Nureddin Mahmud                           Seldschukischer Atabeg von Mossul (1146-1174)
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11.2.1118
12.5.1174           
Damaskus   Damaskus           

Jüngerer Sohn des Atabegs Imad ad-Din Zengi von Aleppo und Mossul aus dem Hause der ZENGIDEN

Lexikon des Mittelalters: Band VI Spalte 1317
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Nuraddin, islamischer Herrscher
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1174

Folgte 1146 in Aleppo seinem VaterImadaddin Zangi‘ in der Regierung nach, der kurz vorher Edessa eingenommen hatte. Nuraddin schloß in den folgenden Jahren die Eroberung der Grafschaft Edessa ab und zerschlug damit den ältesten der Kreuzfahrerstaaten. Die Nachricht vom Fall Edessas löste in Europa den 2. Kreuzzug aus, in dessen Verlauf 1148 der fehlgeschlagene Versuch unternommen wurde, Damaskus einzunehmen. Dadurch geriet Damaskus in immer stärkere Abhängigkeit von N
uraddin. Als es ihm 1154 die Tore öffnete, erlangte Nuraddin die Vorherrschaft über das islamische Syrien. Wie schon sein Vater griff Nuraddin erfolgreich den Gedanken des Hl. Krieges auf, den er gegen die Kreuzfahrer propagierte. Gleichzeitig diente er ihm als Legitimation für seinen Herrschaftsanspruch über die Muslime, die es offiziell für den Krieg gegen die Franken zusammenzufassen galt. Als König Amalrich 1162 in Ägypten einmarschierte und es praktisch zu einem Protektorat des Königreiches Jerusalem machte, provozierte er das Eingreifen Nuraddins, dessen Feldherren Sirkuh es nach dem fränkischen Abzug 1169 gelang, in Kairo einzuziehen. Sirkuhs Neffe und Nachfolger als Oberbefehlshaber Saladin beseitigte 1171 das FATIMIDEN-Kalifat und machte sich faktisch unabhängig von Nuraddin. Nur dessen Tod bewahrte Saladin vor der militärischen Auseinandersetzung mit diesem und erlaubte es ihm letztlich, Nuraddins Erbe anzutreten.

P. Thorau

Nureddin folgte 1146 seinem ermordeten Vater Zengi in der Regierung. Er eroberte Edessa wieder, schlug KONRAD III. und Ludwig VII. von Frankreich vor Damaskus, eroberte das christliche Fürstentum Antiochia sowie das ganze nördliche Syrien, unterjochte 1154 Damaskus, das er zu seiner Residenz erhob, und stürzte 1169/ 71 durch seinen Feldherrn Saladin das Kalifat der FATIMIDEN.

Mayer, Hans Eberhard: Seite 87,96,97,99,100,105,106,109-115,124
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"Geschichte der Kreuzzüge"

Nach der Ermordung seines Vaters Zengi (1144) folgte in Mosul sein ältester Sohn Saif ad-Din Gazi, in Aleppo sein jüngerer Sohn Nur ad-Din (1146-1174), der dafür sorgte, daß den Franken der Tod Zengis keine Erleichterung brachte.
In Syrien standen die Dinge nicht eben zum besten, denn als Joscelin II. von Edessa nach Zengis Tod 1146 einen Versuch zur Wiedereroberung seiner Hauptstadt gemacht hatte, war diese durch das Eingreifen Nur ad-Dins, der die gesamte armenische und jakobitische Bevölkerung dezimierte, endgültig verlorengegangen. Seither warteten Muslime und Franken ohne größerer Aktionen auf das Eintreffen der Kreuzfahrer. Fürst Raimund von Antiochia wollte den französischen König zu einem Feldzug gegen Aleppo bewegen, um seine von den kleinasiatischen Seldschuken und Nur ad-Din gefährdete Nordgrenze zu entlasten. Das Kriegsziel war vernünftig, denn Nur ad-Din sollte sich als gefährlicher Gegner der Kreuzfahrerstaaten erweisen, wenngleich dies 1148 vielleicht noch nicht deutlich sichtbar war. Doch mußte klar sein, dass ein Sieg über ihn eine Vereinigung von Aleppo und Damaskus verhindern konnte. Am 24. Juli begannen die Kreuzfahrer die Belagerung der Stadt Damaskus auf der Westseite in den dortigen Obstplantagen. Das Nahen eines Ersatzheeres unter Nur ad-Din erschreckte den damaszenischen Atabeg ebenso wie die palästinensischen Barone. In einem Satyrspiel ohnegleichen redeten diese den beiden Königen ein, die Plantagen hinderten die Belagerung, und bewogen sie, das Heer in den Südosten in eine heiáe und wasserlose Eben zu verlegen, wodurch noch am selben Tag die Aufhebung der Belagerung und der Rückzug erzwungen wurde, weil sich ein Verbleiben im Südosten als unmöglich erwies. Der Atabeg von Damaskus hielt zwar weiterhim zur Allianz, aber das dortige Volk, das das Bündnis bisher getragen hatte, mißtraute von nun an den Franken und öffnete 1154 Nur ad-Din die Tore der Stadt, als er vor Damaskus erschien. Die Vereinigung von Damaskus und Aleppo, die man zu verhindern gesucht hatte, war durch den Feldzug von 1148 nur vorbereitet worden.
Die Erbteilung nach Zengis Tod (1146), durch die Saif ad-Din Gazi Mosul und Nur ad-Din Aleppo bekam, war für die Franken nicht günstig, weil Nur ad-Din dadurch von den östlichen Wirren, die Zengis Kraft so sehr in Anspruch genommen hatten, weitgehend befreit wurde und sich auf den Kampf gegen Damaskus und die Franken konzentrieren konnte. Nur ad-Dins erster Erfolg war die bereits erwähnte Abwehr Joscelins II. bei dessen erfolglosem Versuch zur Wiedergewinnung seiner Hauptstadt Edessa. Danach stürmte er 1147 und 1148 gegen das Fürstentum Antiochia an, dem er den größten Teil seiner Besitzungen östlich des Orontes nahm. Zu durchschlagenden Unternehmungen kam es wegen des zweiten Kreuzzuges vorerst nicht, vielmehr mußte Nur ad-Din zum Entsatz von Damaskus ziehen, während seine Basis Aleppo ungefährdet blieb, da sich die Kreuzfahrer zu einem Angriff in Nord-Syrien nicht entschließen konnten. Kaum war der Kreuzzug beendete, da nahm Nur ad-Din den Krieg gegen Antiochia wieder auf. Im Sommer 1149 erschien er vor der antiochenischen Festung Inab. Raimund von Antiochia trat ihm mit seinen Rittern entgegen, wurde aber am 29. Juni vernichtend geschlagen und kam selbst im Kampfe um. Es war der größte Sieg, den Nur ad-Din je gegen die Franken erfocht; er begründete und festigte sein Prestige in der islamischen Welt.
Sir Hamilton Gibb und Sivan haben mit Recht darauf hingewiesen, daß der Sieg von Inab noch viel weiterreichende Folgen hatte. Nur ad-Din begann sich von nun an ganz als Vorkämpfer des Islam zu fühlen. Er betrachtete sich als Erfüller einer historischen Mission, die darin bestand, die islamischen Kräfte gegen die Franken zu einen. Aus einer im 12. Jahrhundert zunächst eher sekundären Idee wurde der Dschihad, der muslimische Heilige Krieg, als Ausdruck einer generellen Erneuerung der islamischen Orthodoxie unter Nur ad-Din zu einer treibenden Kraft islamischer Politik. Man kann Nur ad-Din nicht verstehen, wenn man in ihm auch den religiösen Eiferer sieht, denn die politische Einheit setzte die glaubensmäßige voraus. Darum ging er energisch gegen die Schiiten vor und förderte alles, was der Wiedererweckung und Vertiefung des orthodoxen Glaubens dienen konnte. Schulen und Moscheen wurden gegründet; Dichter und Prediger stützten die politischen und religiösen Ziele Nur ad-Dins, indem sie die Volksmasse mit propagandistischen Schlagworten in ekstatische Stimmung zu versetzen suchten und insbesondere gegen die als skandalös empfundene Allianz der Damaszener mit den Franken Front machten, deren Sprengung das unmittelbare Ziel Nur ad-Dins war. Seit 1150 übte er einen stets zunehmenden Druck auf Damaskus aus und lagerte im Laufe der Jahre mehrfach vor der Stadt. Seine zeitweiligen Feldzüge im Edessenischen, wo er nach der Gefangennahme Joscelins II. seine Eroberungen konsolidierte, nützten der nach dem Tode Unurs (1149) nur noch schwachen Regierung von Damaskus nicht mehr viel, zumal die Milizen der Unterschicht nicht nur der Regierung, sondern auch dem sich schamlos bereichernden Großbürgertum, repräsentiert durch die Familie der Banu as-Sufi, ihre Unterstützung entzogen. Im Jahre 1154 öffnete das Volk Nur ad-Din nahezu kampflos die Tore der Stadt. Auch dieses Fürstentum wurde in sein Programm der religiösen Vertiefung mit einbezogen. Das islamische Syrien war nun vereint, und der Gewinn von Damaskus brachte Nur ad-Din einen beträchtlichen Zuwachs an Heeresstärke. Gibb hat seine syrische Armee auf maximal 6.000 Reiter beziffert, von denen 2.000 eigene Leibtruppen waren. Der Rest setzte sich aus Kontingenten zusammen, deren Befehlshaber als Gegenleistung für den Unterhalt der Truppen nach einer Art Feudalsystem (iqta) mit Landlehen entschädigt wurden. Besonders bemerkenswert war dabei das verstärkte Eindringen kurdischer Elemente in das Offizierskorps und in die regulären Truupen, wo sie ein Gegengewicht zu den Türken bildeten. Es war ein landfremde Armee. Die Führungslosigkeit der Franken machte den Aufstieg Nur ad-Dins nur noch bedrohlicher.
König Balduin III. mußte der gefährlichen Vereinigung von Damaskus und Aleppo zusehen und war froh, daß Nur ad-Din, um seine Position zu konsolidieren, einen Waffenstillstand gewährte und auch den bisherigen damaszenischen Tribut weiterzahlte. Dennoch kam es in den folgenden Jahren fortwährend  zu Kämpfen zwischen den Franken und Nur ad-Din, die sich hauptsächlich im nördlichen Palästina um die Stadt Baniyas und die oberhalb davon gelegene Festung Subeibe abspielten, die beide nicht nur wichtige Verkehrswege, sondern auch mit dem Quellgebiet des Jordan wichtige Wasserrechte und damit eine reiche Landwirtschaft kontrollierten.
Im Oktober 1157 wurde Nurad-Din von einer schweren Krankheit befallen wurde. Er regelte bereits seine Nachfolger, konnte aber eine Staatskrise dennoch nicht verhindern, vor allem nicht in Aleppo, wo sich die Schiiten gegen die sunnitischen Behörden erhoben. Zwar konnte die Rebellion durch einen persönlichen Auftritt des kranken Herrschers zerschlagen werden, aber in der Armee kam es zu zeitweiligen Auflösungserscheinungen. Nur ad-Din blieb am Leben, hatte aber eine lange Rekonvaleszenz durchzustehen und zeigte auch später nie mehr so ganz das kriegerische Ungestüm, das den Beginn seiner Laufbahn gekennzeichnet hatte.
Am 12. April 1159 zog Kaiser Manuel Komnenos in Antiochia ein und schloß anschließend einen Waffenstillstand mit Nur ad-Din.
Nachdem Syrien seit 1158 gleichsam neutralisiert war, konnten Entscheidungen zwischen den Franken und den Muslimen nur in Ägypten fallen. Deshalb wandte sich der 1163 von Dirgam vertriebene Schawar auch an Nur ad-Din um Hilfe. Dieser zögerte anfangs, da die Weite seines syrischen Reiches genug Probleme bot, schickte aber schließlich doch seinen kurdischen General Schirkuh nach Ägypten. Dieser brachte Schawar an die Macht, der sich aber sofort mit ihm überwarf. Schawar suchte sich als neuen Verbündeten Amalrich, der schon 1163 kurz in Ägypten gewesen war. Amalrich belagerte Schirkuh 1164 in Bilbais in Unterägypten und brachte ihn in eine gefährliche Situation. Da das nahöstliche Gleichgewicht gestört schien, ließ sich Nur ad-Din aus der Reserve hervorlocken und führte eine große Offensive gegen die syrischen Kreuzfahrerstaaten. Bei Artah schlug er im August 1164 die verbündeten tripolitanisch-antiochenischen Truppen entscheidend und nahm Bohemund III. von Antiochia und Raimund III. von Tripolis gefangen. Auch die Festung am Orontes fiel wieder an die Muslime, wodurch das Fürstentum Antiochia endgültig auf die Oronteslinie zurückgeworfen wurde, doch nützte Nur ad-Din die damit gebotene Möglichkeit zu einem Angriff auf die Stadt Antiochia nicht aus, um nicht Byzanz herauszufordern. Auch im Königreich Jerusalem wurde die östliche Flanke in gefährlicher Weise aufgerissen, als Nur ad-Din 1164 Baniyas und seine Burg Subeibe eroberte.
In den folgenden Jahren kämpfte Nur ad-Din die verbliebenen halbautonomen, islamischen Kleinfürsten in Syrien nieder. Im Jahre 1167 erteilte er Schirkuh die Erlaubnis zu einer neuen Expedition nach Ägypten, die aber am Widerstand des Jerusalemer Königs scheiterte. Als König Amalrich erneut gegen Ägypten zog, zwang Schirkuh die Franken zur Aufgabe. Im Septenber 1171 beseitigte Schirkuhs Neffe Saladin die FATIMIDEN-Dynastie, indem er den abbasidischen Kalifen von Bagdad im Freitagsgebet nennen ließ. Dem Titel nach Wezir unter der Oberhoheit Nur ad-Dins war Saladin in der Praxis Sultan von Ägypten. Dies mußte zu Spannungen mit Nur ad-Din führen, der seinen Territorien 1171 noch Mosul und Mesopotamien angliederte. Jeder der beiden sah in seinem Machtbereich das eigentliche Kraftzentrum des Islam, und Saladin wehrte sich dagegen, daß Ägypten in Nur ad-Dins Plänen nur als Geldquelle für den syrischen Krieg dienen sollte. Man ließ die Dinge in der Schwebe. Das Schicksal entschied bald zu Gunsten Saladins, denn Nur ad-Din starb am 15. Mai 1174 in Damaskus. Er hatte persönlich ein einfaches Leben geführt, sich mit zunehmenden Alter noch stärker religiösen Übungen ergeben, meist eine strenge Miene zur Schau getragen und nur selten gelacht. Er hatte nach einem Jahrhundert seldschukischer Nomadenherrschaft viel zur wirtschaftlichen Stärkung Syriens beigetragen. Sein größter Verdienst war aber die religiös-politische Erneuerung des Islam und die Aktivierung der Dschihad-Idee gegen die Franken.
Nach Nur ad-Dins Tod zerfiel das ZENGIDEN-Reich sofort. Eine Gruppe rivalisierender Offiziere stritt um die Vormundschaft für den kleinen Sohn. Saladin, der sich als wahrer Erbe der hochfliegenden Pläne Nur ad-Dins fühlte, besetzte 1174 Damaskus. Zwei Jahre später heiratete er dessen Witwe und konnte einen endgültigen Ausgleich mit den ZENGIDEN erzielen, die allerdings Aleppo und Mosul noch unter der Kontrolle zengidischer Lokalherrscher ließ.





Kinder:

  
Malik as-Salih Ismail
   1163 4.12.1181





Literatur:
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BERTELSMANN Lexikon Geschichte 1991 Seite 578 - Mayer, Hans Eberhard: Geschichte der Kreuzzüge, Verlag W. Kohlhammer GmbH 1995 Seite 87,96,97,99,100,105,106,109-115,124 - Norwich John Julius: Byzanz. Der Aufstieg des oströmischen Reiches. Econ Verlag GmbH, Düsseldorf und München 1993 Seite 120,143,147,150,158 - Runciman, Steven: Geschichte der Kreuzzüge, Sonderausgabe in 1 Band Verlag H.C. Beck München 1978, Seite 544-545,546-548,582,585-587,591,630-635,638,640,642,645-646,648-649,654,657,659-663,665,669,671-679, 690-692,696-700 -