Lexikon des Mittelalters:
********************
Skythen, Skythien
----------------------
Sammelbegriff für iranische Steppenvölker und
deren Herrschaftsgebiet, die seit dem 8. Jh. v. Chr. aus Innerasien in
den Schwarzmeerraum vorstießen und die sprachverwandten Kimmerier
verdrängten.
Seit dem 5. Jh. v. Chr. kam es unter der Führung der 'Königsskythen'
zur Bildung eines Großreiches, das in regem Handels- und Kulturaustausch
mit der griechischen Welt stand. Seit dem 3. Jh. v. Chr. von den aus dem
Osten nachrückenden Sarmaten bedrängt, erlagen die Skythen
erst in der 2. Hälfte des 3. Jh. n. Chr. endgültig dem Ansturm
der Goten und gingen in den
umwohnenden Völkern auf.
Wenn gleichwohl die Bezeichnungen Skythen (griechsich
Skythai, lateinisch Scythae) und Skythien (griechsich Skythia, lateinisch
Scythia) in den griechischen und lateinischen Quellen für mehr als
ein Jahrtausend überdauerten, so war das vor allem auf die ausführlichen
Berichte von Hekataios von Milet (um 500 v. Chr.) und Herodot (ca. 485-425
v. Chr., Hist. 4, 1-82: »Skythikos logos«) zurückzuführen,
die in der antiken Welt weite Verbreitung fanden. Doch unterlagen die geographische
Bezeichnung 'Skythien' und das Ethnonym 'Skythen' in der Folgezeit einem
erheblichem Bedeutungswandel. Hatte noch Herodot Skythien mit dem nordpontischem
Gebiet zwischen Don und Donau gleichgesetzt, so bezeichnete bereits Strabon
im 1. Jh. v. Chr. das gesamte nördliche Asien als Land der Skythen.
Jordanes, dessen Konzeption sich als richtungsweisend für die lateinischen
Autoren des Mittelalters erweisen sollte, sprach von einer Scythia Maior,
die bis zum östlichen Ozean reichte, im Nordwesten Skandinavien einschloß
und im Westen an Germanien grenzte. Im Süden lag auf dem Gebiet der
heutigen Dobrudza die von Diokletian als römische Provinz eingerichtete
Scythia Minor.
Das Ethnonym 'Skythen' war schon in spätrömischer
Zeit umstritten. Während Synesios von Kyrene (um 400) betonte, es
gäbe keine neuen Barbaren, da die alten Skythen immer neue Namen erdächten,
um die Römer irrezuführen, vertraten zum Beispiel Agathias (V,
11, 4) und Orosius (Adv. paganos VII, 32, 11) die Auffassung, es handle
sich um verschiedene Völker. Früh wurde die Bezeichnung 'Skythen'
zum Synonym für die barbarischen Nordvölker schlechthin. Josephus
identifizierte die biblischen Magog (Gog und Magog) mit den Skythen. Isidor
von Sevilla setzte jene mit Skythen und Goten gleich (Etym. IX,
2, 27). Für den Geographus Ravennas (um 700) war Skandinavien die
»Antiqua Scithia«, aus der Goten, Gepiden
und
Dänen stammten. Adam von Bremen (Gesta II, 18-19) und ihm
folgend Helmold und Otto von Freising bezeichneten alle um die Ostsee (mare
Scythicum) wohnenden Völker als 'Skythen'. Zu ihnen zählten auch
die Slaven (Adam von Bremen, Gesta I, 60; Gerbert v. Aurillac). Das von
Herodot begründete und von Pompeius Trogus und M. Iunianus Iustinus
(Exordia Scythica) tradierte Bild von den 'Skythen' als Nomaden, die durch
die pontischen Steppen streiften, wurde hingegen durch Regino von Prüm
(Chron., ad a. 889) wiederaufgenommen und auf die landnahmezeitlichen Ungarn
übertragen. Seine Vorstellungen fanden noch im Hochmittelalter Aufnahme
in die ungarische Chronistik (Anonymus, ungarischer; Kézai, Simon).
Am hartnäckigsten behauptete sich der Skythen-Topos
als archaisierendes Ethnonym in Byzanz. Fand er bei den spätrömischen
und frühbyzantinischen Autoren in strikter Anlehnung an Herodot nur
Verwendung für die Ethnien des nördlichen Schwarzmeerraumes,
mithin auch für Goten und Alanen (zum Beispiel Prokop
von Caesarea, De bello Gotico IV [VIII], 5f.; Eunapios), so bürgerte
er sich nach dem 6. Jh. zunehmend auch als Synonym für die eurasischen
Steppenvölker generell ein (zum Beispiel Theophylakt Simokattes, Hist.
VII, 7-9 »Skythenexkurs«; Ps.-Maurikios, Strategikon IV, 2;
XI, 2). Hunnen, Avaren,
Kök-Türken und Chazaren galten
ebenso als 'Skythen' wie Ungarn, Protobulgaren, Pecenegen und Kumanen.
Zu den 'Skythen' oder 'Tauroskythen' zählten mitunter auch die Rus',
die zeitweise in die pontischen Steppen vordrangen (zum Beispiel Leon Diak.
IX, 6-8; Nikephoros Gregoras 28, 35; 36, 21ff.). Noch bis zum 16. Jh. bezeichneten
byzantinische Autoren Tataren und osmanische Türken als 'Skythen'.
H. Göckenjan