noch mehr jedoch durch die Erzbischofsschismen von 1328,1346,1371 und 1397. Die Kämpfe der aus dem Hause NASSAU stammenden Erzbischöfe Gerlach, Adolf I. und Johann II. (1346-1370, 1371-1390 und 1397-1419) mit den Gegnern aus Virneburg, Luxemburg und Meißen unterbanden jede gedeihliche Territorialpolitik, führten zum Verlust der Pfandschaften und zur Abhängigkeit von den wechselnden Machtkonstellationen im Reich. Die Doppelwahl von 1459 und die sich aus ihr ergebende Stiftsfehde zwischen Diether von Isenburg (1459-1463 und 1475-1482) und Adolf II. von Nassau (1459-1475) führten zum Verlust des naheländischen Besitzes mit den Mittelpunkten Sobernheim und Böckelheim. Noch empfindlicher war die Verpfändung des Gebietes an der Bergstraße an Kurpfalz, das erst im Westfälischen Frieden 1648 wieder zurückkam. Der in der "Reichsreform"bewegung führende Erzbischof Berthold von Henneberg (1484-1504) konnte zwar das Staatswesen weitgehend konsolidieren, das Erzstift blieb indessen ein Machtgebilde mit Schwerpunkt am Mittelrhein und Außenpositionen in Thüringen von nun nur noch mittelmäßiger Bedeutung.

2. Innere Organisation des Erzbistums
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Im Funktionsgefüge an erster Stelle standen die Beziehungen zwischen dem Erzbischof und dem Domkapitel. Hier war es das Wahlrecht der Kapitulare, das sich etwa an der Wende vom 12. zum 13. Jh. festigte und die Mitwirkung anderer Kräfte im älteren Erzbischofsrat ablöste. gefördert wurde der Mitwirkungsanspruch der an der Domkirche korporativ sich abschließenden Klerikergemeinschaft nicht nur durch die allgemeine Normsetzung der Konzilien, sondern auch durch die politischen Bedrängnisse der Mainzer Kirche in der Spät-STAUFER-Zeit. Der erste Beleg, der das Nebeneinander von Kapitel und Erzbischof aufweist, ist in einer Steuerbewilligung von 1233 enthalten. Dem Erzbischof wurde ein Konsensrecht des Kapitels aufgezwungen. Zwar verging noch beinahe ein Jahrhundert, bis es 1328 zur ersten formgerechten Wahlkapitulation kam, doch unverkennbar hat sich in der Zwischenzeit das Mitbestimmungsrecht des Kapitels gefestigt. Von da an boten jede Vakanz und insbesondere die Schismen dem Kapitel Ansatzpunkte für die Ausformung der Wahlversprechen und anderer Zusagen bis zum Höhepunkt der Antinomie in den Dokumenten von 1475 und 1484. Das Kapitel gelangte unter anderem an das Miteigentum der stärksten Burgen am Rhein.
In der flächenhaften Ausformung des riesigen Erzbistums zeigt das Spätmittelalter nur verhältnismäßig wenig Wandlungen. Mit dem stets aufrecht erhaltenen Leistungsanspruch des Erzbischofs, der seine geistlichen Komponenten oftmals, doch nie in fester Umschreibung von Amtsbezirk durch Weihbischöfe wahrnehmen ließ, konkurrierten die Archiadiakone mit den ihnen seit dem 11. und 12. Jh. zugewachsenen Rechten. Daher nutzten die Erzbischöfe jede Gelegenheit, die archidiakonalen Kompetenzen auszuhöhlen. Die Archidiakonate als solche blieben zwar bestehen, die Pfarrorganisation jedoch wurde eher durch den Erzbischof bestimmt. Erkennbar ist, daß die Hauptmasse der von Mutterpfarreien abhängigen Filialen wohl im 13. und 14. Jh. entstanden ist. Die Dichte ihres Netzes war abhängig von der Landeserschließung in deren Spätform oder auch Schwankungen ausgesetzt, wie sie in der 2. Hälfte des 14. Jh. Seuchenzüge und Landflucht mit sich brachten. Regionale Verwaltungskörper wurden die Landdekane, die lückenlos den Erzbistumssprengel überzogen und allmählich die eigentlichen Mittelinstanzen bildeten.

3. Klöster und Domkapitel
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Im Spätmittelalter entstanden im Erzbistum zahlreiche Niederlassungen jüngerer Orden. Die Zisterzienser waren bereits seit 1136 in Eberbach als dem ersten rechtsrheinischen Klöstern ihrer Gemeinschaft vertreten. Die älteren Benediktinerklöster wurden im ausgehenden 15. Jh. von der Bursfelder Reformbewegung erfaßt. Schon zuvor wurde 1417 die Abtei St. Alban in ein Ritterstift ungewandelt. Vom 2. Viertel des 13. Jh. an fanden die Bettelorden in fast allen Städten Eingang. In Mainz entstand als bürgerschaftliche Gründung eine Klarissenniederlassung von erheblicher Bedeutung. Karmeliter, Augustinereremiten und Antoniter ließen sich in verschiedenen Städten des Erzbistums nieder. Zahlreich war die Gründung von Frauenkonventen in Streulage im gesamten Sprengel. Mit dem Orden und den neben ihnen stehenden Gemeinschaften, wie beispielsweise den Beginen, kamen Phänomene und Abläufe in das gesellschaftliche Leben im Erzbistum, denen gegenüber Stuermechanismen von seiten des Erzbischofs - auf lange Zeit - fehlten.
Wie brüchig die Verhältnisse im Erzbistum in Abhängigkeit von den Konstellationen im Erzstift waren, ließen mehr noch als die älteren Spaltungen im Domkapitel die Schismen des 14. und 15. Jh. offenbar werden. Die Wahl des Erzbischofs Adolf I. von Nassau 1373 stieß auf Ablehnung Kaiser KARLS IV., der wegen der Königswahlfrage Ludwig von Meißen protegierte. Das Mainzer Schisma wurde 1378 Teil des Großen Abendländischen Schismas, weil Adolf I. sich auf die Seite des avignesischen Papsttums schlug und so die Gefahr einer Spaltung der Reichskirche erwuchs. 1381 wurde Adolf von König WENZEL anerkannt. Gefährlicher noch waren Konstellationen von 1386/97, als es zunächst eine Doppelwahl gab und sich im Kampf Erzbischof Johann II. von Nassau als Pfälzer Parteigänger durchsetzte, der 1400 die Wahl des Pfalzgrafen Ruprecht zum römischen König in die Wege leitete. Doch vier Jahre später geriet Johann als Anführer des Marbacher Bundes in unversöhnlichen Gegensatz zu diesem und trat schließlich 1409 auf die Seite des vom Konzil zu Pisa gewählten Papstes über, während RUPRECHT in der römischen Obödienz verharrte. Standen so bereits territoriale Fronten mit Obödienzwahlen in Zusammenhang, wurde die Lage noch prekärer durch den Beitritt des Landgrafen von Hessen zur römischen Gefolgschaft. Gregor XII. bevollmächtigte ihn, mit dem Zentrum im Kasseler Stift eine eigene Kirchenorganisation zu errichten. Gleiche Vollmachten erhielten der Pfalzgraf und der Trierer Erzbischof. Das Domkapitel selbst folgte zunächst noch Johann II., beachtete aber seit 1415 die Absetzung des Pisaer Papstes, an dem der Erzbischof intransigent festhielt. Brachte zwar das Jahr 1417 den Ausgleich, hatte doch die Zeit der Pisaner und Konstanzer Konzilien noch klarer als zuvor die von fürstlicher Seite in das Erzbistum hineingetragene Zersetzung der Organisationseinheit und den Trend zu landesherrlichen Eigenstellung auch im kirchlichen Bereich aufgezeigt. Während der Amtszeit des Erzbischofs Dietrich Schenk von Erbach (1434-1459) schlug der Streit um die Oberhoheit von Papst oder Konzil hohe Wellen. Als der 1459 gewählte Erzbischof Diether von Isenburg nicht zuletzt wegen seiner Konzilsneigungen 1461 vom Papst abgesetzt und an seiner Stelle Adolf II. von Nassau erhoben wurde, begann die Große Mainzer Stiftsfehde, die 2 Jahre lang zu schweren Schäden führen, doch die grundlegenden Fragen dem Nachfolger Berthold von Henneberg (1484-1504) unter dem dann vorwaltenden Zeichen der "Reichsreform" als unlösbare Probleme überlassen sollte.


Trillmich Werner:
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"Kaiser Konrad II. und seine Zeit"

Das seit etwa 550 bezeugte Bistum Mainz im nördlichen Wormsfeld und dem Nahegau missionierte den Rheingau, das untere Maintal, den Odenwald und die Wetterau. Später wählte Bonifatius den verkehrsgünstigen alten Römerort zum Amtssitz (745-754), um die süd- und mitteldeutschen Diözesen überwachen und Sachsenmission einleiten zu können. Nach seinem Tode wurden die Bistümer Büraburg in Ober-Hessen und Erfurt dem Mainzer Jurisdiktionsbereich einverleibt, der nun ungewöhnlich weit vom Hunsrück ostwärts bis an die Saale, nordwärts bis ins Weser- und Leinetal reichte und noch das Damenstift Gandersheim für sich beanspruchte. 780/81 wurde Mainz Erzbistum. Ihm unterstanden im 11. Jahrhundert ungewöhnlich zahlreiche Suffragane, nämlich Worms und Speyer in Rheinfranken, Straßburg im Elsaß, Konstanz, Chur, Augsburg in Schwaben, Eichstätt, Würzburg und Bamberg in Mainfranken, Hildesheim, Halberstadt, Paderborn und Verden in Sachsen, Prag in Böhmen. Amtsautorität von den Alpen bis an die Unterelbe also verschaffte dem Mainzer Metropoliten des Rang eines Primas Germaniae. Als Erzkapellan war er Vorgesetzter der Hofgeistlichkeit, als Erzkanzler engster politischer Berater des Königs. Mit dieser bedeutenden Machtstellung betrauten die LIUDOLFINGER ohne Rücksicht auf Wahlprivilegien seit 973 Geistliche, denen sie meinten vertrauen zu können, vornehmlich Sachsen aus der Hildesheimer Schule und Fuldaer Äbte.
Ländereien und Hoheitsrechte gaben Erzbischöfen und Domkapitel erhebliche Macht, obwohl ihr Besitz durch Schenkungen aus vielen kleinen Stücken zusammengewachsen war, die sich wie Trittsteine quer durch die große Diözese aneinanderreihten: Wirtschaftshöfe, Burgen, Eigenkirchen, Klöster, Jagd-, Forst- und Wildbannreviere, besonders dicht im Rheingau, zwischen Rhein, Odenwald und Spessart, ferner um Amöneburg, Büraburg, Fritzlar, Hofgeismar, im Eichsfeld und in Thüringen. Im Jahre 975 erhielt Willigis für sein Stift außer der vollen Immunität Markt, Zoll, Münze, Gericht, Geleit, Judenschutz und andere Hoheitsrechte in Mainz. Später erwarb er Bingen, Kloster Disibodenberg an der unteren Nahe und den Binger "Kammerforst" im Hunsrück, ferner Ort und Stift Aschaffenburg samt Jagd- und Forstrechten im Spessart. An Mittelmain und  Tauber erstreckten sich erzbischöfliche Güter über Miltenberg, Bürgstadt und Tauberbischofsheim bis nahe an Würzburg heran. Das Heeresaufgebot der Mainzer Vasallen kam an Zahl dem von Köln und Straßburg gleich.
Mit Wissenschaft befaßte sich der Klerus des politisch so tätigen Metropoliten wenig, doch entstand in St. Alban für Gottesdienste bei Hofe das Pontificale Romano-Germanicum, das den Krönungsordo enthält. Für gute Schulen sorgte Willigis an mehreren Mainzer Kirchen. Mit ihrer Leitung wurden mehrfach Mönche aus St. Gallen betraut. Auch zur Reichenau unterhielt man enge Beziehungen. In Aschaffenburg widmete sich ein Hofkapellan der Ausbildung künftiger Domherren. Auf künstlerischem Gebiet suchte Willigis durch repräsentative Bautätigkeit den Vorrang des Hochstifts sichtbar zu machen. Unter ihm erhielt der frühromanische, doppelchörige Dom seine heutigen Ausmaße. Die Monumentalität dieser Anlage bezeugen eherne Türflügel am Nordportale bis in die Gegenwart, doch verursachte eine verheerende Feuerbrunst am Weihnachtstage des Jahres 1009 beträchtliche Schäden.
 
 
 
Crescens     80- 103 
Marinus   103- 109 
Crescentius   109- 127 
Cyriacus   127- 141 
Hilarius   141- 161 
Martin I.   161- 175 
Celsus   175- 197 
Lucius   197- 207 
Gotthard   207- 222 
Sophron   222- 230 
Heriger I.   230- 234
Ruther   234- 254 
Avitus   254- 276 
Ignatius   276- 289
Dionysius   289- 309 
Ruprecht I.   309- 321
Adalhard   321- 323 oder 321- 325 
Lucius Annäus   331- 350 oder 325- 343 
Martin II.   350- 374 oder 343- 367 
Sidonius I.   374- 393 oder 367- 386 
Sigismund   393- 398 oder 386- 392 
Lupold   398- 415 oder 392- 409 
Nicetius   415-422 oder 409- 417 
Marianus   422- 433 oder 417- 427 
Aureus   433- 454 oder 427- 443 
Eutropius   454- 457 oder 443- 467 
Adalbald (Adalbert I.) 
Rather 
Adalbert I. (II.) 
Lantfried 
Sidonius II.          - 589 
Siegbert I. (Wilbert)   589- 610 
Ludegats (Leonisius)   610- 615
Rudwald (Ludwald)      615 
Lubald   um 625 
Siegbert II. (Richbert) 
Gerold         - 743 
Gwielieb (Guinlegus)   743- 745 
Bonifacius                   Erzbischof   745- 754
Lullus   755- 786 
Richolf   787- 813 
Heistulf   813- 826 
Otgar   826- 847 
Rhabanus Maurus   847- 856
Karl von Aquitanien   856- 863 
Liutbert    863- 889 
Sunderold   889- 891 
Hatto I.   891- 913 
Heriger II.   913- 927 
Hildebert   927- 937 
Friedrich   937- 954 
Wilhelm   954- 968 
Hatto II.   968- 970 
Ruprecht II. (Rudbert)   970- 975 
Willigis   975-1011 
Erkanbald  1011-1021 
Aribo  1021-1031 
Bardo  1031-1051 
Liupold I.  1051-1059 
Wezilo  1084-1088 
Ruthard  1088-1109 
Sedisvakanz  1109-1111 
Adalbert I. von Saarbrücken  1111-1137 
Adalbert II. von Saarbrücken  1138-1141 
Markolf  1141-1142 
Heinrich I. Felix von Harburg  1142-1153 
Arnold von Seelenhofen  1153-1160 
Rudolf von Zähringen       1160
Christian von Buch  1161-1183
Konrad I. von Wittelsbach  1183-1200 
Liutpold II. von Schönfeld  1200-1208 
Siegfried II. von Eppstein  1200-1230 
Siegfried III. von Eppstein  1230-1249 
Christian II. von Bolanden  1249-1251 
Gerhard I. Wild- und Rheingraf  1251-1259 
Werner von Eppstein  1259-1284 
Sedisvakanz  1284-1286
Heinrich II. Knoderer aus Isny  1286-1288
Gerhard II. von Eppstein  1288-1305 
Peter Aichspalter  1306-1320
Matthias von Buchegg  1321-1328
Heinrich III. von Virneburg   + 1353  1328-1346 
Gerlach von Nassau  1346-1371 
Johann I. von Luxemburg  1371-1373 
Ludwig von Meißen  1373-1381 
Adolf I. von Nassau  1373-1390 
Konrad II. von Weinsberg  1390-1396 
Johann II. von Nassau  1397-1419 
Konrad II. Wildgraf von Dhaun  1419-1434
Dietrich von Erbach  1434-1459 
Diether von Isenburg-Büdingen  1459-1463 
Adolf II. von Nassau  1463-1475 
Diether von Isenburg-Büdingen  1475-1482 
Albrecht I. von Sachsen  1482-1484 
Berthold von Henneberg  1484-1504 
Jakob Freiherr von Liebenstein  1504-1508 
Uriel von Gemmingen  1508-1514 
Albrecht II. von Brandenburg  1514-1545
Sebastian von Heusenstamm  1545-1555 
Daniel Brendel  1555-1582 

 
Wolfgang von Dalberg  1582-1601 
Johann Adam von Bicken  1601-1604 
Johann III. Schweikhard von Kronberg  1604-1626
Georg Friedrich von Greiffenklau zu Vollraths  1626-1629 
Anselm Kasimir Wambold von Umstädt  1629-1647 
Johann Philipp von Schönborn  1647-1673 
Lothar Friedrich von Metternich  1673-1675 
Damian Hartard von der Leyen  1675-1678
Karl Heinrich von Metternich      1679 
Anselm Franz von Ingelheim  1679-1695 
Lothar Franz Freiherr von Schönborn  1695-1729 
Franz Ludwig von Neuburg  1729-1732 
Philipp Karl Freiherr von Eltz  1732-1743
Johann Friedrich Karl von Ostein  1743-1763 
Emmerich Joseph Frh. von Breidbach zu Bürresheim  1763-1774 
Friedrich Karl Joseph Freiherr zu Erthal  1774-1802 
Karl Theodor Freiherr von Dalberg  1802-1803
BISCHÖFE 
Joseph Ludwig Colmar  1802-1818 
Sedisvakanz  1818-1829 
Veit Burg  1829-1833 
Johann Leopold Kaiser  1834-1835 
Sedisvakanz  1835-1848 
Sedisvakanz  1848-1850 
Wilhelm Emanuel von Ketteler  1850-1877 
Sedisvakanz  1877-1885 
Paulus Leopold Haffner  1886-1899 
Heinrich Brück  1900-1903