Weller Tobias: Seite 94,375-377,392
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Die Heiratspolitik des deutschen Hochadels im 12. Jahrhundert."

Noch im Laufe des Spätherbstes muß BARBAROSSA in dieser Angelegenheit Kontakt mit der Burgunder Grafenfamilie aufgenommen haben. Mit der Führung der Verhandlungen waren wohl Erzbischof Humbert von Besancon (1134-1162) sowie Herzog Matthäus von Ober-Lothringen ( 1176) betraut [461 Vgl. Simonsfeld, Friedrich I, 1, 514; Güterbock, Geschichte Burgunds 186f.; Mariotte, Bourgogne 69; Heinemann, Untersuchungen, Teil 1, 185; Herkenrath, Burgundische Heirat 192. - Möglicherweise hat auch Markgraf Wilhelm V. von Montferrat bei der Brautwerbung eine Rolle gespielt. Er war mit einer Tante BARBAROSSAS aus der österreichischen Markgrafen-Familie verheiratet und außerdem mit Beatrix blutsverwandt: Seine Mutter Gisela war eine Tante Rainalds III.; vgl. Assmann, Barbarossas Kinder 461.].
Demnach dürfte die Angabe der Chronik Sicards von Cremona (
1215) zuverlässiger sein, wonach nicht Rainer, sondern dessen Sohn Wilhelm der Ältere von Montferrat die BABENBERGERIN Ita/Jutta heimführte, die bei dieser Gelegenheit ausdrücklich als Schwester KONRADS III. und Herzogs Friedrichs II. von Schwaben bezeichnet wird [309 Sicard von Cremona, Cron. zu 1189, MGH SS 31, 172. Schlecht unterrichtet ist hingegen Vinzenz von Prag, der den Markgrafen Hugo nennt und seine Gemahlin zu einer Mutterschwester des Kaisers macht, obwohl sie eine Tante väterlicherseits war; vgl. Vinzenz von Prag, Ann. zu 1158, MGH SS 17, 672.]. Wohl nicht zuletzt wegen dieses Verwandschaftsverhältnisses zählte Markgraf Wilhelm bis in die 1170-er Jahre hinein zu den verläßlichsten Stützen der Italienpolitik FRIEDRICH BARBAROSSAS, des Neffen der BABENBERGERIN. Schon beim ersten Italienzug des STAUFERS ist der Markgraf in dessen Umgebung bezeugt [310 Vgl. DD F. I. 96 (Januar 1155, Casala Monteferrato); 97 (Januar 1155, Rivarolo Canavese); 100 (April 1155 bei Tortona).]. Er war beim Hoftag von Roncaglia zugegen und nahm an der Belagerung und Zerstörung Tortonas teil [311 Vgl. Otto von Freising, Gesta Friderici, lib. II, c. 16, MGH SSrG [46], 118f.; ebd., lib. II, c. 23, 124f.]. BARBAROSSA belohnte dieses Engagement durch tatkräftige Unterstützung Wilhelms im Kampf gegen seine territorialpolitischen Gegner, die Kommunen von Chieri und Asti, indem er deren Bürger ächtete und Anfang 1156 beide Städte kampflos einnahm und verwüstete [312 Otto von Freising, Gesta Friderici, lib. II, c. 16, MGH SSrG [46], 121. Siehe auch Oppl, Friedrich Barbarossa 49.]. Im Juni 1156 gehörte Markgraf Wilhelm zu den Gästen bei der Hochzeit des Kaisers und erhielt bei dieser Gelegenheit die Belehnung mit der Burg Trino durch Bischof Uguccio von Vercelli bestätigt. Nachdem er im Herbst 1157 den kaiserlichen Hof in Burgund besucht hatte, befand er sich im August/September 1158 bei der Zerstörung Mailands wieder im Gefolge des Herrschers, der ihn bei der Kapitulation der lombardischen Metropole mit wichtigen Aufträgen betraute [315 Vgl. D F. I. 224; Rahewin, Gesta Friderici, lib. III, c. 47, MGH SSrG [46], 221-224 (hier 222). Siehe auch Oppl, Friedrich Barbarossa 63.]. Auch in den folgenden Jahren, insbesondere 1161/62, ist Wilhelm oft an der Seite des STAUFERS bezeugt [316 Vgl. DD F. I. 275 (Juni 1159, Lodi); 316 (nach Mitte Juni 1160); 325 (Mai 1161, vor Mailand); 337 (September 1161, Landriano) 347 (Janaur 1162, Lodi); 350 (Februar 1162, Lodi); 356, 359 und 360 (April 1162, Pavia); 367, 368 und 369 (Juni 1162, S. Salvatore); 370 (April/Juni 1162, Pavia?); 382 (August 1162, Turin); 388 (September 1161, St-Jean-de-Losne).], ebenso während der dritten Italienzuges 1163/64 [317 Vgl. DD F. I. 422 (Dezember 1163, Monza); 456 (August 1164, Pavia); 459 (September 1164, S. Salvatore).]. Damals schenkte ihm der Kaiser "für die Bedeutung und Vielzahl seiner Dienste" die Burgen Cavagnolo und Vesterna [318 Vgl. DD F. I 458.]. Auch belehnte er ihn mit zahlreichen Burgen, Gütern und Regalrechten, was er wiederum mit den hervorragenden Dienste Wilhelms rechtfertigte [319 Vgl. DD F. I. 466.]. Obendrein verlieh BARBAROSSA dem Markgrafen ein Bestätigungsprivileg für seine Besitzungen und nahm ihn mitsamt seinen Söhnen in seinen Schutz [320 Vgl. DD F. I. 467.]. Ein Beweis für das aßerordentliche Vertrauen, das Wilhelm bei dem STAUFER-Kaiser genoß, liegt in der Tatsache, daß dieser ihm seinen erstgeborenen, nur wenige Monate alten Sohn Friedrich A zur Pflege übergab, als er im September 1164 von Pavia aus die Rückreise über die Alpen nach Deutschland antrat [321 Dies geht aus dem Brief Markgraf Wilhelms an den französischen König (Ludwig VII., Epist., No. 433, RHF 16, 143f. Siehe auch Baaken, Altersfolge 66ff.; Oppl, Friedrich Barbarossa 243.]. Für diese Aufgabe erschien das Markgrafenpaar um so geeigneter, als ja Ita/Jutta eine Großtante des staufischen Kaiser-Sohnes war.
Den vierten Italienzug BARBAROSSAS begleitete der Markgraf von Montferrat erneut persönlich und wirkte 1167 an der Einnahme Roms mit [322 Vgl. DD F. I. 523 (Januar 1167, Parma); 5331 (April 1167, bei Rimini); 532 (August 1167, Rom).]. Auch 1174-1176 befand er sich häufig unter den Getreuen des Kaisers, dem sich diesmal nur wenige italienische Große anschlossen, und unterstützte ihn bei den Kämpfen gegen den lombardischen Städtebund [323 Vgl. DD F. I. 634 (Dezember 1174, vor Alléssandria); 638 (April 1175, bei Montebello); 642 (August 1175, Pavia); 653 (Juli 1176, S. Salvatore). Siehe auch Oppl, Friedrich Barbarossa 115f.]. Die politische Zusammenarbeit FRIEDRICH BARBAROSSAS mit Markgraf Wilhelm fand jedoch ein jähes Ende, nachdem der Kaiser sich nach der Niederlage von Legnano im Mai 1176 gezwungen sah, einen Ausgleich mit den Städten Ober-Italiens zu suchen [324 Trotzdem ist Markgraf Wilhelm auch in der ersten Jahreshälfte 1178 noch mehrfach am Hof BARBAROSSAS bezeugt; vgl. DD F. I. 725 (Januar 1178, Asciano); 728,729 und 730 (Januar 1178, Pisa); 732 (Juni 1178, Turin); 739 (Juli 1178, Briancon).]. Schon im März desselben Jahres hatte sich der Markgraf im Interesse der kaiserlichen Politik dazu verstehen müssen, für das Ausscheren Tortonas aus der Lega Lombarda auf mehrere Ortschaften in der Umgebung der Stadt zuverzichten, was Wilhelm wohl nur deshalb in Kauf nahm, weil er erwartete, daß ihn BARBAROSSA bei dem Erwerb von Gütern und Rechten in und um die kaiserfeindliche Stadt Alessandria unterstützen werde [325 Vgl. Güterbock, Tortonas Abfall 341.]. Nachdem aber Alessandria bei dem im Juli 1177 zwischen dem STAUFER-Kaiser und dem Lombardenbund geschlossenen Waffenstillstand ausdrücklich zu den Mitgliedern der Lega gezählt worden war [326 Vgl. D F. I. 689], schien es für Wilhelm aussichtslos, seine Herrschaft im Gebiet dieser Stadt, die mitten in seinem Territorium gegründet worden war, wiederzuerrichten [327 Vgl. Hagermann, Beiträge 226ff.; Haverkamp, Friedrich I. 84ff.; Oppl, Friedrich Barbarossa 189,242ff.]. In der Folge kehrte sich die Markgrafen-Familie vom Kaiser ab. Deutliche Zeichen dieses Prozesses sind zum einen die vorübergehende Gefangennahme des Reichslegaten Christian von Mainz in den Jahre 1179/80 durch Konrad von Montferrat, einen Sohn Wilhelms des Älteren [328 Vgl. hierzu Hagermann, Beiträge 218-237.], zum anderen die Aufnahme freundschaftlicher Beziehungen zu Konstantinopel, die im Februar 1180 zur Vermählung Rainers, eines weiteren Sohnes Wilhelms des Älteren, mit der byzantinischen Kaiser-Tochter Maria führte [329 Vgl. Sicard von Cremona, Cron. zu 1189, MGH SS 31, 173. Siehe auch Brader, Bonifaz von Montferrat 24; Haverkamp, Friedrich I. 86f.].
Hinter der Person ihres Gemahls tritt die österreichische Markgrafen-Tochter Ita/Jutta völlig zurück. Ihr Todesjahr ist nicht überliefert. Auch das Todesjahr Markgraf Wilhelms ist icht zweifelsfrei zu ermitteln. 1182/83 nahm er das Kreuz und zog nach Palästina [330 Vgl. Brader, Bonifaz von Montferrat 28.], wo er wohl einige Jahre später starb [331 So Aldo A. Settia: Mon(t)ferrat, Markgrafen von, in: LMA 6 (1993) 799-802 (hier 800). Dagegen setzen die Europäischen Stammtafeln NF 2 (1984), Tafel 200, sowie ebd. NF 1/1 (1998), Tafel 84, den Tod Wilhelms des Älteren zu 1191.]. Aus seiner Ehe mit der BABENBERGERIN gingen insgesamt sieben Kinder hervor [332 Die fünf Söhne zählt Sicard von Cremona auf (so oben Anmerkung 309).], darunter der schon erwähnte Konrad (
1192), den die christlichen Barone Palästinas 1191 zum König von Jerusalem wählten, sowie Bonifaz ( 1207), einer der Anführer des vierten Kreuzzuges, dem nach der Eroberung Konstantinopels (1204) Makedonien und Thessalien als Herrschaftsbereich zugewiesen wurden, wo er unter dem Titel eines Königs von Thessalonike regierte [333 Vgl. zu ihnen Hans H. Kaminsky: Konrad von Montferrat König von Jerusalem, in: LMA 5 (1991) 1342; Theo Kölzer: Bonifaz I. von Mon(t)ferrat, König von Thessalonike, in: LMA 2 (1983) 421f.].
Ita wurde Markgraf Wilhelm dem Älteren von Montferrat, dem "mächtigsten und einflußreichsten Hochadligen Ober-Italiens" [441 So Haverkamp, Friedrich I. 81.], in die Ehe gegeben.