Grant, Michael: Seite 390,395,397,401-404
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"Die römischen Kaiser. Von Augustus bis zum Ende des Imperiums. Eine Chronik."

Um diese Probleme zu lösen, vertraute Avitus sein Schicksal einem hohen Offizier namens Flavius Ricimer an. Er war in den folgenden sechzehn Jahren der eigentliche Herrscher des Westreiches. Als Sohn germanischer Eltern - eines Sweben-Fürsten und der Tochter des Westgoten-Königs Wallia - hatte er in der weströmischen Armee Karriere gemacht und war von Avitus zum Heermeister im kaiserlichen Stabe ernannt worden. Ricimer zog nach Sizilien, um dort den Vandalen entgegenzutreten. Er verhinderte, daß sie bei Agrigentum landeten, und gewann 456 eine Seeschlacht vor Korsika.
Daraus ergab sich, daß Ricimer, der bei seiner Rückkehr als "Retter Italiens" gefeiert wurde, zusammen mit Gleichgesinnten aus den Reihen des Senats beschloß, eine Wende herbeizuführen. Als Avitus daraufhin beschloß, nach Gallien zu fliehen,, wurde er bei Placentia (Piacenza) besiegt und gefangengenommen.
Doch hatte noch Marcianus oder schon Leo I. im Februar 457 das Machtvakuum in Ravenna genutzt, um Maiorianus, der Heermeister in Gallien war, den Titel "patricius" zu verleihen, worauf ihn Leo I. erwartungsgemäß zum Kaiser des Westens nominierte, zweifellos auf Empfehlung Ricimers, des allmächtigen Heermeisters im kaiserlichen Hauptquartier. Auf diese Weise wurde Maiorianus am 1. April 457 zum Augustus ausgerufen, doch wahrscheinlich erfolgte die offizielle Investitur und Krönung erst am 28. Dezember. Bei seiner Rede vor dem Senat beglückwünschte er Ricimer zu seiner Erhebung in den Rang eines Patriziers, und Münzbilder zeigen die beiden Kaiser des Ost- und des Westreiches.
Unterdessen allerdings war Ricimer, der den Feldzug nach Spanien nicht mitgemacht hatte, weil er der Meinung gewesen war, daß er in Italien bleiben müsse, um seine verschiedenen germanischen Feinde in Schach zu halten, zu der Überzeugung gelangt, daß Maiorianus für die Regierung keine Bedeutung mehr habe. Es war deshalb kein Zufall,, daß, als der Kaiser Dertona (Tortona) erreichte, die Soldaten zu meutern begannen und als er am 2. August 461 abdanken mußte. Fünf Tage später hieß es, Maiorianus sei an einer Darmerkrankung gestorben; wahrscheinlich aber ist  er ermordet worden.
Nachdem Anthemius sich die Unterstützung des westlichen Heermeisters Ricimer gesichert hatte, indem er ihm seine Tochter Alypia zur Frau gegeben hatte, brach er in Begleitung einer erlesenen Gesellschaft und von einer beträchtlichen Streitmacht umgeben von Konstantinopel auf.
Inzwischen garantierten Ricimers Truppen in Gallien den Bestand enger Bindungen zu den Sweben und dem Burgunder-König Gundioch, der Ricimers Schwester heiratete.
Aber auch in Italien, wo seine griechischen Lebensgewohnheiten Mißfallen erregten, war Anthemius nicht überall beliebt. Außerdem liefen Gerüchte um, daß er dem Heidentum zugeneigt sei. Erfolglos gegenüber Vandalen und Westgoten, begann er, wie das seine Vorgänger ebenfalls getan hatten, in Ricimer Zweifel ihm gegenüber zu wecken, und ihre Beziehungen verschlechterten sich schlagartig. Der Kaiser soll sein Bedauern darüber geäußert haben, daß er seiner Tochter gestattet hatte, einen Barbaren wie Ricimer zu heiraten, und er wiederum soll seinen Schwiegervater als "Griechentümler" und Galater bezeichnet haben.
Diese gegenseitige Verstimmung führte dazu, daß Italien in zwei feindliche Lager zerfiel, deren Anführer - Anthemius und Ricimer - in Rom und Mediolanum (Mailand) residierten. Epiphanius, der Bischof von Ticinum (Pavia), konnte 470 zwar eine Versöhnung herbeiführen, aber sie hielt nicht lange an, und 472 zog Ricimer nach Süden vor die Tore Roms, um seinen ehemaligen Schützling zu stürzen. Nun war sein Kandidat für den Thron des Westens Olybrius, der mit Placidia der Jüngeren, der Tochter Valentinianus' III. verheiratet war, und der - aus Konstantinopel kommend - in Italien eintraf. Anthemius hatte diesmal die Unterstützung eines Westgotenheeres unter Bilimer, der vermutlich Heermeister in Gallien war, und auch der Senat sowie die Bevölkerung Roms standen größtenteils auf seiner Seite. Es kam zu einer dreimonatigen Belagerung der Stadt und als Folge davon zu Hunger und Seuchen. Schließlich unternahm Ricimer einen Vorstoß am Pons Aelius, an der Brücke gegenüber dem Hadriansmausoleum (der heutigen Engelsburg). Bilimer baute eine starke Verteidigung auf, fiel aber im Kampf, und Ricimers Truppen drängten in die Stadt, wobei ihnen wahrscheinlich Verrat zu Hilfe kam. Anthemius kapitulierte. Als aber das Plündern kein Ende nahm, verkleidete er sich als Bettler und versteckte sich bei ihnen an der Kirche des Heiligen Chrysogonos. Doch man erkannte ihn und köpfte ihn. Diesen Befehl erteilte Ricimers Neffe Gundobad im März oder April 472.
Als jedoch fünf Jahre später die anfangs guten Beziehungen zwischen Anthemius und seinem Heermeister ("magister militum") zerbrachen, kam der Gedanke, Olybrius zum Kaiser zu ernennen, wieder auf. Tatsächlich schickte Leo I., der Kaiser des Ostens, Olybrius nach Italien, um zwischen den streitenden Parteien Frieden zu stiften. Doch kaum war Olybrius in Italien eingetroffen, hatte man ihm auch schon den kaiserlichen Purpur umgelegt. Das allerdings kann nicht im Sinnne Leos I. gewesen sein, denn er konnte keinen Kandidaten für den westlichen Thron befürworten, der von den Vandalen untersützt wurde. Tatsächlich berichtet der Chronist Iohannes Malalas in seiner "Weltchronik" auch, daß Leo in einem geheimen Schreibern Anthemius aufgefordert habe, Olybrius umzubringen, daß jedoch Ricimer diesen Brief abgefangen und unterschlagen habe. Auf jedem Fall bereitete Ricimer Olybrius in seinem Lager am Anio (Aniene) vor den Toren Roms einen triumphalen Empfang unnd rief ihn am 12. April 472 zum Augustus aus.
Nur vierzig Tage nach diesen blutigen Ereignissen starb Ricimer, der so lange die Politik des Weströmischen Reiches beherrscht hatte, an den Folgen eines Blutsturzes. Sein Nachfolger als Heermeister wurde Gundobad, der Sohn seiner Schwester und des Burgunder-Königs Gundioch.