Runciman, Steven: Seite 546-548,630-635,648-649,696-700
***************
1147
Unur selbst hatte bereits eine Gesandtschaft nach Aleppo geschickt, um Nur ed-Dins Beihilfe zu erbitten. Nur ed-Din war über das Ansuchen hocherfreut. Es wurde ein Bündnis geschlossen. Nur ed-Din erhielt die Tochter Unurs zur Ehe und versprach, sofort zu seiner Rettung herbeizueilen; es wurde vereinbart, daß er Hama zurückerhalte, aber die Unabhängigkeit von Damaskus nicht antasten werde.
Damit trat Nur ed-Din als der Hauptfeind der Christenheit in den Vordergrund. Er war jetzt neunundzwanzig Jahre alt, aber für sein Alter ungewöhnlich gescheit und einsichtsvoll. Selbst seine Gegner bewunderten sein Gerechtigkeitsgefühl, seine Barmherzigkeit und seine aufrichtige Frömmigkeit. Er war möglicherweise ein weniger glänzender Feldherr als sein Vater Zengi; aber er war weniger grausam und weniger hinterhältig als jener und ein weit besserer Menschenkenner. Seine materiellen Hilfsquellen waren geringer als die seines Vaters; denn Zengi hatte die Reichtümer des oberen Irak aufbieten können, die jetzt in die Hände Saif ed-Dins übergegangen waren. Aber zugleich mit ihnen hatte Saif ed-Din auch Zengis Schwierigkeiten mit den ORTOQITEN, mit dem Kalifen und mit dem Seldschuken-Sultanat geerbt; und damit erhielt Nur ed-Din freie Hand, sich unbehindert dem Westen zu widmen. Außerdem hielten die Söhne Zengis getreulich an ihrem Familien-Pakt fest.
1149
Raimund von Antiochia eilte mit einem kleinen Heer unnd einigen Assassinen-Verbündeten unter Ali ibn Wafa zur Rettung Inabs herbei und Nur ed-Din, der über die Stärke ihrer Streitmacht falsch unterrichtet war, zog sich zurück. Tatsächlich war das islamische Heer mit seinen 6.000 Berittenen dem fränkischen um 4.000 Reiter und 1.000 Mann Fußvolk überlegen. Raimund beschloß jetzt, gegen den Rat Alis, die Besatzung von Inab zu verstärken. Aber Nur ed-Din war mittlerweile Raimunds Schwäche gewahr geworden. Am 28. Juni 1149 befand sich das christliche Heer in der Ebene zwischen Inab und dem Sumpf von Ghab in einer Bodensenke beim Brunnen von Murad im Feldlager. Nur ed-Dins Truppen schlichen sich während der Nacht heran und schlossen es ein. Am nächsten Morgen erkannte Raimund, daß er keine andere Möglichkeit hatte, als im Sturmangriff auszubrechen. Aber das Gelände war ihm ungünstig. Indes die Ritter ihre Pferde den Abhang hinaufjagten, erhob sich ein Wind und blies ihnen den Staub in die Augen. Binnen weniger Stunden war Raimunds Heer vernichtet. Raimund selbst wurde von der Hand Schirkuhs niedergestreckt, der solcherart die zu Famiya eingebüßte Gunst seines Herrn zurückerlangte. Nur ed-Din sandte des Fürsten Schädel, in ein Gehäuse von Silber gefaßt, als Geschenk an seinen geistlichen Oberherrn, den Kalif von Bagdad.
Im Winter 1149 brach Nur ed-Din mit Joscelin. Seine ersten Angriffe blieben erfolglos; aber im April 1150 als Joscelin sich auf einem Ritt nach Antiochia befand, wurde er von seiner Begleitmannschaft abgetrennt und fiel einigen turkmenischen Freibeutern in die Häde. Sie waren bereit, ihn gegen schweres Lösegeld freizulassen; aber Nur ed-Din vernahm von der Gefangennahme und schickte einen Trupp Reiter aus, die Joscelin seinen Fängern wegnahmen. Er wurde geblendet und zu Aleppo in den Kerker geworfen, wo er 1159 starb.
Das Bündnis zwischen Nur ed-Din und dem SELDSCHUKEN Mas'ud war sofort nach Joscelins Gefangennahme geschlossen und mit einer Heirat Nur ed-Dins und der Tochter Mas'uds besiegelt worden.
Am 18. April 1154 schlug Nur ed-Din unter den Mauern von Damaskus sein Feldlager auf. Genau eine Woche später öffnete die Bevölkerung die Tore. Mudschir floh in die Zitadelle, ergab sich aber nach wenigen Stunden. Man bot ihm sein Leben und das Emirat von Homs. Einige Wochen später wurde er einer Verschwörung mit alten Freunden in Damaskus verdächtigt und aus Homs hinausgesetzt. Man bot ihm die Stadt Balis am Euphrat, aber er lehnte ab und zog sich nach Bagdad zurück.
1157
Nur ed-Din steckte die Unterstadt in Brand, zog sich zurück und ließ Balduin in Banyas einziehen und seine Wälle wieder instand setzen. Während die Franken den Jordan hinab in den Süden zurückkherten, fiel Nur ed-Din nördlich des Sees Genezareth über sie her und errang einen großen Sieg. Der König entkam mit knapper Not nach Safed.
Im Oktober 1157, zwei Monate nach seiner Rückkehr aus Banyas, wurde Nur ed-Din plötzlich in Sarmin schwer krank. Da er sich sterbend glaubte, bestand er darauf, daß man ihn in einer Sänfte nach Aleppo trage. Dort setzte er seinen letzten Wilen auf. Sein Bruder Nasr ed-Din sollte die Nachfolge in seinen Staate antreten und Schirkuh Damaskus unter seiner Oberhoheit regieren. Aber als Nasr ed-Din in Aleppo einzog, um sich für die Übernahme des Erbes bereitzuhalten, stieß er auf den Widerstand des Statthalters Ibn ed-Daya. Es kam zu Unruhen, die erst unterdrückt werden konnten, als einige Standesherren ans Krankenbett ihres Fürsten gerufen wurden und feststellten, daß er noch am Leben war. Die Krankheit hatte in der Tat ihren Höhepunkt überschriten, und Nur ed-Din begann langsam zu genesen. Aber er schien einiges von seiner Tatkraft und Unternehmungslust verloren zu haben.
Im Frühjahr 1174 begab sich der Atabeg nach Damaskus, um seinen ägyptischen Feldzug ins Werk zu setzen. Eines Morgens, als er mit seinen Freunden durch die Obsthaine ritt, sprach er zu ihnen von der Unsicherheit des menschlichen Daseins. Neun Tage später, am 15. Mai 1174 starb er an Halsbräune. Er war ein großer Herrscher und guter Mensch gewesen, der die Gerechtigkeit über alles stellte. Nach seiner Krankheit vor neunzehn Jahren hatte ihn einiges von seiner vormaligen Tatkraft verlassen; und er brachte mehr Zeit mit religiösen Übungen zu. Aber seine Frömmigkeit, so eng begrenzt sie auch war, erwarb ihm die Hochachtung seiner Untertanen wie seiner Feinde. Er war enthaltsam und lächelte selten. Er führte ein einfaches Leben und zwang seine Familie, ein gleiches zu tun, denn er zog es vor, seine riesigen Einkünfte für mildtätige Werke zu verwenden. Er war ein sorgsamer und wachsamer Administrator; und seine kluge Regierungsweise festigte das Reich, das sein Schwert ihm gewonnen hatte. Er bemühte sich insbesondere, der Ruhelosigkleit seiner türkischen und kurdischen Emire entgegenzuwirken, indem er sie auf Lehnsgütern fest ansiedelte.
In seiner äußeren Erscheinung war Nur ed-Din von hohem Wuchs, dunkelhäutig, fast bartlos, mit regelmäßigen Zügen und einem sanften, traurigen Gesichtsausdruck. Seine einzie Erholung war das Polo-Spiel.