Begraben: Ste-Colombe-les-Ses
Sohn des Grafen
Buvinus, Abt von Gorze und der Richardis
von Arles, Tochter von Graf Boso; Bruder Bosos
von Vienne und Schwager des Königs
KARL II. DER KAHLE
Lexikon des Mittelalters: Band VII Spalte 813
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Richard ‚der Justitiar‘, Herzog von Burgund
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+ 1. September 921
Begraben: Ste-Colombe-les-Ses
Sohn des Grafen Biwin, eines entfernten Nachfahren von Karl Martell (BOSONIDEN), Bruder von Richilde, Gemahlin Kaiser KARLS DES KAHLEN, und des Königs Boso
Richard tritt 876 als Graf in Erscheinung, ist als missus in Italien belegt (877), nahm an der Wahlversammlung für Boso teil, verband sich dann jedoch mit König Karlmann, der ihm die Grafschaft Autun und die Abtei St-Symphorien übertrug (880). Unbekannt ist, ob er an der Belagerung von Vienne beteiligt war, doch wurde seine Schwägerin, die Gemahlin Bosos, seiner Obhut unterstellt. 887 oder 888 heiratete er Adeleidis, die Tochter des WELFEN Konrad II., und folgte Hugo Abbas, dem Bruder Konrads II., als Graf von Auxerre und Laienabt von Ste-Colombe nach. 888 ererbte er 'honores' seines Bruders Boso (+ 887) und fungiert aals Oberbefehlshaber einer Mark (doch trägt er den Titel 'comes et marchio' erst später). Nach der Absetzung KARLS DES DICKEN unterstützte er seinen Neffen LUDWIG bei der Inbesitznahme des Königreiches Provence (890), verbündete sich mit Odo (891), dann mit Karl dem Einfältigen, zu dessen wichtigsten fideles er zählte; bei alledem vermied er es aber, sich in die Konflikte des W-Frankenreiches zu verstricken, und baute seine Macht in dem Teil Burgunds, der zur Francia occidentalis gehörte, geschickt aus. Unterstützt vom Grafen Manasses, der Richards Nichte heiratete, brachte Richard dessen Bruder auf den Bischofssitz von Autun, ließ den Bischof Tedbald von Langres blenden und den Erzbischof von Sens gefangensetzen; auch verfügte er über den Bischofssitz von Auxerre. Er unterwarf die Grafschaften Nevers und Troyes. Seine Siege über die Normannen bei Argenteuil und St-Florentius (892,898) sowie Chartres (911), sein Reichtum und sein Ansehen als 'Jusitiar' verschafften ihm eine Autorität, die den Titel 'dux', den er seit ca. 918 führte, legitimierte; er sah sich in der Lage, die Herzogswürde an seinen älteren Sohn Rudolf (Raoul) weiterzugeben, wohingegen sein jüngerer Sproß, Hugo der Schwarze, die Grafschaften 'jenseits der Saone' ('Outre-Saone') erwerben sollte. Richard 'der Justitiar' hat somit das Herzogtum Burgund begründet.
Literatur:
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M. Chaume, Les origines duduche de Bourgogne, 1925 -
E. Hlawitschka, Die verwandtschaftlichen Verbindungen ... (Fschr. P. Acht,
1976) - K. F. Werner, La genese des duches en Franche et en Allemagne,
Sett. cent. it., 1981 - Ders. Un poeme contemporain ..., Annales de Bourgogne
58, 1986.
Als Schwager KARLS II. wurde
er Graf von Autun, um 880 Herzog von Burgund, Lehnsherr über
Auxerre, Macon, Nevers, Chalons, Duesmois, Alesia, Attuyer und andere Gebiete.
Wegen gleicher Interessen im Rhonegebiet geriet er mit seinem Bruder und
seinen Neffen in Streit und stützte sich besonders auf die Grafen
von Chalon und Troyes, die er sehr förderte. Er unterstützte
die KAROLINGER
und übte zeitweilig
eine Art Vormundschaft über Karl III.
aus, was ihm die Feindschaft der ROBERTINER
und der Grafen von Vermandois einbrachte. 894 ließ er durch seine
Vasallen den Bischof von Langres blenden und unterwarf das Bistum, 895
nahm er den Erzbischof von Sens gefangen und gewann durch Verrat dessen
Stadt. Richard gewann Troyes, Tonnerre,
Langres und Sens dazu und sein Herrschaftsgebiet, verstärkt durch
den Besitz großer Klöster, die er als Laienabt regierte, erstreckte
sich schließlich von Macon und Chalon im Süden über Autun
und Dijon, Auxerre und Langres bis nach Sens und Troyes im Norden. Er baute
somit den mächtigsten französischen Teilstaat auf. 892 und 898
wehrte er die Normannen erfolgreich ab, 911 besiegte er im Bunde mit Robert
von Neustrien und Graf Ebal von Poitou die Normannen bei Chartres
und machte so Burgund zum sichersten Land Frankreichs. 910 stiftete Wilhelm
I. von Aquitanien in Burgund das Kloster Cluny, das zum Ausgangspunkt der
weitreichendsten Reformbewegung wurde.
Dies war die Folge einer weiteren Vertragsklausel von
größter Bedeutung: Odo sanktionierte
tatsächlich die Stellung, die Richard
seit den Jahren 894 und 895 im regnum Burgundiae erreicht hatte. So bezeichnete
man den Teil des fränkischen Teilreichs Burgund, der 843 an W-Franken
gefallen war. Robert
und
Richard
erscheinen nach 898 in den Urkunden Karls
III. mit dem Titel marchio.
Die princeps konnten sich dabei eine dauerhafte Legitimität
sichern, denn ihr Erfolg kam dem ganzen Land und seinen Bewohnern zugute.
Bei Argenteuil-sur-Armancon nahe Tonnerre überraschte Richard
von Burgund am 28. Dezember 898 die Normannen, die gerade mehrere
Klöster geplündert hatten - Beze, Sainz-Florentin, Saint-Vivant.
Er konnte ihnen eine schwere Niederlage beibringen, weil er eine neue Taktik
anwandte: Verfolgung der Normannen auf ihrem Marsch durch Elitereiter und
Übergang zum Angriff, sobald der Feind mit Beute beladen war.
Der Sieg war ein Vorspiel des Triumphs, den die vereinigten
Streitkräfte der Fürsten im Jahr 911 vor Chartres erringen konnten.
Diesmal funktionierte die Nachrichtenübermittlung zwischen den wichtigsten
fränkischen Anführern tadellos. Die Zusammenarbeit zwischen diesen
Fürsten gegen den Reichsfeind war gewährleistet. Chartres, dessen
Verteidigung Bischof Gauciolenus (Gauzhelm) heldenhaft leitete, wurde von
einem starken normannischen Heer belagert. Am 20. Juli 911 erfolgte der
Gegenangriff der zu Hilfe gerufenen und konzentrisch vereinigten Streitkräfte
der
Markgrafen Robert von Neustrien
und
Richard von Burgund, den sein mächtiger
Vasall Manasses begleitete; außerdem beteiligten sich noch die Leute
des Grafen Ebalus von Poitiers. 6.000 Normannen fielen im Kampf. Kein Zweifel,
diese Schlacht zählt zu den wenigen, denen wirklich historische Bedeutung
zukommt.
Dümmler Ernst: Band II Seite 116,146,210,332,383,405
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"Geschichte des Ostfränkischen Reiches"
Nach diesem Abkommen nahm Boso
die Grafschaft Autun in Besitz, um sie dann seinem Bruder Richard
zu
überlassen, zog sich aber bald darauf selbst ganz von der Entscheidung
über das W-Reich zurück.
Wahrscheinlich unterwarf sich jetzt ohne weiteren Widerstand
auch Bosos leiblicher Bruder, der Graf
Richard von Autun, da wir ihn etwas später mit dem König
Karlmann ausgesöhnt finden.
Im Sommer 882 eröffnete endlich
Karlmann in eigener Person die Belagerung Viennes von neuem,
während gleichzeitig ein italienischer Graf Berard, des Bonifacius
Sohn, wahrscheinlich auf Befehldes Kaisers, Boso
in seinem Gebiet bedrängte. Diesmal nun führte die Einschließung
wirklich zum Ziele: das feste Vienne, von Anfang an einer der Hauptsitze
der Macht des Usurpators ergab sich im September, Irmingard,
die Gemahlin Bosos und ihre Tochter
Engeltrud
nahm sein Bruder Richard
unter seinen Schutz und führte sie nach Autun.
Sein Oheim, der Herzog Richard
von Burgund, obschon Untertan des Königs
Odo und seine Mutter Irmingard,
eine Frau von männlichem Scharfsinn sollten im Verein mit den Großen
zunächst statt seiner kindlichen Arme das Steuer des Staates lenken.
Nach Ostern (8. April) rückten Fulko und Heribert
mit ihrem kleinen König gegen Odo
ins Feld, während von der anderen Seite Herzog
Richard von Burgund
und die Grafen Wilhelm von Aquitanien und Adhemar von Poitou
mit starker Mannschaft ihnen begegneten. Für diesmal kam es indessen
zu keiner Entscheidung, da
Odo Unterhandlungen
anknüpfte.
Die Hilfsschar, die ARNOLF
im verflossenen Jahre durch seine lothringischen Vasallen dem kleinen König
Karl mitgab, kehrte unverrichteter Dinge zurück und bald
mußte dieser in Burgund bei dem Herzog Richard
eine Zuflucht suchen, während sein Gegner Francien beherrschte und
ihn auch in Burgund noch zu beunruhigen suchte. Ein trauriger Zustand der
Verwilderung riß durch diese Spaltung in zwei feindliche Heerlager
im W-Reich ein. Da geschah es, daß der Bischof Teutbald von Langres
von Richard, seinem Vertrauten, dem
Grafen Manasses und Rampo, einem Verwandten Fulkos von Reims überfallen
und geblendet wurde. Die ersteren beiden bemächtigten sich später
auch der Stadt Sens (8. Juni 895) und nahmen den Erzbischof Walther gefangen,
von dessen Hand Odo einst zum Könige
gesalbt worden. Wegen dieses Frevels, der von der Partei
Karls
ausging
und gegen Anhänger
Odos gerichtet
war, wurde von dem Papst überdie vornehmen Missetäter der Bann
verhängt.
Ehlers Joachim: Seite 20-22
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"Die Kapetinger"
Als ARNULF im Jahr
darauf Karl den Einfältigen anerkannte,
brach die robertinische Position in
Burgund zusammen, wo Graf Richard von Autun
die Anhänger Odos,
allen voran den Erzbischof Walter von Sens, auf seine Seite zwang und eine
herzogsähnliche Stellung erreichte.
Das zeigt der Chartres gemeinsam errungene Sieg Roberts
von Neustrien, Richards von Burgund
und des Grafen Ebalus von Poitiers über ein großes Normannenheer
im Juli 911.
Eine gewisse Kontinuität der Umstände bei der
westfränkischen Königserhebung zeigt sich daran, daß schon
Odo
888 von einem entsprechenden Wählerkreis erhoben worden war und erst
anschließend die Zustimmung Richards von
Burgund und der Aquitanier gewonnen hatte.
Kienast, Walther: Seite 85
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"Der Herzogstitel in Frankreich und Deutschland (9. bis
12. Jahrhundert)"
Der Begründer des Herzogtums Burgund ist Richard
le Justicier, "der Gerichtsherr" (+ 921). Im Jahre 876 erscheint
er als Graf, wohl von Sens; 880 befindet er im Besitz des großen
Comitats Autun, dem Kerngebiet des späteren Herzogtums; 894 läßt
er durch seine Vasallen den Bischof von Langres blenden und unterwirft
sich das Bistum; 895 nimmt er schließlich den Erzbischof von Sens
gefangen und gewinnt durch Verrat seine Stadt. Schließlich erstreckt
sich sein Herrschaftsgebiet, verstärkt durch den Bsitz großer
Klöster, die er als Laienabt regiert, von Macon und Chalon im S über
Autun und Dijon, Auxerre und Langres bis nach Sens und Troyes im Norden.
Richard ist der Bruder Bosos
von Vienne, des Verräters, der das Königreich Provence
dem legitimen KAROLINGER entriß
und, der erste Usurpator gegen einen Nachkommen KARLS
DES GROSSEN, sich die Krone aufs Haupt setzte. Die Anfänge
Richards,
der dem W-Frankenherrscher die Treue hielt, wurden dadurch begünstigt,
daß der König gezwungen war, die Macht des Grenzgrafen gegen
Boso
zu stärken. Den weiteren großartigen Aufstieg verdankte er allein
seinem unzähmbaren Ehrgeiz, seiner rückhaltlosen Tatkraft und
seiner Kunst der Menschenbehandlung, die eine Reihe tüchtiger Vasallen
mit dem eigenenen Schicksal verband und auf seiner Seite festhielt. Siegreiche
Abwehr der ins Land gedrungenen Normannen (892 und 898), dann die schwere
Niederlage, die er ihnen zusammen mit Robert dem
Tapferen von Franzien und dem Grafen Ebles von Poitou bei Chartres
911 zufügte, bedeckte seinen Namen mit Ruhm und verlieh seinem Gewaltregiment
ein höheres Recht.
Wir haben drei einschlägige Urkunden aus seiner
späteren Zeit, als er seine Herrschaft bereits über eine Anzahl
burgundischer Grafschaften ausgedehnt hatte: eine Notitia für die
Abtei Montieramey signiert er als comes, eine Gerichtsurkunde heißt
ihn nobilissimus nmarchio und erst 918 lautet die Intitulatio eines
Originals: Richardus comes et dux Burgundiae. Dieser erste Beleg
für dux ist zugleich durch den Zusatz Burgundiae zum Titel ein sicheres
Zeugnis für dessen Erweiterung, welche den feudalen Herzog im Gegensatz
zum karolingischen Amtsherzog kennzeichnet.
oo Adelheid von Auxerre, Tochter des Grafen Konrad
II.
um 870- nach 929
Schwester König Rudolfs I. von Hoch-Burgund
Kinder:
Rudolf Herzog von Burgund
vor 890-14./15.1.936
Hugo I. der Schwarze
-17.12.952
Boso Graf von Vitry
-13.9.935
Irmgard
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oo Giselbert Graf von Chalon-sur-Saone
-8.4.936
Richilde
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948/55
oo Leotald II. Graf von Burgund-Macon
-17.9.965
Adelheid
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oo Reginar II. von Hennegau
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Literatur:
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Dümmler Ernst: Geschichte des Ostfränkischen
Reiches. Verlag von Duncker und Humblot Berlin 1865 Band II Seite 116,146,210,332,
383,405,435 - Ehlers Joachim: Die Kapetinger. W. Kohlhammer GmbH
Stuttgart Berlin Köln 2000 Seite 20-22 - Ehlers Joachim/Müller
Heribert/Schneidmüller Bernd: Die französischen Könige
des Mittelalters. Von Odo bis Karl VIII. 888-1498. Verlag C. H. Beck München
1996 Seite 29,36,49 - Hlawitschka, Eduard: Die Anfänge des
Hauses Habsburg-Lothringen. Genealogische Studien zur Geschichte Lothringens
und des Reiches im 9.,10. und 11. Jahrhundert, Saarbrücken 1969, Seite
23,41,171 - Hlawitschka Eduard: Lotharingien und das Reich an der
Schwelle der deutschen Geschichte. Anton Hiersemann Stuttgart 1968 Seite
86,91,95-98,106,118,133-135,139-141, 151,216,241,244-249 - Kienast,
Walther: Der Herzogstitel in Frankreich und Deutschland (9. bis 12. Jahrhundert),
R. Oldenbourg Verlag München-Wien 1968 -
Riche Pierre: Die
Karolinger. Eine Familie formt Europa. Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH
& Co. KG, München 1991 Seite 275,278,289 - Schieffer Rudolf:
Die Karolinger. W. Kohlhammer GmbH Stuttgart Berlin Köln 1992 Seite
176,199, 204 - Schneidmüller Bernd: Die Welfen. Herrschaft
und Erinnerung. W. Kohlhammer GmbH Stuttgart Berlin Köln 2000 Seite
78,80 - Schwager, Helmut: Graf Heribert II. von Soissons. Verlag
Michael Lassleben Kallmünz/Opf. 1994 Seite 98,159,234 - Werner
Karl Ferdinand: Die Ursprünge Frankreichs bis zum Jahr 1000. Deutscher
Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG, München 1995 Seite 467, 470,483,490,
493 -