Schnith Karl: Seite 17
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"Die Karolinger"

in Mittelalterliche Herrscher in Lebensbildern

Um seine Alleinherrschaft gegen seine nächsten Verwandten abzusichern, entschloß sich Pippin dazu, das Schatten-Königtum der MEROWINGER endgültig beiseite zu schieben und selbst König zu werden. Da schon das alleinige Hausmeiertum Pippins auf Ablehnung stieß, gab es sicher auch erheblichen Widerstand gegen seinen Plan, sich zum König erheben zu lassen, wenn auch der Umfang der Gegnerschaft nicht deutlich wird. Um seine Gegner auszumanövrieren, sicherte Pippin sich gleich mehrfach ab: Zuerst wurde "nach dem Rat und mit Zustimmung aller Franken" eine Gesandtschaft nach Rom geschickt, die den Papst zu einer Pippins Vorhaben unterstützenden Aussage veranlassen sollte, die dieser auch mit den berühmten Worten gab: "Es ist besser, dass derjenige König heißt, der die Macht hat, als der, dem keinerlei königliche Gewalt mehr verblieben ist; daher soll kraft apostolischer Autorität Pippin König werden, damit die Ordnung nicht gestört wird."
Aufgrund dieses päpstlichen Spruchs wurde Pippin zum König gewählt und auf den Thron erhoben; ob eine Krönung und eine Schilderhebung wie zu merowingischer Zeit stattfanden, wissen wir nicht. Zur Absicherung seines Königtums ließ sich Pippin von den Bischöfen (vielleicht von Bonifatius persönlich) zum König salben. Damit übernahm er eine Form der Legitimierung des Königtums, die bisher bei den Franken nicht praktiziert worden war, sondern die wahrscheinlich von den Westgoten, den Angelsachsen oder den Iren übernommen wurde, die eine Königssalbung nach dem Vorbild des Alten Testaments kannten. Der letzte MEROWINGER Childerich III. wurde zum Mönch geschoren und verschwand im Kloster St. Bertin; sein Sohn wurde dem Kloster St. Wandrille zur Verwahrung übergeben.
Die Legitimität des neuen Königs wurde noch erhöht, als im Jahr 754 Papst Stephan II. persönlich ins Franken-Reich kam, um von Pippin Unterstützung gegen die Langobarden zu erbitten. Zum erstenmal hatte damit ein Papst eine Reise ins Gebiet nördlich der Alpen angetreten, während in früherer Zeit die römischen Bischöfe höchstens gelegentlich nach Konstantinopel gereist waren. Während der KAROLINGER-Zeit sind die Päpste noch mehrfach ins Franken-Reich gereist, wenn sie in Rom Schwierigkeiten hatten. Pippin behandelte den Papst mit großem Selbstbewußtsein; er nahm ihn nicht persönlich an der Grenze seines Reiches in Empfang, sondern ließ ihm durch Boten mitteilen, dass er ihn in seiner Pfalz Ponthion (20 km südöstlich von Chalons-sur-Marne) erwarte. Die Begegnung zwischen Papst und Franken-König am 6.1.754 ging in strengen Formen vonstatten, die sicher mit den Beauftragten des Papstes abgesprochen worden waren: Der ältere Sohn Pippins, KARL, damals wohl erst sechs Jahre alt, wurde Stephan II. entgegengeschickt; der König selbst ritt ihm mit Familie und Gefolge 3.000 Schritt entgegen. In Sichtweite des Papstes stieg Pippin vom Pferd, warf sich auf den Boden und leistete den Marschallsdienst, das heißt der König führte das Pferd des Papstes am Zügel. Eine fränkische Quelle berichtet, dass der Papst vor Pippin und seinen Söhnen fußfällig um Hilfe gegen die Langobarden gefleht habe. In Ponthion wurde durch Pippin die Schenkung des Dukats von Rom und des Exarchats von Ravenna an den Papst in Aussicht gestellt; aus diesen Gebieten ist der Kirchenstaat entstanden. Dabei muß allerdings beachtet werden, dass Pippin damals über diese Gebiete gar nicht verfügen konnte; sie gehörten zweifellos zum byzantinischen Kaiser-Reich, und Pippin hatte nicht einmal das Recht des Eroberers, weil er noch gar nicht in Italien gekämpft hatte.
Der Kriegszug gegen die Langobarden sollte nach dem Willen Pippins noch 754 stattfinden; zuvor mußte aber der erhebliche Widerstand des fränkischen Adels überwunden werden, was auf einer Reichsversammlung in Quierzy (Ostern 754) geschah. In Quierzy ist dann das Schenkungsversprechen über die von den Langobarden der römischen Kirche entrissenen Güter an den Papst abgegeben worden. Da jetzt ein Kampf zwischen den Franken und den Langobarden unausweichlich schien, griff der langobardische König Aistulf zu einem merkwürdigen Mittel: Er veranlaßte den 747 ins Kloster eingetretenen Karlmann dazu, sein Refugium zu verlassen und ins Franken-Reich zu reisen, um seinen Bruder vom Krieg abzuhalten. Möglicherweise war diese Reise auch ein VersuchKarlmanns, Pippin zu bewegen, seinen Söhnen einen Teil des ihnen vorenthaltenen Erbes am Reich abzutreten. Papst und Franken-König hatten das gemeinsame Interesse, diese Intervention möglichst rasch zu beenden. Die Quellen berichten nur, der Papst habe Karlmann befohlen, in sein Kloster zurückzukehren, weil er sonst gegen sein Gelübde verstoße. Karlmann ist wenige Monate später in Vienne gestorben; aber nicht einmal den Toten wollte Pippin im Franken-Reich dulden; der Leichnam wurde nach Monte Cassino gebracht; für so bedeutend und bedrohlich sah Pippin anscheinend die Anhängerschaft seines Bruders an. KarlmannsSöhne wurden jetzt ebenfalls ins Kloster eingewiesen, um ihnen die Möglichkeit zu politischer Aktion zu nehmen.
Der Sicherung seiner Dynastie diente auch die Salbung und Weihe der Königs-Söhne KARL und Karlmann durch den Papst, die am 28.7.754 in St. Denis vorgenommen wurde. Auch die Königin Bertrada (Bertha) wurde geweiht, und die anwesenden Großen wurden vom Papst verpflichtet, "niemals aus der Nachkommenschaft eines anderen einen König zu wählen". Das karolingische Königtum wurde unter der Drohung von Exkommunikationn und Interdikt auf Pippin und seine leiblichen Nachkommen beschränkt; nicht gegen die MEROWINGER war diese Aktion gerichtet, sondern darauf, die Söhne Karlmanns endgültig von der Nachfolge auszuschließen. Pippin erhielt den Titel eines Patricius Romanorum; dies war ein byzantinischer Amtstitel, den der Vertreter des Kaisers in Italien, der Exarch von Ravenna, getragen hatte. Nach der Sicherung der Rechte seiner Dynastie zog Pippin im August 754 nach Italien, nachdem Aistulf noch mehrere Angebote zu friedlicher Beilegung des Konflikts abgelehnt hatte. Nach einem erstaunlich schnellen Sieg zog Pippin wieder aus Italien ab; Aistulf hatte zugesagt, dem Papst das Exarchat von Ravenna und andere Gebiete auszuliefern. Er dachte aber nicht daran, dieses Versprechen zu erfüllen, vielmehr ging er zum Angriff auf die päpstlichen Besitzungen über und belagerte im Jahr 756 auch Rom. Papst Stephan II. mußte mehrere Hilferufe an Pippin ergehen lassen, bis dieser sich zu einem neuen Italienzug entschloß (Mai 756). Aistulf erlitt abermals eine Niederlage, mußte wieder die Eroberungen im Exarchat herausrücken und sein Reich aus der Hand des Siegers entgegennehmen. Als Aistulf kurz darauf starb, verließ sein Bruder Ratchis das Kloster Monte Cassino, in dem er seit 749 gelebt hatte, um den Thron zu besteigen. Der Herzog Desiderius von der Toskana konnte sich aber als neuer König der Langobarden durchsetzen; Ratchis kehrte ins Kloster zurück; der Fall Ratchis ist also eine Parallele zum Schicksal Karlmanns.
Nach 754 hat Pippin auf Reichsversammlungen und Synoden durch mehrere Jahre hindurch (755-757) Vorschriften erlassen, um die Reform des Klerus wiederaufzunehmen und die Christianisierung der Laien voranzutreiben. Der wichtigste Helfer des Königs war dabei Erzbischof Chrodegang von Metz, den der Papst auf Bitten Pippins zu einer Art Oberbischof des Franken-Reichs erhoben hatte. Im Zentrum stand dabei die Schaffung einer hierarchisch gegliederten Kirchenorganisation, wobei die Unterordnung des Klerus unter den Diözesanbischof, die Errichtung einer Metropolitanverfassung und die Forderung, zweimal jährlich Synoden durchzuführen, nichts anderes waren als Erneuerungen der Vorschriften, die Bonifatius auf seinen Konzilien von 742 bis 744 bereits erlassen hatte. Andere Kapitularien befaßten sich vor allem mit dem Eherecht; das Verbot der Verwandtenehe und die genaue Regelung der Ehescheidung standen hierbei im Vordergrund. Man muß sich fragen, warum es Pippin so wichtig war, gerade diese Materien zu regeln. Es ging erstens darum, die Laien zur Einhaltung der christlichen Familiengesetze zu zwingen. Weiterhin verfolgte Pippin aber auch die Absicht, die Heiratspolitik der fränkischen Adelsclans zu beeinflussen und sie daran zu hindern, durch Heirat innerhalb ihrer Verwandtschaft geschlossene Besitzkomplexe aufzubauen. Eine weitere wichtige Reformmaßnahme Pippins muß noch erwähnt werden, nämlich die Ersetzung der Goldwährung durch die Silberwährung. KARL DER GROSSE hat dann jene Regelung geschaffen, die bis 1971 noch in England galt: 1 Pfund Silber = 20 Schillinge = 240 Pfennige. Für die Verfassung des Reiches bedeutete auch die Verlegung des Termins der jährlichen Heerschau im Frühjahr vom März auf den Mai einen wichtigen Einschnitt: Möglicherweise war ein wesentlicher Grund für diese Veränderung, dass ein beträchtlicher Teil der militärischen Gefolgschaft jetzt aus Reitern bestand, die erst im Mai den Treffpunkt ohne Schwierigkeiten erreichen konnten, da es in diesem Monat leicht war, die Pferde auf den schon grünen Wiesen weiden zu lassen. In den letzten zehn Jahren seiner Regierung war Pippin mit der Konsolidierung der fränkischen Herrschaft im Südwesten befaßt. 759 wurde Septimanien mit der Hauptstadt Narbonne ins Franken-Reich eingegliedert. Dieses Gebiet hatten die MEROWINGER nie erobern können; es war nach 711 als Teil des Westgoten-Reichs von den Arabern besetzt worden.
In den Jahren 760-763 und 766-768 führte Pippin acht Feldzüge gegen Aquitanien durch, wobei - im Gegensatz zu früheren Versuchen, die Herrschaft über dieses Gebiet zu sichern - diesmal ganz planmäßig vorgegangen wurde. Von Norden nach Süden fortschreitend eroberte Pippin die Städte, brach die Burgen und wandte auch die Taktik der verbrannten Erde an. Nur die schwere Hungersnot im Reich, die im Jahr 764 herrschte und sich auch noch im folgenden Jahr fortsetzte, führte zu einer Unterbrechung der Eroberungszüge. Die langjährige und noch bis in die Zeit KARLS DES GROSSEN reichende Eroberungstätigkeit in Aquitanien ist nur mit den noch längeren Kämpfen KARLS DES GROSSEN in Sachsen zu vergleichen. Die Feldzüge hatten aber die Gesundheit des Königs untergraben. Am 24.9.768 starb er mit erst 54 Jahren in St. Denis; dort wurde er auch bestattet. Vor seinem Tod hatte er noch die Nachfolge geregelt, dass seine beiden Söhne KARL und Karlmann das Reich zu gleichen Teilen erben sollten: für KARL waren Aquitanien und Neustrien, für Karlmann Burgund mit der Provence und Septimanien, das Elsaß und Alemannien vorgesehen; das erst kürzlich ganz eroberte Aquitanien sollte unter den beiden Söhnen aufgeteilt werden.