BURGUNDER
 

Lexikon des Mittelalters:
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Burgunder
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[1] Landnahme und Herrschaftsbildung:
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Burgunder oder Burgunden (Burgundi, Burgundiones), ostgermanisches Volk, das von der Weichselmündung her über die Gebiete der späteren Lausitz und Mark Brandenburg bis an den oberen Main und in den Odenwald gewandert war und danach teilweise den Rhein überschritt und sich in der Gegend von Worms (Borbetomagus) ansiedelte. Hier ist 413 der burgundische König Gundahar (Gunther) als römischer Foederaten-König nachweisbar. Die östlich des Rhein verbliebenen Burgunder wurden von den Hunnen, die 437 das burgundische Königreich vernichteten, unterworfen; die Erinnerung an diese gewaltsamen Auseinandersetzungen lebt in der Nibelungensage fort (Nibelungen, -sage, -lied); in ihr sind auch die Namen dreier königlichen Brüder genannt, die im Prolog der »Lex Burgundionum« als Gundahar, Gislahar und Gundomar erscheinen.
Der römische Feldherr Aëtius führte die überlebenden Burgunder 443 in die Sapaudia (und zwar wohl in die Region zwischen dem Neuenburger und Genfer See und das Gebiet südlich des letzteren), wo sie gegen die Alamannen eingesetzt wurden. Andere burgundische Gruppen schlossen sich um 451 an, weitere nach dem Zusammenbruch des Attila-Reiches, das die linksrheinischen Burgunder freisetzte. Ihnen hatten sich offensichtlich hunnische Volksteile hinzugesellt, die sich innerhalb der burgundischen Gräberfelder durch die von den Hunnen praktizierte artifizielle Schädelverformung identifizieren lassen (s. Abschnitt II). Als Zeitraum der Neubildung des burgundischen Königreiches können die Jahre zwischen 451 und 457 angenommen werden; seine Dynastie ging wohl - wie die früheren Burgunder-Könige - auf Gibica zurück, war aber ebenfalls eng mit den Königen der Westgoten versippt. 457 schloß der weströmische Kaiser Avitus mit den Burgundern einen Vertrag, der ihnen Foederatenrecht (Foederaten) verlieh, und die römischen Großgrundbesitzer, die ja bereits 456 die Burgunder nach Lyon gerufen und dort 461 aufgenommen hatten, mußten sich zur Abtretung von Teilen ihrer Domänen bereitfinden (Übergabe von zwei Dritteln der Pächter und eines Drittels des indominicatus, des Domänenlandes, an die burg. faramanni, die Teilnehmer der zur Landnahme führenden Heerfahrt). 463 wurde der burgundische König Gundiok (Gundowech) magister militum per Gallias (magister militum).
Folgende burgundische Herrscher waren ebenfalls römische Heermeister:
Chilperich I. (477)
Gundobad, der vor seinem Königtum in Burgund höchster Befehlshaber der weströmischenTruppen (magister militum praesentialis) war, doch wegen seiner Unterstützung des Usurpators Glycerius (473) von Kaiser Nepos aus Italien verdrängt wurde
schließlich Sigismund, der den Patricius-Titel erhielt.
Mit dem Oberbefehl über das (mit burgundischen Bevölkerungsteilen durchsetzte) römische Heer in Gallien betraut, drängten die burgundischen Könige die Alamannen bis zur Aar und zur Reuss zurück und nahmen ihnen die civitates Langres und Besançon (ca. 475-480) ab. Das Verhältnis zu den Westgoten war von der Anerkennung der westgotischen Selbständigkeit durch Rom (475) bestimmt, so daß nur noch der Südosten Galliens vom romano-burgundischen Heer zu verteidigen war. Zur Sicherung des Westreiches gegen die Ostgoten führten die Burgunder 491 einen Feldzug nach Oberitalien durch, bei dem die Poebene geplündert wurde; schließlich gelangten sie jedoch zu einem Modus vivendi mit den Ostgoten. Gundobad war auch bestrebt, einen Ausgleich mit dem König der Franken, Chlodwig, herbeizuführen. In der 2. Hälfte des 5. Jh. sicherten sich die Burgunder zunächst durch den magister militum Ricimer (463), dann durch Kaiser Nepos (475) den Besitz des Gebietes von Vienne.
Im Jahre 500 wurde Gundobad von Chlodwig angegriffen und durch seinen Bruder Godegisel verraten; in Avignon belagert, kam ihm der Westgoten-König Alarich II. zu Hilfe, so daß Gundobad den Nordteil seines Königreiches (wohl ohne das Gebiet von Nevers) wiedererobern und Godegisel ausschalten konnte (507). Gundobad verstärkte die Verbindung mit seinen römischen Untertanen und trat in ein Bündnis mit Chlodwig ein, wobei er an einem Feldzug des Franken-Königs gegen die Westgoten teilnahm. Die Intervention des ostgotischen Königs hinderte Gundobad jedoch, die bereits besetzten Territorien zu halten und warf die Burgunder wieder auf die Durance-Linie zurück (507-510). Damit umfaßte das burgundische Königreich ein Gebiet, das sich mit den späteren Kirchenprovinzen Lyon, Besançon, Vienne und Tarentaise nahezu deckte.

[2] Das Burgunderreich und seine romanischen Untertanen:
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Anscheinend hatten die Burgunder schon während der Regierung des Gundahar das katholische Christentum angenommen; nach ihrer Ansiedlung in der Sapaudia gingen sie aber - wohl unter westgotischem Einfluß - zum Arianismus über. In dieser Periode entstanden Kirchenbauten, und ein arianischer Klerus bildete sich heraus. Doch wurde dadurch das Einvernehmen mit den (katholischen) Romanen nicht nennenswert getrübt, auch nicht mit dem Episkopat. Teile der burgundischen Oberschicht bekannten sich auch weiterhin zum Katholizismus, so die Königin Caretene, Witwe Chilperichs I., die ihre Nichten, die Töchter Chilperichs II., katholisch erzog; unter ihnen war die heilige Chrodechilde, die später den fränkischen König Chlodwig heiratete und zu dessen Übertritt zum katholischen Christentum beitrug. Nach 502 knüpfte Gundobad engere Beziehungen zum heiligen Avitus, Bischof von Vienne, an; seine beiden Söhne traten zum Katholizismus über, und der ältere, Sigismund, gründete 515 das Kloster St-Maurice d'Agaune. Nach dem Tod des Vaters (516) berief Sigismund die Synode von Epaône (Epao) ein, die den Arianismus verbot.
Auf weltlichem Gebiet scheint die gallo-römische Bevölkerung die burgundische Herrschaft ohne Widerstände akzeptiert zu haben. Der Briefwechsel des Sidonius Apollinaris bezeugt gutes Einvernehmen. Mitglieder des Senatorenadels hatten bedeutende Positionen am burgundischen Königshof inne. So wurde ein Syagrius als »Solon der Burgunder« bezeichnet, wohl weil er dem königlichem Pfalzgericht vorstand. Möglicherweise waren in jeder civitas zwei comites eingesetzt: ein Römer, der die Rechtsprechungs- und Verwaltungsbefugnisse für die römische Bevölkerung ausübte, und ein Burgunder mit entsprechenden Kompetenzen für die germanischen Bewohner. Die Existenz zweier Rechte ist ein Zeugnis dieses Dualismus: Unter Gundobad entstanden die »Lex Burgundionum« und die »Lex Romana Burgundionum«. Wie es scheint, wurde die »Lex Burgundionum« revidiert, um den Römern das gleiche Recht zum Waffentragen und das gleiche Wergeld wie den Burgundern einzuräumen (25. März 502).

[3] Machtverteilung und dynastische Auseinandersetzungen:
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Die Königsgewalt wurde offenbar gleichzeitig von Gundiok und seinem Bruder Chilperich I. ausgeübt; später von den Söhnen des Gundiok:
Gundobad, Chilperich II., Gundomar und Godegisel.
Der älteste dürfte Oberherrscher gewesen sein, er residierte in Lyon; einer der jüngeren Brüder hatte Genf als Sitz; im Umkreis dieser Stadt scheint, nach den archäologischen Funden, die dichteste burgundische Besiedlung bestanden zu haben. Es sind Gerichtsverhandlungen belegt, die bei Volksversammlungen geführt wurden und in deren Verlauf der König seine constitutiones erließ.
Wie aus anderen Reichen der Völkerwanderungszeit sind auch bei den Burgundern dynastische Auseinandersetzungen überliefert. Godegisel verband sich mit Chlodwig gegen Gundobad, der ersteren jedoch ausschaltete, Sigismund ließ seinen Sohn Sigerich im Jahre 522 töten, vielleicht weil er ihn des geheimen Paktierens mit den Ostgoten, die wiederum die Arianer im Burgunder-Reich unterstützt haben sollen, verdächtigte. Wie dem auch gewesen sein mag: die Ostgoten griffen das Burgunder-Reich an, um Sigerichs Tod zu rächen.

[4] Das Ende des Burgunderreiches:
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Unter Ausnutzung des ostgotischen Angriffes fielen die drei Söhne des fränkischen Herrschers Chlodwig, Chlodomer, Childebert I. und Chlothar I., in das Burgunder-Reich ein, und Chlodomer bemächtigte sich des Königs Sigismund, den er 523 mit Frau und Kindern töten ließ; doch wurde er im folgenden Jahr, 524, selbst bei Vézeronce von Sigismunds Bruder Gundomar besiegt und erschlagen. Damit konnte der Bestand des burgundischen Reiches - durch das Bündnis des Königs Gundomar mit dem ostgotischen König Theoderich - noch bis zum Tod des letzteren und einige Jahre darüber hinaus gesichert werden. 532 wurde der burgundische König bei Dijon geschlagen und mußte fliehen. Das burgundische Königreich wurde dem Franken-Reich eingegliedert (Burgund, Fränkisches Teilreich).

J. Richard



Stamm der Ostgermanen

Zuerst nachweisbar etwa im Mündungsgebiet der Oder, von wo sie ins obere Maingebiet zogen; 279 u.Z. erste Kämpfe mit den Römern. Die Burgunder verdrängten im 4. Jahrhundert die Alamannen und setzten 407 über den Rhein. Von Kaiser Honorius erhielten sie 413 angrenzende Teile Galliens (Gebiet von Worms und Mainz) und wurden nach der vernichtenden Niederlage 437 durch Aetius und ein hunnisches Heer, die das Nibelungenlied episch behandelt, in Sapaudia (Savoyen) angesiedelt. Ihr Reich wurde 534 von den Franken unterworfen. Neben dem Burgundischen Gesetz (Lex Burgundionum), 501 erlassen, das bis ins 9. Jahrhundert gültig blieb, war für die in Burgund lebenden Römer die Lex Romana Burgundionum verbindlich.
 
 
Gibica sagenhafter König der Burgunder  Ende 4. Jh.?
Chilperich I. König der Burgunder  um 480
Chilperich II. König der Burgunder  493
Chrodechilde Königin der Franken  544
Godegisel König der Burgunder  501
Godomar König der Burgunder  nach 543
Gundahar König der Burgunder  436
Gundobad König der Burgunder  516
Gundowech König der Burgunder  um 473
Ostrogota Königin der Burgunder  nach 500
Sigismund König der Burgunder  524
Suavegotte Königin der Franken  nach 520