INTERNET Dieter Berg

PHILIPP I., König von Frankreich
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* 1052
29./30. Juli 1108 in Melun.

Der dritten Ehe König Heinrichs I. entstammend, die dieser mit der Tochter des Großfürsten Jaroslaw von Kiew eingegangen war, wurde Philipp bereits als siebenjähriges Kind zu Pfingsten des Jahres 1059 zum Mit-König erhoben und durch den Erzbischof von Reims geweiht. Infolge des frühen Todes seines Vaters am 4. August 1060 wurde der KAPETINGER, für den bis 1067 Graf Balduin V. von Flandern die Regentschaft führte, rasch mit den drängenden politischen Problemen konfrontiert, die Heinrich I. hinsichtlich der Konsolidierung der königlichen Gewalt gegenüber den mächtigen Fürsten des Landes hinterlassen hatte. Vorrangig war hierbei die Erweiterung der Krondomäne, die zumindest im Berry, im französischen Vexin und im Gâtinais langsam vergrößert werden konnte. Unverändert blieb der geographische Wirkungskreis des kapetingischen Königtums auf die Krondomäne beschränkt, wobei sich Schwerpunkte königlicher Aktivitäten in Paris und Orléans befanden. Erst unter den kapetingischen Nachfolgern Philipps auf dem Thron erfolgten eine weitere Arrondierung bezüglich der Krondomäne und der konsequente Aufbau einer effizienten königlichen Verwaltung, die langfristig eine Verbesserung der ökonomischen Ressourcen für das Königtum herbeiführte. - Das wichtigste außenpolitische Problem, mit dem sich Philipp und auch seine kapetingischen Nachfolger konfrontiert sahen, war die erfolgreiche Invasion des normannischen Herzogs Wilhelm in England, deren Durchführung vom königlichen Regenten, Graf Balduin, nicht verhindert wurde. Die Schaffung eines anglonormannischen Reiches unter Führung Wilhelms mit einer effizienten Verwaltungs- und Herrschaftsorganisation, die dem Monarchen eine beträchtliche wirtschaftliche und militärische Potenz verschaffte, entwickelte sich in der Folgezeit zu der schwersten politischen Belastung bzw. Bedrohung für das franz. Königtum. Einzelne Versuche Philipps, durch die Unterstützung von Opponenten des anglonormannischen Monarchen - wie des Königs-Sohnes Robert Kurzhose - die Herrschaft Wilhelms zu schwächen, schlugen ebenso fehl wie das Unternehmen des KAPETINGERS, seinen Einfluß in Flandern zu stärken. Dessen Herrscher wurden zu wichtigen Verbündeten in dem außenpolitischen Bündnissystem, das Wilhelm I. und später Heinrich I. zur Verteidigung bzw. Erweiterung des anglonormannischen Reiches vor allem mit Fürsten auf dem Kontinent konstituierten. - Weitere gravierende Konflikte waren für Philipp bis zum Ende seiner Herrschaft mit seinen Beziehungen zur höchsten geistlichen Gewalt, d.h. zum Reformpapsttum, verbunden. Die Forderung der Nachfolger Petri nach einer grundlegenden Reform der Kirche - mit Abschaffung von Simonie, Priesterehe, Eigenkirchenwesen etc. - führte in Frankreich, ganz im Gegensatz zum Imperium, zu keinem schweren »Investiturstreit«. Philipp konnte viel leichter als der römische Kaiser einer tiefgreifenden Reform der Kirche in seinem Reich zustimmen, da seine »Kirchenherrschaft« nur sehr eingeschränkt bestand und er lediglich in zwei Dutzend Fällen die Wahl von Bischöfen nördlich der Pyrenäen beeinflussen konnte. Diese besaßen in vergleichsweise geringem Umfang Anteil an herrscherlichen Rechten und befanden sich zudem vielfach in Abhängigkeit von Adligen in den Regionen. So kam es in Frankreich zu einer einvernehmlichen Lösung des »Investiturproblems« ohne umfassende Regelung in einem Konkordat (wie im Deutschen Reich bzw. im Imperium); vielmehr wurde eine pragmatische Änderung der Praxis der Wahl und Einsetzung von Bischöfen auf der Basis der von Ivo von Chartres getroffenen grundsätzlichen Unterscheidung von Spiritualien und Temporalien vorgenommen, während die königlichen Interessen durch die Leistung eines bischöflichen Treueeides gewahrt blieben. - Eine Belastung des Verhältnisses Philipps zum Papsttum entstand jedoch durch die Ehepraxis des KAPETINGERS, der im Jahre 1092 die Gattin des Grafen von Anjou, Bertrada, entführte und nach Verstoßung seiner rechtmäßigen Ehefrau Berta diese irreguläre Verbindung als Ehe vom Bischof von Senlis sanktionieren ließ. Der Papst kam nicht umhin, Philipp wegen dieses Verhaltens 1094/95 zu bannen. Urban II. und sein Nachfolger auf den Stuhle Petri hielten an dieser Haltung gegenüber dem KAPETINGER trotz der gleichzeitig sich verschärfenden Konflikte mit dem salischen Kaiser fest und zwangen Philipp zu Konzessionen in der Eheangelegenheit, weshalb der KAPETINGER im Jahre 1104 vom Kirchenbann gelöst werden konnte. Zugleich schuf Philipp, der seinen Sohn Ludwig (VI.) seit 1101 an der Regierung beteiligt hatte, die Voraussetzungen für eine endgültige Aussöhnung mit dem Papsttum. Diese erfolgte 1107 im Zusammenhang mit einem Besuch des Papstes Paschalis II. in Frankreich, der vor den Bedrohungen durch den SALIER-Kaiser HEINRICH V. geflohen war und Unterstützung in seinem Existenzkampf durch die KAPETINGER suchte. Am 1. Mai 1107 kam es in St. Denis zu einem Treffen Philipps und des Thronfolgers mit dem Papst, dem sie auxilium und consilium versprachen. Dieses Schutzbündnis führte nicht nur zu einer engen, dauerhaften Verbindung der KAPETINGER mit dem Papsttum, sondern auch zu einer Konfrontation mit dem deutschen Herrscher, der noch nach dem Wormser Konkordat - nicht zuletzt wegen des kapetingischen Schutzes für das Papsttum - den Versuch einer Invasion im französischen regnum unternahm. Der alternde Monarch war gegen Ende seines Lebens kaum mehr handlungsfähig und übertrug die Regierungsgeschäfte weitgehend dem Thronfolger Ludwig, der nach dem Tode Philipps und dessen Beisetzung in St.-Benoît-sur-Loire für eine Herrschaftskontinuität Sorge trug.

Quellen:
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Literatur:
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