Merowinger
 

STAMMTAFEL im Anhang Band IX des Lexikons des Mittelalters
 

Lexikon des Mittelalters: Band VI Spalte 543
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MEROWINGER
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Fränkisches Königshaus

[I] POLITISCHE ENTWICKLUNG UND POLITISCHE AKTION

Als erste Repräsentanten der MEROWINGER - vielleicht ist ein Seitenzweig schon bei einem fränkischen König und fränkisch-römischen Heerführern des 4. Jh. (Merogaisus; Merobaudes) zu fassen - treten die Könige Chlodio und Merowech, der irrigerweise zum Namengeber wurde, an der Spitze von Verbänden des salfränkischen Teilstammes ca. 440/55 in die Geschichte ein (Greg. Tur., Hist. II, 9; MGH SRM I, 58). Beide setzen Anfänge für die Reichsbildung der MEROWINGER, jener, indem er Cambrai einnahm und bis zur Sommer vordrang, dieser, indem er den Seitenzweig von Tournai begründete. Merowech war Vater des Childerich und Großvater Chlodwigs. Die MEROWINGER standen wohl in kognatischem und agnatischem (Ragnachar; Chararich) Verwandtschaftszusammenhang zu anderen Stammeskönigen. Childerich kämpfte als römischer Verbündeter gegen die Westgoten (463; 469). Der eigentliche Begründer der Dynastie und des merowingischen Reiches war Chlodwig (482-511). Er wurde der mächtigste Mann in Gallien und führte die Franken in den Kreis der germanisch-romanischen Großreiche. Bei seinem Tod und wieder 561 wurden vier an den im Kerngebiet der Francia gelegenen römischen civitates Reims, Orleans, Paris und Soissons ausgerichtete Reichsteile gebildet. Chlodwigs Söhne Theuderich, Chlodomer, Childebert I. und Chlothar führten die Eroberung Galliens fort und nahmen es fast ganz in Besitz (534 Burgundisches Reich; 536 Provence). Besonders unter den Königen von Reims griffen sie auf die Gebiete östlich des Rheins (unter anderem 531 Thüringisches Reich) und zeitweise sogar auf Italien über. Nach 561 geriet die Dynastie durch Bürgerkriege vor allem zwischen Soissons und Reims in die Krise, doch gelang die Restauration des Königtums. Wesentlich sind die tiefen Wandlungen, die Herausbildung der drei Teilreiche Burgund, Austrasien und Neustrien und das Hervortreten des Adels. Das neustrische Einigkeitskönigtum Chlothars II. (613-629) und Dagoberts I. (629-638/39) brachte eine Reorganisation des Reiches und die Klimax der Dynastie. Das bereits von Chlodwig zur cathedra regni gemachte Paris erlebte mit der Abtei St- Denis glanzvollen Aufschwung. Doch dann folgte der Zerfall der Dynastie. In dem politischen Dualismus Austrien - Neustrien/Burgund gerieten die Könige in Abhängigkeit von den Hausmeiern. Im Kampf der Adelsgruppen griff 656 der PIPPINIDE Grimoald glücklos nach der Krone in Neustrien/Burgund betrieben der Hausmeier Ebroin und zunächst noch Königin Balthild eine zentralisierende monarchische Politik. Childerich II. (662/73-675) regierte als letzter MEROWINGER selbständig. 679 erlosch die merowingische Linie in Austrien. Pippin der Mittlere hatte nach 678 faktisch die Macht im Frankenreich inne. Unter ihm und seinen Nachfolgern verblieb den MEROWINGERN eine legitimierende, zeitweise sogar unterbrochene Scheinherrschaft. 751 wurden sie endgültig aus der Herrschaft verdrängt.


Fränkisches Königsgeschlecht, vermutlich nach einem Mero (zeitlich noch vor Merowech) benannt. Die MEROWINGER gründeten im 5. Jahrhundert das Frankenreich. Der bedeutendste MEROWINGER-Herrscher war der Reichsgründer Chlodwig I. Nach seinem Tod (511) kam es zu einer ersten Reichsteilung. Chlodwigs Sohn Chlothar I. konnte das Reich noch einmal in seinen Händen vereinigen; dann folgten ständig weitere Teilungen und Bruderkämpfe, die zum Niedergang der Dynastie führten. Der letzte selbständige MEROWINGER-König war Dagobert I. (+ 639). Seine Nachfolger waren völlig von den Hausmeiern aus dem Geschlecht der KAROLINGER abhängig, die schließlich 751 die MEROWINGER entthronten.

Ewig Eugen:
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"Die Merowinger"

Die letzten Merowinger
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Auf Dagobert I. folgten in gut einem Jahrhundert (638/39-751) 12 oder, - wenn man Childebert adoptivus und die von Ebroin und Karl Martell erhobenen zweifelhaften MEROWINGER Chlodwig und Chlothar mitzählt, - 15 Könige aus dem Geschlecht Chlodwigs. Sie gelten als rois faineants. Der erste karolingische König bezeichnete sie wohl treffender als reges qui potestatem nom habent. Denn repräsentative Funktionen standen ihnen wie dem englischen Königshaus in unserer Zeit und modernen Staatspräsidenten immer noch zu.
Die durch Sigibert III. begründete 3. austrasische Linie erlosch schon mit Sigiberts Sohn Dagobert II. Stammvater aller späteren MEROWINGER war, wenn man von ihm absieht, Dagoberts I. neustroburgundischer Erbe Chlodwig II. durch seine Söhne Theuderich III. und Childerich II.
Chlodwig II. und Sigibert III. waren noch Kinder im Alter von 5-8 Jahren, als ihr Vater Dagobert I. starb. Als Kinder traten auch 5 Nachkommen Chlodwigs II. die Herrschaft an. Chlothar III., Childerich II., Chlodwig III., Dagobert III. und Theuderich IV. hatten das Mündigkeitsalter von 15 Jahren noch nicht erreicht, und Childebert III. hatte es gerade erst überschritten.
Erwachsen waren bei ihrem Herrschaftsantritt Theuderich III. (mit etwa 22-24 Jahren) und sein austrasischer Vetter Dagobert II. (mit rund 25), Chilperich II. (mit 40-45) und sein Sohn Childerich III. (mit ca. 25 Jahren). Bei keinem von ihnen lag eine direkte Erbfolge vor. Theuderich III. hatte hinter seinen Brüdern Chlothar und Childerich zurückgestanden, Dagobert II. hinter Childebertus adoptivus und Childerich II. Chilperich II. war nach der Ermordung seines Vaters zum Kleriker geschoren worden; Childerich III. wurde nach einem Interregnum von 6 Jahren von den karolingischen Brüdern Karlmann und Pippin erhoben, weil man den König aus Chlodwigs Haus nicht entbehren konnte.
Das Alter von etwa 23-26 Jahren erreichten Dagoberts Söhne Sigibert und Chlodwig, Sigiberts Sohn Dagobert II., Chlodwigs Sohn Chlothar III. und  der vorletzte MEROWINGER Theuderich IV. Noch jünger verstarben Childerich II. (mit 20), Chlodwig III. (mit 17) und Dagobert III. (mit 19 Jahren).
Langlebiger waren Childebert III. (32 Jahre), Theuderich III. (rund 40 Jahre), Chilperich II. (knapp 50 Jahre) und Childerich III. Chilperich war 675 als Kind der Kirche übergeben worden, in deren Schutz und Dienst er als Kleriker unter dem Namen Daniel 4 Jahrzehnte seines Lebens verbrachte, was ihm offenbar nicht schlecht bekam. Der letzte MEROWINGER Childerich III. zählte etwa 30-35 Jahre, als König Pippin ihn 751 in das Kloster Sithiu einwies, wo er zu unbekannter Zeit starb.
Auseinandersetzungen um den Thron waren in der späten MEROWINGER-Zeit nicht mehr tödlich. Schon seit Chlodwig hatte man gelegentlich Rivalen unblutig ausgeschaltet, indem man ihnen die Tonsur erteilte und sie der Kirche überstellte, womit sie das königliche Charisma verloren und "dem übrigen Volk gleichgestellt wurden". Merowingischer Stolz bäumte sich freilich in früheren Zeiten dagegen auf. Selbst Chlodwigs fromme Gemahlin Chrodechild soll ihren Söhnen Childebert und Chlothar erklärt haben, sie sähe ihre Enkel - die Söhne Chlodomers von Orleans - lieber tot als geschoren, wenn sie nicht zu Königen erhoben würden. Theudebert II. habe 612, so heißt es, Columbans Aufforderung, in den Klerus einzutreten statt in den Krieg gegen seinen Bruder zu ziehen, als lächerliche Zumutung zurückgewiesen: noch nie habe er gehört, daß ein regierender MEROWINGER freiwillig in den Klerus eingetreten sei. Im 7. Jahrhundert scheint sich der MEROWINGER-Stolz allmählich entschärft zu haben. Die Übergabe des Kleinkindes Dagobert an den Bischof Desiderius im Jahre 656 machte Schule. 673 wurde Theuderich III. von Childerich II. als "Daniel" in den Klerus überstellt, 716 das Königskind Theuderich (IV.) "zur Erziehung" nach Chelles gebracht, 751 der letzte MEROWINGER nach Sithiu. Ob Theuderich zum Kleriker bestimmt wurde, ist nicht sicher, da anscheinend schon sein Vater Dagobert III. als Kind in Chelles erzogen wurde.
Die Erziehung der Kleinkinder lag normalerweise wohl in der Hand der Königinmutter, der auch als Regentin für unmündige Könige - nachweisbar seit Brunichild und Fredegund - eine große Bedeutung zukam. In dieser Funktion erscheint noch Theuderichs III. Gemahlin Chrodechild, die im ersten Jahr ihres Sohnes Chlodwig III. die Königsurkunden als Regentin unterzeichnete. Nach ihr sind keine merowingischen Königinnen mehr bezeugt; ihre Rolle war offenbar ausgespielt.
Bis auf Childerich II. und den Sigibert-Sohn Dagobert II. sind alle, das heißt 10 Nachkommen Dagoberts I., eines natürlichen Todes gestorben. Es stellt sich die Frage, warum 6 von ihnen frühzeitig starben, das heißt die Schwelle der 30 und meist sogar 25 nicht erreichten. Man hat eine biologische Erschöpfung der Dynastie durch Ausschweifung angenommen. Dafür gibt es, wenn man von Chlodwig II. und seinem gewaltsam ums Leben gekommenen Sohn Childerich II. absieht, kein Zeugnis. Die überlieferten Lebensdaten lassen nur erkennen, daß die späten MEROWINGER wie die meisten ihrer Vorfahren mit 15 Jahren Frauen heimführten und von ihnen bald darauf auch Kinder erhielten. Die Frankenchronik von 726/27, der Liber Historiae Francorum, verzeichnet in der Regel nur die Sohnschaft, den Regierungsantritt und den Tod. Eine Ausnahme macht sie nur bei Childebert III., der als vir inclytus und rex iustus charakterisiert wird.
Zwei Könige kamen noch gewaltsam ums Leben: Childerich II. 675 und Dagobert II. 679. Sie fielen nicht einer Familienfehde, sondern rebellischen Großen zum Opfer. Beide haben sich, wenn die Indizien nicht täuschen, mit einem Königtum sine potestate nicht abgefunden und könnten daher als die letzten - gescheiterten - merowingischen Herrscher gelten. Von den Königen, die als erwachsene Männer erhoben wurden, könnte allenfalls Chilperich II. (716-721) noch in das politische Geschehen eingegriffen haben. Die antiarnulfingische Opposition hat kaum zufällig ihn, den Sohn Childerichs II., erhoben und dabei das Königskind Theuderich, Dagoberts III. Sohn, übergangen. Der 40-jährige Chilperich gab ihrer Sache ein ganz anderes Gewicht als der unmündige Königsknabe und konnte als Sohn Childerichs II. auch eine Brücke zu den Gegnern der ARNULFINGER im regnum Austrasiorum schlagen. In der Tat hat Chilperich II. nicht nur wieder in den alten Pfalzen der Dynastie residiert, sondern wohl auch Beziehungen zu austrasischen Großen angeknüpft. Aber das Kriegsglück war ihm und seinem Hausmeier Raganfrid nicht günstig. Als Faustpfand des aquitanischen Herzogs Eudo, der ihm und Raganfrid zu Hilfe geeilt war, wurde er schließlich Karl Martell, dem siegreichen Sohn Pippions II. ausgeliefert und von diesem als Gallionsfigur des regnum Francorum übernommen. Animositäten zwischen den Nachkommen Childerichs II. und den  ARNULFINGERN mögen gleichwohl weiter geschwelt haben. Als Chilperich II. starb, griff Karl Martell jedenfalls auf die Linie Theuderichs III. zurück und erhob dessen Urenkel, den 715/16 übergangenen Theuderich IV. zum König.
Schwer zu erklären sind die Beziehungen der letzten MEROWINGER zu den sakralen Zentren des Königshauses. In Auster brach die kaum bekannte Tradition der merowingischen Grabkirchen schon mit der Bestattung Sigiberts III. in der von ihm gegründeten Metzer Martinsabtei ab. Das Grab des Childebertus adoptivus ist unbekannt. Dagobert II. wurde in der Kirche von Stenay, am Ort seiner Ermordung in den Ardennen beigesetzt.
In Paris gab es einen embarras de richesse. Eine große Tradition hatte die Heiligkreuz-St. Vinzenzbasilika Childeberts I. (St. Germain-des-Pres).  Hier wurden im 7. Jahrhundert noch Chlothar II. und Childerich II. mit seiner Gattin Bilichild und dem kleinen Sohn Dagobert beigesetzt. Die Annahme liegt nahe, daß auch der andere Sohn des Königspaares, der Kleriker "Daniel" hier eingewiesen wurde, ehe man ihn 716 mit dem Namen Chilperich zum König erhob.
Neben Heiligkreuz-St. Germain-des-Pres trat St. Denis als Grabkirche Dagoberts I., seiner Gattin Nanthild, ihres Sohnes Chlodwigs II. und einer Reihe von Seitenverwandten. Eine neue Tradition begründete die Königin Balthild mit der Gründung von Chelles, wo nicht nur sie, sondern wohl auch ihr älterer Sohn Chlothar III., der  noch zu ihren Lebzeiten starb, die letzte Ruhe fand. Balthilds Enkel und Urenkel - Dagobert III. und Theuderich IV. - wurden hier erzogen.
Damit setzen die Nachrichten über die Königskirchen zunächst aus. Nichts ist bekannt über die Gräber Theuderichs III., Chlodwigs III., Dagoberts III. und Theuderichs IV., das heißt der meisten Könige aus der Zeit Pippins und Karl Martells. Überliefert sind lediglich die Grabstätten Childeberts III. (+ 711) in Choisy-au-Bac und Chilperich II. (+ 721) in Noyon. Beide wurden wie Dagobert II. an ihrem Sterbeort beigesetzt: Childebert III. in einem ländlichen monasterium, Chilperich II. immerhin beim Grab des heiligen Eligius, aber keiner von beiden in einer alten Königsnekropole. Daß auch die vier späten MEROWINGER, deren Grabstätten nicht überliefert sind, an ihrem Sterbeort beigesetzt wurden, ist nicht a priori auszuschließen. Wenn der Liber Historiae Francorum solche Beisetzungen aber eigens erwähnt, ist die Vermutung gestattet, daß er die üblichen Grabkirchen als bekannt voraussetzt. In Frage kommen nur St. Denis und Chelles.
Im 8. Jahrhundert ließen sich Karl Martell und König Pippin, sein Sohn, in St. Denis, beisetzen. Auch KARL DER GROSSE wünschte zum Beginn seiner Regierung, hier bestattet zu werden und ließ seine Mutter Bertrada 783 nach St. Denis überführen. Die Vermutung liegt nahe, daß die KAROLINGER an eine merowingische Tradition anknüpften, die nicht mit Chlodwig II. abbrach. Theuderich III. hatte zwei Jahre seines Lebens (723-725) in St. Denis verbracht. Von ihm, von Chilperich II. und Theudebert IV. ergingen Gebetstiftungen an die Abtei. Man darf daher wohl annehmen, daß zumindest Theuderich III., wahrscheinlich aber auch seine Nachkommen mit Ausnahme Childeberts III. hier die letzte Ruhe fanden.
 
 
 
 


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