Siegfried                                                   Bischof von Parma (981-1014)
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    -   1014
 

Sohn des Siegfried II.; Enkel des Herrn Siegfried I. von Canossa
 

Pauler Roland: Seite 67,95,109-115,117
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"Das Regnum Italiae in ottonischer Zeit"

                                 Bischof Sigefred II. (980/81-1014)

Sigefred hat im Verlauf seiner Regierungszeit die Krisenjahre der Unmündigkeit OTTOS III. und den nicht durch unmittelbares Erbrecht vorausbestimmten Herrscherwechsel von OTTO III. zu HEINRICH II. miterlebt, der in Italien gegen König Arduin durchgesetzt werden mußte. Von ihm sind uns auch wesentlich mehr Privaturkunden erhalten, die Aufschluß über politische Wandlung oder Stabilität geben können, als aus der Ägide Huberts.
Sigefred entstammte dem Hause CANOSSA und war wohl ein Neffe des Grafen Adalbert-Atto. Ob er sein Amt allein durch den Einfluß seiner Verwandten erhalten hat, oder ob er von OTTO II. eingesetzzt worden ist, um die Macht des Hauses CANOSSA noch auszubauen, läßt sich nicht mit Gewißheit klären. Doch duiese Möglichkeit würde einerseits durchaus in das politische Programm der OTTONEN bzw. OTTOS II. passen, andererseits weilte OTTO Anfang Dezember 980 in Pavia, und auf seinem Weg nach Ravenna, wo er Weihnachten feierte, kann er Parma besucht und den Bischof eingesetzt haben [B.-M. 833b. Am 28. Dezember 980 stellte OTTO den Kanonikern von Parma eine Urkunde aus - D O II 238 -, was durchaus dafür sprechen würde, daß OTTO Parma besucht hat; allerdings wird in dieser Urkunde kei Bischof von Parma erwähnt.].
Dieser Spekulation könnte allerdings ein Diplom widersprechen, das der Kaiser Sigefred am 13. August 981 in Rocca de Cedici ausstellte, in dem er der Kirche von Parma nur die Privilegien Karlmanns und KARLS III. bestätigte. Es ist schwierig, diese Bestätigungsurkunde politisch zu werten, da einerseits eine Privilegsbestätigung generell ein positives Verhältnis zwischen dem Kaiser und dem Beschenkten andeutet, man sich aber andererseits fragt, warum nur diese zwei Privilegien und nicht auch die späteren, insbesondere das von OTTO I. ausgestellte, erneuert wurden. Die Urkunden Karlmanns und KARLS III. waren längst überholt und hatten für den Bischof, der ja seit OTTO I. 'Pfalzgraf der Stadt' war, keinerlei reale Bedeutung mehr. Es erscheint auch etwas unglaubwürdig, daß Sigefred nur diese beiden Diplome vorgelegt haben soll und nicht auch das wesentlich umfangreichere OTTOS I., zumal er sogar nach Quedlinburg reiste, um es von OTTO III. bestätigen zu lassen. Da in den Kaiserdiplomen keine einzige Ablehnung einer Bitte verbrieft wurde, und es verständlicherweise auch kein Formular für diese Möglichkeit gab, vermute ich, daß Sigefred zwar die Urkunde OTTOS I. vorgelegt, OTTO II. ihm aber die Bestätigung verweigert hat.
Der Hinweis Reinhold Schumanns darauf, daß eine Verleihung der Stadt mit einem Umkreis von drei Meilen in etwa mit der Verleihung der Stadt und Vorstadt, wie sie KARL III. vorgenommen hatte, identisch sei, ändert wohl nichts an der Tatsache, daß die Privilegierung OTTOS II. eine Rücknahme von Rechten darstellte. Schumann vergleicht folgende Auszüge aus den beiden Diplomen: ... tam infra civitatem quam extra ex omni parte civitatis infra tria militaria destinata scilicet atque determinata per fines et terminos, sicuti sunt loca villarum et nominibus defixa castrorum ... aus dem Diplom OTTOS I. mit: ... districtum civitatis et ambitum murorum cum integro suburbio ... aus dem Privileg OTTOS II. Nimmt man nun an, daß in OTTOS I. Urkunde die Vorstadt nicht im Begriff civitas eingeschlossen war, so könnte Schumanns These durchaus stimmen. Der Unterschied zwischen beiden Urkunden jedoch wird erst deutlich, vergleicht man folgende Textstelle aus der Urkunde OTTOS II. ... districtum ipsius civitatis ambitumque murorum cum integro suburbio et omnia que de regio seu augustali iure in eius dominium et potestatem successorum eius ad partem predicte sue ecclesie, sicut superius insertum esse videtur, translata sunt ... mit der entsprechenden aus OTTOS I. Urkunde ... augmentaremus ex his, quae regiae potestati et publiciae functioni debebantur et maxime ex his, quibus eiusdem acclesia lacerabatur ex parte scilicet comitatus, videlicet ut res et familias tam cuncti cleri eiusdem episcopii in quocumque comitatu inventae fuerint ... Die große Differenz zwischen beiden Urkunden liegt nicht nur darin, daß OTTO I. Hubert die Rechte eines Pfalzgrafen über die Stadt einräumte, sondern auch darin, daß er dem Bischof alle, auch die vormals gräflichen Besitzungen unterstellte, OTTO II. Sigefred aber nur die bischöflichen und königlichen bzw. kaiserlichen; vom gräflichen Gut ist keine Rede.
Ganz übersehen hat Schumann in der Diskussion beider Urkunden OTTOS I. Erweiterung der bischöflichen Rechte durch die Befugnis, Notare zu ernennen und vor allem dadurch, daß der Vertreter des Bischofs die Rechte eines missus imperialis erhielt; die politische Effizienz vor allem des letzten Zugeständnisses darf nicht unterschätzt werden.
Mathilde Uhlirz verzichtet leider ebenso wie Pelicelli darauf, diese Rücknahme von Rechten zu diskutieren, und Mori gibt in seinem Aufsatz über die weltliche Herrschaft der Bischöfe von Parma einen kurzen geschichtlichen Abriß der bischöflichen Gewalt über die Stadt, doch findet das Diplom OTTOS I. bei ihm keinerlei Erwähnung. Da auch der Dissertation von Graf über die weltlichen Widerstände gegen die Herrschaft der OTTONEN und ersten beiden SALIER in Reichsitalien nichts über das Verhältnis der Grafen von Parma - aus dem Hause BERARDENGA - zu OTTO II. gezwungen.
Nach Silvio Pivano wandten sich Bernhard, Hugo und Guido, die Söhne des Grafen Mainfred von Parma, gegen OTTO I. und verloren ihr Grafenamt. Als Beweis für diese Aussage führ Pivano ein placitum in Ravanna vom 17. April 967 an, in dessen Protokoll sie ohne den Titel Graf aufgeführt wurden. Die betreffende Textstelle lautet ab der Nennung der weltlichen Teilnehmer: ... et cum eis ressidentibus Odbertus gloriosus marchio et comes palatio, Conradus filius Conradus rex, Bucco dux et vassus imperialis, Adelramus marchio, Amizo comite, Eriprando comite, Atto comite Modenensi, Bernardus et Ugo seo Guidoni germanis filius quondam Mainfredus comite comite (sic!) Parmensis, Gandulfus comite Veronensis, Dato Mediolanensis, Iohannes iudex urbis Rome ... Pivanos Interpretation, die drei Brüder seien zu diesem Zeitpunkt keine Gefahr mehr gewesen, weil nicht jeder als Graf bezeichnet wurde, geht fehl, da sie einerseits völlig nahtlos in der Reihe der comites genannt wurden, andererseits überhaupt als Feinde OTTOS - die sie nach Pivano gewesen wären - an einem Königsgericht in der Gunktion als Beisitzer teilnahmen. Daß nicht jeder comes genannt wurde, liegt an der Nennung mit Herkunft, der Angabe des Vaters. Auf diese Weise erklärt sich vielleicht auch der 'Schreibfehler' comite comite im Original, den Manaresi aus dem Urkundentext schon getilgt und nur in einer Fußnote vermerkt hat. Das comite comite war keinesfalls ein Schreibfehler, sondern notwendig, um sowohl den Vater als auch die Söhne als Grafen zu bezeichnen. Als Übersetzung würde sich anbieten: ... Brüder, Söhne des Grafen Mainfred, Grafen von Parma. Grammatikalische Bedenken gegen diese Übersetzung haben wohl kein Gewicht, da der Gebrauch der Casus in dieser Teilnehmerliste sowieso etwas verworren ist, und der Ablativ comite, der hauptsächlich anstelle des Nominativs gebraucht wurde, zu einem indeklinablen Titel geworden zu sein scheint, aus dem sich dann ja der italienische Titel "conte" durch weitere Verschleifung entwickelt hat. Diese Umdeutung der Teilnehmerliste ist meines Erachtens wesentlich sinnvoller, als die Behauptung, die drei Brüder seien keine Grafen mehr gewesen, denn Hugo wurde später zum Stammvater der Grafen von Cornazzo, und Guido zunächst Vizegraf, dann Graf von Parma.
Nur Graf Bernhard von Parma und Pavia war aus dieser Familie in Ungnade beim Kaiser gefallen und - sicher nach 967 - als Graf abgesetzt worden; für ihn erscheint im Jahre 976 Markgraf Arduin Glabrio von Turin als Graf von Pavia. Bernhards Güter - zumindest die seiner Frau Rolinda, der Tochter König Hugos, und seine Reichslehen - wurden ihm entzogen und zum Teil an den Grafen Giselbert von Bergamo vergeben. Bis spätestens zum 30. Juni 976 rehabilitierte sich Bernhard allerdings bei OTTO II., da er an diesem Tag die Güter seiner Frau Rolinda zurückerhielt und im Gegensatz zur Urkunde OTTOSI. für Graf Giselbert comes genannt wurde. Es fällt auf, daß OTTO die späte Rückgabe der Güter als Schuld der Feinde Bernhards bezeichnete und nicht mehr wie OTTO I. von einem Verbrechen gegen die Majestät des Kaisers, sondern von einer magna accusatio sprach, der Bernhard zum Opfer gefallen war. In diesem Diplom könnte der Grund für eine bevorzugte Behandlung der Familie der BERARDENGA liegen, da OTTO II. die Verdammung Bernhards gleichsam als einen Justizirrtum beklagte, den er wiedergutmachen wollte und zwar auch ob remedium nostris genitoris, was durchaus nachdenkenswert, da nicht unbedingt formularüblich ist. Zunächst wurde nur selten pro remedio ... etwas für Weltliche geschenkt, sondern hauptsächlich für kirchliche Einrichtungen, da man dadurch den Schatz im Himmel vergrößern zu können glaubte, sodann schenkte man nur selten etwas allein zum heil des Vaters; man schloß üblicherweise auch weitere Vorfahren und Verwandte sowie seine Frau und sich selbst mit ein. Schließlich lautete drittens die normale Formel pro remedio animae alicuius. Da in diesem Fall das animae weggelassen wurde, könnte man annehmen, daß OTTO die Urkunde nicht ausstellte, um das Seelenheil des Vaters zu sichern, sondern um eine ganz konkrete Schuld, die Enteignung des Grafen, zu sühnen.
Betrachtet man die Rücknahme der Rechte für den Bischof von Parma nochmals vor dem Hintergrund dieser Urkunde OTTOS II. für Graf Bernhard, so könnte man sie als eine Art Wiedergutmachung für erlittenes Unrecht zugunsten der Grafenfamilie werten.
Die Auswirkungen der Urkunde OTTOS II. für die Kirche von Parma lassen sich leider nur theoretisch behandeln, da keine Quelle über die tatsächlichen Veränderungen Auskunft gibt. Der einzige weitere Quellenbeleg für Sigefred in der Zeit OTTOS II. ist eine Urkunde, in der der Bischof eine Livellarpacht vergab; sie wurde nach Herrscherjahren datiert. Bis zum November 995 wurden die zahlreichen Privaturkunden Sigefreds ohne Herrscherjahr datiert, obwohl der Bischof am 5. April 989 in Quedlinburg von OTTO III. eine Bestätigung von OTTOS I. Diplom erwirkt hatte; realpolitische Hintergründe hatte diese Datierungsformel also nicht.
Wenn wir Sigefred auch sonst kein weiteres Mal bei König bzw. Kaiser OTTO finden, so hängt das wohl nicht mit einer Abneigung oder gar Feindschaft gegenüber dem jungen Herrscher zusammen, zumal er Anfang Februar 997 an der Synode des aus Rom vertriebenen Papstes Gregor V. teilnahm, auf der Crescentius gebannt wurde.
Wie sehr Sigefred den deutschen Herrschern verbunden war, zeigt, daß er, bevor noch HEINRICH II. zum König von Italien gekrönt worden war, nach Deutschland aufbrach, wo ihm von HEINRICH II. am 28. Februar 1003 die Abtei Nonantola geschenkt wurde. Sigefred steuerte somit den gleichen politischen Kurs wie sein Cousin Thedald, Markgraf von Canossa, der ja zu den Vorkämpfern der Herrschaft HEINRICHS II. in Italien gehörte. Am 31. Mai 1004 erhielt Sigefred sodann von HEINRICH die Bestätigung der rechte und Besitzungen seiner Kirche, wie sie ihm von OTTO I. verliehen und von OTTO III.bestätigt worden war. Die Erneuerung der alten Rechte kann ohne Zweifel als ein Lohn für die Treue gewertet werden, und es verwundert nicht, daß sämtliche Urkunden Sigefreds aus der Folgezeit nach HEINRICH II. datiert wurden, wobei mit Sicherheit zumindest in einer, vielleicht sogar in zwei Urkunden von ihm die Herrschaftsjahre nach HEINRICHS Krönung in Aachen berechnet wurden. Siegefreds Kanzlei paßt ihre Jahresberechnung damit der Datierungsweise der königlichen an, was ein Indiz dafür ist, daß der Bischof den deutschen König schon ab seiner Krönung in Deutschland auch staatsrechtlich als König von Italien anerkannte.
Die letzte Urkunde Bischof Sigefreds wurde am 4. März 1014 ausgestellt, und sein Nachfolger Heinrich ist erstmals am 3. Janaur 1015 als Bischof von Parma belegt.



Literatur:
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Hlawitschka, Eduard: Franken, Alemannen, Bayern und Burgunder in Oberitalien (774-962), in Forschungen zur Oberrheinischen Landesgeschichte Band VIII Eberhard Albert Verlag Freiburg im Breisgau 1960 Seite 174 - Pauler Roland: Das Regnum Italiae in ottonischer Zeit. Max Niemeyer Verlag Tübingen 1982 Seite 67,95,109-115,117 -
 
 
 
 
 
 
 


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