Lexikon des Mittelalters: Band VIII Spalte 213
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Straßburg (Straßbourg)
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Stadt im Unter-Elsaß; Bistum
I. SPÄTANTIKE
Das wahrscheinlich 12 v. Chr. errichtete Kastell Argentorate konnte sich während der folgenden zwei Jahrhunderte in eine nicht unbedeutende Siedlung umwandeln. Den Kern bildete das 20 ha umfassende castrum, das zuerst eine Legion, die II. und später die VIII., und nach dem Vorrücken der Grenzbefestigungen bis weit jenseits des Schwarzwalds die für die Versorgung und Verwaltung der Truppen bestimmten Stellen beherbergte. Die mit der Anwesenheit einer bedeutenden Garnision verbundenen wirtschaftlichen Funktionen bewirkten die Bildung einer Vorstadt; diese vicus canabarum füllte ziemlich rasch den Raum zwischen den beiden Armen der Ill, den die militärischen Anlagen frei ließen, vollständig aus; Händler und Handwerker bildeten den Großteil dieser Bevölkerung. Die heute noch stehende sogenannte "lange Straße" war der Hauptverkehrsweg dieses Viertels, das etwa 20.000 Einwohner zählte und am Oberrhein wohl durch keinen anderen Ort an Größe übertroffen wurde. Für dieses Wachstum war die Lage des castrum Argentorate an einem äußerst wichtigen Knotenpunkt des römischen Straßennetzes entscheidend. Verbindungen bestanden sowohl nach Osten, mit den Decumates agri als Hinterland, in westlicher Richtung über die Zaberner Steige, nach Süden der Ill entlang, bis zur Burgundischen Pforte. Die Bewohner des zivilen Vororts besaßen jedoch eine untergeordnete Rechtsstellung. Der Rückzug des römischen Heeres, das 260 den Limes aufgab und den Rhein wieder zur Hauptverteidigungslinie machte, änderte die Situation der Stadt grundlegend, die nun wie zur Zeit ihrer Gründung exponiert lag. Die Befestigungen wurden verstärkt und verschiedentlich ausgebessert. 352 gelang den Alamannen der entscheidende Durchbruch. Der Sieg Kaiser Julians in der Nähe von Argentorate (357) konnte die Alamannen nur für kurze Zeit zurückdrängen. Bereits 366 überschritten sie den Fluss noch einmal; Valentinian I. und später Gratianus (378) schlugen sie zwar auf dem Schlachtfeld, konnten jedoch ihre Ansiedlung auf dem linken Rheinufer nicht verhindern. Der Einfall im Winter 406-407 ließ auch Argentorate nicht unberührt. Der tractus Argentoratensis, den die römische Heeresleitung am Ende des 4. Jh. eingerichtet hatte, war durch die Alamannen überrannt worden. Nur geringe Truppenbestände blieben im castrum zurück, bis 451 der Einfall der Hunnen den totalen Zusammenbruch des römischen Verteidingungs- und Verwaltungsapparats bewirkte.
II. FRÜH- UND HOCHMITTELALTER
Sicher ist das Bestehen einer christlichen Gemeinde 343
bezeugt. Unter den Bischöfen, die für Athanasius einstanden,
befand sich Amandus,
episcopus Argentinensis. Ob sich bereits
früher Christen in
Straßburg angesiedelt
hatten, lässt sich an Hand von wenigen archäologischen Funden,
deren religiöse Bedeutung nicht eindeutig ist, kaum ermitteln. Das
Mithras-Heiligtum in der Nähe der Stadt wurde systematisch zerstört,
möglicherweise durch die Straßburger Christen. Ein Anzeichen
dafür, dass die
Straßburger Kirche zur Zeit der germanischen
Völkerwanderung eine nicht unbedeutende Größe erreicht
hatte, ist die Tatsache, dass die Bischofsliste keine längere Unterbrechung
aufweist. Die christliche Kultstätte ist nicht sicher zu lokalisieren.
Um die Mitte des 6. Jh. übernahm Bischof Arbogast, von fränkischer
Herkunft, mindestens zum Teil die römischen Institutionen. So lieferte
die einst für das Militär produzierende Ziegelei nun an den Bischof.
Die Kontinuität wurde auf diese Weise gesichert, und die frühere
Bezeichnung der Ortschaft blieb in der Titular "episcopus Argentinensis"
erhalten; die bereits in Dokumenten der römischen Spätzeit aufkommende
Benennung "Strateburg" scheint zur Zeit Gregors
von Tours allgemein üblich gewesen zu sein. Dass die Stadt, obwohl
sie einen großen Teil ihrer Bewohner einbüßte, nicht aufgelassen
wurde, ist wohl dem Bistum zu verdanken. Im Innern des römischen Kastells
wurde ein erstes Gebäude, das den Hauptgottesdiensten diente, sicherlich
vor dem 8. Jh. an der Stelle des heutigen Münsters errichtet.
Am Ende des 7. Jh, als man zur Abriegelung der alamannischen
Angriffe das Herzogtum Elsass bildete, wurde auch der Bezirk des Bistums
entsprechend erweitert, so dass sich Herzogtum und Bistum ungefähr
deckten. Als 100 Jahre später die alamannische Gefahr abgewendet war
und das Herzogtum aufgelöst wurde, veränderte man auch die Grenzen
des Bistums, die bis zur Französischen Revolution bestanden. Sie schlossen
den größten Teil des heutigen Unter-Elsass ein, überließen
jedoch die nördlich des Hagenauer Forstes gelegenen Landstriche dem
Bistum Speyer. Ungefähr ein Drittel des Sprengels lag rechts des Rheins
und umfasste die badische Ortenau. Die Straßburger
Bischöfe gehörten, soweit bekannt ist, der sozialen
und geistlichen Elite an. Erwähnt sei vor allem Pirmins Schüler
Heddo
(+ nach 762), der seit 734 den Straßburger
Bischofssitz
innehatte. Der ins Elsass verbannte aquitanische Kleriker Ermoldus Nigellus
lobt in einem Gedicht nicht nur den Reichtum der gesegneten Landschaft
zwischen Vogesen und Rhein, die durch Heddo erbaute Kathedralkirche,
sondern auch den Eifer des Bischofs Bernold, eines adligen Sachsen,
der die Heilige Schrift übersetzte (vor 840). 842 kündete der
berühmte Eid, den Ludwig der Deutsche
und KARL DER KAHLE in Straßburg
schworen, den Zusammenbruch der karolingischen
Einheit an. Das Elsass, das ursprünglich Lotharingien zugewiesen worden
war, kam 870 zum Ostreich. Als die sächsischen Kaiser ihr Reich mit
Hilfe des Gefüges der kirchlichen Einrichtungen sichern wollten, machten
sie das Straßburger Bistum zu einem
der wichtigen Stützpunkte im Rheintal. In den letzten Jahrzehnten
des 10. Jh. verliehen sie den Bischöfen die Regalien, insbesondere
das Münzrecht und die Gerichtsbarkeit. Dass die Bischöfe über
eine ansehnliche Macht verfügten, zeigen die 100 gepanzerten Reiter,
die 981 das Straßburger Kontingent des
Reichsheeres bildeten.
Das Kernstück des bischöflichen Besitzes war
die Herrschaft über die Stadt Straßburg.
Der allgemeine Aufschwung W-Europas nach der Jahrtausendwende vermehrte
die Bevölkerung und den Reichtum der Stadt. Schon im 11. Jh. war das
frühere castrum nicht mehr das einzige dichtbesiedelte und befestigte
Viertel. An dieser Altstadt schloss sich ein neues Viertel an, das den
größeren Teil der von den Flussarmen der Ill umfassten Insel
bedeckte und den Schutz einer Umwallung genoss. Die Verwaltung der Stadt
war z. T. Ministerialen (1129 Erwähnung von 25) übertragen. Das
erste erhaltene Stadtrecht, das Bischof Burkhard (1146-1147) veröffentlichte,
beweist, dass dem Stadtherrn ein nicht unbedeutender Mitarbeiterstab zur
Verfügung stand; Vogt und Schultheiß besorgten die Rechtsprechung;
der Burggraf kümmerte sich um die Befestigungen, übte die Polizeigewalt
aus, überwachte die Märkte und 11 Zünfte; der Zoller erhob
die Taxen, war für Brücken und Straßen, Handel und Maße
verantwortlich. Die Bürger, denen der Kaiser 1129 das Privileg "de
non evocando" verliehen hatte, wurden durch drei Heimbürge, die Beisitzer
des Schultheiß waren, vertreten. Es ist nicht auszuschließen,
dass die Bürgerschaft im bischöflichen Rat repräsentiert
war. Sie konnte aber nur für Frondienste herangezogen werden. Gottfried
von Straßburg gehörte vielleicht dem Kreis der Ministerialen
an. Sein mittelhochdeutscher höfischer Versroman "Tristan und Isolde"
lässt den hohen Grad der städtischen Kultur erkennen und zeigt
rege Beziehungen zum französischen Sprachraum.
III. SPÄTMITTELALTER
Dir Wirren des "Interregnums" änderten die Beziehungen
der Einwohnerschaft zum Stadtherrn. König
PHILIPP VON SCHWABEN befreite die Bürger von allen öffentlichen
Lasten und nahm sie in seinen Schutz (1205). PHILIPPS
Tod und die vorsichtige Politik des jungen FRIEDRICH
II. hemmten die städtische Emanzipation gegenüber
dem bischöflichen Stadtherrn, und im Konflikt der für den Papst
eintretenden Prälaten mit dem Kaiser kam es sogar zur eindeutigen
Zusammenarbeit der Bürgerschaft mit ihrem Stadtherrn (1245,1246).
Doch dieses Zusammenwirken hatte notwendigerweise die Festigung der bürgerlichen
Gemeinde zur Folge (Siegel zu 1201 belegt). Zur Auseinandersetzung kam
es, als die Bürger sich das Recht anmaßten, Schultheiß
und Burggraf, die bischöflichen Amtsinhaber, abzusetzen. Der Bischof
Walther von Geroldseck versuchte, seine Herrschaft durchzusetzen, indem
er die Bevölkerung 1261 gegen die Oberschichten aufwiegelte. Gestützt
auf die Hilfe der Gegner des Hauses GEROLDSECK (u.a. RUDOLF
VON HABSBURG) konnten die städtischen Milizen das bischöfliche
Aufgebot bei HABSBURGERN am 8. März
1262 schlagen. Kurz danach starb Walther von Geroldseck. Sein Nachfolger,
Heinrich
von Geroldseck, schloss am 12. Februar 1263 mit der Bürgerschaft
Frieden. Der Rat verfügte nun über das Recht, Statuten zu erlassen
und Bündnisse einzugehen, ohne die Zustimmung des Bischofs einzuholen.
Seine Zusammensetzung war in keiner Weise von dem bischöflichen Konsens
abhängig. Straßburg wurde eine Freie Stadt; das Bestimmungswort
"frei" kam 1358 auf.
Im Laufe des 14. und 15. Jh. bildete sich der Regierungs-
und Verwaltungsapparat voll aus. Er musste sich der sozialen Entwicklung
anpassen. Ein Teil der Geschlechter, der den Sieg von 1262 errungen hatte,
übernahm die Lebensweise des Adels und geriet in Konflikt mit den
Handel treibenden Patrizierfamilien, die sich 1332 der wichtigsten Regierungsämter
bemächtigten. Die durch das Herannahen des Schwarzen Todes hervorgerufene
Unruhe ermöglichte einen zweiten politischen Umsturz (1349). Diesmal
gewannen die Handwerker, und ihrem Vorsteher, dem Ammeister, wurde nun
die Exekutivgewalt übertragen. Die Zünfte stellten die Grundeinheiten
der städtischen Organisation, aus ihnen stammte die Hälfte der
Ratsmitglieder. Doch schied das Patriziat nicht völlig aus, es behielt
auch Sitze in den am Anfang des 15. Jh. gebildeten "geheimen Stuben" (XV.
und XIII.), in denen emeritierte Ratsherren und verdiente Regierungsinhaber
die Kontinuität der städtischen Politik sicherten. Im großen
und ganzen wurde zwischen den verschiedenen Schichten ein Gleichgewicht
hergestellt. Die 1482 herausgegebene Fassung des "Schwörbriefs" blieb
bis zur Französischen Revolution in Kraft.
Straßburg gehörte
zu Deutschland reichsten Bistümern. Zum Romzug stellte es eben so
viele Bewaffnete wie Mainz, Köln und Augsburg. Für den Handelsort
neben der Domburg verliehen ihm sie OTTONEN
Münze, Markt, Zoll und Gericht. Zu den entfernteren Besitzungen gehörten
außer Wildbannrechten Rufach im Sundgau und Kloster Schwarzach in
der Ortenau. Geistig behauptete das Stift einen hohen Rang.
Straßburger begründeten
Kloster Einsiedeln. Durch die Berufung kundiger Lehrer aus St. Gallen erneuerte
Bischof Erkanbald (965-991) seine Domschule. Neben Heiligen Viten
pflegte man dort auch weltliche Dichtung wie zum Beispiel das Walthari-Lied.
Bischof Alwich (1000-1001) war zuvor Abt von Pfäfers und Reichenau.
Auf ihn folgte der Hofkapallan Werner (1001-1028) aus dem Hause
HABSBURG, ein besonders tatkräftiger Politiker. Als er
sich 1002 HEINRICH II. anschloss, brandschatzte
Herzog Hermann von Schwaben seine Residenz. Daraufhin wurde unverzüglich
der Neubau des größten deutschen Domes in Angriff genommen.
Zur Durchführung des gewaltigen Unternehmens überließ der
Kaiser seinem Freunde und Berater das Straßburger
Stift. St. Stephan. Je mehr sich der LIUDOLFINGER
um den Erwerb Burgunds bemühte, umso häufiger besuchte er die
Stadt an der Ill zu Verhandlungen und Hoftagen.
| Udo I. | im 8.Jahrhundert |
| Witgern | 728- |
| Wandalfried | um 735?- |
| Heddo | 739- 765 |
| Ailidulf | 765? |
| Remigius | 765-20.03.783 |
| Ratho | 783- 815 |
| Udo II. | 815 |
| Erlehard | 815?- 822? |
| Adalog | 817-17.04.840 |
| Bernald | 840-21.11.875 |
| Udo III. | 840 |
| Rathold | 875-10.05.888 |
| Reginhard | 876- 888 |
| Walram | 888- 906 |
| Otbert | 906- 30.08.913 |
| Gozfrid | 13.09.-06.11.913 |
| Richwin | 914-30.08.933 |
| Ruthard | 933-15.04.950 |
| Udo IV. | 950-26.08. 965 |
| Erkanbald | 965-11.10.991 |
| Wilderold | 991-04.07.999 |
| Alawich | 1000-03.02.1001 |
| Werner I. von Habsburg | 1001-28.10.1028 |
| Wilhelm I. von Kärnten | 1029-07.11.1047 |
| Wizelin (Hezilo) | 1048-15.01.1065 |
| Werner II. von Achalm | 1065-1079 |
| Theobald | 1079-1084 |
| Otto von Hohenstaufen | 1085-03.08.1100 |
| Balduin | 1100 |
| Kuno | 1100-1123 |
| Bruno von Hochberg | 1123-1126 |
| Eberhard | 1126-1127 |
| Bruno von Hochberg | 1129-22.03.1131 |
| Gebhard von Urach | 131-1141 |
| Burkhard I. | 1141-10.07.1162 |
| Rudolf | 1162-1179 |
| Konrad I. | 1179-21.12.1180 |
| Heinrich I. von Hasenburg | 1181-25.03.1190 |
| Konrad II. von Hühnenburg | 1190-03.11.1202 |
| Heinrich II. von Veringen | 1202-11.03.1223 |
| Berthold I. von Teck | 1223-1244 |
| Heinrich III. von Stahleck | 1243-04.03.1260 |
| Walter von Geroldseck | 1260-12.02.1263 |
| Heinrich IV. von Geroldseck | 1263-1273 |
| Konrad III. von Lichtenberg | 1273-01.08.1299 |
| Friedrich I. von Lichtenberg | 1299-20.12.1306 |
| Johann I. von Dürpheim (Diepenheim) | 1307-06.11.1328 |
| Berthold II. von Bucheck | 1328-25.11.1353 |
| Johann II. von Lichtenberg | 1353-14.09.1365 |
| Johann III. von Luxemburg-Ligny | 1366-04.04.1371 |
| Lambert von Buren | 1371-20.04.1374 |
| Friedrich II. von Blankenheim | 1375-1393 |
| Ludwig von Thierstein | 1393 |
| Burkhard II. von Lützelstein | 1393-1394 |
| Wilhelm von Diest | 1394-06.10.1439 |
| Konrad IV. von Busnang + 1471 | 1439-11.11.1440 |
| Ruprecht von Pfalz-Simmern | 1440-18.10.1478 |
| Albrecht von Pfalz-Mosbach | 1478-20.08.1506 |
| Wilhelm III. von Hohnstein | 1506-29.06.1541 |
| Erasmus Schenk von Limburg | 1541-27.11.1568 |
| Johann IV. von Manderscheid | 1568-1602 |
| Johann Georg von Brandenburg | 1592-1604 |
| Karl von Lothringen | 1592-24.11.1607 |
| Leopold von Österreich | 1607-1626 |
| Leopold Wilhelm von Österreich | 1626-20.11.1662 |
| Franz Egon von Fürstenberg | 1663-01.04.1682 |
| Wilhelm Egon von Fürstenberg | 1682-10.04.1704 |
| Wilhelm Gaston I. von Rohan-Soubise | 1704-19.07.1749 |
| Wilhelm Gaston II. von Rohan-Soubise | 1749-28.06.1756 |
| Ludwig Constantin von Rohan-Guemene | 1756-11.03.1779 |
| Ludwig Renatus von Rohan-Guemene | 1779-16.02.1803 |
| Johann Peter Saurine | 1803-1813 |
| Sedisvakanz | 1813-1820 |
| Gustav Max Prinz von Croy + 1844 | 1820-1823 |
| Claudius Maria Paul Tharin | 1823-1826 |
| Johann Franz Lepape von Trevern | 1826-1842 |
| Andreas Raetz | 1842-1887 |
| Peter Paul Stumpf | 1887-1890 |
| Adolf Fritzen | 1891- |