Aquitanien
 

Lexikon des Mittelalters: Band I Spalte 828
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Aquitanien
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I. AQUITANIEN IN SPÄTANTIKE UND FRÜHMITTELALTER

Seit Augustus römische Provinz, umfaßte Aquitanien um 400 die Provinzen Aquitanica I und II sowie Novempopulana. Aquitanien galt Salvian als reichster Teil Galliens. Die führende Schicht bildete der senatorische Adel. In Bordeaux bestand eine Hochschule, an der Ausonius lehrte. Das kirchliche Leben war hochentwickelt; der heilige Martin gründete um 360 in Liguge die ersten Mönchsgemeinschaft Westeuropas. Bischof Hilarius von Poitiers bekämpfte den Arianismus. Durch Einfälle der Vandalen, Alanen und Sueben wurde Aquitanien 407/10 schwer betroffen.
Die Westgoten erhielten die Aquitanica II und angrenzende Gebiete, darunter Toulouse. Ihre Siedlung konzentrierte sich um Toulouse und an der mittleren Garonne; der Anteil der Germanen an der Gesamtbevölkerung war gering und dürfte unter 5% gelegen haben. Bis 475 brachten die Westgoten ganz Aquitanien unter ihre Herrschaft. Bevorzugte Residenz der Könige war Toulouse. Die römische Gesellschaftsordnung bestand fort.
Nach dem Sieg Chlodwigs über Alarich II. wurde Aquitanien 507 fränkisch. Die Grenzen zu Septimanien stabilisierte sich um 530 zwischen Toulouse und Carcassonne. Fast alle Westgoten verließen das Land. Fränkische Siedlung erreichte keinen nennenswerten Umfang. Der senatorische Adel wurde zur wichtigsten Stütze der fränkischen Herrschaft. Bischöfe und Grafen entstammten meist der römischen Aristokratie, deren Grundbesitz weiterhin mit Hilfe von Sklaven und Kolonen bewirtschaftet wurde. Römische Munizipalverfassung und römisches Steuerwesen bestanden noch im 7. Jahrhundert. Das römische Recht blieb in der 506 auf der Grundlage des Codex Theodosianus kodifizierten Form der Lex Romana Visigothorum in Geltung. Aquitanien war ein besonders stark von römischer Kultur geprägter Teil des Frankenreiches. Das ungebrochene kirchliche Leben ermöglichte, im 6. Jahrhundert Kleriker aus Aquitanien zur Reorganisation der rheinischen Kirche, vor allem Triers, heranzuziehen. Zur wirtschaftlichen Stärkung erhielten Trier und weitere nord- und ostgallische Bistümer vom König Besitzungen in Aquitanien. Im 7. Jahrhundert wirkten Missionare aus Aquitanien im späteren nordfranzösisch-belgischem Gebiet.
Bei den fränkischen Reichsteilungen wurde Aquitanien nicht als Einheit behandelt, sondern jedes Teilreich erhielt einen Anteil an Aquitanien, anfangs wohl deshalb, weil Aquitanien nicht hinreichend gesichert war, später wegen seiner wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit. Das Schwinden eines aquitanischen Gemeinschaftsbewußtseins im 6. Jahrhundert dürfte auch auf die Teilungen zurückgehen. Der Name Aquitanien verschwand fast vollständig aus den Quellen. Die Bildung eines Teilreiches in Mittel- und S-Aquitanien für Charibert II. (629-632) und die Entstehung eines Grenzdukates in Toulouse bildeten Ansatzpunkte für die Wiederentstehung Aquitaniens als politische Einheit im letzten Viertel des 7. Jahrhunderts, als dessen erster Herzog Lupus (um 672) greifbar ist.
Um 580 drangen heidnische Basken in das Gebiet zwischen Pyrenäen und Garonne ein, das sich trotz militärischer Anstrengungen der Franken als Vasconis (Gascogne) verselbständigte. Wohl als Folge der baskischen Landnahme verschwanden die Bistümer Lescar, Oloron, Dax und Bazas. Intensive baskische Siedlung fand nur im Pyrenäenvorland statt, die übrige Gascogne blieb romanisches Sprachgebiet.
Das Gebiet der Herzöge von Aquitanien, die sich wohl um 675 stark verselbständigten, dehnte sich vor 720 bis Poitiers, Bourges und Clermont aus. Auf der territorialen Grundlage des Herzogtums entstand eine neue gens, deren Angehörige in fränkischen Quellen bis 768 als Römer (Romani) bezeichnet werden. Herzog Eudo wurde um 718 von Chilperich II. und dem Hausmeier Raganfred als princeps anerkannt. Eudo schlug 721 vor Toulouse die Araber zurück. Infolge des Erstarkens der fränkischen Macht unter den karolingischen Hausmeiern begannen 735 Versuche, Aquitanien dem Frankenreich zu unterwerfen. Während der Feldzüge gegen Herzog Hunald und seinen Nachfolger Waifar wurde das Land von den Franken systematisch verwüstet, um durch Schädigung der Wirtschaft den Widerstand zu brechen. Ihren Höhepunkt erreichten die Kämpfe 760-768.
König Pippin gelang 768 die Wiedereingliederung Aquitaniens ins Frankenreich. Der größte Teil des Gascogne blieb jedoch faktisch selbständig. Zur Sicherung der Herrschaft wurden fränkische Bischöfe, Äbte und Grafen sowie Vasallen in Aquitanien angesiedelt. Die Bildung der Erzbistümer Bourges und Bordeaux diente der Reorganisation kirchlichen Lebens. Die Einrichtung des Unterkönigtums, des regnum Aquitanien, als dessen erster König 781 LUDWIG DER FROMME gesalbt wurde, entsprang wohl dem Wunsch, den Autonomiebestrebungen der autochthonen Bevölkerung entgegenzukommen als auch der Notwendigkeit der Zusammenfassung der Kräfte für den Kampf gegen die Araber sowie einer wünschenswerten administrativen Dezentralisation. Dabei wurden Septimanien und Teile des späteren Katalonien mit Aquitanien vereinigt, das Pippin I. (814-838) regierte. Seit 840 steigerten sich die Einfälle der Normannen, die weit ins Land eindrangen und fast alle Städte plünderten. Besonders das Küstengebiet wurde teilweise entvölkert; Handel und Städtewesen, die in den ersten Jahrzehnten des 9. Jahrhunderts wiederaufgelebt waren, litten schwer. Der letztlich erfolglose Versuch Pippins II. (838-852/64), sich gegen KARL DEN KAHLEN zu behaupten, führte zum Bürgerkrieg, in dessen Verlauf Aquitanien in Anarchie versank. Das Unterkönigreich wurde 877 aufgehoben, doch entzog sich Aquitanien seit dem Tode KARLS III. weitgehend der Herrschaft des westfränkischen Königs. Graf Ramnulf II. von Poitiers scheint an eine Königskandidatur gedacht zu haben, starb aber schon 890. Am Ende des 9. Jahrhunderts waren die rivalisierenden Grafenfamilien von Toulouse und von Poitiers die mächtigsten Herren in Aquitanien, in dem nach dem Rückgang normannischer Einfälle der Aufbau begann.

II. AQUITANIEN UNTER DER HERRSCHAFT DES HAUSES POTOU

Im Kampf der beiden konkurrierenden Häuser TOULOUSE und POITOU behauptete sich um die Mitte des 10. Jahrhunderts das poitevinische Geschlecht, das auf Ramnulf II. zurückgeht. Es erlangte mit Wilhelm III. Werghaupt (Tete d'Etoupe + 963) die herzogliche Stellung. Wilhelm IV. Eisenarm (Fierabras + 995) und Wilhelm V. der Große (995-1030) legten sich den Titel totius Aquitaniae monarchus bei. Als Herrschaftsraum und Einflußgebiet betrachteten sie Poitou, Auvergne, Limousin, Saintonge, Angoumois und Perigord. Bei aller Selbständigkeit war den Fürsten von Poitou ihre Unterstellung unter die Oberherrschaft der KAPETINGER bewußt. Um die Mitte des 11. Jahrhunderts fiel die Erbfolge im Herzogtum Gascogne durch Heirat und nach Auseinandersetzung mit den Grafen von Armagnac an das Haus POITOU, das unter Wilhelm VIII. (Guy Geoffroy, + 1086) beide Herzogtümer vereinte (1032-1058). Seine Nachfolger, Wilhelm IX. und Wilhelm X., die nun Herren von Poitiers wie von Bordeaux waren, hatten den ehrgeizigen Plan, ihre Macht auf die Grafschaft Toulouse auszudehnen. Nach dem Tod Wilhelms X. (+ 1137) heiratet dessen Erbin Eleonore von Aquitanien König Ludwig VII. von Frankreich; doch die Scheidung dieser Ehe und die 2. Heirat Eleonores mit Heinrich II. Plantagenet (1152), der 1154 englischer König wurde, leitete die Personalunion Aquitaniens mit England ein, die drei Jahrhunderte dauern sollte.

III. HERZOGTUM UND FÜRSTENTUM IN ENGLISCH-FRANZÖSISCHEN AUSEINANDERSETZUNGEN

Die politische und territoriale Geschichte des anglogascognischen Aquitanien war sehr bewegt, bedingt durch den permanenten Gegensatz zwischen dem Haus PLANTAGENET und dem französischen Königen, die ihre Ansprüche auf Aquitanien nie aufgaben. Nach verheerenden Kriegen wurde Johann Ohneland in einem gegen ihn von König Philipp II. August eröffneten Prozeß vor einem Lehnsgericht seiner Lehen für verlustig erklärt; Philipp August führte einen Feldzug gegen Poitou und Saintonge (1204). Nachdem England durch die Schlacht bei Bouvines (1214) bereits den größten Teil seiner Festlandsbesitzungen (bis auf die Gascogne und Guyenne) verloren hatte, besetzte Ludwig VIII. 1224 das Poitou mit La Rochelle. Ludwig der Heiligegab im Vertrag von Paris 1259 Heinrich III. alle aquitanischen Lehen gegen Lehnseid zurück, der vom englischen König für Aquitanien lange nicht mehr geleistet worden war. Mit Philipp dem Schönen brach erneut der offene Konflikt aus; 1294-1303 wurde Aquitanien abermals von den Franzosen besetzt. Ein häufig angewandtes Instrument, um das Eingreifen des Königs von Frankreich in Aquitanien zu legitimieren, waren die Appellationen aus Aquitanien bzw. der Guyenne an das Parlament in Paris. Als die Frage der englischen Erbfolge in Frankreich den englisch-französischen Konflikt erneut aufflammen ließ, bildete Aquitanien einen der Hauptschauplätze des Krieges. Gegen 1328 wurde das Herzogtum auf die Gebiete um Bordeaux und Bayonne beschränkt. Nach dem Sieg von Poitiers und dem Frieden von Bretigny (1360) erhob Eduard III. das gesamte, von ihm eroberte Herzogtum zum Fürstentum, das sein Sohn Eduard, der Schwarze Prinz, erhielt. Aber diese territoriale Neuschöpfung zerfiel bald unter den Schlägen Karls V. und seines Heerführers Du Guesclin, die durch die gascognischen Barone ins Land gerufen worden waren (1368-1372). Nach einer neuen Periode von Kämpfen erfolgte unter Karl VII. der Abschluß der Eroberung des Herzogtums: Bordeaux kapitulierte 1451, wurde jedoch noch einmal von den Engländern unter Talbot besetzt, um 1453 nach der Schlacht von Castillon endgültig von Frankreich erobert zu werden. Die Guyenne wurde der Krondomäne eingegliedert, mit Ausnahmen der Jahre, in denen Charles de France, der Bruder Ludwigs XI. das Herzogtum beherrschte (1469-1492).
 
 
Eudo  688- 735
Hatton   735-736
Hunold   735-744/768-771
Waifar  745-768

HAUS SEPTIMANIEN
 
Bernhard Plantevelue   866- 885/86
Wilhelm I. der Fromme   885/86- 918
Wilhelm II. der Jüngere  918- 926
Acfred  926- 927

HAUS POITOU
 
Wilhelm III. Werghaupt   932- 963
Wilhelm IV. Eisenarm  963- 993
Wilhelm V. der Große   993-1030
Wilhelm VI.  1030-1038
Odo  1038-1039
Wilhelm VII. Aigret  1039-1058
Wilhelm VIII.  1058-1086
Wilhelm IX. le Jeune  1086-1126
Wilhelm X.  1126-1137

 
 
 


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