Dschekermisch                                 Atabeg von Mossul (1102-1106)
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1106

Sohn des N.N.

Runciman, Steven: Seite 353-357,417-419
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"Geschichte der Kreuzzüge"

Dem ORTOQIDEN-Fürsten Soqman von Mardin war es nicht gelungen, seinem Anwärter die Nachfolge zu verschaffen, und er lag mit dem neuen Atabeg Dschekermisch, den der SELDSCHUKE Mohammed ernannt hatte, im Krieg.
Sowohl Soqman von Mardin als auch Dschekermisch in Mossul gerieten in Besorgnis. Die gemeinsame Gefahr bewog sie, ihren Streit zu begraben und sich zu einem Zug gegen Edessa zu vereinigen; es galt anzugreifen, ehe man selbst angegriffen wurde. Anfang Mai 1104 zogen sie seldander gegen Edessa, Soqman mit einer beträchtlichen Streitmacht turmenischer leichter Reiterei und Dschekermisch mit einer etwas kleineren Truppe, die sich aus seldschukischen Türken, Kurden und Arabern zusammensetzte.
Noch ehe der Zank zwischen Balduin und Bohemund beigelegt war, hatte das türkische Heer nach Süden abgeschwenkt und fiel über sie her. Die Schlacht fand an den Ufern des Flusses Balikh statt, unweit des antiken Feldes von Carrhae. Die Strategie der Franken sah vor, daß das Heer von Edessa auf der Linken die feindliche Hauptstreitmacht angreifen sollte, während die antiochenische Armee hinter einem niedrigen Hügel etwa eine Meile entfernt im Versteck lag. Die Mohammedaner jedoch verfolgten einen ganz ähnlichen Plan. Ein Teil des Heeres griff die fränkische Linke an, kehrte sich sodann unvermittelt ab und ergriff die Flucht. Die Edesser meinten, sie hätten einen mühelsoen Sieg errungen, jagten ihnen nach und verloren so die Verbindung mit ihren Kameraden auf der Rechten. Sie setzten über den Fluß und gingen geradewegs in einen Hinterhalt, den das mohammedanische Hauptheer ihnen bereitet hatte. Viele von ihnen wurden auf der Stelle niedergemacht; die übrigen wandten sich zur Flucht. Das Heer von Antiochia entkam ohne schwere Verluste; aber die Truppen von Edessa wurden fast ausnahmslos gefangengenommen oder erschlagen. Balduin und Joscelin flohen zusammen zu Pferde, wurden aber im Flußbett eingeholt. Sie wurden als Gefangene in Soqmans Zelt geführt.
Das Bündnis zwischen Soqman und Dschekermisch überdauerte ihren Sieg von Harran nicht lange. Soqmans turkmenische Truppen hatten die meisten Gefangenen gemacht und den größten Teil der Beute an sich gebracht, und Dschekermisch war eifersüchtig. Sein SELDSCHUKEN- Regiment überfiel Soqmans Zelt und entführte Balduin. Soqman legte genug Selbstbeherrschung an den Tag, um seine Truppen von einem Gegenangriff abzuhalten, zog sich nach Mardin zurück und nahm an dem Krieg keinen weiteren Anteil. Dschkermisch kämpfte weiter. Zuerst nahm er, um sich gegen Soqman zu sichern, die fränkischen Burgen im Schahbaqtan, östlich von Edessa; dann zog er gegen die Hauptstadt selbst. Das Zaudern der Franken hatte Harran dem Islam erhalten. Jetzt rettete das Zaudern der Mohammedaner Edessa für die Christen. In seiner Verzweiflung befahl Tankred vor Morgengrauen einen Ausfall seiner Garnison. In der Dunkelheit fielen seine Leute über die schlafenden, sich völlig sicher fühlenden Türken her; und Bohemunds Eintreffen vervollständigte ihren Sieg. Dschekermisch ergriff Hals über Kopf die Flucht und ließ alle Schätze seines Feldlagers zurück. Harran war gerächt und Edessa gerettet.
Unter den Gefangenen, die in Tankred Hände fielen, befand sich eine hochgeborene seldschukische Prinzessin aus des Emirs Hofhaltung. Dschekermisch bewertete diese Dame so hoch, daß er sich sofort erbot, entweder 15.000 Byzantii Lösegeld für sie zu zahlen oder aber den Grafen Balduin gegen sie auszutauschen. In der Zwischenzeit kamen die Fürsten mit dem Emir über die Geldzahlung überein; und Balduin blieb in Gefangenschaft.
Der Sieg von Harran hatte Dschekermisch, den Atabeg von Mossul, an vorderste Stelle unter den türkischen Machthabern Nord-Syriens und der Gezira gerückt. Der unheilvolle Fehlschlag seines Versuchs, die Offensive gegen die Franken fortzuführen, hatte seine Stellung unter seinen islamischen Genossen nicht geschwächt.
Dscherkemisch erfreute sich seines Vorranges nicht lange. Es war unausbleiblich, daß er in die Zwistigkeiten des SELDSCHUKEN-Sultanats des Ostens verwickelt wurde. Als Sultan Barkiyarok im Jahr 1104 genötigt war, sein Herrschaftsgebiet mit seinem Bruder Mohammed zu teilen, wurde Mossul dem Bereich des letzteren zugewiesen. Dscherkemisch versuchte sich unabhängig zu machen, indem er erklärte, er schulde Barkiyarok allein Treuepflicht; er bot Mohammeds Truppen die Stirn, aber im Januar 1105 starb Barkiyarok und jetzt ging sein gesamtes Erbe auf Mohammed über. Dschekermisch war seines Vorwandes beraubt; ereilte, sich Mohammed zu unterwerfen, der fürs erste Freundschaft bezeugte. Dscherkemisch machte sich nunmehr, wahrscheinlich auf Mohammeds Geheiß, an die Vorbereitung eines neuen Feldzugs gegen die Franken. Er schloß Ridwan von Aleppo, Ridwans Unterführer, den Aspahbad Sabaua, Ilghazi den Ortoqiden und seinen eigenen Schwiegersohn Albu ibn Arslantasch von Sindschar zu einem Bündnis zusammen. Diese Verbündeten legte Ridwan und Albu nahe, es sei politisch klüger und auch einträglicher, dem Sultan mit einem Angriff auf Dschekermisch einen Gefallen zu erweisen. Sie zogen gemeinsam auf Nisibin, seine zweitgrößte Stadt; dort aber gelang es seinen verkappten Beauftragten, zwischen Ridwan und Ilghazi einen Streit zu stiften, so daß Ridwan den Ilghazi bei einem Festmahl unter den Mauern von Nisibin hinterrücks ergreifen und in Ketten legen ließ. Die ORTOQIDEN-Truppen griffen nun Ridwan an und zwangen ihn zum Rückzug nach Aleppo. Dschkermisch, solcherart gerettet, griff jetzt selbst Edessa an; aber nachdem er einen Ausfall der Truppen Richards vom Prinzipat erfolgreich zurückgeschlagen, kehrte er heim, wo er auf neue Mißlichkeiten stieß.
Kilidsch Arslan zog nach Harran weiter, das Dschekermischs Truppen ihm auslieferten.
Sultan Mohammed hatte Dschekermisch sein unabhängiges Auftreten nie verziehen; er argwöhnte ein geheimes Einverständnis zwischen ihm und Kilidsch Arslan. Im Winter 1106 entzog er ihm Mossul in aller Form und gab es zusammen mit der Herrschaft der Gezira ud Diarbekir einem türkischen Abenteurer namens Dschauali Saqaua. Dschauali führte ein Heer gegen Dschekermisch, der vorrückte, um sich ihm zu stellen, aber knapp außerhalb der Stadt besiegt und gefangengenommen wurde. Die Bewohner von Mossul, denen Dscherkemisch ein volkstümlicher Herrscher gewesen, riefen unverzüglich seinen jungen Sohn Zenki zum Atabeg aus, während Freunde außerhalb der Stadt Kilidsch Arslan zu Hilfe riefen. Dschauali hielt es für angezeigt, den Rückzug anzutreten, insbesondere da Dschekermisch, den er als Faustpfand zu verwenden gehofft hatte, ihm plötzlich unter den Händen starb.





Kinder:

  Zenki
      
 





Literatur:
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Runciman, Steven: Geschichte der Kreuzzüge, Sonderausgabe in 1 Band Verlag H.C. Beck München 1978 Seite 353-357,417-419 -