Peter I. "Mauclerc"                                 Herzog der Bretagne (1213-1221)
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um 1191-22.6.1250
 

2. Sohn des Grafen Robert II. von Dreux aus seiner 2. Ehe mit der Jolanthe von Coucy, Tochter von Graf Rudolf I.; Urenkel von König Ludwig VI. von Frankreich
 

Lexikon des Mittelalters: Band VI Spalte 1933
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Peter I. von Dreux (Pierre Mauclerc), Herzog von Bretagne 1213-1237
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     + 1250

Entstammte einer Seitenlinie der KAPETINGER, dem Hause DREUX

Seine 1212 geschlossene Heirat mitAlix (Alice), der Erbtochter des bretonischen Herzogshauses, erfolgte auf Wunsch König Philipps II. Augustus, der Peter I. als Bauer im Schach gegen die rivalisierenden PLANTAGENET einsetzen wollte. Von seinen Gegnern zu Unrecht als skrupelloser Mitgiftjäger geschildert, war Peter I. Mauclerc in Wahrheit ein kultivierter 'prince du sang', der als Gefährte des Prinzen Ludwig (VIII.) eine sorgfältige höfische und ritterliche Erziehung genossen hatte, literarische Bildung besaß (Vorliebe für Chanson de geste, satirische Dichtung und Andachtsbücher) und als Fürst bedeutsame institutionelle und territoriale Innovationen durchführte. Seine Persönlichkeit war durch lebhaftes und aufbrausendes Temperament geprägt. Als 'baillistre' (Vormund, Regent) seines Sohnes betrieb er mit Nachdruck die Zentralisierung der Herzogsgewalt, indem er die Apanage des minderjährigen Heinrich von Penthievre zum großen Teil annektierte, die herzogliche Machtposition in der Landschaft Leon ausbaute, die Rechte schwacher oder verarmter Vasallen rigoros beschnitt und die Schutzherrschaft über die Bischofskirchen sowie die Seigneurien, die von Minderjährigen oder als Kinkellehen gehalten wurden, ausübte. Er verbot den Vasallen den Befestigungsbau ohne seine ausdrückliche Erlaubnis, betrieb dagegen auf seinen Domänen expansive Burgenpolitik. Den staatlichen Machtapparat festigte er durch den Einsatz fähiger französischer Ratgeber, so des Bischofs Rainaud; der Regierungstätigkeit Peters wird die Verbesserung des Kanzlei- und Urkundenwesens und der Jurisdiktion, aber auch die Intensivierung und Verschärfung des Fiskalsystems (Einführung neuer Steuern, maltotes) zugeschrieben. Er fungierte als Kreditgeber für König Heinrich III. von England, Simon de Montfort und sogar Ludwig dem Heiligen.
Seine aktive und expansive Politik stieß freilich auch auf Gegnerschaft; wegen seiner Usurpation kirchlicher Rechte und Besitzungen (Bainame Mauclerc 'schöner Kleriker') verfiel er zweimal der Exkommunikation.
Als loyaler Vasall König Philipps nahm er an den französischen Feldzügen im Poitou und am Englandzug des Prinzen Ludwig (1216) teil. Unter Ausnutzung der schwierigen Lage des Königreiches während der Regentschaft der Blanca von Kastilien war er führend an vier Feudalrevolten beteiligt (1227-1234) und leistete das Homagium an den König von England; seine Felonie trug ihm vielfältige Schwierigkeiten ein. Nach einer letzten Invasion des königlichen Heeres untwerwarf er sich und gab die Vormundschaftsregierung an seinen nun volljährigen Sohn Jean I. ab (1237). Der außergewöhnliche Lebenslauf dieses bedeutenden Fürsten fand seinen Abschluß im Kreuzzug Ludwigs des Heiligen; wärend der Rückkehr aus Ägypten verstarb er.



Thiele Andreas:
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"Erzählende genealogische Stammtafeln"

Peter I. Mauclerc wurde 1213 durch das Eingreifen des königlichen Vetters Philipp II. August Herzog der Bretagne, 1218 Seigneur de Fereen-Tardenois, Pontarcy, Longjumeau, Braine-Comte-Robert und de Chailly, 1229 Graf von Richmond und damit auch englischer Vasall, eine Doppelvasallität, die er und die Nachfolger immer wieder auszunützen versuchten. Da er erst Geistlicher werden sollte, war er gut gebildet, aber ganz weltlich gesonnen. Er wurde ein furchtlos-martialischer, ränkevoller Politiker, ohne Besonnenheit und Maß, jedoch kurzsichtig-opportunistisch, ganz den Ritteridealen seiner Zeit ergeben. Seinen Beinamen bekam er, da er immer wieder die Kirche bedrängte, um deren Rechte einzuschränken ("mauvais clerc") und wurde deshalb 1231 gebannt. Er kämpfte 1214 gegen England mit in der Schlacht bei Nantes, danach jahrelang gegen die Albigenser. Peter wurde eines der Häupter des französischen Hochadels gegen die Krone und plante zeitweise sogar die Entführung des jungen Königs Ludwigs IX. Er geriet auch deshalb gegen die Krone, da diese seine geplante zweite Ehe mit der Erbin von Flandern verhinderte, eine Verbindung, die der Krone nicht passen konnte. Er war unfähig, konsequent zu handeln, legte sich hart mit dem bretonischen Adel an, den er 1222 in der Schlacht bei Chateaubriand besiegte und eroberte unter anderem Guincamp, Lamballe, St Brieux und Treguier vom Haus BRETAGNE-PENTHIEVRE-AVAUGOUR. Peter erbaute sich als neue Residenz Stadt und Festung St. Aubin-du-Cornier, wurde wegen seiner Unberechenbarkeit und Sprunghaftigkeit immer unbeliebter und verzichtete 1237 zugunsten seines Sohnes. Er nannte sich seitdem "Ritter von Braine" und führte ein abenteuerndes Vagabundenleben, reiste 1239/41 mit dem König von Navarra und dem Herzog von Burgund nach Palästina, half 1242 Toulouse zu unterwerfen und betrieb Piraterie gegen England, weshalb er Richmond verlor. Er bewahrte der Bretagne eine relative Unabhängigkeit, zog mit König Ludwig IX. von Frankreich nach Afrika und starb auf dem Rückweg.

Ehlers Joachim: Seite 147,149
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"Geschichte Frankreichs im Mittelalter"

Heinrich III. von England verbündete sich mit dem Grafen von Auvergne und mit Pierre Mauclerc, Herzog der Bretagne, einem Vetter König Ludwigs, und versprach außerdem Graf Raimund VII. von Toulouse seine Hilfe.
Eine ernste Gefahr für die Regentin bedeutete die noch zu Lebzeiten ihres Gemahls entstandene Koalition des Pierre Mauclerc von Bretagne mit Hugo von Lusignan, Graf von La Marche. Dieser war erbittert über den Albigenserkreuzzug, denn Ludwig VIII. hatte ihm einen Teil der von England zu gewinnenden Gebiete versprochen, vor allem die Stadt Bordeaux, aber der dafür notwendige Krieg war unterblieben zugunsten der eigenen Eroberungen des Königs in der Grafschaft Toulouse. Pierre Mauclerc hatte durch Ludwig VIII. ebenfalls Nachteile erlitten, denn nach dem Tode seiner Gemahlin Alix, Erbin der Bretagne, im Jahre 1221 hatte er die Gräfin Johanna von Flandern heiraten wollen, die in eine Scheidung von ihrem seit Bouvines im französischen Kerker festgehaltenen Gemahl Ferrand eingewilligt hatte. Der König, in dessen Interesse eine solche Verbindung nicht liegen konnte, verhinderte mit Hilfe des Kardinals von St. Angelo das Scheidungsprojekt und versprach Ferrand die Entlassung aus der Haft, woraufhin der erboste Pierre Mauclerc ein Bündnis mit Heinrich III. von England schloß.
Philipp Hurepel war durch ein Bündnis der Regentin mit den Städten der Picardie, der Normandie, des Vermandois, Valois, Artois und Vexin niederzuhalten, und Pierre Mauclerc gab 1230 angesichts eines königlichen Heeres klein bei.

Favier, Jean: Seite 167,195,204
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"Frankreich im Zeitalter der Landesherrschaft 1000-1515"

Peter Mauclerc zum Beispiel, Ludwigs VI. Enkel [Richtigstellung: Urenkel], durch seine Vermählung mit der Schwester des unglücklichen Arthur zum Herzog der Bretagne aufgestiegen, gliederte seinen Herrschaftsbereich Perche und die Grafschaft Penthievre an.
So fanden sich 1226 zahlreiche Barone mit den alten Gegnern Ludwigs VIII. zu einem Bündnis zusammen: mit Theobald IV. von der Champagne, Hugo von Lusignan, dem Grafen der Marche, und Peter Mauclerc, dem Grafen der Bretagne. Als Peter Mauclerc dem PLANTAGENET den Lehnseid leistete und damit der Auseinandersetzung eine neue politische Wendung gab, ließ die Königin die Lehsnverwirkung bekanntgeben und zog gegen den Grafen der Bretagne ein Heer zusammen, dem sich die ehemaligen Verbündeten wohlweislich anschlossen, um nicht ihrerseits in den Ruf der Felonie zu geraten.
1239 waren zahlreiche französische Barone unter der Führung Theobalds IV. von der Champagne, Hugos IV. von Burgund und des Grafen Peter Mauclerc von der Bretagne nach Akkon aufgebrochen.

Le Goff Jacques: Seite 64,81,83,86-87,128-129,131
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"Ludwig der Heilige"

Hinzu kam, daß einige mächtige Barone, Vasallen des Königs, jüngst bei dem Albigenserkreuzzug wenig Begeisterung gezeigt hatten, ihrem Herrn zu dienen. Die Grafen Theobald von der Champagne, Peter Mauclerc von der Bretagne und Hugo von Lusignan, Graf der Marche, hatten ihre Lehnskontingente Ende Juli, gleich nach der Erfüllung der pflichtgemäßen 40 Tage Heerfolge, von den königlichen Truppen abgezogen, ohne auch nur das Ende der Belagerung Avignons abzuwarten.
Der nächste Schritt der neuen Regierung galt den unruhigsten der großen Lehnsherren, dem Grafen der Bretagne und Hugo von Lusignan, dem Grafen der Marche, auch Hugo der Braune genannt, die, beide auf ihren eigenen Vorteil bedacht und allzeit zu einem Wechselspiel zwischen den Königen von Frankreich und England bereit, das königliche Heeresaufgebot im Sommer 1226 noch während der Belagerung Avignons verlassen hatten. In dieser Welt, in der die Verwandtschaft - neben dem Grund und Boden -  eine so wichtige Rolle für die Bündnistreue spielt, werden ab März 1227 Heiratspläne geschmiedet. Johann, der 1219 geborene zweite Bruder Ludwigs IX., von Ludwig VIII. mit Maine und Anjou "apanagiert", wird Yolande, Tochter des Grafen der Bretagne, Peter Mauclerc, versprochen. Als Pfand für die Beeidung dieser Vereinbarung soll Peter Mauclerc Angers, Le Mans; Bauge und Beaufort-en-Vallee bekommen.
Um ihrem Unternehmen den Anstrich einer dynastischen Legitimität zu geben, stellen sie ihm zwei einflußreiche Männer an die Spitze, die sich der Sache nicht verweigern: Philipp Hurepel, Graf von Boulogne und zur Kriegsführung Peter Mauclerc, Herzog der Bretagne, den mächtigsten und treulosesten Vasallen des Königs von Frankreich, einen Mann aus dem Grafenhaus DREUX, der sich durch das Spiel der solidarischen Familienbeziehungen eine herausragende Rolle bei der Revolte gegen Ludwig und seine Mutter einnehmen wird.
Peter Mauclerc, zu seiner Schaukelpolitik zurückkehrend, hatte im Oktober 1229 dem König von England gehuldigt und verweigerte sich Ende Dezember dem Ruf des Königs von Frankreich nach Melun. Da erhob Ludwig IX. das Kriegsheer gegen ihn, das die Barone jedoch, ohne sich ihrer Vasallenpflicht förmlich zu entziehen, mit minimalen Kontingenten beschickten - ausgenommen der Graf der Champagne, der dem königlichen Heer mit einem großzügigen Aufgebot den Sieg ermöglichte. Ein Feldzug im Januar führte zur Rückgewinnung jener befestigten angevinischen Plätze, die dem Bretonen 1227 überlassen worden waren, Angers, Bauge und Beaufort, sowie zur Einnahme von Belleme. Auf den Hilferuf des Grafen der Bretagne landete der englische König Heinrich III. in Saint-Malo, ohne in den Kampf einzugreifen. Ludwig IX. setzte sich an die Spitze eines neuen Heeres, das die Stadt Clisson einnahm und Ancenis belagerte. Doch der Bretone und der Engländer hatten ihre Stellung nicht geräumt, als die Barone wie angekündigt das königliche Heer verließen, um sich gegen den Grafen der Champagne zu wenden. Im Frühjah 1231 mußte Ludwig abermals nach Westen marschieren, bis es ihm im Juli gelang, Peter Mauclerc in Saint-Aubin-du-Cornier einen dreijährigen Waffenstillstand aufzuzwingen.
Der klägliche englische Feldzug von 1231 bis 1232 endete, wie wir gesehen haben, mit Waffenstillstandsabkommen, und im November 1234 schloß sich der wichtigste französische Verbündete Heinrichs III., der Graf von Bretagne, Peter Mauclerc, wieder dem König von Frankreich an.
Nach der Lehnsenthebung des Grafen Hugo von der Marche beschloß der König von England, der Koalition beizutreten, um seine Rechte in Frankreich geltend zu machen. Der Graf der Bretagne, Peter Mauclerc, soeben aus dem Heiligen Land zurückgekehrt, wo er dank einer Leihgabe des Königs von Frankreich am "Kreuzzug der Barone" (1239-1241) teilgenommen hatte, rührte sich nicht.
 
 
 
 

    1213
  1. oo Alice von Thouars-Bretagne, Erb-Tochter des Grafen Guido
           1201-21.11.1221

  2. oo 2. Margarete von Commequiers, Tochter des Seigneur Maurice II. von Montaigu
                      -   1241

        1. oo Hugo von Thouars
                       -
 
 
 
 

Kinder:
1. Ehe

  Johann I. der Rote
  1217-8.10.1286
 

  Jolanthe
  1218-10.10.1272

 1235
  oo Hugo XI. von Lusignan, Graf von Angouleme
              -   1260

  Arthur
  1220- nach 1223

2. Ehe

  Olivier I. Seigneur de Braine-Machecoul
  1231-18./19.12.1279
 
 
 
 

Literatur:
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Ehlers Joachim: Die Kapetinger. W. Kohlhammer GmbH Stuttgart Berlin Köln 2000 Seite 164 - Ehlers Joachim: Geschichte Frankreichs im Mittelalter. W. Kohlhammer GmbH 1987 Seite 147,149,154 - Ehlers Joachim/Müller Heribert/Schneidmüller Bernd: Die französischen Könige des Mittelalters. Von Odo bis Karl VIII. 888-1498. Verlag C. H. Beck München 1996 Seite 179 - Favier, Jean: Frankreich im Zeitalter der Landesherrschaft 1000-1515. Deutsche Verlagsanstalt Stuttgart 1989 Seite 167,195,201,204,452 - Le Goff Jacques: Ludwig der Heilige, Klett-Cotta Stuttgart 2000 Seite 64,81,83,86-87,117,128-129,131 - Pernoud Regine: Herrscherin in bewegter Zeit. Blanca von Kastilien, Königin von Frakreich. Diederichs Verlag München 1991 Seite 116,121,133,138,147,155,177,276 - Runciman, Steven: Geschichte der Kreuzzüge, Sonderausgabe in 1 Band Verlag H.C. Beck München 1978, Seite 991-993,1034,1049 - Winkelmann Eduard: Kaiser Friedrich II. 1. Band, Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt 1963, Seite 463,500 -
 
 
 
 


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