Adalbert Atto II.                                     Graf, Herr von Canossa
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    -13.2.988
 

Sohn des Herrn Siegfried von Canossa
 

Adalbert Atto II.gewann die berühmte Burg Canossa, war Vasall der Könige von Italien und Gefolgsmann ("milites") des Bischofs von Reggio. 950/51 schützte er Königin Adelheid, Witwe König Lothars von Italien, vor Berengar II., der ihn belagerte. Von Markgraf Arduin II. von Turin und OTTO DEM GROSSEN, der Adelheid heiratete, entsetzt, wurde er von OTTO sehr gefördert. Er erschien 961/62 als Graf von Mantua, Modena und Reggio und führte zuletzt sogar schon den Markgrafentitel. Er gründete das Chorherrenstift zu Canossa und blieb eine OTTONEN-Stütze.

Trillmich Werner: Seite 348
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"Kaiser Konrad II. und seine Zeit"

Adalbert (+ 988) wurde Vasall des Bischofs von Reggio, der ihm die Burg Canossa am N-Hange des Apennin zu Lehen gab. Dort suchte 951 die Königin-Witwe Adelheid Schutz vor Berengar von Ivrea. Adalberts schneller Anschluß an OTTO DEN GROSSEN brachte ihm reichen Gewinn. Er erwarb die Grafschaften Modena, Reggio, Mantua und Brescia. Nur in den Städten selbst - Mantua ausgenommen - blieben den Bischöfen weltliche Rechte erhalten. Umfangreiche Kirchenlehen erweiterten Adalberts Herrschaftsgebiet nochmals. Da er und seine Nachkommen der Geistlichkeit mit großer Rücksichtslosigkeit entgegentraten, gelang es der Familie allmählich, einen großen Teil ihrer Ländereien zu allodialisieren. Bevorzugte Residenz wurde Mantua, das die Straße von Deutschland über Verona nach Ravenna beherrscht. Die bedeutendsten Erbgüter lagen freilich in der Emilia östlich von Cremona und Piacenza.

Golinelli Paolo: Seite 28-36
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"Mathilde und der Gang nach Canossa"

Adalbert Atto II., der Herr von Canossa, war ein Vasall Bischof Adelhards von Reggio. Zu ihm sandte nun der Kirchenfürst die flüchtende Königin Adelheid. Er war dem verstorbenen König Lothar, der die Kirche von Reggio gefördert hatte, zu sehr ergeben, um zuzulassen, dass die Königin in die Hände ihres Feindes fiel. Adalbert Atto mußte bereits Macht besessen haben, vor allem in militärischer Hinsicht. Seine Familie hatte wohl durch die Hugo von der Provence gewährte Unterstützung an Einfluß gewonnen, als dieser nach Italien gekommen war, um sich 926 zum König krönen zu lassen. Adalbert hatte das künftige Geschick Königin Adelheids in seiner Hand und konnte damit bestimmen, wem das Regnum Italiae und womöglich sogar die Kaiserkrone zufallen sollte. Offenbar im Einvernehmen mit Papst Agapetus II. entschloß sich Adalbert Atto von Canossa nämlich, den deutschen König OTTO I. die Eheschließung mit Adelheid vorzuschlagen. Der König hielt sich damals in Verona, der südlichsten Stadt des Reichs, auf. Adalbert sandte Boten zu ihm, und OTTO zog daraufhin nach Canossa, gegen das inzwischen auch Berengar II. vorgerückt war. Die Burg Canossa mußte die erste Belagerung in ihrer Geschichte bestehen. Die Belagerung zog sich kaum länger als eine Woche hin; sie wurde wahrscheinlich durch den Verrat eines der Belagerer, des Grafen Arduin Glabrio von Turin, beendet, als OTTO I. eintraf.
Nach diesen Ereignissen wuchs die Macht der CANOSSA rasch: Adalbert Atto wird in Urkunden aus den Jahren 958 und 961 als Graf bezeichnet, ohne dass jedoch darin vermerkt ist, um welche Grafschaft es sich dabei handelt: In einem Diplom OTTOS I. zugunsten der Kirche von Reggio Emilia wird er erstmals ausdrücklich "comes Regiensis sive Mutinensis...fidelis noster" genannt, das heißt Vasall (fidelis) des Kaisers, der ihm die Jurisdiktion über die Grafschaft Reggio und Modena übertragen hatte. In einer Urkunde des Jahres 977 wird er auch als Graf von Mantua bezeichnet; gleichzeitig dehnte er seinen Einfluß auf Brescia aus. Manche Quellen nennen ihn Markgraf, nicht weil er die Jurisdiktion über eine Mark innehatte (das heißt ein sehr ausgedehntes Territorium an den Reichsgrenzen oder in anderen strategisch wichtigen Landesteilen), sondern um auf den gewaltigen Umfang seines Herrschaftsgebiets hinzuweisen, der durch den Grafentitel allein nicht hinreichend definiert gewesen wäre. Diese Machtfülle war jedoch nicht nur die Folge eines einzigen, wenn auch wichtigen und günstigen Ereignisses, sondern sie war auch durch eine Vielzahl von Situationen, Unternehmungen und Bündnissen gefestigt und vergrößert worden, die der Historiker nur zum Teil zu rekonstruieren vermag. Adalbert war der erste seines Geschlechts, das mit Klugheit und Geschicklichkeit an seinem Aufstieg arbeitete und Gunstbeweise, Freundschaften, Verwandtschaftsbeziehungen, Würden, Jurisdiktionen und eigenen Grundbesitz Früchte tragen ließ.
Adalbert Atto hatte - man weiß nicht, wann - Hildegard geheiratet, die einem früher sehr mächtigen Geschlecht, den SUPPONIDEN, angehörte, das jedoch zu dieser Zeit bereits im Niedergang begriffen war. Vielleicht hatte er seine um 960 stattfindende Ernennung zum Grafen von Modena, wo ein SUPPONIDE bis 942 das Grafenamt innegehabt hatte, dieser Eheschließung zu verdanken.
Eine Tochter Adalbert Attos, Prangarda, war mit dem Sohn des Graf Arduin Glabrios von Turin vermählt worden. Dadurch war der Grundstein für ein dauerhaftes Bündnis mit einem mächtigen oberitalienischen Geschlecht gelegt.
Von seinen drei Söhnen starb Rudolf noch in jungen Jahren vor seinem Vater; Gottfried wurde Bischof von Brescia und später - anscheinend - von Luni; Tedald trat Adalberts Nachfolge im Grafenamt an, als dieser am 13. Februar 988 starb.
Durch seine Tochter gliedert sich Adalbert Atto von Canossa stärker in den hohen Lehnsadel N-Italiens ein; durch seinen Sohn Gottfried knüpfte er engere Beziehungen zur Römischen Kirche, die mit ihren Institutionen, Riten und Kulten seiner Herrschaft weitere Entfaltungsmöglichkeiten bot.

Hlawitschka, Eduard: Seite 107-109
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"Franken, Alemannen, Bayern und Burgunder in Oberitalien (774-962)"

VII.           ADELBERT-ATTO,

der Ahnherr des Geschlechtes des Markgrafen von Canossa, ein Langobarde, hat seine Laufbahn als Vasall des Bischofs Adalhard von Reggio begonnen. Als solcher trat er 951 das erste Mal in der Geschichte hervor; er nahm die aus der Burg Garda den Wachen Berengars II. entflohene Königin Adelheid, Witwe des 950 verstorbenen Königs Lothar, in seiner Burg Canossa auf und gewährte ihr dort eine sichere Heimstatt, bis sie OTTO DER GROSSE 952 nach Pavia kommen ließ und heiratete. Wenn auch nicht mehr klar erkennbar ist, ob er dabei nur als Organ des Bischofs Adalhard oder aus eigenem Entschluß handelte, so scheint aber doch festzustehen, daß Berengar II. ihn später dafür zu strafen gedachte und in seiner Burg belagerte [Die Belagerung Canossas durch Berengar II. ergibt sich aus Chron. Novalic. lib. V, cap. 11 und Donizo von 227 ff. - Zu diesen Geschehnissen, die zum Teil auch noch aus späteren Quellen rekonstruiert werden müssen, vgl. E. Dümmler, Otto der Große Seite 196,209, 337 und H. Breßlau, Jb. Konrads II., Band 1, Seite 431ff.].
Als Graf ist Adelbert-Atto zuerst in einer Urkunde vom November 958 bezeichnet. Laut dieser verkauft ein Atto, Sohn Attos aus der Grafschaft Parma, seinem consobrinus Adalbertus qui et Atto, filius quondam Sigefredi de comitatu Lucensi, der im zweiten Teil der Urkunde auch comes genannt wird, sechs Massaricier-Liegenschaften im Gebiet von Parma. Da aber diese Urkunde nicht im Original erhalten ist, sondern nur von Muratori der Historia Ecclesiastica Regiensi Fulvii Azarii entnommen wird, bei deren Abfassung auch nur eine von Notaren Guelfonis ducis angefertigte Copie vorlag, kann es höchst fraglich erscheinen - zumal der Comestitel im ersten Teil der Urkunde für Adelbert-Atto nicht vorkommt -, ob der Titel aus späterer Sicht bei den Abschriften lediglich interpoliert worden ist. Fehlt doch auch in der Urkunde über den Gütertausch vom 25. August 961, den Albertus qui et Atto, filius bone memorie Sigifredi de comitatu Lucensi, qui profitebatur lege vivere langobardum, mit dem Archipresbyter Martinus von der S. Michaelskirche in Reggio vornahm, für Adelbert-Atto der Comestitel. So scheint es, daß Adelbert-Atto, der nach Angaben Donizos aus seiner belagerten Burg noch eine Bitte um Hilfe an OTTO richtete, erst nach OTTOS zweitem Erscheinen und seinem endgültigen Machtantritt in Italien (961/62) für die ehedem seiner Gemahlin Adelheid gewährten Hilfe belohnt und mit den Grafschaften Modena und Reggio später auch mit der Grafschaft Mantua ausgestattet wurde. Sagt doch auch Donizo, daß erst OTTO muneribus magnis Attonem ditat et altis, cui nonnullos comitatus contulit ultro.
Und deshalb ist er von diesem Zeitpunkt an immer wieder als Adelbertus qui et Atto comes, filius bone memorie Sigifredi ..., nachzuweisen; das erste Mal am 20. Januar 962 in Reggio, dann am 20. April 962 als Intervenient bei OTTO in Pavia, wo er auch als comes Regensis sive Motinensis ausgewiesen wird, usw. Das letzte Mal wird er im Januar 982 (oder im März 984?) genannt [Auf folgende Belege ist zu verweisen:
C d L Seite 1122, nr. 652 (Reggio 962/Januar 20)
M G D D Otto I. Seite 343, nr. 242 (Pavia, 962/April/20)
C d L Seite 1136, nr. 658 (Reggio 962/Juli/5)
C d L Seite 1144, nr. 662 (Castrum S. Stephani. 962/Oktober/10)
C d L Seite 1146, nr. 663 (Vico Longuo. 962/Oktober/12)
C d L Seite 1156, nr. 668 (Villa Ariole. 963/Februar/8)
C d L Seite 1163, nr. 672 (Reggio. 963/Juli/20)
M G D D Otto I. Seite 381, nr. 268 (Lucca. 964/August/8)
M G D D Otto I. Seite 383, nr. 269 (Lucca. 964/August/9)
C d L Seite 1194, nr. 687 (Pavia. 964/Dezember/6)
C d L Seite 1214, nr. 698 (Gonzaga.966/November/14)
M G D D Otto I. Seite 464, nr. 340 (Ravenna. 967/April/17)
C d L Seite 1218, nr. 700 (S. Severo. 967/April/22)
Piattoli, Le carte di Firenze Seite 47, nr. 16 (Florenz. 967/Juni/25)
C d L Seite 1295, nr. 744 (Vico Arbunco. 973/Februar/14)
Torelli, Le carte Reggiani Seite 170, nr. 65 (Mandria. 976/März/22)
Torelli, Regesto Mantovano Seite 26, nr. 36 (976/Juli/21), dort auch die meisten anderen hier zitierten Urkunden in Regestenform.
C d L Seite 1359, nr. 774 (Venzago. 976/Juli/23)
Falce, Documenti inediti Seite 74, nr. 4 (976/Dezember/11). Falces Datierung auf 961/Dezember ist abzulehnen. Die bruchstückhaft erhaltene Datierung ist nicht mit Falce als Octo gracia Dei imperator augustus, anno imperii eius (in Italia) XI, die mensis de(cember), indictione quarta anzunehmen, sondern wohl auf ... anno imperii eius (nono), XI die mensis de(cembris), indictione quarta abzuändern; daß die Ergänzung "in Italia" unzeitgemäß ist, dazu vgl. die Urkundendatierungen dieser Zeitspanne im C d L.
Muratori, Antiqu. Ital. V Seite 207 (976/Dezember/29)
C d L Seite 1366, nr. 777 (Sirmione. 977/Juni/10)
Torelli, Le carte Reggiani Seite 176, nr. 68 (Sirmione. 980/Mai/23 oder 980/Juni/22)
C d L Seite 1409, nr. 805 (Gonzaga. 981/November/6)
Torelli, Le carte Reggiani Seite 187, nr. 72 (Reggio. 982/Januar/19)
Tiraboschi, Nonantola II Seite 124, nr. 92 (Pavia. 984/März/8).
Doch könnte hier auch der ALEDRAMIDE Otto gemeint sein; vgl. Moriondi, Mon. Aquensia I Seite 9, nr. 7. In den Urkunden seiner Nachfolger wird Adelbert-Atto noch häufig erwähnt, und zwar als marchio. Marchio wird er auch in einem Lektionar der Kirche von Brescia (971-1025), in einer Marginalnotiz des Missale von Modena und in einem Schreiben Papst Pasachals II. genannt; vgl. F. Fabbi, La famiglia degli Attoni di Canossa Seite 42f.].
Er verstarb wahrscheinlich am 13. Februar 988, seine Frau Ildegarda wohl schon sechs Jahre vor ihm [Eine Marginalnotiz im Missale der Kathedralkirche von Modena (sec. IX) lautet: Id. Febr. obiit Ato marchio qui et Adelbertus de hoc seculo ad uitam per indic. I (Bortolotti, Vita di S. Geminiano Seite 119). Die Indiction I deutet auf das Jahr 988. Aus Donizos Angabe (Vita Mathildis v. 588, Seite 363f.) ist das Todesjahr nicht ersichtlich: Mors Ildegardam rapit Idus tertio Sabat. Idus Attonis animam Feabruari tulit olim. Zur Bestimmung des Todesdatums Ildegardas vgl. Bortolotti, a.a.O. Seite 35.
Daß Ildegarda der Familie der (fränkischen) SUPPONIDEN entstammte, wird seit Th. Wüstenfeld immer wieder angenommen; vgl. A. Overmann, Gräfin Mathilde Seite 19. Möglicherweise hat diese Verbindung Adelbert-Attos Aufstieg begünstigt; vgl. oben Seite 95f.].
Seine Anhänglichkeit an OTTO DEN GROSSEN, der Ausbau Canossas und der Aufstieg seiner Familie sind hier nicht mehr zu behandeln.


Pauler Roland: Seite 58,74
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"Das Regnum Italiae in ottonischer Zeit"

Adalbert-Atto, der Sohn des Siegfried aus der Grafschaft Lucca, stieg unter den OTTONEN vom Vasall des Bischofs von Reggio zum Grafen von Reggio, Modena und Mantua auf. In Reggio verdrängte er wohl Giselbert, den Sohn des Grafen Raimund von Reggio, der im Mai 980 ohne Angabe eines Titels urkundete. Es steht nicht fest, ob Adalbert für einen amtierenden Grafen eingesetzt wurde, oder ob er sein Amt nach dem Tode des Grafen Ragimund erhalten hat, bevor noch dessen Sohn nachfolgen konnte. Allerdings ist Ragimund schon am 5. August 931 als Graf belegt und könnte bei OTTOS I. zweitem Italienzug schon lange verstorben gewesen sein, was für eine Absetzung seines Sohnes sprechen würde; letzmals ist Ragimund im Mai 944 als Leiter eines placitum erwähnt. Gleich welche der angebotenen Möglichkeiten tatsächlich eingetreten ist, hat Adalbert sein Amt zumindest gegen die Erbfolge erhalten, wurde von OTTO DEM GROSSENzugunsten Adalberts ein Eingriff in das Verwaltungsgefüge Oberitaliens nachweislich vorgenommen. Der Grund für die Bevorzugung des CANOSSANERS dürfte darin zu suchen sein, daß dieser Adelheid in seiner Burg Canossa vor dem Zugriff Berengars II. bewahrt hatte.
In Modena löste Adalbert möglicherweise das Geschlecht der SUPPONIDEN ab, doch weiß man aufgrund der schlechten Quellenbasis nicht, unter welchen Umständen dieser Wechsel vollzogen wurde; vielleicht blieb die Grafschaft nach Suppos IV. Tod vakant und wurde, ohne die Erbfolge zu unterbrechen, Adalbert übertragen.
Gänzlich unklar sind die Umstände, die zu Adalberts Übernahme der Grafschaft Mantua führten, da wir keine Nachrichten über einen eventuellen Vorgänger haben. Da Adalbert aber erstmals am 23. Mai oder 22. Juni 980 Graf von Mantua genannt wurde, könnte er das Amt nach dem Aussterben des ortsansässigen Grafengeschlechtes erhalten haben. Die Grafschaften Reggio und Modena wurden im Gegensatz zu Mantua schon zwischen dem 25. August 961 und dem 20. Januar 962 - dem Tag der ersten Nennung als comes Regensis sive Motinensis - übertragen. Die Erweiterung seines Einfluß- und Verwaltungsbereiches hatte er wohl einerseits der Kaiserin Adelheid zu verdanken, die ja noch unter OTTO II. größten Einfluß auf die Italienpolitik hatte, andererseits aber auch seiner beständigen Treue gegenüber den deutschen Herrschern.
Bischof Wilielmus von Mantua ist uns nur durch einen Gütertausch bekannt, den er am 10. Oktober 962 mit Adalbert-Atto, dem Grafen von Modena, Reggio und Mantua vornahm. Diese Urkunde wurde am 12. Oktober 962 in einem placitum in Vicolongo, im Gebiet von Reggio, und einem zweiten placitum vom 6. Dezember 964 in Pavia bestätigt.

Bresslau Harry: Band I Seite 431-436
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"Jahrbücher des Deutschen Reiches unter Konrad II."

Vierter Abschnitt

Das Haus der Markgrafen von Canossa

Als der erste deutlich erkennbare hervortretende Ahnherr des Geschlechtes, das man am besten nach seiner Hauptburg das Haus der Markgrafen von Canossa nennt, erscheint Adalbert-Atto. Sein Vater war Siegfried, ein angesehener Mann aus der Grafschaft Lucca, also tuscischer Abkunft, der etwa zu Anfang des 10. Jahrhunderts von dort in die Lombardei auswanderte.
Das berichtet nicht nur Donizo, Vita Mathildis v. 97 ff.
            Atto fuit primus princeps, astatus ut hydra,
            Nobiliter vero fuit ortus de Sigefredo,
            Principe preclaro Lucensi de comitatu ...
            Amplificare volens proprium Sigefredus honorem
            Longobardiam cum natis venit in istam,

sondern auch in zahlreichen Urkunden wird sein Sohn als filius beatae memoriae (oder quondam) Sigefredi de comitatu Lucensi bezeichnet. Nur darf man die Verse Donizos oder die Worte der Urkunden nicht dahin verstehen, daß Siegfried Graf von Lucca gewesen sei; derselbe wird, so oft er auch in Urkunden seines Sohnes erwähnt wird, nie als Graf bezeichnet, und die in italienischen Urkunden außerordentlich oft begegnenden Worte de comitatu N. bei einem Namen deuten, wenn der Titel comes nicht hinzugefügt wird, nur auf die Herkunft, nicht auf Grafenrechte hin. So erscheinen, um aus der großen Zahl nur einige Beispiele anzuführen, Hist. Patr. Mon. XIII, 1146 ein Odgerius de comitatu Astensi, bei della Rena a.a.O. Seite 135 im Placitum zu Reggio Dodo de comitatu Aucensis, Teuzo et Elinandus de comitatu Parmensi, Richelmus de comitatu Brisiense, Willinus de comitatu Bergomense, sämtlich ohne den Titel comes, während gleichzeitig andere Männer als Grafen für alle diese Comitate nachweisbar sind. Diese Bezeichnung nach dem Wohnort ist in Italien bereits im 10. Jahrhundert sehr geläufig; es ist nichts dem Wesen nach verschiedenes, wenn in der zuletzt erwähnten Urkunde neben den Genannten ein Sigefredus de Leviciano, Ugo de Modolona, Adalbertus de Gurgo erwähnt werden.
Siegfried I. hatte nach Donizo a.a.O. drei Söhne:
                       Est primus dictus Sigefredus et Atto secundus,
                       Filius et parvus vocitatur quippe Gerardus.
Von Siegfried II. und Gerard bemerkt er, daß dieselben sich in Parma niedergelassen hätten und hier die Ahnherrn zweier progenies grandes et honore micantes geworden seien, die er als BARATINA und GUIBERTINA bezeichnet. Siegfried II. selbst kann man wohl als identisch mit dem Sigefredus de comitatu Lucensi et filius Sigefredi betrachten, der 962 in einer Urkunde bei Adalbert-Atto genannt wird; eine Tochter von ihm Adelchinda, die mit einem Bugo filius quondam Arioaldi de loco Belusco verheiratet war, vollzieht 973 mit Zustimmung ihres Oheims Adalbert-Atto und ihrer Vettern Teudald und Rodulf ein Rechtsgeschäft. Daß übrigens auch ein Bruder Siegfrieds I., den wir als Atto I. bezeichnen müssen, sich in Parma niedergelassen hat, wahrscheinlich also mit Siegfried I. gleichzeitig aus Tuszien ausgewandert ist, erfahren wir aus einer Urkunde seines gleichnamigen Sohnes Atto III., welcher in derselben unsern Adalbert-Atto als seinen consobrinus bezeichnet. Weiter auf diese Parmensischen Seitenlinien unseres Hauses einzugehen, ist für unseren Zweck nicht erforderlich; ein Zusammenhang derselben mit den späteren bischöflichen Grafen von Parma, wie er oft behauptet worden ist, hat viel Wahrscheinlichkeit, läßt sich aber, soviel ich finde, doch nicht mit voller Sicherheit beweisen.
Adalbert-Atto II., zu dem wir zurückkehren, muß seine Laufbahn als Vasall des Bischofs Adalhard von Reggio begonnen haben (Donizo v. 197); im Gebiet von Reggio lag seine uneinnehmbare Burg Canossa, die er nach Donizo v. 120.121 auf kahlem Fels erbaute, während sie nach Chron. Noval. V,11 ursprünglich dem Bischof gehörte und ihm von Atto mit Gewalt entrissen wurde. Im Jahre 951 tritt er zuerst deutlicher hervor; erkennt man auch nicht völlig, welchen Anteil er an der Befreiung und Beschützung der vor Berengar und Adalbert geflohenen Königin Adelheid genommen hat, so wird man doch soviel den übereinstimmenden Berichten späterer Autoren glauben dürfen, daß er ihr eine Zufluchtsstätte auf Canossa, wahrscheinlich auf Wunsch und die Veranlassung Bischof Adalhards gewährt hat, wofür er hernach eine längere Belagerung seiner Burg durch den rachsüchtigen Berengar zu bestehen hatte.
Wie Otbert I. von Este, so hat demnach auch der Ahnherr des Hauses von CANOSSA im Gegensatz gegen das nationale und im Anschluß an das deutsche Königtum sein Heil gesucht; aber während die späteren ESTENSER dieser Politik untreu geworden sind, verblieben wenigstens die männlichen Nachkommen des CANOSSANERS konsequent bei ihr, und ihr verdankt das Haus nicht zum wenigsten sein schnelles Emporkommen. Schon Atto scheint durch OTTOS Gunst zunächst die Grafenwürde erlangt zu haben. Die Erinnerung daran bewahren der Chronist von Novalese (V, 12) welcher berichtet: denique Atto remuneratur ab OTTONE, quia fidelis et servitor esset uxoris suae, und Donizo v. 344:
                           Muneribus magnis Attonem ditat et altis,
                       Cui nonnullos comitatus contulit ultro.
Dem entspricht es, daß Atto bereits in der ersten Urkunde, in welcher er auftritt, dem früher erwähnten Kaufvertrage vom November 958, mehrfach als comes bezeichnet wird. Auffällig ist es dann allerdings, daß ihm demnächst in einem Tauschvertrag mit dem Propst von Reggio über Güter in comitatu Regense, datiert vom 25. August 961, dieser Titel nicht beigelegt wird. Schwerlich wird das bloß auf Versehen des Notars beruhen, und man kann vielleicht vermuten, daß Berengar eben in dieser Zeit seiner harten Maßregeln gegen alle Gegner seiner Herrschaft auch den treuen Anhängern Adelheids und OTTOS seines Amtes beraubt hat. Daß Atto sich, sobald der deutsche Herrscher Italien wieder betrat, alsbald aufs Neue an ihn angeschlossen hat, begreift man danach leicht; schon am 20. April 962 wird er in einer Urkunde OTTOS als Fürbitter erwähnt (St. 307) und führt hier den Titel inclitus comes Regensis sive Motinensis fidelis noster. In OTTOS Umgebung finden wir ihn auch 964 und 967 (St. 342. 420). Im Winter 975 entsandte er seinen Sohn Thedald nach Rom, der ihm einen Begünstigungsbrief des Papstes Benedikt VII. für das von ihm zu Canossa gegründeten Chorherrenstift erwirkte. Die letzte urkundliche Erwähnung, die ich von ihm kenne, ist vom Jahr 981 datiert; damals hielt Sivret comes et missus domni imperatori zu Gonzaga, also im Gebiet von Mantua, einen Gerichtstag "in caminata majore sala Adelberti comiti", und Adalbert ließ mehrere ältere Urkunden von ihm bestätigen. Über seinen und seiner Gemahlin Ildegarda Tod (von der Herkunft der letzteren weiß man nichts) schreibt Donizo (v. 989. 990), offenbar auf Grund eines Totenbuches von Canossa:
                                               Mors Ildegardam rapit idus tercio Sabat
                                               Idus Attonis animam Februi tulit olim.
Darf man die sehr unklaren Worte so verstehen, daß auch zu dem ersten idus der Monatsname Februar zu ergänzen ist, und darf man weiter aus der engen Verbindung, in welche beide Daten somit gesetzt werden, schließen, daß der Tod beider Gatten in ein Jahr fiel - eine Folgerung, die freilich nichts weniger als sicher ist - so müßte Ildegarda am 11. Februar 982, einem Sonnabend, Atto am 13. Februar desselben Jahres gestorben sein. Ungefähr um diese Zeit muß aber, auch abgesehen von einer so unsicheren Berechnung der Tod Attos fallen.
Donizo (v. 411. 412. 435ff.) erwähnt drei Söhne Attos, Gottfried, Rodulf, Thedald; die Tochter Prangarda, die, wie wir oben (Seite 363) sahen, mit Manfred I. von Turin, aber vielleicht erst nach dem Tode des Vaters vermählt ward, nennt er nicht. Gottfried ist Bischof von Brescia geworden und begegnet als solcher bis zu Ende des 10. Jahrhunderts; Rodulf, den wir noch 973 bei seinem Vater, starb vor demselben an einem 21. Juli (Donizo v. 593. 94). Somit blieb der Erbe von Attos ganzen Besitzungen (Donizo v. 435 ff.): ille Tedaldus,
                            Qui post Attonem totum servavit honorem.

Daß bereits Albert-Atto II. die Grafenrechte in den Comitaten Reggio und Modena erworben hat, ist oben aus einer Urkunde von 962 dargetan worden. Daß es sich dabei wirklich um zwei verschiedene Grafschaften und nicht, wie man aus dem in jener Urkunde und auch sonst gebrauchten Ausdruck comes Regensis sive Motinensis schließen könnte, nur um eine Grafschaft Reggio-Modena handelt, zeigen Urkunden früherer Zeit, so zum Beispiel ein Dokument von 931, in welchem Hugo Graf von Modena und Ragimund Graf von Reggio neben einander erscheinen. Auch darf man nicht glauben, daß durch OTTOS I. Diplom vom 20. April 962 für Bischof Ermenald von Reggio die Grafenrechte Adalbert-Attos beseitigt worden seien. Denn wenn Dümmler als den Inhalt derselben die Verleihung der Grafschaft an den Bischof bezeichnet, so ist das, wie schon anderweitig hervorgehoben ist, nicht ganz genau; der Bischof besaß schon seit 942 die Gerichtsbarkeit in der Stadt und einen Umkreis von drei Miglien (B. R. K. 1411), und wenn nun OTTO I. dem Bischof "omnem terram ipsius comitatus et publicam functionem cum teloneo et stratatico et muris in circuitu et fossato et alveum aquae, a quatuor miliariis, intrinsecus et extrinescus, sursum et deorsum" bestätigt, so ist damit lediglich das Weichbild der Stadt von drei auf vier Meilen erweitert. Derartige Exemitionen der Bischofsstädte und ihres Gebietes von der Grafengewalt haben wir schon mehrfach kennen gelernt; sie sind von den Verleihungen ganzer Grafschaften an die Bischöfe wohl zu unterscheiden. Die Grafschaft Reggio bleibt den CANOSSANERN, um nur ein Beispiel anzuführen, so zeigt das die Urkunde über ein Placitum, das 1001 Teudaldus marchio et comes istius Regiensis comitatus abhielt.
Eine dritte Grafschaft, die schon Albert-Atto erwarb, ist die von Mantua. Selbständige Grafen sind hier seit dem Anfang des 9. Jahrhundert nachweisbar; um die Mitte des 10. nimmt sodann ein Almerich "gloriosus marchio de civitate Mantuae" eine noch nicht hinlänglich aufgeklärte Stellung ein. Dann haben wir aus dem Jahre 977 ein Zeugnis für Attos Waltung; eine zu Sermione am Südende des Gardasees, den also die Grafschaft hier erreichte, ausgestellte Urkunde ist vom Notar unterfertigt "pro data licencia Adelperti qui et Ato comes comit. Mantuanense". Der Bischof war zwar auch in Mantua im Besitz der Immunität und zahlreicher fiskalischer Nutzungsrechte (Zoll, Münze, Marktrecht, Hafengeld u.s.w.), aber zu einer Herrschaft über die Stadt selbst gelangte er nicht; und wie hart das Joch der Markgrafen auf den Bürgern lastete, trotzdem diese früher als die meisten anderen Städte Italiens königliche Freiheitsbriefe für sich zu erwirken verstanden, das erkennt man deutlich aus ihren Beschwerden an HEINRICH III. im Jahre 1055, dem sie "suas miserias et diuturnas oppressiones" klagten, und aus ihren Bitten an Welf und Mathilde im Jahr 1090 um Abschaffung der "exactiones et violantiae non legales" und Restitution der "communes res sue civitati a nostris predescessioribus illis ablatae". Auch daß ein unfreier Eigenmann des Markgrafen Bonifaz als Vicecomes von Mantua begegnet (vgl. Donizo von 993 ff.) ist für die Art und Weise, wie dieser seine Rechte benutzte, bezeichnend und mag nicht ohne Einfluß auf die Beschwerde der freien Bürger dieser Stadt geblieben sein. Der Abt des in der Grafschaft gelegenen Klosters Polirone muß später für seine Besitzungen die Grafenrechte erlangt haben, da 1152 ein comes abbatia erwähnt wird; wahrscheinlich geht das auf eine Urkunde von 1114 zurück, durch welche die Gräfin Mathilde "albergariam et quicquid nobis quolibet modo pertinere videtur in cunctis possessionibus monasterii" dem Kloster schenkt.
 
 
 
 

  oo Ildegarda (Hildegard) SUPPONIDIN
              -11.2.982
 
 
 
 

Kinder:

  Prangarde
        -

  oo Manfred I. Markgraf von Turin
             - um 1000

  Theodald
        -8.5.1015

  Gottfried Bischof von Brescia (970-981)
         - um 998  Bischof von Luni (981-988)

  Rudolf
        -21.7.973
 
 
 
 

Literatur:
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Bresslau Harry: Jahrbücher des Deutschen Reiches unter Konrad II. Verlag von Duncker&Humblot Leipzig 1879 Band I Seite 431-436 - Goez, Elke: Beatrix von Canossa und Tuszien. Eine Untersuchung zur Geschichte des 11. Jahrhunderts, Jan Thorbecke Verlag Sigmaringen 1995, Seite 9,34,54,56,78,88,103,114,120,133,135 - Golinello, Paolo: Mathilde und der Gang nach Canossa, Artemis und Winkler Düsseldorf 1998, Seite 17,20,24,28-36,38,42-46,51-54,75,79,260 - Hlawitschka, Eduard: Franken, Alemannen, Bayern und Burgunder in Oberitalien (774-962), in Forschungen zur Oberrheinischen Landesgeschichte Band VIII Eberhard Albert Verlag Freiburg im Breisgau 1960 Seite 74,91,95,107-109,136 - Pauler Roland: Das Regnum Italiae in ottonischer Zeit. Max Niemeyer Verlag Tübingen 1982 Seite 58,74,112 -
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 


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