Runciman,
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1147
Unur selbst hatte bereits eine
Gesandtschaft nach Aleppo geschickt, um Nur ed-Dins Beihilfe zu erbitten. Nur ed-Din war über das
Ansuchen hocherfreut. Es wurde ein Bündnis geschlossen. Nur ed-Din erhielt die Tochter Unurs zur Ehe und versprach,
sofort zu seiner Rettung herbeizueilen; es wurde vereinbart, daß
er Hama zurückerhalte, aber die Unabhängigkeit von Damaskus
nicht antasten werde.
Damit trat Nur ed-Din als der
Hauptfeind der Christenheit in den Vordergrund. Er war jetzt
neunundzwanzig Jahre alt, aber für sein Alter ungewöhnlich
gescheit und einsichtsvoll. Selbst seine Gegner bewunderten sein
Gerechtigkeitsgefühl, seine Barmherzigkeit und seine aufrichtige
Frömmigkeit. Er war möglicherweise ein weniger
glänzender Feldherr als sein
Vater Zengi; aber er war weniger grausam und weniger
hinterhältig als jener und ein weit besserer Menschenkenner. Seine
materiellen Hilfsquellen waren geringer als die seines Vaters; denn Zengi hatte die Reichtümer des
oberen Irak aufbieten können, die jetzt in die Hände Saif ed-Dins übergegangen
waren. Aber zugleich mit ihnen hatte
Saif ed-Din auch Zengis Schwierigkeiten
mit den ORTOQITEN, mit dem
Kalifen und mit dem Seldschuken-Sultanat geerbt; und damit erhielt Nur ed-Din freie Hand, sich
unbehindert dem Westen zu widmen. Außerdem hielten die Söhne Zengis getreulich an ihrem
Familien-Pakt fest.
1149
Raimund von Antiochia eilte
mit einem kleinen Heer unnd einigen Assassinen-Verbündeten unter Ali ibn Wafa zur Rettung Inabs
herbei und Nur ed-Din, der
über die Stärke ihrer Streitmacht falsch unterrichtet war,
zog sich zurück. Tatsächlich war das islamische Heer mit
seinen 6.000 Berittenen dem fränkischen um 4.000 Reiter und 1.000
Mann Fußvolk überlegen. Raimund
beschloß jetzt, gegen den Rat
Alis, die Besatzung von Inab zu verstärken. Aber Nur ed-Din war mittlerweile Raimunds Schwäche gewahr
geworden. Am 28. Juni 1149 befand sich das christliche Heer in der
Ebene zwischen Inab und dem Sumpf von Ghab in einer Bodensenke beim
Brunnen von Murad im Feldlager. Nur
ed-Dins Truppen schlichen sich während der Nacht heran und
schlossen es ein. Am nächsten Morgen erkannte Raimund, daß er keine andere
Möglichkeit hatte, als im Sturmangriff auszubrechen. Aber das
Gelände war ihm ungünstig. Indes die Ritter ihre Pferde den
Abhang hinaufjagten, erhob sich ein Wind und blies ihnen den Staub in
die Augen. Binnen weniger Stunden war Raimunds
Heer vernichtet. Raimund
selbst wurde von der Hand Schirkuhs
niedergestreckt, der solcherart die zu Famiya eingebüßte
Gunst seines Herrn zurückerlangte. Nur ed-Din sandte des Fürsten
Schädel, in ein Gehäuse von Silber gefaßt, als Geschenk
an seinen geistlichen Oberherrn, den Kalif von Bagdad.
Im Winter 1149 brach Nur ed-Din
mit Joscelin. Seine ersten
Angriffe blieben erfolglos; aber im April 1150 als Joscelin sich auf einem Ritt nach
Antiochia befand, wurde er von seiner Begleitmannschaft abgetrennt und
fiel einigen turkmenischen Freibeutern in die Häde. Sie waren
bereit, ihn gegen schweres Lösegeld freizulassen; aber Nur ed-Din vernahm von der
Gefangennahme und schickte einen Trupp Reiter aus, die Joscelin seinen Fängern
wegnahmen. Er wurde geblendet und zu Aleppo in den Kerker geworfen, wo
er 1159 starb.
Das Bündnis zwischen Nur ed-Din und
dem SELDSCHUKEN
Mas'ud war sofort
nach Joscelins Gefangennahme
geschlossen und mit einer Heirat Nur
ed-Dins und der Tochter Mas'uds besiegelt worden.
Am 18. April 1154 schlug Nur ed-Din
unter den Mauern von Damaskus sein
Feldlager auf. Genau eine Woche später öffnete die
Bevölkerung die Tore. Mudschir
floh in die Zitadelle, ergab sich
aber nach wenigen Stunden. Man bot ihm sein Leben und das Emirat von
Homs. Einige Wochen später wurde er einer Verschwörung mit
alten Freunden in Damaskus verdächtigt und aus Homs hinausgesetzt.
Man bot ihm die Stadt Balis am Euphrat, aber er lehnte ab und zog sich
nach Bagdad zurück.
1157
Nur ed-Din steckte die
Unterstadt in Brand, zog sich zurück und ließ Balduin in
Banyas einziehen und seine Wälle wieder instand setzen.
Während die Franken den Jordan hinab in den Süden
zurückkherten, fiel Nur ed-Din
nördlich des Sees Genezareth über sie her und errang einen
großen Sieg. Der König entkam mit knapper Not nach Safed.
Im Oktober 1157, zwei Monate nach seiner Rückkehr aus Banyas,
wurde Nur ed-Din
plötzlich in Sarmin schwer krank. Da er sich sterbend glaubte,
bestand er darauf, daß man ihn in einer Sänfte nach Aleppo
trage. Dort setzte er seinen letzten Wilen auf. Sein Bruder Nasr ed-Din sollte die
Nachfolge in seinen Staate antreten und Schirkuh Damaskus unter seiner
Oberhoheit regieren. Aber als Nasr
ed-Din in Aleppo einzog, um sich für die Übernahme des
Erbes bereitzuhalten, stieß er auf den Widerstand des Statthalters Ibn ed-Daya. Es kam zu
Unruhen, die erst unterdrückt werden konnten, als einige
Standesherren ans Krankenbett ihres Fürsten gerufen wurden und
feststellten, daß er noch am Leben war. Die Krankheit hatte in
der Tat ihren Höhepunkt überschriten, und Nur ed-Din begann langsam zu
genesen. Aber er schien einiges von seiner Tatkraft und
Unternehmungslust verloren zu haben.
Im Frühjahr 1174 begab sich der Atabeg nach Damaskus, um seinen
ägyptischen Feldzug ins Werk zu setzen. Eines Morgens, als er mit
seinen Freunden durch die Obsthaine ritt, sprach er zu ihnen von der
Unsicherheit des menschlichen Daseins. Neun Tage später, am 15. Mai 1174 starb er an Halsbräune. Er war ein
großer Herrscher und guter Mensch gewesen, der die Gerechtigkeit
über alles stellte. Nach seiner Krankheit vor neunzehn Jahren
hatte ihn einiges von seiner vormaligen Tatkraft verlassen; und er
brachte mehr Zeit mit religiösen Übungen zu. Aber seine
Frömmigkeit, so eng begrenzt sie auch war, erwarb ihm die
Hochachtung seiner Untertanen wie seiner Feinde. Er war enthaltsam und
lächelte selten. Er führte ein einfaches Leben und zwang
seine Familie, ein gleiches zu tun, denn er zog es vor, seine riesigen
Einkünfte für mildtätige Werke zu verwenden. Er war ein
sorgsamer und wachsamer Administrator; und seine kluge Regierungsweise
festigte das Reich, das sein Schwert ihm gewonnen hatte. Er
bemühte sich insbesondere, der Ruhelosigkleit seiner
türkischen und kurdischen Emire entgegenzuwirken, indem er sie auf
Lehnsgütern fest ansiedelte.
In seiner äußeren Erscheinung war Nur ed-Din von hohem Wuchs,
dunkelhäutig, fast bartlos, mit regelmäßigen Zügen
und einem sanften, traurigen Gesichtsausdruck. Seine einzie Erholung
war das Polo-Spiel.