Chios
 

Lexikon des Mittelalters: Band II Spalte 1842
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Chios
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Griechische Insel in der Ägäis, nahe der West-Küste Kleinasiens

Das 1082 (?) ausgestellte Chrysobull Kaiser Alexios' I. Komnenos eröffnete grundsätzlich den Venezianern den Weg nach Chios; sie versuchten 1124 und 1171 erfolglos, sich der Insel zu bemächtigen. Durch den 4. Kreuzzug fiel Chios an das Lateinische Kaiserreich, doch wurde die Insel bereits 1225 von Kaiser Johannes III. Dukas Vatatzes besetzt. Mit dem Vertrag von Nymphaion (1261) wurde Chios einer der Haupthandelsplätze, die für Genua in der Ägäis geöffnet wurden. 1304 erlangte der genuesische Feldherr und Unternehmer Benedetto Zaccaria, der bereits Herr von Phokaia war, von dem byzantinischen Kaiser Andronikos II. die Übertragung von Chios. Der Basileus verfolgte mit dieser Maßnahme das Ziel, die Genuesen in die Abwehrfront gegen die Türken einzubinden; Zaccaria ging es seinerseits um die Kontrolle eines der Hauptseewege in der Levante, über welchen er den Export der von ihm ausgebeuteten Alaungruben von Phokaia abwickeln konnte; weiterhin strebte der Genuese auch nach dem Monopol für Mastrix, das begehrteste Produkt der Insel Chios. Die Abtretung an Benedetto Zaccaria, welche auf privater Basis erfolgte und zeitlich befristet war, wurde 1314 zugunsten seines Sohnes Paleologos von der byzantinischen Regierung erneuert. In der nachfolgenden Generation - Benedetto II. und Martino - wurde die Insel Zentrum eines lateinischen Fürstentums; die ZACCARIA suchten die byzantinische Oberhoheit abzustreifen, indem sie ihre Herrschaft zu einer Bastion des katholischen Christentums gegen die Türken machten und sich dabei der Hilfe des Papsttums, der Johanniter von Rhodos und der Republik Venedig versicherten. Doch lieferte ein Zwist der beiden Brüder ZACCARIA dem byzantinischen Kaiser Andronikos III. den Vorwand, die Insel im Zuge einer militärischen Aktion wieder dem Byzantinischen Reich einzugliedern (1329).
Um ein Haar hätte Martino Zaccaria an der Spitze einer Koalition von Lateinern die Insel zurückerobert; einen ähnlichen Versuch unternahm Fürst Humbert II., Dauphin des Viennois, mit Hilfe Venedigs. 1346 erfolgte eine genuesische Flottenexpedition gegen Chios unter Leitung des Simone Vignoso; die Genuesen nutzen die politische Krise, die in Byzanz durch den Konflikt zwischen Johannes V. Kantakuzenos [Richtigstellung: Johannes Kantakuzenos war als Kaiser Johannes VI. von Byzanz] und der Regentin Anna von Savoyen aufgebrochen war. Im September 1346 kapitulierte die byzantinische Besatzung von Chios. Obwohl die Expedition die private Initiative eines genuesischen Reederkonsortiums darstellte, wurde sie von der Kommune Genua, die ihre Position im Osten konsolieren wiollte, unterstützt; die Insel Chios entwickelte sich folgerichtig zu einer der wichtigsten Etappe auf den Seewegen, die in die Romania und das weiter östliche Mittelmeer führten, udn hatte ebenso größte Bedeutung als Basis für das genuesische Vordringen im türkisch beherrrschten Kleinasien.