Schieffer Rudolf:
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"Die Karolinger"

Wie es Pippin dem Mittleren und seiner Mutter Begga gelungen ist, sich während der kritischen 660-er und 670-er Jahre ihrer zahlreichen Widersacher zu erwehren, Besitzungen und bewaffnete Anhängerschaft trotz aller Einbußen als entscheidendes politisches Kapital im Kern zu behaupten und obendrein die Erinnerung an machtvolle Taten der Vorväter an der Spitze der Austrier wach zu halten, ist nirgends überliefert. Bezeichnenderweise ließ Begga nach dem Tode ihres Gemahls mehrere Jahrzehnte verstreichen, bevor sie um 691 (das heißt erst nach dem Sieg ihres Sohnes) die für eine hochadelige Matrone geradezu standesgemäße Klostergründung in Andenne an der Maas vornahm, die ihr in späterer Zeit den Rang einer Heiligen eintrug. Vorerst jedoch mußten Pippin und sie ziemlich ohnmächtig mitansehen, wie die Entwicklung des Franken-Reiches über ihr Haus hinwegzugehen schien. Im Zentrum des wechselvollen Geschehens stand der neustrische Hausmeister Ebroin, der sein Machtwort in allen drei Teilreichen zur Geltung brachte und auch von den jugendlichen MEROWINGER-Königen allenfalls zeitweilig beiseite zu schieben war. Immerhin scheint der bisweilen blutig unterdrückte Widerstand geistlicher und weltlicher Großer am heftigsten in Auster gewesen zu sein, und dort begann sich auch das Blatt zu wenden, als Childerich II., mittlerweile König des Gesamtreiches, 675 ermordet wurde und sein Hausmeier Wulfoald wenig später starb. Gegen den Versuch des daraufhin aus der Klosterhaft entwichenen Ebroin, im Namen des verbliebenen MEROWINGERS Theuderich III. (673/75-690/91) von Neustrien her sein Regiment zu erneuern, trat nun der halbvergessene Vetter Dagobert II. auf, aus seinem langjährigen irischen Exil hervorgeholt von austrischen Kreisen, in denen auch Pippin zu vermuten ist. Jedenfalls gilt im "Buch der Frankengeschichte" Wulfoalds und "der Könige" Tod als Voraussetzung dafür, dass ein gewisser dux Martin und eben Pippin, der Sohn Ansegisels, in Auster die Oberhand gewannen und mit einem großen Heer gegen Theuderich und seinen Hausmeier Ebroin zogen.
Kaum 20 Jahre nach dem schmählichen Scheitern Grimoalds und seines Königsplans stand also der Neffe Pippin wieder in vorderster Linie der Austrier. Das völlige Schweigen der Quellen über die Hintergründe dieser erstaunlichen und höchst folgenreichen Entwicklung hat unter den Historikern manche Bemühungen ausgelöst, wenigstens indirekt näheren Aufschluß zu gewinnen. Dabei richtet sich das Augenmerk vor allem auf die Tatsache, dass gerade in den dunkelsten Jahren um 670 Pippins Heirat mit Plektrud, der Tochter Hugoberts, fallen muß, die in den folgenden Jahrzehnten eine recht bedeutende Rolle spielen sollte. Dass sie einer vornehmen austrasischen Familie entstammte, darf man ohne weiteres unterstellen, doch scheint es, dass sich dieser Eindruck, wenn auch nicht mit letzter Sicherheit, genealogisch präzisieren läßt. Demnach wäre Plektruds Mutter Irmina gewesen, die als Witwe Äbtissin des Nonnenklosters Echternach an der Sauer wurde und außer Plektrud eine weitere Tochter namens Adela hatte, die Gründerin und erste Äbtissin des Klosters Pfalzel bei Trier. Zusammen mit einigen weiteren Verwandten, die auf diesem Wege erschlossen werden können, zeichnet sich hier das Bild eines hochbedeutenden Adelsgeschlechts ab, dessen Macht sich von der mittleren Mosel über die Eifel bis an den Niederrhein nördlich von Köln erstreckte und in dieser Weiträumigkeit den ARNULFINGERN/PIPPINIDEN kaum nachstand. Wenn sich Pippin, der Erbe der vorerst ausgeschalteten Hausmeierdynastie, um 670 mit einer derartigen Familie verschwägert haben sollte, die zudem in Plektruds Generation keinen eigenen Stammhalter mehr hervorgebracht zu haben scheint, dürfte ihm ein Potential zugewachsen sein, das die Verluste an der Hinterlassenschaft der beiden Großväter mehr als aufwog und ihm gestattete, im Kreise der austrasischen Führungsschicht wieder einen vorrangigen Platz zu beanspruchen. Zugleich würde diese Kombination Plektruds besonderen Rang an der Seite Pippins verständlich machen. Wie dem auch sei: Sicher ist, dass die späteren KAROLINGER an den Wiederaufstieg unter Pippin dem Mittleren eine konkrete Erinnerung hatten als an die Ursprünge ihrer Dynastie um die Wende zum 7. Jahrhundert. Als Pippins "normensetzende Tat" (K. Hauck) galt nicht seine einträgliche Heirat, sondern der rächende Todschlag an Gundewin, dem Mörder seines Vaters Ansegisel. Um 800 wurde dies ausdrücklich mit Davids Sieg über den Riesen Goliath verglichen - für jenen der Anfang seines Weges zum Königtum -  und zeitlich an die Spitze der gesamten Familienüberlieferung gerückt. Pippin sollte demnach bereits als ganz junger Mann den übermächtigen Gegner niedergestreckt und sogleich dessen Schätze unter seine Getreuen verteilt haben; darauf hätten sich "Stärke und Erfolg" Pippins weit herumgesprochen, und die Vornehmsten der Franken, die durch Pippins Vater Ansegisel zu ihren Ämtern gekommen waren, hätten sich mit ihrem Gefolge ihm angeschlossen. So sei Pippin zur "Führung bei den östlichen Franken" gelangt, heißt es zugespitzt in den sogenannten Metzer Annalen, die damit immerhin den Mechanismus der Gefolgschaftsbildung treffend wiedergeben.
Das rühmende Andenken an eine geglückte Blutrache, die tatsächlich wohl nicht mehr war als eine Episode in den austrasischen Adelsfehden jener Jahrzehnte, überdeckte später die wichtigere Tatsache, dass Pippin bei seinem Aufstieg ab 675 keineswegs vom Erfolg verwöhnt war und sehr leicht vom Strudel der Machtkämpfe hätte hinweggespült werden können. Der Feldzug, den er noch gemeinsam mit dem Gefährten Martin (trotz mancher Mutmaßung wohl keinem seiner Verwandten) zwischen 675 und 679 gegen den Hausmeier Ebroin anführte, endete nämlich nach schweren Ringen bei Lucofa (in der Nähe von Laon) mit einem Sieg der Neustrier, der Martins Tod zur Folge hatte, während Pippin sein Heil in der Flucht suchte. Einen weiteren argen Rückschlag muß für ihn die Ermordung "seines" Königs Dagobert II. Ende 679 bedeutet haben. In dieser prekären Lage rettete ihn zunächst nur, dass auch Ebroin kurz danach (680) der Bluttat eines Neustriers anheimfiel und der neue Hausmeier Waratto bereit war, gegen die Stellung von Geiseln Pippins Vormacht in Austrien hinzunehmen. Doch schon bald wurde Waratto von seinem aggressiveren Sohn Gislemar verdrängt, der mit Waffengewalt 681/83 gegen Pippin vorging; Namur und Köln werden dabei als dessen Stützpunkte genannt, die jedoch nicht verhindern konnten, dass er abermals den kürzeren zog. Gislemar vermochte den Erfolg indes nicht zu nutzen, weil er plötzlich starb, worauf sein Vater Waratto wieder ins Hausmeieramt zurückkehrte und seine ausgleichende Politik fortsetzte. Eine Verschiebung der Gewichte trat erst ein, als nach Warattos Tod (686) dessen Schwiegersohn Berchar Hausmeier wurde, denn dieser Mann hatte offenbar von vornherein mächtige Gegner im neustrischen Adel, die sich nun mit Pippin verschworen und ihn zum Eingreifen ermunterten. Bei Tertry (an der Somme) errang er im Jahre 687 den entscheidenden Sieg über die Neustrier unter Berchar und König Theuderich III. Damit konnte Pippin seine politische Vormacht in Auster endgültig festigen und zugleich den Weg zu deren formaler Legalisierung ebnen. Denn nach dem baldigen Ende Berchars hinderte ihn nichts mehr, seine Autorität vollends auch auf Neustrien auszudehnen, und er "nahm König Theuderich samt seinen Schätzen bei sich auf", wie der Fortsetzer der Fredegar-Chronik 50 Jahre später in stolzer Pointierung die Tatsache umschrieb, dass Pippin fortan den bestimmenden Einfluß auf den MEROWINGER und das gesamte Franken-Reich besaß.
Pippin suchte anfangs den bezwungenen neustrischen Hausmeier Berchar im Amt zu belassen. Erst als dieser Ende 688 einem Anschlag seiner Schwiegermutter Ansfeld zum Opfer gefallen war, verschaffte sich Pippin auch förmlich den höchsten Rang nach dem König und verheiratete seinen Sohn Drogo mit Berchars Tochter Adaltrud, der Enkelin Ansfleds. Auf diese Weise verband er sein Haus mit einer mächtigen Adelssippe von der unteren Seine, die schon vor 687 in Neustrien erkennbar der pippinidischen Herrschaft vorgearbeitet hatte.
Pippin dezentralisierte die Familienherrschaft, sobald dazu die personellen Voraussetzungen bestanden. Sein ältester nach Neustrien verheirateter Sohn Drogo, der schon um 690 als dux in der Champagne aufgetreten war, wird nach 697 in den Quellen als dux der Burgunder bezeugt, während der jüngere Grimoald um dieselbe Zeit sogar das Hausmeieramt des Vaters übernahm und nach Neustrien ging, was dort den Spielraum der merowingischen Könige weiter einengte und ihre unmittelbaren Kontakte mit anderen Großen erlöschen ließ. Pippin konnte sich daher nach 700 darauf beschränken, in der ganz informellen Stellung eines princeps Francorum seine persönlich errungene Autorität einzusetzen, die eben auch den dynastischen Anspruch einschloß, die Macht unter seinen Nachkommen zu teilen.
Die letzten Jahre Pippins des Mittleren waren von familiärem Unglück überschattet. 708 verlor er seinen ältesten Sohn Drogo, den dux der Burgunder, der sein Grab in Metz - als erster der Familie - beim heiligen "Spitzenahn" Arnulf fand. Er hinterließ vier Söhne, doch galt offenbar kein Erstgeburtsrecht, denn statt der Enkel trat nun um so deutlicher Pippins jüngerer Sohn Grimoald in den Vordergrund, den der Vater ja schon früher durch die Überlassung der Hausmeieramtes bevorzugt hatte. Im März 714 war Pippin dann bereits so krank, dass er eine Urkunde zur Übertragung des Klosters Susteren (an der Maas) an Willibrord nicht mehr unterschreiben konnte, weshalb Plektrud das Rechtsgeschäft übernahm; ihre präzise Formulierung, dass künftige Äbte die Treue zu "uns und unserem Sohn Grimoald und dessen Söhnen und den Söhnen Drogos, unseren Enkeln" wahren sollten, wirkt wie die Vorahnung künftiger Konflikte, war sie doch sichtlich von der Sorge bestimmt, dass nach dem erwarteten Tod Pippins auch Söhne aus anderen Verbindungen ihre Ansprüche erheben könnten, nämlich vor allem Karl (Martell), der Sohn seiner Nebenfrau Chalpaida, weniger wohl Childebrand, den eine namentlich nicht bekannte Mutter geboren hatte. Den denkbar schwersten Schlag mußte es daher gerade für Plektrud bedeuten, dass ihr aus Neustrien herbeigerufener Sohn Grimoald, in dem wohl jeder seit langem den Nachfolger Pippins sah, im folgenden Monat in Lüttich von einem Heiden, wohl einem Friesen, erschlagen wurde. Um die Konkurrenz der Halbbrüder abzuwehren, griff man auch jetzt nicht auf die Söhne Drogos zurück, sondern faßte den raschen Entschluß, Grimoalds Sohn Theudoald zum neuen Hausmeier zu machen, der in einem Teil der Quellen, jedoch wohl in polemischer Absicht, als minderjährig bezeichnet wird und jedenfalls den Makel hatte, seinerseits nicht ehelichen Ursprungs zu sein. Ob Pippin selber, wie ihm später nachgerühmt wurde, noch die Kraft fand, die Bluttat an seinem Sohn zu rächen, ist zweifelhaft; jedenfalls starb er am 16.12.741, anscheinend in Jupille, ohne einen allseits anerkannten Erben, auf den reibungslos die Vormacht unter den Franken hätte übergehen können, wie sie Pippin in seiner Jugend erkämpft und dann 27 Jahre hindurch behauptet hatte.