Johanna                                                   Gräfin von Flandern (1205-1244)
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1188 oder 1200-5.12.1244
 

Begraben: Zisterzienserabtei Marquette
 

Älteste Tochter des Grafen Balduins IX. von Flandern und der Marie von Blois-Champagne, Tochter von Graf Heinrich I.
 

Lexikon des Mittelalters: Band V Seite 526
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Johanna, Gräfin von Flandern und Hennegau
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* 1199/1200, + 5. Dezember 1244

Begraben: Zisterzienserabtei Marquette

Tochter des Grafen Balduin IX. (VI.), Kaiser von Konstantinopel und der Maria von Champagne

Trat Februar 1206 nach Eintreffen der Nachricht vom Ende ihres Vaters das Erbe in den beiden Grafschaften an.
Bis zur Heirat mit Ferrand von Portugal (Januar 1212) unterstand sie der Regentschaft ihres Oheims, Philipp von Namur, und war gemeinsam mit ihrer Schwester Margareta dem König von Frankreich, Philipp II. August, als Faustpfand ausgeliefert. Nach der Schlacht bei Bouvines (1214), während der langen Gefangenschaft ihres Gatten, war sie der Spielball der Intrigen einer frankreichfreundlichen Adelsgruppierung und hatte den Konflikt mit ihrem Schwager Bouchard d'Avesnes, 1225 im Hennegau den Kampf mit einem "falschen Balduin" zu führen. Ihr Gemahl wurde erst 1227, dank ihrer Bemühungen, freigelassen.
1231 gebar sie eine Tochter, Maria.
Johanna förderte nachhaltig geistliche und karitative Einrichtungen (Zisterzienserinnen, Bettelorden, 'hospice comtesse' zu Lille, Bijloke-Abtei zu Gent). Nach dem Tod von Mann (1233) und Tochter (1235) heiratete sie 1237 Thomas von Savoyen. Die Ehe mit ihm, der eine einseitige englandfreundliche Politik betrieb, blieb kinderlos; das Erbe fiel an ihre Schwester Margareta.
Johanna verstand es, in einer Zeit starken politischen Drucks von Seiten Frankreichs den wirtschaftlichen Wohlstand ihrer Fürstentümer dank umsichtiger Förderung der ökonomischen Verbindungen mit England zu bewahren.


Johanna verlor als Regentin zeitweise Reichsflandern an Holland, gewann es wieder und behauptete die Hoheit über Seeland. Sie gewann 1234 die Burggrafschaft Brügge. 1225-1226 kam es zum Bürgerkrieg gegen einen "Falschen Balduin", der sich als Johannas Vater ausgab und großen Zulauf fand, da Johannas herrische Art unbeliebt war. Sie behauptete sich mit französischer Hilfe.

Winkelmann Eduard: Band II Seite 351,352,375,456,508
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"Philipp von Schwaben und Otto IV. von Braunschweig"

In anderer Weise meinte König Philipp sich Flanderns zu versichern. Um Johanna, die ältere Tochter des als Kaiser von Byzanz verschollenen Grafen Balduin, warb nämlich damals Ferrand von Portugal, der Sohn des Königs Sancho, und seine Tante Mathilde, die Witwe des auf dem 3. Kreuzzug gestorbenen Grafen Philipp von Flandern, brachte es in der Tat dahin, dass der französische König, welcher als Oheim und Lehnsvormund nicht zu umgehen war und obendrein seit 1206 Johannaund ihre Schwester Margarethein seine Obhut genommen hatte, dem Infanten die Hand der flandrischen Erbin gewährte. Ferrand hat dann am 22. Januar 1212 zu Paris dem König den Lehnseid für Flandern geleistet. Er mochte denken, damit allen Anforderungen, welche von Frankreich an ihn gestellt werden konnten, gerecht worden zu sein, und er war mit seiner Gattin auf dem Heimweg schon bis Peronne gekommen, als der französische Thronfolger Ludwig, dessen Mutter eine Schwester des Grafen Balduin gewesen war, einen Teil des flandrischen Hinterlassenschaft für sich verlangte. Auf FerrandsWeigerung, diese Ansprüche zu befriedigen, folgte seine und seiner Gattin Gefangennahme und es blieb ihm am Ende nichts übrig, als mit der Abtretung von St. Omer und Aire Ludwigs Verzichtleistung auf das Übrige zu erkaufen. Dann erst wurde ihm gestattet, von Flandern Besitz zu ergreifen und den Widerstand Gents zu brechen, welches ihn nicht als Herrn aufnehmen wollte.
Die Verbündeten erlitten bei Bouvines eine vollkommene Niederlage. Flandern wurde gleich nach der Schlacht von den Franzosen überschwemmt und tatsächlich dann im Besitz behalten, als die Gräfin Johanna am 24. Oktober mit dem König Philippsich vertrug, unter den demütigsten Bedingungen und so, dass das Schicksal des gefangenen Ferrand ganz der Willkür des Siegers anheim gestellt blieb.
Burkhard von Avesnes, Domkantor von Laon und Subdiakon, verließ 1211 den geistlichen Stand, befehdete seinen Bruder und wurde vom Grafen Ferrand von Flandern mit der Statthalterschaft über Hennegau, von der Gemahlin desselben, der Gräfin Johanna, nachher mit der Hut ihrer jungen Schwester Margarethebetraut, die er dann aber entführte und als seine Gemahlin ausgab, um durch sie dereinst Anrechte auf Flandern geltend machen zu können. Er wurde auf dem römischen Konzil gebannt und das über seinen jeweiligen Aufenthaltsorten verhängte Interdikt sollte die Auslieferung Margarethes und Burkhards Rückkehr in den geistlichen Stand erzwingen: Letzterer fand trotzdem in den Diözesen Laon, Cambrai und Lüttich immer wieder freundliche Aufnahme und nicht bloß bei Weltlichen. Margarethe sagte sich zwar später von ihm los, nachdem sie ihm zwei Söhne geboren hatten; aber am Ende hat die Gräfin Johanna diesen sehr unwillkommenen Neffen doch einen Erbanteil auswerfen müssen.
Viel härter war das Schicksal der gefangenen Vasallen Frankreichs, Ferrand von Flandern und Reginalds von Boulogne. König Philipp hatte den ersteren mit Ketten beladen bei seinem Triumpheinzug in Paris aufgeführt, während seine Truppen sich an die Eroberung Flanderns machten. Courtrai, Lille und so weiter wurden genommen, aber Valenciennes, Ypern, Cassel und Oudenarde scheinen sich noch gehalten zu haben, so dass der König mit der Gräfin Johanna von Flandern in Verhandlungen trat. In dem von ihr am 24. Oktober 1214 zu Paris beurkundeten Vertrage versprach sie, die Festungswerke seiner Städte schleifen zu lassen und die zu Frankreich haltenden Burggrafen von Brügge und Gent wieder einzusetzen; wenn das geschehen sei, wollte der König Verhandlungen über den Loskauf des Grafen zulassen. Der Vertrag wurde aber nicht ausgeführt, weil die Einwohner von Valenciennes die Zerstörung ihrer Befestigung verweigerten undFerrandmusste nun noch viele Jahre gefangen bleiben. Im Jahre 1221 bot Johanna für die Freilassung ihres Gemahls 35.610 Pfund und sammelte dafür bei der Geistlichkeit ihres Landes.

Thorau Peter: Seite 123-126
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"Jahrbücher des Deutschen Reiches unter Heinrich (VII.) Teil I

Graf Wilhelm I. von Holland war ein hartnäckiger Rivale der Gräfin Johanna von Flandern, für die der deutsche Thronstreit beziehungsweise der englisch-französische Krieg einen schlechteren Ausgang genommen hatte als für den wendigen Herzog Heinrich I. von Brabant.
Johanna war die Erb-Tochter des Grafen Balduin IX. (VI.) und nachmaligen Kaisers von Konstantinopel, der die Grafschaft Flandern von Frankreich zu Lehen hatte, während er die Grafschaften Namur und Seeland vom Reich zu Lehen trug und die von Hennegau vom Bischof von Lüttich.
Als man Kaiser Balduin I. von Konstantinopel seit der Schlacht von Adrianopel gegen die Bulgaren vermisste, folgte ihm im Februar 1206 in der Herrschaft seine Tochter Johanna. Auf Betreiben des französischen Hofs wurde sie noch minderjährig im Januar 1212 mit Ferrand von Portugal verheiratet. Er enttäuschte aber die französischen Erwartungen und schlug sich auf die englisch-welfische Seite, auf welcher er bei Bouvines focht und in französische Gefangenschaft fiel. Aus ihr sollte ihn erst 1226 der Vertrag von Melun befreien, mit dem sich die Gräfin Johanna im Einvernehmen mit ihrem Adel und ihren Städten in die Unterwerfung unter Frankreich schickte. Nicht nur die Gefangenschaft Ferrands, sondern auch die Niederlage Englands, das dadurch seinen Einfluss im Norden Frankreichs und am Niederrhein zunächst verloren hatte und als mögliche Rückendeckung ausfiel, war schon jetzt der Handlungsspielraum Flanderns als französisches Lehen erheblich eingeschränkt.
Die Schwäche Flandern versuchte nun Graf Wilhelm I. für sich auszunutzen. Als Graf von Seeland war er zwar Lehnsmann der Grafen von Flandern, gleichzeitig aber ein Aftervasall des deutschen Königs. Seit Robert I. von Flandern seinen Schwiegersohn Dietrich V. von Holland mit der nördlich der Westerschelde gelegenen Grafschaft Seeland belehnt hatte, versuchten die holländischen Grafen die Lehensbindung an Flandern abzuschütteln, zunächst vergeblich. Im Vertrag von Brügge 1167 hatten sie die Lehenshoheit Flanderns anzuerkennen. Gleichzeitig mussten sie zugestehen, dass die Einkünfte Seelands geteilt wurden und man den flämischen Kaufleuten in Holland Zollfreiheit gewährte.
Da die Gräfin Johanna von Flandern nicht auf dem Frankfurter Reichstag erschien, um FRIEDRICH II. zu huldigen, ergab sich in Verbindung mit der Königswahl HEINRICHS (VII.) für Graf Wilhelm die günstige Gelegenheit, ans Ziel seiner Wünsche zu gelangen. Vielleicht mit Unterstützung seines Schwiegervaters - er war 1220 eine Ehe mit der wesentlich jüngeren Kaiserin Maria, der Witwe OTTOS IV. und Tochter Heinrichs I. von Brabant - erreichte er es, dass FRIEDRICH II. die Gräfin Johanna ihrer Reichslehen für verlustig erklärte und dieselben ihm übertrug. Bei diesen Reichslehen wird es sich jedoch nur um die Grafschaft Seeland als Zankapfel zwischen Flandern und Holland gehandelt haben und nicht etwa auch noch um die Markgrafschaft Namur.
Wilhelm von Holland konnte sich indes nicht lange seines Erfolges freuen. Nur wenige Monate später revidierte FRIEDRICH seinen Frankfurter Rechtsspruch. Dies geschah möglicherweise durch die Vermittlung des Papstes, an den sich Johanna hilfesuchend gewandt haben könnte. Dass Honorius der Gräfin wohlgesonnen war, belegen zumindest drei Schreiben vom Ende August, in denen er Johanna in seinen Schutz nahm. Mit der Begründung, dass Gräfin Johanna unverschuldeter weise nicht vor ihm erschienen sei - da ihr Gemahl sich noch in französischer Gefangenschaft befinde und ihr die Reise an den Hof wegen der unterwegs drohenden Gefahren nicht zuzumuten sei, erklärte FRIEDRICH II. die Belehnung Wilhelms für ungültig und investierte sie mit allen von ihren Vorfahren auf sie gekommenen Reichslehen.

Winkelmann Eduard: Seite 398-408
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"Kaiser Friedrich II."

Im Nordwesten war wieder Graf Wilhelm von Holland der Unruhestifter. Vom Kreuzzuge heimgekehrt und durch den Tod des Grafen Ludwig von Looz von einem gefährlichen Nebenbuhler um den Besitz Hollands befreit, versuchte er sofort, die Gräfin Johanna von Flandern, deren Gemahl Ferrand noch immer zu Paris im Kerker schmachtete, um ihre Hoheitsrechte über seinen Anteil an W-Seeland zu bringen. Wilhelm erwirkte auf dem großen Reichstage zu Frankfurt im April 1220 einen Rechtsspruch, durch welchen Johanna, wahrscheinlich weil bisher noch nicht beim Könige nachgesucht hatte, ihres Reichslehens verlustig erklärt und dieses ihm selbst verliehen wurde. Die Lage Johannas war eine recht gefährliche. Von der Feindschaft ihres verhassten Schwagers Burkhard von Avesnes hatte sie augenblicklich allerdings nichts zu fürchten, da derselbe vor kurzem von ihren Leuten gefangen und sein Bruder Guido bei derselben Gelegenheit getötet worden war. Höchst bedenklich war es dagegen für die Gräfin, dass Wilhelm von Holland, welcher in Frankfurt mit dem Herzog Heinrich von Brabant zusammengetroffen war, obwohl er selbst schon in ziemlich hohen Jahren stand, dessen Tochter Maria, die junge und schöne Witwe Kaiser OTTOS IV., sich zur Gattin gewann und somit mindestens auf das Gewähren lassen des Brabanters zählen durfte, wenn er den Kampf mit Flandern beginnen sollte.
Man konnte nicht umhin, die Geschicklichkeit und die Festigkeit zu bewundern, mit welcher die alleinstehende Gräfin von Flandern den sie von allen Seiten bedrohenden Gefahren die Spitze bot. Dadurch, dass sie sich mit ihrer Schwester Margarethe versöhnte, bekam sie auch die Kinder aus deren ungültig erklärter Ehe mit Burkhard von Avesnes in ihre Gewalt. Den Herzog Walram von Limburg, welcher die Ansprüche seiner Gemahlin Erminsind von Luxemburg auf Namur verfocht, fand Johanna, im Einverständnis mit ihrem Vetter Philipp II. von Namur, am 13. März 1223 mit dem östlich von der Maas gelegenen Teil der Markgrafschaft ab. Sie hörte endlich nicht auf, auf die Befreiung ihres Gatten aus der französischen Gefangenschaft hinzuarbeiten; im Jahre 1223 glaubte sie auch damit am Ziele zu sein.
Sie hatte sich mit König Philipp August schon über die Höhe des Lösegeldes geeinigt, für welches längst auch bei der Geistlichkeit ihres Landes gesammelt worden war, und der Papst, der die Bedingungen der Freilassung billigte, übernahm am 9. April 1223 dem König gegenüber die Bürgschaft für Ferrands künftige Treue. Da starb Philipp August und sein Sohn Ludwig VIII. scheint der Meinung gewesen zu sein, dass es für ihn vorteilhafter sei, Ferrandnicht loszugeben. Vergebens wiederholte Honorius III. am 22. April 1224 seine Verwendung, vergebens wurde sie durch das ganze Kardinalskollegium unterstützt. König Ludwig wusste sehr wohl, dass die Kurie, welche ihn damals gegen die Albigenser ins Feld zu schicken suchte, nichts Ernstliches gegen ihn unternehmen werde, wenn er ihre Fürsprache überhörte. Dazu kam, dass er als Sohn Elisabeths von Flandern,der Schwester des als Kaiser von Konstantinopel verschollenen Grafen Balduin, selbst Erbansprüche auf die Grafschaft hatte, falls die Ehe der Tochter Balduins mit Ferrand kinderlos blieb wie bisher. Die aus unrechtmäßiger Ehe entsprossenen Kinder ihrer Schwester würden in diesem Falle die französische Krone nicht haben abhalten können, die erledigte Grafschaft für sich einzuziehen.
Da geschah es, dass in der Fastenzeit des Jahres 1225 ein Einsiedler, welcher eine Zeitlang im Walde bei Vicogne bei Valenciennes gehaust hatte, mit der Behauptung hervortrat, er sei Kaiser Balduin, von dem man glaubte, er sei in bulgarischer Gefangenschaft gestorben. Der Mann fand Zulauf und am Gründonnerstag, dem 27. März, stellte er sich in Valenciennes einigen höheren Geistlichen und Laien vor, welche Balduin gekannt hatten: er überzeugte sie. Er war ein beredter und in allen ritterlichen Dingen wohlerfahrener Mann; er wies an seinem Körper Narben auf, wie solche der echte Balduin gehabt hatte; er war unstreitig demselben sehr ähnlich, und wenn er etwas kleiner zu sein schien, so schrieben diejenigen, welche an ihn glaubten, dieses Mindermaß und ebenso dem Umstand, dass er das Französische fehlerhaft sprach und in seiner Heimat nicht recht Bescheid wusste, den langen Lebensjahren zu, welche er in Not und Drangsal aller Art unter Griechen und Ungläubigen verbracht haben wollte. Sein Anhang wuchs ganz gewaltig, als die Gräfin Johanna, die ihn in Valenciennes aufsuchte, ihn zwar nicht als ihren Vater anerkannte, immerhin aber selbst zweifelhaft war, ob er es nicht doch sei. Der Bischof von Lüttich, Hugo von Pierrepont, zu dessen Beförderung der fremde Mann beigetragen zu haben sich rühmte, wollte von ihm allerdings nichts wissen; Herzog Heinrich von Brabant dagegen sprach sich entscheiden für seine Echtheit aus und gewährte ihm öffentlich und im Geheimen seine Unterstützung. Wohin er kam, zog man ihm in feierlichem Aufzug entgegen. Die Städte Lillie und Gent und viele von der Ritterschaft huldigten ihm. Wurde auch noch hier und da ein Zweifel laut, so überwog doch die ihm günstige Stimmung in dem Maße, dass er zwei Monate lang tatsächlich in Flandern und Hennegau das Heft in Händen hatte. Wer sich ihm widersetzte, den bekämpfte er; wer sich ihm anschloss, dem stellte er als Kaiser von Konstantinopel und Graf von Flandern Gnadenbriefe aus. Er verlieh Lehen, erteilte den Ritterschlag, umgab sich mit fürstlicher Pracht, ging zu Pfingsten als Kaiser unter Krone und ließ als solcher ein Kreuz vor sich hertragen. Sein Emporkommen erregte in England die größte Freude: schon am 11. April richtete Heinrich III. an den angeblichen Grafen von Flandern die Aufforderung, sich mit ihm gegen Frankreich zu verbünden.
König Ludwig VIII. hatte bisher diesen Vorgängen ruhig zugesehen, und erst dann, als die Gräfin Johanna, welche zu spät ihre anfängliche Unentschiedenheit bereute, mit ihrer Schwester vor dem angeblichen Vater nach Paris flüchtete, ihn als ihren Lehnsherrn um Hilfe anrief und im Mai ihm den Ersatz aller aus der Wiedereroberung Flanderns erwachsenen Kosten, außerdem die Hälfte der Kriegsbeute zusagte, entschloß sich der König zu persönlichem Eingreifen.
Die Prüfung des Fremden, welche Ludwig trotzdem vorzunehmen sich verpflichtet hielt, kann unter diesen Umständen nur als ein auf die Täuschung der Welt abzielendes Gaukelspiel betrachtet werden, nicht als Ausfluss der Erwägung, dass jener doch vielleicht Balduin sein möchte. Er lud den angeblichen Grafen unter Zusicherung freien Geleits auf den 30. Mai nach Peronne vor und kam selbst mit dem damals bei ihm weilenden päpstlichen Legaten Romanus von S. Angelo und großem Gefolge in diese Grenzstadt. Auch Balduin fand sich mit zahlreicher Begleitung ein, unter welcher auch Herzog Heinrich von Brabant gewesen, aber nicht in die Stadt hineingelassen worden sein soll. Balduin selbst hatte über den Empfang beim König nicht zu klagen; dessen Begrüßung: "Herr, wenn Ihr mein Oheim seid, wie Ihr sagt, sollt Ihr willkommen sein," war wenigstens nicht geradezu unfreundlich. Aber in der großen und glänzenden Versammlung, in welche er eintrat, sah er nur misstrauische und feindliche Gesichter, den Bischof von Lüttich, welcher ihn von Anfang an für einen Betrüger erklärt hatte, und seine Töchter, welche ihn verleugneten. Das verwirrte ihn und er tat das Törrichste, was er tun konnte. Er weigerte sich, auf die ihm vorgelegten Fragen zu antworten: er sei erschöpft und bedürfe der Ruhe. Der Versammlung konnte dieses Verhalten, selbst wenn sie nicht von vornherein an einen Betrug geglaubt hätte, nur als Ausflucht erscheinen, zu dem Zwecke, Zeit zu gewinnen und inzwischen Erkundigungen einzuziehen, und auch der König selbst tat erzürnt, ließ jedoch den Verklagten wegen des gewährten Geleits unversehrt aus Peronne abziehen.
Damit war dessen Zukunft entschieden. Nirgends zeigt sich eine Spur davon, dass er auch nur daran gedacht hätte, sich, gestützt auf die Anhänglichkeit seiner Untertanen, mit Gewalt in Flandern und Hennegau zu behaupten. Er selbst war unsicher geworden und machte dadurch auch andere an sich irre. Schon auf dem Rückweg nach Valenciennes verlief sich seine Begleitung. Er hatte nur noch einige Laienbrüder aus der Abtei Villers bei sich, als er von Valenciennes wieder aufbrach, um nun, da von Frankreich nichts mehr zu hoffen war, den Schutz des deutschen Gubernators anzurufen, welcher in dieser Angelegenheit wegen des Hennegaus und Reichsflanderns auch ein Wort mitzureden hatte, und von dem er vielleicht um so mehr erwartete, wenn ihm dessen Abneigung gegen Frankreich und Hinneigung zu England bekannt war. Der englische König aber hatte den angeblichen Balduin anerkannt, und es konnte diesem zustatten kommen, dass eine englische Gesandtschaft sich gerade in Köln aufhielt, als er dort eintraf.
Was in Köln mit ihm geschah, lässt sich nicht mit Sicherheit feststellen. Nach dem einen Bericht soll er den Gubernator gar nicht zu Gesicht bekommen haben, nach dem andern aber von Engelbert nicht unbedingt abgewiesen worden sein. Auf seine Bitte habe Engelbert den Bischof von Lüttich, welcher jenen stets als Betrüger bezeichnet hatte, nach Köln vorgeladen, den Bischof vor der Hostie beschworen, die Wahrheit zu sagen, und der Bischof daraufhin seine früheren Aussagen widerrufen. Der so Gerechtfertigte soll von Engelbert die Zusicherung seiner Unterstützung erhalten haben und zur Durchführung seiner Sache an den Papst gewiesen worden sein. Man könnte verstehen, wenn es dem Gubernator willkommen gewesen wäre, auch von dieser Seite her dem Könige von Frankreich Verlegenheit zu bereiten. Aber man muss sich doch auch wieder fragen, weshalb er in diesem Falle nicht dafür Sorge trug, dass sein Schützling sicher nach Rom gelangte, weshalb er namentlich es geschehen ließ, dass derselbe statt des gewöhnlichen Weges vom Rhein nach Rom den weiteren und für ihn äußerst gefährlichen durch die Champagne und das französische Burgund nahm. So lief er ja seinen Feinden geradezu in die Hände.
Er wurde trotz seiner Verkleidung als Kaufmann schon in der Gegend von Bar-sur-Seine erkannt, vom Ritter Clarembald de Chappes festgenommen und mit Erlaubnis des französischen Königs der Gräfin Johanna ausgeliefert, seiner Tochter, wenn er das war, wofür er sich ausgab. Er kam ihr gerade recht. Denn, obwohl sie für die Niederwerfung ihrer aufständischen Untertanen über die Hilfe Frankreichs verfügte, welche sie sich gleich nach der Zusammenkunft in Peronne durch noch weitere Zugeständnisse gesichert hatte , erzielte sie zunächst nur geringe Erfolge. Immer mehr zeigte es sich, dass die Leichtigkeit, mit welcher der angebliche Balduinsich Flanderns und Hennegaus hatte bemächtigen können, ihren wahren Grund in der Unzufriedenheit mit dem Regiment der Gräfin und ihres Günstlings Arnulf von Oudenarde hatte. Darum übte das Verschwinden des Prätendenten auf die Fortdauer des Aufstandes keinen sonderlichen Einfluss aus, und die furchtbare Härte, mit welcher Johannaverfuhr, die Verbannungsurteile, gegen ihre Feinde unter dem Adel, die gewaltigen Strafgelder, welche sie von den Städten erhob und auch wohl erheben musste, um die französische Hilfe zu bezahlen, waren nicht geeignet, die Herzen ihrer Untertanen zurückzugewinnen. Man schmeichelte sich wohl der Hoffnung, dass der rechte Landesherr demnächst mit Hilfe aus dem Reich zurückkehren werde.
Der Gefangene wurde deshalb erst unter Spott und Hohn im Lande zur Schau herumgeführt, bevor ein Pairsgericht unter Leitung Arnulfs das Todesurteil über ihn sprach. Er wurde dann im Herbst zu Lille gehängt, unter den Tränen des Volks, das noch immer an ihm glaubte. Auf der Folter soll er seinen wahren Namen Bertrand de Rais bekannt haben. Aber freilich Johanna musste daran liegen, ihn um jeden Preis zum Betrüger zu stempeln, und sonst zuverlässige Berichterstatter versichern, dass er weder überführt worden sei noch gestanden habe. Es habe niemand aufgetrieben werden können, der ihn unter jenem Namen kannte, und er selbst sei bis zum letzten Augenblick dabei geblieben, der echte Balduinzu sein.
Völlige Gewissheit wurde nie erlangt. War er ein Betrüger, so bleibt zweifelhaft, ob er anderen als Werkzeug diente, oder von sich aus auf den Gedanken kam, die Unbeliebtheit der Regentin und die Ungewissheit über die Zukunft des Landes für sich auszubeuten. Aber nicht bloß in Flandern und Hennegau, sondern auch in Frankreich und England stand bei vielen die Überzeugung fest, dass der Mann, welcher in Lille am Galgen geendet hatte, in der Tat Kaiser Balduin gewesen sei, und sich die Gräfin des Vatermordes schuldig gemacht habe.

Pernoud Regine: Seite 137,201
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"Herrscherin in bewegter Zeit"

Ferrand verließ also am Dreikönigstag des Jahres 1227 sein Gefängnis im Louvre. Zusammen mit seiner Gemahlin, der GräfinJohanna, kehrte er in seine Domäne Flandern zurück, wo er wieder in alle Rechte eingesetzt wurde. Blanka erließ ihm sogar die Hälfte des Lösegeldes - 25.000 Livres - und erstattete die drei Städte Lille, Douai und Sluis zurück, die er dafür als Pfand gegeben hatte; nur die Burg von Douai behielt sie als Sicherheit.
Flandern hatte dem Königtum einst zu viel Ärger bereitet, als dass Königin-Witwe Blanca von Frankreich nicht stets ein waches Auge darauf gehabt hätte. Johanna, die Witwe Ferrands von Portugal, ist eine ausgesprochen interessante Partie. Da erfährt Blanca zu ihrem Verdruß, dass jemand um ihre Hand angehalten hat, vor dem auf der Hut zu sein sie allen Grund hat: Simon von Montfort. Obwohl vom König von England freundlich willkommen geheißen, der ihn seinem erblichen Besitz der Grafschaft Leicester bestätigt, ist er auf das Festland zurückgekehrt, wo er offensichtlich nach einer vorteilhaften Heirat Ausschau hält. Johanna ist um ein gutes Stück älter als er; das stört ihn nicht, aber Blanca sieht sich vor. Unverzüglich begibt sie sich nach Peronne und zwingt Johanna, eine Vereinbarung zu unterzeichnen, in der sie auf jegliche Verbindung mit dem Grafen von Leicester verzichtet. Blanca schlug vorsichtshalber Johanna einen Gemahl ihrer eigenen Wahl vor, nämlich Graf Thomas von Savoyen, Königin Margaretes Onkel, den Johanna, die sich mit dem Wunsch ihrer Oberlehnsherrin abgefunden hatte, akzeptierte.

Ehlers Joachim: Seite 150
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"Geschichte Frankreichs im Mittelalter"

Pierre Mauclerc hatte durch Ludwig VIII. ebenfalls Nachteile erlitten, denn nach dem Tode seiner Gemahlin Alix, Erbin der Bretagne, im Jahre 1221 hatte er die Gräfin Johanna von Flandern heiraten wollen, die in eine Scheidung von ihrem seit Bouvines im französischen Kerker festgehaltenen Gemahl Ferrand eingewilligt hatte.
 
 
 
 

    1211
  1. oo Ferrand von Portugal Graf von Flandern (1216-1233)
           24.3.1188-29.7.1233

    1237
  2. oo 1. Thomas II. Graf von Savoyen
      x      1199-1.2.1259
 
 
 
 

Kinder:
1. Ehe

  Maria
  1231-   1235
 
 
 
 

Literatur:
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Ehlers Joachim: Geschichte Frankreichs im Mittelalter. W. Kohlhammer GmbH 1987 Seite 150 - Le Goff Jacques: Ludwig der Heilige, Klett-Cotta Stuttgart 2000 Seite 112,220 - Favier, Jean: Frankreich im Zeitalter der Landesherrschaft 1000-1515. Deutsche Verlagsanstalt Stuttgart 1989 Seite 196,226 - Leo Heinrich Dr.: Zwölf Bücher niederländischer Geschichten, Eduard Anton Verlag Halle 1832 Seite 87-106 - Pernoud Regine: Herrscherin in bewegter Zeit. Blanca von Kastilien, Königin von Frankreich. Diederichs Verlag München 1991 Seite 25,62,115,132,137,198,200 - Stürner, Wolfgang: Friedrich II. Teil 1: Die Königsherrschaft in Sizilien und Deutschland 1194-1220, Primus-Verlag Darmstadt 1997, Seite 224 - Thorau, Peter: Jahrbücher des Deutschen Reichs unter König Heinrich (VII.) Teil I, Duncker & Humblot Berlin 1998, Seite 109,123-126 - Winkelmann Eduard: Kaiser Friedrich II. 1. Band, Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt 1963, Seite 350,398-409,499,500 - Winkelmann, Eduard: Jahrbücher der Deutschen Geschichte, Philipp von Schwaben und Otto IV. von Braunschweig 2. Buch Verlag von Duncker & Humblot Leipzig 1873, Seite 351,352,365,375,376,381,456,457,508 -



Leo Heinrich Dr.: Seite 88-106
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"Zwölf Bücher niederländischer Geschichten"

Zur Verwaltung seiner Lande in seiner Abwesenheit ordnete Balduin eine Regentschaft, bestehend aus seinem Oheim (dem Bruder Balduins des Mutigen) Wilhelm Herrn von Chateau Thierrey, aus seinem Bruder Philipp von Namur und aus Herrn Bouchard d'Avesnes (dem Sohne Jacques d'Avesnes). Die Sorge für seine Tochter Johanna übertrug er der verwitweten Gräfin von Flandern Mathilde; seine Gemahlin wollte ihm selbst folgen, sobald sie ein zweites Kindbett überstanden hätte [Sie gebar ihm die zweite Tochter Margaretha.]; und nach allen diesen Anordnungen brach er gegen Pfingsten 1202 auf, um nach Venedig zu ziehen.
Da die Kaiserin Maria, die ihrem Gemahl Balduin voraus nach Palästina geeilt war, inzwischen zu Accon gegen Ende Augusts 1203 gestorben war, waren die Erbinnen Balduins in Flandern, seine beiden Töchter Johanna und Margaretha, vielfachen Gefahren ausgesetzt. Von Frankreich war am meisten zu fürchten; dennoch hielt es Philipp von Namur im Einverständnis mit Mathilden für die geratenste Maßregel, zum Schutz der Fräulein, sie von Gent weg und an den französischen Hof unter Vormundschaft des Königs zu bringen [Wenigstens faßte er die Sache so, obgleich seine Heirat mit Marien, der Tochter des Königs, und die Erlassung des noch rückständigen Lösegeldes die Folge war. Allerdings hatte der König als oberster Lehensherr einen Anspruch auf die vormundschaftliche Regierung.]. Fläminger nd Hennegauer waren über diese Maßregel gleich sehr erbittert und entzogen Philipp allen Anteil an der vormundschaftlichen Regentschaft, welche nun Bourchard d'Avesnes allein weiter führte.
Der Zustand, wie er seit der Übergabe der jungen Gräfinnen durch Philipp von Namur  an den König von Frankreich in Flandern stattfand, war in der Tat unleidlich; denn wenn auch Bouchard d'Avesnes den Parteien im Veurnerland und den wiederausbrechenden Geschlechterkriegen in Gent einigermaßen steuerte, war sein Ansehen doch in Hennegau größer als in Flandern, und dies führte vielfach die Leiden, die über ein hererenloses Land zu kommen pflegen. Als dann die verwitwete Gräfin Mathilde (selbst eine portugiesische Prinzessin) im Einverständnis mit dem König von Frankreich die junge Gräfin Johanna an Ferrante, ihren Neffen, den Sohn König Sanchos von Portugal, verlobt hatte, und die Hochzeit im Jahre 1211 zu Paris gehalten worden war, verweigerte der König von Frankreich Ferrante die Belehnung mit Flandern, bis er die Rückgabe von St. Omer und Aire zugesagt hatte; nur die Lehensherrschaften von Guisne und Mortagne sollten von den im letzten Frieden von Peronne wieder an Flandern gekommen Landschaften bei Flandern gelassen werden. Da Ferrante in der Gewalt des Königs war, mußte er sich fügen; auch hielt ihn der Sohn des Königs, Prinz Louis, welcher mit der Grafschaft Artois belehnt worden war, in Peronne so lange fest, bis Aire und St. Omer von den Franzosen besetzt waren. Überall wurde hierauf in Flandern und Hennegau dem Grafen Ferrante und der Gräfin Johanna gehuildigt [Nur die Genter verweigerten die Huldigung so lange, bis Johanna, welche vom Fieber befallen in Douay zurückgeblieben war, selbst kam. Ferrante sei ihr Fürst nicht; er sei nur ihrer Fürstin Gemahl. Ferrante war von Philipp von Namur, Johann dem Castellan von Brügge und Siger dem Castellan von Gent begleitet, hatte aber eben deshalb Raes van Gaveren und Arnulph von Oudenaerde gegen sich, die jenen feind waren; und als er sich von Gent nach Kortryk zurückzog, brachten seine Gegner einen Kriegshaufen in Gent zusammen, und verfolgten Ferrante seiner Begleitung wegen bis in die Nähe von Douay, plünderten und brannten Kortryk, und zogen beutebeladen heim. Als aber Ferrante mit größerem Heer und von Johanna begleitet wieder vor Gent erschien, öffneten die Genter die Tore und zahlten zur Buße für das frühere Benehmen eine sehr bedeutende Summe. Philipp von Namur starb in demselben Jahre mit Hinterlassung eines noch unmündigen Sohnes, Philipp.]
Ihre Schwester Margaretha übergab Johanna Herrn Bouchard d'Avesnes zu Schutz und Aufsicht, welcher ihr in Hennegau einen glänzenden Hofstaat einrichtete [Bouchard war als Knabe in der Zeit, wo sein Vater Jacques sich gegen seinen Lehensherrn, den Grafen von Hennegau, an Flandern anschloß, am flämischen Hofe geblieben, und Graf Philipp hatte ihn in Paris und Orleans studieren lassen. Bouchard war beider Rechte Doctor geworden.]. Er gewann das Fräulein so für sich, daß sie sich mit ihm vermählte. Er hatte aber früher einmal die Weihe als Subdiakon erhalten, und da Johanna dieser Heirat zuwider war, mußte er 1215 fliehen und suchte bei Innocenc III. Dispensation; dieser legte ihm auf als Buße, das Weib zu verlassen und einen Kreuzzug zu unternehmen. Als er nach dem Kreuuzug Margarethen und seine beiden Söhne wieder sah, erklärte er, er wolle sich lieber lebendig schinden lassen, als von ihr gehen [Nach anderen hätte die Heirat mit Johannas Bewilligung stattgefunden, Delewarde p. 395. und nichts habe im Wege gestanden. Auf jeden Fall fand die Heirat statt.].
Im Jahre 1212 änderte die Gräfin Johanna im Einverständnis mit ihrem Gemahl, wahrscheinlich auf Bitten der Genter, die Verfassung der Stadt.
Neue Zwistigkeiten zwischen Frankreich und Flandern brachen im Jahre 1213 aus. Der König forderte von Ferrante die gesetzmäßige Lehenshilfe, welche dieser aber verweigerte, wenn ihm nicht zuvor die mit Unrecht entrisenen Städte Aire und St. Omer restituiert würden. Von Cassel und Ypern bis nach Brügge war alles von einem französischen Heer überschwemmt, während die französische Flotte bei Damme anlegte. Indem erschien eine englische Flotte, geführt vom Grafen William von Salisbury und dem von durch die Franzosen vertriebenen Grafen Rainaud von Boulogne. Der König kam mit einem Landheer zu Hilfe; allein da seine Flotte selbst, nachdem er seine Gegner am heiligen Abend vor Pfingsten zurückgeschlagen hatte, von der See abgeschnitten war, mußte er die Schiffe verbrennen lassen. Auch Damme ließ er niederbrennen; Gent, Brügge und Ypern kauften sich mit großen Summern von der Plünderung frei, nahmen aber des Königs Befehle an; Lillie war verwüstet und die Festungswerke wurden egschleift; Prinz Luois, der Graf von Artois und Gaultier von Chatillon der Graf von St. Pol, dessen Lehensmann, blieben mit einem gewaltigen Reiterhaufen zurück, auch als der König abzog, und nach Douay und Doornik ward Besatzung gelegt.
Sobald der König die Grafschaft geräumt hatte, kam Ferrante, der mit William von Salisbury nach Walcheren gegangen war, zurück, und nahm den Franzosen mit Hilfe der Holländer Lille und Doornik wieder, nachdem Graf Louis Kortryk niedergebrannt hatte. Sofort wandte sich auch der König wieder gegen ihn, und er verließ abermals die Grafschaft, ging nach England, und kehrte von da, von den Grafen von Salisbury und Boulogne begleitet, zurück nach der Grafschaft Artois, wo er einen Versuch auf Aire machte, dann sich vor den Toren von Arras sehen ließ, alles ringsum verwüstete, und sich endlich, als er das Artois verließ, nach Gent begab. Heinrich von Brabant, welcher nach Philipps von Namur Tode dessen Witwe, Prinzessin Marie von Frankreich, geheiratet, hatte sich auf dieser Seite feindlich gezeigt; mit Hilfe der Grafen von Salisbury, Boulogne und Holland belagerte ihn Ferrante in Brüssel, zwang ihn von Frankreich zu lassen, mit ihm selbst gemeinsame Sache zu machen, und seine Söhne Heinrich und Gottfried als Geiseln zu stellen.
Im folgenden Jahre erscheint mit den niederländischen Fürsten gegen Frankreich auch Kaiser OTTO IV. im Bunde. Ferrante empfing ihn prächtig in Valenciennes, und brachte aus Flandern und Hennegau, Heinrich von Brabant aus seinem Gebiet mächtige Heerhaufen zusammen; Waleram von Limburg führte dem Kaiser 700 Ritter zu, auch andere deutsche Reichsfürsten erschienen, und William von Salisbury kam mit einem englischen Hilfszuge. Trotz der Nähe dieses zahlreichen Heeres empörten sich die Einwohner von Doornik gegen Ferrante, und öffneten den Franzosen wieder die Tore. Den Letzteren entgegen zog das deutsche Heer nach Mortagne: sie wichen zurück in der Richtung von Lille, aber die Deutschen folgten, und zwangen den Herzog von Burgund, der die Nachhut führte, in der Nähe von Doornik zum Kampfe; bei Bouvines mußte das ganze französische Heer standhalten (27. Juli 1214). Die Fläminger standen in der Schlacht den Leuten von Champagne und Isle de France unter dem Grafen von St. Pol gegenüber, und unter ihnen zeichneten sich besonders Balduin von Praet und Arnulph van Oudenaerde durch Tapferkeit aus, sodann Hellin von Waurin, der Seneschall von Flandern, Raes van Gaveren und seine Söhne (Arnulph, Philipp und Raes), Philipp und Peter van Mildeghem und die von Bethune, van Ghistellen und van Haveskerke. Trotz ihres Mutes unterlagen sie, Graf Ferrante selbst ward gefangen und der ganze linke Flügel des kaiserlichen Heeres geschlagen; aber er nicht allein, sondern nach eben so wildem Kampfe auch das Mitteltreffen, zuletzt der rechte Flügel unter dem Grafen von Boulogne, der ebenfalls, so wie auch William von Salisbury, den Farnzosen gefangen in die Hände fiel.
Ferrante ward nach Paris, Rainaud von Boulogne nach Peronne, William von Salisbury nach St. Quentin gebracht. Bald nachher kam ein Waffenstillstand zwischen Frankreich und England, in welchen auf Bitten der Gemahlin Ferrantes Flandern eineschlossen ward, auf fünf Jahre zustande. In Hennegau und Flandern hatte die Gräfin Johanna sofort die Regentschaft übernommen, und führte sie mit Hilfe ihr von den Herrentagen der beiden Grafschaften zugeordneten Räte trotz der Gefangenschaft ihres Gemahles und der Verwüstung ihres Landes, auf das tüchtigste [Während Rainauds von Boulogne Gefangenschaft starb seine Gemahlin Ida, und hinterließ nur eine Tochter als Erbin der Grafschaft, Maria, die einem Bastard des Königs von Frankreich verlobt ward, welcher Philipp hieß.].
Das Jahr 1217 verging für Flandern in Ruhe und Frieden; alles, was die Gräfin Johanna durch die Bischöfe von Doornick, Cambray und Therouenne unterhandeln ließ, zu Befreiung ihres Gemahles, war umsonst. Der König erklärte, bei seinen Lebzeiten habe Ferrante Freiheit nicht zu hoffen. Dasselbe gelobte seine Nachfolger Louis, als Johanna bald nach seiner Thronbesteigung im Jahre 1223 ähnliche Unterhandlungen erneuerte. Bei der Adminstration des Landes stand der Gräfin nur ein Ritter zur Seite, welchen Meyer Jodocus ab Materis nennt. Die Zeiten aber der Verwaltung Johannas waren, selbst nachdem der König von Frankreich sie im Besitz der Grafschaft unberuhigt ließ, höchst schwierig, denn im folgenden Jahre forderte der römische König FRIEDRICH (erzürnt auf Flandern wegen der früheren Verbindung des Fürsten mit OTTO) das Aalster- und Waesland, die vier Ambachten und die Inseln ab, unter dem Vorwande, es sei die Belehnung nicht gesucht worden. Mit Mühe gelang es der Gräfin, den jungen HOHENSTAUFEN durch Anführung der unglücklichen Gefangenschaft ihres Gemahles, die an allen Schuld sei, zu beschwichtigen.
Um diese Zeit starb die Gräfin Mathilde (am 6. März 1218) zu Veurne durch einen Fall mit dem Wagen, und jener ganze Teil von Flandern, den sie als Wittum besessen hatte, kam nun wieder unmittelbar an die Gräfin Johanna. Die wußte auch andererwärts den Vorteil der Domäne wahrzunehmen. So tauschte die gegen Besitzungen, die zum Teil außerhalb ihrer herrschaftlichen Territorien lagen, gegen reiche Fruchtzinsen und einen Wald die Castellanei von Cassel von Michael de Harnes ein, und brachte sie unmittelbar zum gräflichen Hausbesitz. In gleicher Weise tauschte sie etwas später (im Februar 1225) das Freie von Brügge für 23.545 livr. 5 sol. 8 den. Paris von der Familie der Castellane von Brügge ein.
Inzwischen gaben ihre Schwester Margaretha und Bouchard d'Avesnes doch den dringenden Vorstellungen nach, die gemacht und durch die Strenge der Kirche fortwährend noch in ihrer Wirkung vertsärkt wurden. Sie trennten sich, und Margaretha heiratete einige Zeit hernach einen edeln, aber wenig begüterten Mann von burgundischem Adel, Guillaume de Dampierre [Guillaumes Vater hieß Gui de Dampierre; seine Mutter Beatrix war die Tochter Archimbalds des Großen von Bourbon.].
Hennegauische Edelleute, die mit der Verwaltung der Gräfin Johanna unzufrieden waren, bewogen 1225 einen Einsiedler, der bei Glanchon in der Nähe von Mortagne lebte, und an Wuchs und Gesichtsbildung dem bei den Bulgaren verschollenen Kaiser Balduin einigermaßen ähnlich war, mit dem Vorgeben aufzutreten, er sei Balduin; zuerst Lille, dann fast ganz Flandern und Hennegau erkannten ihn an, und Johanna wäre in Le Quesnoi fast in seine Hände geraten. In ihrer Not wendete sich Johanna an König Louis von Frankreich, welcher dem Betrüger einen Tag setzte in Peronne, und ihm freies Geleit zusagte. Kühn stellte er sich dem Könige, wurde aber von dem Bischof von Beauvais so durch Fragen über frühere Lebenverhältnisse in Verlegenheit gebracht, daß sein Betrug deutlich sichtbar wurde. Er hatte freies Geleit zur Rückkehr, aber alles wandte sich nun von ihm in Flandern und Hennegau ab; und auf der Flucht, die er versuchte, ward er in Burgund von Everard de Chastenay gefangen und der Gräfin ausgeliefert. Es fand sich, daß er Bertrand de Rains hieß, aus der Champagne gebürtig war, und nachdem er nun als entlarvter Betrüger dem Volk gezeigt worden, ließ ihn Johanna in Lille hängen.
Der Tod Louis VIII. von Frankreich bewog die Gräfin Johanna abermals, ihre Versuche zur Befreiung ihres Gemahls zu erneuern [Meyer zufolge hätte sie diese Versuche noch bei Lebzeiten Ludwigs VIII. wieder begonnen; wahrscheinlich gab ihr die Not, in der sie sich befand durch den Betrüger, Veranlassung und Beschluß ein.], und glücklich gelang es ihr diesmal unter folgenden Bedingungen: daß, falls Ferrante wieder seine Verbindlichkeiten gegen Frankreich breche, ihn der Bann, Flandern das Interdikt treffen solle. Die Zitadelle von Douay solle auf zehn Jahre der Gewalt des Königs übergeben bleiben, und der flämische Adel schwören, den Grafen zu verlassen, falls dieser den Frieden mit Frankreich breche. Welcher vom Adel sich dieses Eides weigere, den solle der Graf aus seinem Lande treiben, dessen Gut solle er konfiszieren, und ihm nur mit Gunst und Gnade des Königs die Rückkehr erlauben; auch sollten die Grafen von Flandern in ihren Städten auf dem linken Schelde-Ufer ohne des Königs Genehmigung keine neuen Befestigungen errichten dürfen [Die Grundlagen dieses Vertrages waren sicher vor Ludwigs VIII. Tode gelegt im April 1226 in Melun. Die wirkliche Ausführung aber des Traktats und die Befreiung des Grafen fanden erst Anfang 1227 statt. Delewarde 1, c. p. 435. Manche Geldzahlung und anderes Drückende, was der Vertrag von Melun noch enthielt, ward hernach erlassen.].
Ferrante hatte bald nach seiner Frielassung Gelegenheit, der Königin Blanca für die Freundlichkeit, mit der sie zu Vermittlung seines Friedens gewirkt, durch treuen Beistand zu danken, den er ihr gegen ihre Widersacher unter den französischen Großen, namentlich gegen den Grafen Philipp von Boulogne, den natürlichen Bruder Louis' VIII., leistete. Unmittelbar nach dem Zuge gegen die Grafschaft Boulogne, und wahrscheinlich durch die Aufreizung des Grafen von Boulogne veranlaßt, brach eine Fehde aus mit dem Herzog von Brabant, welchen Ferrante bei Asche gefangen nahm. Vielleicht wurde diese Fehde aber auch  veranlaßt  durch die Angelegenheit der Grafschaft Namur; denn nachdem Philipps Stamm sehr bald nach seinem Tode mit seinem Söhnchen abging, folgte hier als Erbin Yolanda, die Gemahlin Peters von Courtenay, die Schwester Philipps, und durch sie nach ihrem Tode 1220 zuerst ihr Sohn Philippvon Courtenay, dann ihre Tochter Margaretha, welche mit Heinrich von Luxemburg, Grafen von Vianen, vermählt war. Es scheint, daß auch Ferrante Ansprüche auf die Markgrafschaft, als eröffnetes Lehen, machte; erst im November 1232 kam durch Vermittlung des Grafen Philipp von Boulogne ein Vertrag zustande, der Heinrich im Besitz der Markgrafschaft beließ; nur Vienne und Golesmes trat er an Ferrante und Johanna ab.
Wie Ferrante bis dahin auch für innere Angelegenhiten, besonders für de Anordnung der Verfassung von Gent, sich tätig erwiesen hatte, ist bereits oben angeführt. Am 27. Juli des folgenden 1233.ten Jahres starb Ferrante am Stein zu Noyon.
Bis zum Jahre 1237 ging nun Flandern und Hennegau alles seinen gewohnten Gang in ungetrübter Weise. In diesem Jahre aber kam Kaiser Balduin II. von Konstantinopel, und nahm seine Erbschaft von Vater (Peter von Courtenay) und Mutter (Yolande) in Anspruch; es waren Besitzungen in Champagne und Flandern und die Markgrafschaft Namur, aus welcher er seinen Schwager Heinrich von Vianen verdrängte [Er gab seiner Schwester als Abfindung für Namur bloß 7.000 Livre.]. In demselben Jahre gab die Gräfin Johanna dem Andrängen ihrer Städte nach, und heiratete im Oktober den Prinzen Thomas von Savoyen. Ehe König Ludwig diesem mit der Grafschaft belehnte, mußte er den vonFerrante bei dessen Freilassung eingegangenen Frieden auf 25 Jahre beschwören. Die Heirat verwickelte sofort Johannens Länder in eine Fehde  mit Waleram von Limburg, denn des Grafen Thomas Bruder, Wilhelm, wurde nach Bischof Johanns Tode im Jahre 1236 Bischof in Lüttich, und da Waleram die Waffen gegen ihn wandte, stand ihm der Bruder tapfer treulich bei.
Von dem Jahre 1240 an beginnt dann eine Reihe von Staatshandlungen des Grafen und der Gräfin in Flandern, wodurch sie die Verfassung der einzelnen Städte ordneten, offenbar mit steter Berücksichtigung der früheren Verhältnisse und auf den Wunsch und des Beiorats der Bürger.
In dem folgenden Jahre starb Guillaume de Dampierre, der zweite Gemahl von Johannas Schwester Margaretha, mit welchem diese außer einer Tochter drei Söhne gezeugt hatte: Guillaume, Gui und Jean. Ihr Sohn von Bouchard d'Avesnes, Jean d'Avesnes, heiratete um diese Zeit zu Dordrecht Adelheid, die Tochter Florens IV. von Holland und Schwester des nachherigen römischen Königs WILHELM.
Zwischen die friedlichere Tätigkeit des Grafen Thomas griff eine Fehde ein mit Herzog Heinrich von Brabant, der den früher von seinem Vater Heinrich (um aus der Gefangenschaft frei zu werden) mit Ferrante geschlossenen Vertrag gebrochen hatte; Graf Thomas drang in Brabant ein, nahm Brüssel, und führte Herzog Heinrich und seinen Bruder Gottfried gefangen nach Flandern. Um die Freiheit wieder zu erhalten, ging Heinrich wahrscheinlich mit Thomas einen ähnlichen Frieden ein, wie früher mit Ferrante.
Eben hatten wieder Streitigkeiten in Beziehung auf die Grafschaft Namur begonnen, und Thomas sich der Feste Poilvache und anderer Burgen bemächtigt, als Johanna am 5. Dezember 1244 starb, und in der Abtei von Marquette neben Ferrante bestattet ward. Thomas kehrte reich beschenkt nach Savoyen zurück; Johannas Länder kamen an ihre Schwester Margaretha, die Witwe Dampierres.
 
 
 
 
 


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