Begraben: Vienne, Kathedrale St. Mauritius
Sohn des Grafen
Buvin von Metz, Abt von Gorze und der Richardis
von Arles, Tochter von Graf Boso
Lexikon des Mittelalters: Band II Spalte 477
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Boso von Vienne, König der Provence 15.10.879-7.1.888
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+ 11. Januar 888
Begraben: Vienne, Kathedrale St. Mauritius
Sohn des lothringischen Grafen Biwin, Neffe des Laienabtes Hukbert von St-Maurice d’Agaune und der Gemahlin Lothars II., Theutberga, sowie Bosos, eines Grafen in Italien, stieg durch die Vermählung seiner Schwester Richilde mit KARL DEM KAHLEN (22. Januar 870) im Dienst des Königs zu hohen Ehren auf. 869 erhielt Boso von Vienne die Abtei St-Maurice zugesprochen, 870 setzte ihn KARL an Stelle des verdrängten Grafen Gerhard ("von Rousillon") als Grafen von Vienne ein, 872 bestellte er ihnn zum Kämmerer und magister ostiariorum für seinen Sohn Ludwig, den Unterkönig von Aquitanien, übertrug ihm die Verwaltung dieses Reiches und gab ihm honores des Grafen Gerhard von Bourges. Im Herbst 875 begleitete Boso KARL nach Italien und erhielt wohl zu dieser Zeit die Provence. Auf der Reichsversammlung in Pavia (Februar 876) zum Herzog, sacri palatii archiminister und missus für Italien bestellt und mit der Herzogskrone bekrönt, hatte Boso eine vizekönigliche Stellung inne, die durch seine Vermählung mit Ermengard, der Tochter LUDWIGS II., noch erhöht wurde. 877 gehörte Boso zu jenen westfränkischen Großen, die KARLS zweiten Italienzug mißbilligten, sich gegen den Kaiser verschworen und nach dessen Tod (6. Oktober 877) den Nachfolger Ludwig II. den Stammler zur Anerkennung ihrer Herrschaftsrechte zwangen. 878 begleitete Boso Papst Johannes VIII. zur Synode nach Troyes (September), auf welcher der Papst König Ludwig II. um Unterstützung in Italien bat. Johannes VIII. erkor Boso zum filius adoptivus, scheint aber nicht ihn, sondern Ludwig II. zum Kaiserkandidaten nominiert zu haben (J. Fried). Beim Tode Ludwigs II. (10. April 879) unterstützte Boso mit anderen westfränkischen Großen die alleinige Nachfolge des ältesten Sohnes, Ludwigs III., doch sagte er sich schließlich, legitimistische Gründe vorschützend, von den beiden Söhnen Ludwigs II. los. Im Juli 879 nannte er sich, seine unabhängige Stellung damit umschreibend: "Boso Dei gratia id quod sum" (Poupardin, Actes, Nr. 16). Der Episkopat und die Großen des Rhone-Saone-Raumes wählten ihn am 15. Oktober 879 in Mantaille als Nachfolger Ludwigs II. Die erste "freie" Wahl eines Nicht-KAROLINGERS, in enger Anlehnung an die Bischofswahl vollzogen, wurde durch das Prinzip der Ideoneität legitimiert. Bosos Königreich umfaßte die Kirchenprovinz Arles, Aix, Vienne, Lyon (ohne Langres), wahrscheinlich Besancon, sowie die Diözese Tarentaise, Uzes und Viviers. Nach der Reichsteilung von Amiens (März 880) zogen Ludwig III. und Karlmann gegen Boso, eroberten Macon und die nördlichen Gebiete von Bosos Königreich, vereinigten sich mit KARL III. und belagerten gemeinsam Vienne (August-November 880), das jedoch erst bei einer zweiten Belagerung (August-September 882) durch Bosos Bruder Richard den Justitiar, den Grafen von Autun, erobert wurde. Boso blieb bis zu seinem Tode auf die unmittelbare Umgebung von Vienne, den Kern seiner Herrschaft, beschränkt.
Quellen:
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MGH Cap. II, 90ff., 365-369, nr. 220,284 - R. Poupardin,
Receuil des actes des rois de Provence (855-928), 1920 -
Literatur:
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R. Poupardin, Le royaume de Provence sous les Carolingiens,
1901 - F. Seemann, Boso von Niederburgund [Diss. Halle 1911] - M. Chaume,
Les origines du duche de Bourgogne I, 1925, 257-304 - P. E. Schramm, Herrschaftszeichen
und Staatssymbolik II, 1955, 400-402 - W. Mohr, Boso von Vienne und die
Nachfolgefrage nach dem Tode Karls d. K. und Ludwigs d. St., ALMA 26, 1956,
141-165 - L. Boehm, Rechtsformen und Rechtstitel der burg. Königserhebung
im 9. und 10. Jh., Hjb 80,1961, 1-57 - Dies., Gesch. Burgunds, 1971 - R.
H. Bautier, Aux origines du royaume de Provence. De la sedition avortee
de Boson a la royaute legitime de Louis, Provence hist. 23, 1973, 41-68
- J. Fried, B. v. V. oder Ludwig der Stammler? Der Kaiserkandidat Johannes
VIII., DA 32, 1976, 193-208 - K. F. Werner, Gauzlin v. St-Denis und die
westfrk. Reichsteilung von Amiens (März 880), DA 35, 1979, 395-462.
VI. Generation
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Die Existenz mindestens einer, wenn nicht mehrerer Schwestern
der Engelberga
ist gesichert durch das Diplom Kaiser KARLS III.
von 887 VIII 1 (ed. Kehr, MG Die Urk. d. dt. Karol. 2, 267f., nr. 165),
in dem dieser urkundet für Engelbergas
Mutter Ermengard, Sohn LUDWIG
und dessen Schwestern: ...illi (Hermengardi)
filioque
suo Hludouuico nepoti scilicet nostro, et sororibus eius.
Brandenburg hat in Anmerkungen zu B. VI, 5 auf diese
Urkunde schon hingewiesen, hat aber die mindestens eine weitere "KAROLINGERIN"
unbekannten Namens nicht in seine Tafel aufgenommen, obgleich er von ihrer
Existenz überzeugt ist und sich sogar fragt, ob die mit König
Karlmann verlobte Tochter Bosos wirklich
mit Engelberga identisch ist, oder
ob es sich hier um eine andere Schwester handelt.
Boso gewann unter
KARL
II. DEM KAHLEN, der mit seiner Schwester Richilde
vermählt war, große Macht. Er war Graf von Vienne und Autun,
zeitweise auch von Troyes. 876 zum Herzog in Italien ernannt, entführte
er 877 die Tochter Kaiser LUDWIGS II.
und heiratete sie. Boso wurde Oberbefehlshaber
in Aquitanien und Verweser der Provence durch den königlichen Schwager.
Er besaß herzogliche Befugnisse, bekam die bedeutende Abtei St-Maurice
zugesprochen, die aber die WELFEN gewannen.
Auf Antrieb seiner Gemahlin ließ er sich von den Großen seines
Gebietes in Mantaille bei Vienne 879 zum König wählen und vom
Erzbischof von Lyon krönen. Er war der erste nicht-karolingische
König im Reich KARLS DES GROSSEN
und behauptete sich bis zu seinem Tode gegen KAROLINGER
und WELFEN. Boso
war auch Herr von Septimanien und stritt mit seinem Vetter Theobald von
Arles.
Nach dem Tode Lothars II.
und dem Vertrag von Meersen (August 870) schritt KARL
DER KAHLE in der Provence gegen seinen alten Feind Graf Gerhard
von Vienne mit Waffengwalt ein und ersetzte ihn durch seinen neuen Schwager
Boso.
Im Februar 876 auf einer Reichsversammlung in Pavia wurde er von seinem
Schwager KARL DEM KAHLEN als bevollmächtigter
dux und missus eingesetzt und
Boso
schuf sich eine zusätzliche Legitimation für eine umfassende
Statthalterschaft, indem er alsbald
Irmingard,
die Tochter LUDWIGS II. heiratete.
Er empfing im Mai 878 den aus Rom geflohenen Papst Johannes
VIII. und geleitete ihn ehrenvoll in die Francia. Im Schutz Bosos,
den Johannes VIII. adoptiert hatte und der in Italien vielleicht eine ähnliche
Platzhalterrolle wie 876 für KARL übernehmen
sollte, trat der Papst die Heimreise an. Da sich Hugo der Abt nach dem
Tode Ludwigs des Stammlers weiter an
seinem faktischen Regiment über ein ungeteiltes Westreich festhielt,
provozierte er den Bruch mit dem ehrgeizigen Boso,
der sich im Oktober 879 mit Hinweis auf die fehlende Legitimität der
Ansgard-Söhne
selbst zum König der Rhonelande aufschwang. Seine Proklamation, die
am 25.10.879 in Mantaille bei Vienne im Beisein von nicht weniger als 25
Bischöfen stattfand sowie die anschließende Krönung in
Lyon wurden im politischen Vakuum nach dem Tode Ludwigs
des Stammlers möglich und sollten sichtlich an das einstige
burgundisch-provencalische Königtum des LOTHAR-Sohnes
Karl
(+ 863) im Süden des Mittelreiches anknüpfen. Einen
Bruch mit allem Herkommen und ein Fanal für die Zukunft stellte der
Vorgang deshalb dar, weil hier erstmals jemand, der zwar Schwiegersohn
eines Kaisers und Schwager eines anderen Kaisers, aber der eigenen Herkunft
nach kein KAROLINGER war, einzig unter
Berufung auf Wahl und Salbung als gottgewollter Herrscher innerhalb des
Frankenreiches auftrat und damit, wenngleich begrenzten, Anklang fand.
Die Provokation wurde auch als solche begriffen und löste sogleich
entschiedene Aktionen gegen den "Tyrannen" aus, die westliche und
östliche
KAROLINGER
zusammenführten und in einer vergeblich gebliebenen monatelangen Belagerung
von Vienne durch Ludwig III., Karlmann
und
KARL III. im Herbst 880 gipfelten.
Erst im zweiten Anlauf gelang es Karlmann von
W-Franken und in dessen Auftrag Bosos
eigener Bruder, Graf Richard von Autun, im Sommer 882 die Stadt zu erstürmen
und Bosos Gattin, die Kaiser-Tochter
Irmingard,
gefangen zu nehmen, während der König selbst entkam und bis zu
seinem Tode (11.1.887) eine geschrumpfte Herrschaft in der Provence
aufrechterhielt.
Dümmler Ernst: Seite 64,65,67
*************
"Die Chronik des Abtes Regino von Prüm"
877
Der ältere KARL
zog zum zweitenmale nach Rom, wo er schon längst den Kaisertitel von
Johannes, dem Bischof des apostolischen Sitzes, um einen ungeheuern Preis
erkauft hatte; das italienische Königreich sah er mehr im Vorbeigehen,
als daß er es in Besitz nahm und genoß. Als er von der Stadt
Rom nach Langobardien zurückgekehrt war, gibt er Hirmingarde,
die Tochter des Kaisers LUDOWICH, dem
Boso,
dem Bruder der Königin Richilde,
zur Ehe [Boso, der Neffe des oben (zum
Jahre 866) erwähnten Boso, vermählte sich im Frühjahr 876
mit Hirmingardis, als KARL
von seinem ersten italienischen Zug zurückgekehrt war, ohne dessen
Mitwirkung, nachdem ihn KARL zuvor
in Pavia zum Herzog von Langobardien gemacht und ihm eine Herzogskrone
aufs Haupt gesetzt hatte.]. Der Hochzeitstag wurde mit so großen
Zurüstungen und so prächtigen Spielen gefeiert, daß die
Freuden dieses Festes alles Maß überschritten haben sollen.
Er gab außerdem demselben Boso
die Provence und nachdem er eine Krone auf seinen Scheitel gesetzt, befahl
er ihn König zu nennen, damit er nach der Art der alten Kaiser über
Könige zu herrschen schiene.
879
Boso, dessen wir
kurz zuvor Erwähnung taten, zieht bei der Nachricht von Ludowichs
Tode von der Provence aus und trachtet ganz Burgund in Besitz zu nehmen.
Denn mehrere Bischöfe bewegt er teils durch Drohungen, teils durch
Überredung, mit ihm einen Bündnis zu schließen und wie
bis Lugdunum vorgedrungen, wird er von Aurelianus, dem Metropoliten dieser
Stadt und anderen Bischöfen zum König über das besagte burgundische
Reich gesalbt. Die jugendlichen Söhne Ludowichs
achtete er nämlich für nichts und sah sie als unechte Kinder
an, weil ihre Mutter auf KARLS Befehl
verachtet und verstoßen worden sei. Dieses Unternehmen brachte ihm
vielmehr einen beständigen Schaden an Niederlagen und Gefahren ein,
als einen Gewinn an Ruhm und höherer Würde. Denn die schon genannten
Jünglinge, Ludowech und Karlomann,
wurden durch die emsigen bemühungen des Abtes Hugo und anderer Großer
zur Regierung erhoben und versuchten jenen Boso
all ihr Leben lang mit der größten Ausdauer. Und nicht allein
ihnen, sondern auch den anderen Franken-Königen [KARL
von Alamannien leitete im Herbst 880 in Person und Ludwig
durch
Hilfstruppen den westfränkischen Königen Beistand gegen Boso,
den sie in Vienne belagerten, nachdem sie ihm Macon entrissen.] war in
der Folgezeit sein Name so unerträglich und sie hatten einen solchen
Haß auf ihn geworfen, daß sich nicht bloß ihre Fürsten
und Herzoge, sondern sogar ihre Dienstmannen mit Eiden und Verwünschungen
verpflichteten, ihn unwiderruflich abzusetzen und ihm den Tod zu bereiten.
Er war aber von so scharfsinnigem Geist, daß, obgleich er, wie gesagt,
von vielen Königen und Reichen uinablässig verfolgt wurde, er
dennoch von keinem je gefangen oder umringt werden konnte, und von so großer
Mäßigung, daß, wiewohl seine Anhänger in die Acht
getan und aller ihrer Güter beraunt wurden, er niemals von seinen
Leuten mit Nachstellungen bedroht oder arglistig verraten ward, wenngleich
die Feinde zu beidem oft Versuche machten.
Dümmler Ernst: Band I Seite 724,749,779,840
************* Band II Seite 31,39,53,79-81,87-93,101-103,114-116,123-129,145-147,210,277
"Geschichte des Ostfränkischen Reiches"
KARL schickte alsbald
Boso,
den Sohn des Grafen Buwin an dessen Witwe sowie an deren Schwester,
die Königin Thietberga, ab, um
Richilde,
die Schwester Bosos, sich zuführen
zu lassen, die vermutlich schon früher der Gegenstand seiner Liebe
war. Indem er sogleich das Lager mit ihr teilte, ließ er nur eine
kurze Trauerzeit der äußeren Schicklichkeit halber vorübergehen,
um sich sodann baldmöglich förmlich mit ihr zu vermählen
[In einer undatierten Urkunde KARLS
für Remigius von Lyon (Bouquet VIII, 622) wird als Tag coniunctionis
nostrae IV id. Oct. erwähnt. Hinkmar nennt Thietberga
die matertera Bosos. Sein Vater, der
Graf
Buwin, ist nach Eckharts (comment. de reb. Franciae orient. II, 551)
sehr wahrscheinlicher Vermutung identisch mit dem Biwin,
dem Bruder jenes Grafen Richard
aus dem Ardennengau, der unter LUDWIG DEM FROMMEN
das Amt des Obertürwarts bekleidete und zuden eifrigsten Lotharingiern
gehörte (siehe die Urkunden bei Beyer, Mittelrhein. Urkb. I, 74,78,106,
Leg. I, 246) und kommt im Jahre 857 als Laienabt des Klosters Gorze vor
(Histoire de Metz IV, 31, Urkunde des Adventius, Calmet hist. de Lorraine
I. Preuves col. 307). Vgl. über Bosos
Herkunft Gingins-la-Sarraz, Memoires pour servir a l'hist. de Provence
(Archiv für schweiz. Gesch. VII, 120flg.), der ihn jedoch daselbst
Seite 123 A. 94, 95 mit dem älteren Boso verwechselt. Schon in einer
Urkunde vom 9. Oktober 870 (Bouquet VIII, 630) für St. Denis ordnet
KARL
nach Nennung seiner Gemahlinnen auch pro Boso
et Widone ac reliquis familiaribus nostris Gebete an.]. Boso,
der von väterlicher wie von mütterlicher Seite den vornehmsten
Familien des lotharingischen Reiches angehörte und dessen Gewinnung
daher für die Sicherheit des neuen Besitzes nicht ohne Nutzen war,
wurde seit diesem Bunde mit seiner Schwester der erklärte Liebling
KARLS,
der ihm nicht nur sogleich die Abtei St. Maurice und andere Lehen zur Belohung
übertrug, sondern ihn auch in der Folgezeit zu immer höheren
ja fast königlichen Ehren erhob.
Vienne aber, einen der wichtigsten Plätze des Reiches,
vorzüglich wegen der Verbindung nach Italien, vertraute KARL
seinem neu emporgekommennen Günstling und Schwager Boso
an, indem er ihn zum Grafen daselbst einsetzte (870).
Freilich entsprach es durchaus nicht seinen Absichten,
daß die Kaiserin den WELFEN Rudolf,
Konrads Sohn, in dem Besitz der Abtei St. Maurice anerkannte, wärend
KARL
dieselbe längst seinem Günstling
Boso
geschenkt hatte.
Unter den weltlichen Großen, welche die Satzungen
von Pavia (876) durch ihre Unterschrift bestätigten, erscheint an
erster Stelle der Schwager des Kaisers, Graf Boso,
mit den stolzen Titeln eines Herzogs, Erzministers der heiligen Pfalz und
kaiserlichen Sendboten prangend. Diese neuen Benennungen beziehen sich
auf die neuen Würden, die KARLS
Gunst ihm in Italien übertragen: er wurde nämlich von dem Kaiser
zum Herzog für diese Lande, das heißt für Langobardien
eingesetzt, mit einer herzoglichen Krone geschmückt und beauftragt
als sein Stellvertereter die kaiserliche Autorität daselbst aufrecht
zu erhalten. Wie ungemessen sein Ehrgeiz vorwärts schweifte, zeigte
sich bald darauf, da er es wagte des verstorbenen Kaisers einziges Kind
Irmingard
durch Entführung zu seiner Braut zu machen [Wiewohl Hinkmar (p. 499)
dieses Ereignis in das Jahr 876 setzt, so folgt doch, wie Muratori (Annali
d'Italia a. 877) richtig bemerkt hat aus dem Testament der Kaiserin von
März 877, daß
Irmingard
erst 877 entführt worden sein kann.], um sich dadurch ein Anrecht
auf das hinterlassene Reich zu erwerben, welches die Ansprüche des
westfränkischen Hauses überwiegen sollte.
Wenn aber der Papst hoffte, daß des Kaisers Stellvertreter,
der
Herzog Boso sich dieser Sache annehmen
würde und ihn hierzu kräftig ermunterte, so täuschte er
sich freilich vollständig. Boso
erwies ihm vielmehr dadurch einen sehr schlechten Dienst, daß er
die aus W-Francien im August zurückkehrenden Legaten längere
Zeit bei sich in Pavia zurückhielt, ohne Zweifel, um sie im
Interesse seiner weiteren politischen Pläne zu bearbeiten und zu gewinnen.
Nachdem KARL sich
endlich von seinem Übel wieder genesen war, hielt er sich im Januar
877 in der Pfalz Quierzy, später in Compiegne auf in Gesellschaft
seines Schwagers, des Herzogs Boso,
der seinen jüngst geborenen, doch bald dem Tode geweihten Sohn aus
der Taufe hob.
Welcher Schreck aber mußte den Kaiser erfassen,
als er vernahm, daß sowohl Boso
wie auch der kriegerische Abt Hugo von Tours, Graf Bernhard von Auvergne
und Markgraf Bernhard von Gothien, kurz alle auf deren Beistand er gebaut,
ihn insgesamt im Stiche ließen.
Am Pfingsttage (11. Mai 878) landete der heilige Vater
zu Arles in der Provence und schickte von hier sogleich zum Grafen
Boso, um sich für die Fortsetzung seiner reise nach Lyon
dessen Geleit zu erbitten. Boso war
ein Mann von fähigem Geiste, rastlosen Ehrgeiz, verschlagen und wie
alle diese aufstrebenden Größen zu jdem treubruch bereit, der
ihn auf seinem Wege fördern konnte, war nicht zufrieden durch Richildes
Einfluß und eigene Geschicklichkeit der zweite im westfränkischen
reiche geworden zu sein; die Erwerbung Italiens durch seinen kaiserlichen
Schwager wollte er sich selbst so viel als möglich zu Nutze nmmachen.
Daß er mindestens die Würde eines italienischen Unterkönigs
für sich ins Auge gefaßt, darauf deutetdie erzogliche Stellung,
die er sich von KARL in der Lombardei
übertragen ließ, darauf vor allem die Entführung der Kaisertochter
Irmingard mit dem Beistande BERENGARS
[Ann. Fuld. 878: qui (sc. Buoso) propria uxore veneno extincta filiam Hludowici
imperatoris de Italia per vim rapuerat; Hincmari ann. 876 (Scr.
I, 499): Boso ... Berengarii ... factione
filiam Hludowici imperatoris Hirmengardem,
quae apud eum morabatur iniquo conludio in matrimonium sumpsit. Die Zeitbestimmung
Hinkmars wird durch das Testament Engelbergas
als irrig erwiesen, in dem Ermengarda
unica mea filia im März 878 noch als unvermählt erscheint (Campi
hist. di Piacenzia I, 461). Noch irriger ist die Angabe Reginos (a. 877),
daß KARL selbst auf seinem zweiten
Römerzuge Irmingard Boso zum Weibe
gegeben und die Hochzeit mit übermäßiger Pracht gefeiert
habe. Vielleicht hat Hinkmar hier die beiden Züge (postquam imperator
anb Italia in Franciam rediit) miteinander verwechslt und vermählte
sich Boso zu Ende 877.], für welche
er seine Hand durch Vergiftung seiner ersten Gemahlin frei machte. Freilich
war bis jetzt wenig geschehen, um den Papst für die Unterstützung
solcher Pläne zu gewinnen. Die Zurückhaltung der im Rom sehnsüchtig
erwarteten Legaten Petrus und Leo im Jahre 876, eitle Versprechungen des
Beistandes, denen keine Tat nachfolgte, endlich das verräterische
Benehmen gegen den Kaiser, wodurch unmittelbar dessen klägliches Ende
herbeigeführt wurde. Andererseits besaß aber Boso
an seiner Schwiegermutter
Engelberga,
die ihre angehäuften Schätze gern für kirchliche Stiftungen
verwendete und mit Johann VIII. stets auf vertrauten Fuße stand,
die diesem eine sehr einflußreiche Vermittlerin, und dem Papste mußte
der mächtige Arm willkommen sein, der ihm Hilfe gegen seine Dränger
verhieß und ihm zur Ausschließung der Söhne
Ludwigs des Deutschen die besten Dienste leisten konnte. Grund
genug für den Papst, die Lockungen des Herzogs nicht von der Hand
zu weisen, mit ihm für gewisse Fälle Verabredungen zu treffen,
die mindestens schon auf eine Königskrone zielten, und einen engen
Bund zu schließen, dessen Wirkungen bald zu Tage treten sollten.
Das Bündnis mit Boso
tat sich
zunächst dadurch kund, daß Johann den Metropoliten der Provence
Rosragnus von Arles zu seinem Vikar für Gallien ernannte, ferner legte
er auch zu wiederholten Malen seine Fürsprache für nahe Verwandte
des Herzogs, die Töchter des verstorbenen Grafen Boso und der Ehebrecherin
Engeltrud ein, deren Hinterlassenschaft teils ein Vetter der letzteren,
Graf Matfrid, teils der ostfränkische König
Ludwig selbst an sich gerissen hatten und forderte die Inhaber
zur Herausgabe der Güter auf.
Boso stand zu dem
Könige
Ludwig in diesem Augenblick (September 878) auf ebenso vertrautem
und nicht minder einflußreichem Fuße, als vorher zu Kaiser
KARL. Am Tage nach dem Schlusse der Synode begab sich der König
auf seine Einladung von mehreren seiner vornehmsten Räte begleitet
in sein Haus und wurde hier von ihm und seiner Gemahlin
Irmingard auf das reichste bewirtet und in jeder Weise
geehrt. Auf diesem festlichen Empfang folgte die Verlobung der Tochter
des Herzogs Boso mit Karlmann,
Ludwigs jüngerem Sohne, die zu
den zwei früheren Verschwägerungen dieses aufstrebenden Geschlechtes
mit dem königlichen Hause eine dritte hinzufügte.
Diese Pläne traten jetzt insoweit an das Tageslicht,
als der König dem Herzog Boso
im Verein mit mehreren Bischöfen den Auftrag erteilte, statt seiner
mit bewaffneter Hand den Nachfolger Petri nach Italien zu geleiten und
ihm eine sichere Straße zur Heimkehr nach Rom zu eröffnen. Denn
indem Johann dem, der bisher nur der Vasall eines Franken-Königs war,
keinen geringeren Preis als die Kaiserkrone vorspiegelte, versprach Boso
ihm
sobald es tunlich sei, mit der gesamten Macht des reiches gegen dei feinde
der römischen Kirche zu Hilfe zu ziehen und es wurde diesen gegenseitigen
Bedingungen eine geheime aber feste Verabredung zwischen beiden getroffen.
Der erste Schritt zur Erreichung des gemeinsamen Zieles
mußte darin bestehen, die Lombarden, die noch immer Karlmann
als ihren König anerkannten, von ihm ab und auf dei Seite des neuen
Herrschers von Italien zu bringen. Der Papst begann damit, daß er
die Treue gegen die Franken-Könige bewahrend zu ihnen über die
See gekommen sei, um sie an ihre Pflichten gegen die römische Kirche
zu mahnen, aber aus Ungehorsam seien sie sämtlich ausgeblieben bis
auf Ludwig, den Sohn KARLS.
"Auf
seinen Rat und Vorschlag habe ich den ruhmreichen Fürsten
Boso als meinen Sohn an Kindesstatt angenommen, damit er sich den
weltlichen Händeln, wir uns ungehindert den göttlichen Dingen
zu widmen vermögen. Daher besrebt euch, zufrieden mit den Grenzen
eures Reiches Ruhe und Frieden zu halten, weil wir jetzt und fürderhin
alle in den Bann tun, die sich gegen unsern besagten Sohn zu erheben wagen."
Die Söhne Ludwigs sollten demnach
ihr Anrecht auf Italien durch ihr Nichterscheinen als verwirkt, Boso
als ihren rechtmäßigen Nachfolger betrachten.
Von Troyes, wo Johann nach dem Schluß der Verhandlungen
sich noch einige Wochen aufhielt, zog derselbe Anfang Oktober nach Chalon
und von da immer in Begleitung des Herzogs Boso
und seiner Gemahlin. Boso, der ohne
Zweifel nur eine geringe Streitmacht mit sich geführt, kehrte von
Pavia, bis wohin er den Papst begleitet, in das W-Reich zurück. Indem
der Papst seine aufopfernde Hingebung mit dem höchsten Lobe pries,
erinnerte er den König zugleich daran, daß er ihm versprochen,
dem Herzog Boso eine ausreichende Truppenzahl
zur Bekämpfung der Feinde der römischen Kirche zu üergeben.
Abgesehen von der Unzulänglichkeit der eigenen Hilfsmittel,
welche eine Romfahrt des Grafen Boso
als ein tollkühnes Wagnis erscheinen ließ, hielt bald noch ein
anderer Grund denselben von weiteren Unternehmungen in Italien zurück:
der Thronwechsel im W-Reich nämlich und die daraus sich ergebenden
Aussichten, seine Macht unter einem jugendlichen Herrscherpaare immer schrankenloser
zu erweitern. Denn wie sehr auch der Phantasie
Bosos und vielleicht mehr noch der Eitelkeit seiner Gemahlin
der goldene Traum einer Kaiserkrone schmeicheln mochte, so war er doch
keineswegs geneigt für diesen nichtigen Flitter alles, was er bisher
erworben, auf das Spiel zu setzen. Die Wurzeln seiner fürstlichen
Stellung ruhten in den Rhonelanden, sein Einfluß wurde durch die
Verbindung mit anderen hervorragenden Häuptern des westfränkischen
Volkes verstärkt.
Durch die Vermittlung des Abtes Hugo, der ein Vetter
des verstorbenen Königs war, von dem aufrichtigen Eifer für die
Sache des jungen Prinzen beseelt und daher auch alle übrigen Großen
zur gleichen Gesinnung zu vereinigen strebte, kam zwischen Boso
und Theoderich ein Übereinkommen zu Stande, wonach jener die strittige
Grafschaft Autun, dieser dafür die Abteien erhalten sollte, deren
Einkünfte Boso bisher in diesen
Gegenden bezogen hatte. Nach diesem Abkommen nahm der letztere die Grafschaft
in Besitz, um sie seinem Bruder Richard zu überlassen, zog sich aber
selbst bald darauf, wie es scheint, ganz von der Entscheidung über
die Krone des W-Reiches zurück, ausschließlich damit beschfätigt,
an einer neuen Krone für seine eigenes Haupt zu arbeiten.
Dieser Vasall war Boso,
der Herzog der Provence, den wir anfänglich nach dem Tode Ludwigs
des Stammlers als einen Genossen Hugos und Theoderichs unter
den Getreuen der Königssöhne erblickten. Er befand sich selbst
da noch unter ihnen, als sie den ostfränkischen König durch das
Angebot des halben Lothringens zum Rückzuge bewogen. Eine Zeitlang
hatte der herzog geschwankt, ob er seine Kräfte auf die Beherrschung
der lombardischen Ebene, die Gewinnung der Kaiserkrone wenden oder ob er
fortfahren solle, wie in den letzten Jahren KARLS
DES KAHLEN, als der erste nach dem Könige vorwaltenden
Einfluß im gesamten W-Reich zu üben. Die Verfolgung jenes Zieles
stieß jedoch auf unüberwindliche Schwierigkeiten und die letztere
Stellung mußte Boso mit Hugo
und Theoderich teilen, neben denen er selbst in den Schatten trat Der unbefriedigte
Ehrgeiz des aufstrebenden Herzogs wurde von seiner Gemahlin Irmingard
angefeuert, welche aufgewachsen als das einzige Kind eines Kaisers,
in Wissenschaften sorgfältig unterrichtet und einst zur Herrscherin
von Byzanz bestimmt, das bescheidene Los einer fränkischen Gräfin
nicht ertragen konnte. Sie soll ausgerufen haben, daß sie nicht mehr
leben wolle, wenn sie, eines Kaisers Tochter und Braut, ihren Gemahl nicht
mindestens zum König mache.
Es steht nicht fest, wann Boso
den
Beschluß faßte, sich seinem bisherigem Amtsbezirk zum selbständigen
König aufzuwerfen: der Sommer 879 mag den Vorbereitungen dazu gedient
haben. Wenn er auch auf die provenzalischen Großen vielleicht von
vornherein zählen durfte, so wünschte er doch außerdem
von Burgund diesseits wie jenseits des Jura soviele wie möglich an
sich zu ziehen. Die Erwerbung des westfränkischen Teiles mußten
ihm seine vielfachen Verbindungen im W-Reiche erleichtern, das transjuranische
Burgund dagegen hatte ebenfalls seit längerer Zeit zwischen verscheidenen
Herrschern geschwankt und es schien daher nicht schwer, in diesen Gegenden
festen Fuß zu fassen. Vor allem galt es, de Bischöfe dem Thronwechsel
geneigt zu machen: außer dem Schutze, den
Boso ihnen allen verhieß und an dessen Stelle er im Falle
des Widerstrebens unversöhnliche Feindschaft zu setzen drohte, suchte
er die mächtigeren unter ihnen durch Abteien, Krongüter und Gewährungen
aller Art zu ködern, wie er für manche auch früher schon
beiden fränkischen Königen als ein einflußreicher Fürbitter
zu gleichem Behufe aufgetreten war. Um die stärkeren zu beschenken,
mußten die schwächeren beraubt werden und Boso
trug auch nicht das geringste Bedenken, seine Vasallen mit Klostergütern
oder mit Besitzungen der Reimser Kirche auszustatten. Hatte er doch sogar
das dem päpstlichen Stuhle gehörige Krongut Vendeuvre einem seiner
Getreuen verliehen! Mit solchen Mitteln wurden zuerst die frommen Väter,
dann die habgierige Schar der Vasallen für den Usurpator gewonnen:
es schmeichelte ihren Unabhängigkeitsgelüsten, einen eigenen
König zu haben und sie alle wollten, daß er seine schirmende
Hand über sie halte.
Zu Mantaille, einem Krongut einige Meilen südlich
von Vienne, auf dem sich einst König Karl
öfter
aufgehalten, traten die Bischöfe und die großen Herren der Provence
und eines Teiles von Burgund zur Königswahl um die Mitte des Oktober
zusammen. In dem über diese Verhandlung aufgenommenen Aktenstücke
führen die Kirchenhäupter zuerst aus, wie sie nach dem Tode des
Königs
Ludwig bei der Verlassenheit des Reiches eines Herrschers bedurft
hätten, der sie nach den Vorschriften der Bibel regierte und ihnen
gegen ihre sichtbaren Feinde Schutz gewährte. Indem sie mit den Vornehmeren
des Landes über die Person des zu Wählenden Rat gepflogen, sei
ihnen allen auf ihr brünstiges Gebet zu Gott ein Fürst als der
einzige geoffenbart worden. Derselbe Mann, der schon dem Kaiser
KARL als ein notwendiger Schützer und Helfer zur Seite
gestanden und von seinem Sohne Ludwig
wegen seiner ausgezeichneten Klugheit noch mehr erhöht worden sei.
"Nicht nur Gallien, sondern auch in Italien leuchtete er allen voran, so
daß der römische Papst Johann ihn gleich einem Sohne achtend,
seine lautere Gesinnung mit vielem Lobe pries und auf der Heimkehr nach
seinem Sitze ihn zum Schirm sich erkor. Daher haben sie (die Versammelten)
nach Gottes Willen, unter Zustimmung der Heiligen wegen der drängenden
Not und um der an ihm erprobten Tüchtigkeit und scharfsichtigen Klugheit
willen mit einem einmütigen Entschlusse den erlauchten Fürsten
Herrn Boso, unter Christi Führung,
zu diesem Königsamte aufgefordert und einhellig erwählt. Wiewohl
in Anbetracht einer so großen Aufgabe sich erst geweigert und abgelehnt,
so hat doch endlich als ihm vorgehalten wurde, was Gott und der Kirche
gebüre, gehorsam seinen Nacken gebeugt und sich unterworfen." Die
Unterschriften von 23 Bischöfen sollten diesem am 15. Oktober stattgehabten
Wahlakte zur Bestätigung dienen. Nachdem man sich der Zustimmung Bosos
im voraus versichert hatte, wurde dieser durch eine feierliche Gesandtschaft
der Synode, der er nicht selbst beiwohnte, ersucht, sich über die
Grundsätze seiner künftigen Regierung auszusprechen und es wurden
ihm zugleich Regentenpflichten vornehmlich gegen die Kirche eindringlich
ans Herz gelegt. In seiner Entgegnung sagte der König
Boso zuerst den Bischöfen und Großen Dank, daß
sie ohne sein Verdienst, nur aus Wohlwolen ihm ihre Liebe zugewandt und
erklärte, daß er das ihm angetrageneAmt wegens einer Unwürdigkeit
zurückgewiesen haben würde, wenn er nicht ihre von Gott gewirkte
Einmütigkeit wahrgenommen hätte, der er zu gehorchen habe. Die
ihm gewordenen Belehrungen nahm er mit Frueden an, bekannte seinen katholschen
Glauben, verhieß alle Privilegien der Kirchen zu erhalten und anch
dem Vorbilde der guten Fürsten ihnen Recht und Gerechtigkeit zu bewahren.
Er unterwarf seinen Wandel ihrer Aussicht, wie er auch seinen Hof nach
Gottes Gebot zu leiten versprach, dagegen ersuchte er sie seinerseits um
ihre Fürbitte beim Herrn und um ihren menschlichen Beistand (gegen
die zu erwartenden Angriffe) und ordnete endlich ein dreitägiges Gebet
in allen Kirchen zur Erforschung des göttlichen Willens an. An diese
Wahlhandlung schloß sich die Krönung des Erwählten an,
die im Beisein der übrigen Bischfe in Lyon, der gößten
Stadt des neuens Reiches, von dem Erzbischof Aurelian vollzogen wurde.
Nach diesem glücklichen Erfolge sollte der zweite
in Gondreville beschlossene Feldzug gegen Boso
beginnen. Im Juli 880 brachen die beiden Könige vereint und mit den
deutschen Hilfstruppen von Troyes gegen den Usurpator auf und eroberten
zuerstr das feste Macon an der Saone, das von Bosos
Getreuem Siwald verteidigt wurde. Wahrscheinlich unterwarf sich jetzt
ohne weiteren Widerstand auch Bosos
leiblicher Bruder, der Graf Richard von Autun. Der König
Boso wagte es nicht in diesen burgundischen Landen, in denen
seine Macht noch weniger befestigt war, dem Angriffe seiner Gegner die
Spitze zu bieten: er zog sich vielmehr über die Rhone in seinen alten
Sitz, das feste Vienne zurück. Bei der Annäherung der feindlichen
Heere verließ Boso auch Vienne,
dessen Verteidigung er seiner Gemahlin Irmingard
und seinen Getreuen anvertraute, und begab sich in die Berge. Als sich
KARL
im November zur Kaiserkrönung nach Italien begab, mußte die
Belagerung von Vienne aufgegeben werden.
Im Sommer 882 eröffnete endlich Karlmann
in
eigener Person die Belagerung Viennes von neuem, während gleichzeitig
ein italienischer Graf Berard, des Bonifatius' Sohn, wahrscheinlich auf
Befehl des Kaisers Boso in seinem Gebiete
bedrängte. Diesmal nun führte die Einschließung, wiewohl
der König dieselbe im Stich lassen mußte, wirklich zum Ziele:
das feste Vienne ergab sich im September, Irmingard,
die Gemahlin
Bosos und ihre Tochter
Engeltrud
nahm sein Bruder Richard unter seinen Schutz und führte sie nach Autun,
die Provence aber blieb auch ferner noch in den Händen Bosos
und von seiten des Kaisers erfolgte durchaus keine ernstliche Anstrengung,
sie ihm zu entreißen.
König Boso,
der Begründer dieses Reiches, bis zuletzt erfolgreich in seinem Widerstand
gegen das Haus KARLS DES GROSSEN, hatte
am 11. Januar 887 sein vielbewegtes Leben beschlossen und in der
reich beschenkten Kathedrale von Vienne die ewige Ruhe gefunden.
Werner Karl Ferdinand: Seite 443,445
*******************
"Die Ursprünge Frankreichs bis zum Jahr 1000"
Der "lothringische Graf Boso,
dessen Schwester KARL DER KAHLE schließlich
geheiratet hatte, konnte zwar als "Herzog in Italien" kurze Zeit Einfluß
ausüben, aber die großen Vasallen im westfränkischen Reich
ließen sich auf das italienische Abenteuer nicht mehr ein
Vor seinem letzten Italienzug hatte KARL
DER KAHLE noch eine Reichsversammlung in Quierzy geleitet und
ein Kapitular verkündet, das die Regierung während seiner Abwesenheit
ordnete. Mehrere Große wurden bestimmt, seinen einzigen noch lebenden
Sohn, den jungen Ludwig den Stammler
als Regenten zu unterstützen. Zu ihnen gehörte auch Erzkanzler
Gaulin, Abt von Jumieges, Saint-Amand und Saint-Germain-des-Pres. In KARLS
letzten Jahren war Gauzlin seine Vertrauter, genauso wie Boso
für die Angelegenheiten Lotharingiens, Burgunds und Italiens.
Kurz danach verlor Gauzlin aber sein Amt. Zusammen mit
einigen Grafen, darunter Boso, besaß
Hugo Abbas die vollständige Kontrolle über den kranken König,
der vor seinem Tod am 10. April 879 noch bestimmte, Ludwig
III. allein zum König zu krönen.
Dieses Herrschaftsmonopol von Hugo Abbas führte
zu einer zweifachen Reaktion: Im Süden ließ sich
Boso von sechs Erzbischöfen und 17 Bischöfen, die
in Mantaille bei Vienne zusammentrafen, am 15. Oktober 879 zum König
der Provence und Burgunds wählen. Damit war er der König im einstigen
Gesamtreich, der nicht von den KAROLINGERN
abstammte.
Hofmeister, Adolf: Seite 29-30
****************
"Deutschland und Burgund im frühen Mitelalter"
KARL DER KAHLE hatte
die Verwaltung von Vienne und der Provence seinem ehrgeizigen Schwager
Boso übergeben. Boso hatte
inzwischen die Tochter Kaiser LUDWIGS II. geheiratet
und den geschäftigen und anschlägigen Papst Johann VIII. für
sich zu interessieren gewußt. Er setzte es nach dem Tode Ludwigs
des Stammlers durch, daß eine Versammlung zu Mantaille
bei Vienne ihn am 15. Oktober 879 zum König wählte. Diese Erhebung
richtete sich zunächst gegen die westfränkischen KAROLINGER,
die jungen Söhne Ludwigs des Stammlers,
die auch dann noch in Mitleidenschaft gezogen blieben, als die Neuerwerbungen
ihres Großvaters den ostfränkischen Vettern überlassen
hatten. Denn für Boso hatten sich
auch die Bischöfe von Macon und von Autun erklärt, zweier freilich
auf altem burgundischen Gebiet gelegenen Städte, die aber seit 843
unbestritten zum W-Reich gehörten. So vereinigten sich dessen junge
Herrscher mit dem Kaiser KARL III.
gegen den Empörer. Aber ihn niederzuzwingen, gelang nicht, obwohl
Boso
mit Hinterlassung eines kleinen Knaben starb (11. Januar 887), als
KARL III. noch die Machtfülle KARLS
DES GROSSEN in seiner schwachen Hand vereinigte.
1. oo N.N.
- um 876 vergiftet
876/78
2. oo Ermengard (Irmgard), Tochter des Kaisers
LUDWIG II.
852/55- 896 vor 22.6.
Kinder:
1. Ehe
Willa
-
1. oo Rudolf I. König von Hoch-Burgund
-25.10.912
2. oo 1. Hugo König von Italien
880-10.4.947
2. Ehe
LUDWIG III.
880-5.6.928
Engelberga (Irmgard)
877- nach 1.917
11.9.878
1. oo Karlmann König von Frankreich
866-12.12.884
2. oo Wilhelm I. Herzog von Aquitanien
-6.7.918
Ermengard (Irmgard)
um 880/85-
oo Manasses I. Graf von Chalon
- 918
Literatur:
-----------
Beumann, Helmut: Die Ottonen. Verlag W. Kohlhammer
Stuttgart Berlin Köln, Seite 18,20 - Dümmler Ernst: Die
Chronik des Abtes Regino von Prüm. Verlag der Dykschen Buchhandlung
Leipzig Seite 64,65, 67,106,108,116 - Dümmler Ernst: Geschichte
des Ostfränkischen Reiches. Verlag von Duncker und Humblot Berlin
1865, Band I Seite 724,749,779,828,840; Band II Seite 16,31,39,53, 79-81,87-93,101-103,114-116,123-129,145-147,176,186,210,244,277,315
- Ehlers Joachim/Müller Heribert/Schneidmüller
Bernd: Die französischen Könige des Mittelalters. Von Odo bis
Karl VIII. 888-1498. Verlag C. H. Beck München 1996 Seite 13 - Ennen,
Edith: Frauen im Mittelalter. Verlag C.H. Beck München 1994, Seite
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in ottonischer und salischer Zeit. Franz Steiner Verlag Wiesbaden 1979,
Seite 81 - Hlawitschka, Eduard: Die Anfänge des Hauses Habsburg-Lothringen.
Genealogische Studien zur Geschichte Lothringens und des Reiches im 9.,10.
und 11. Jahrhundert, Saarbrücken 1969, Seite 9,15,23,41,171 - Hlawitschka
Eduard: Lotharingien und das Reich an der Schwelle der deutschen Geschichte.
Anton Hiersemann Stuttgart 1968 Seite 23,27,31-35,37,52,55,59,66,84,87,90-92,95,98,148,183,207,222,229,242-246
- Hlawitschka Eduard: Untersuchungen zu den Thronwechseln der ersten
Hälfte des 11. Jahrhunderts und zur Adelsgeschichte Süddeutschlands.
Zugleich klärende Forschungen um “Kuno von Öhningen”, Jan Thorbecke
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und Burgund im frühen Mitelalter, Wissenschaftliche Buchgesellschaft
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Pierre: Die Karolinger. Eine Familie formt Europa. Deutscher Taschenbuch
Verlag GmbH & Co. KG, München 1991 Seite 217,232,238,245,251,258,260,264,275,295,396
- Schieffer Rudolf: Die Karolinger. W. Kohlhammer GmbH Stuttgart
Berlin Köln 1992 Seite 163,166,168,172-178,181,185,187,199 - Schneidmüller
Bernd: Die Welfen. Herrschaft und Erinnerung. W. Kohlhammer GmbH Stuttgart
Berlin Köln 2000 Seite 67-69,72,74, 80,81 - Schwager, Helmut:
Graf Heribert II. von Soissons. Verlag Michael Lassleben Kallmünz/Opf.
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bis zum Jahr 1000. Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG, München
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