Niccolo II. Gattilusio                   Herr der Insel Lesbos (1458-1462)
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    -   1462 erdrosselt
     Konstantinopel
 

Jüngerer Sohn des Herrn Dorino I. Gattilusio von Lesbos
 

Lexikon des Mittelalters: Band IV Spalte 1139
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Die Gattilusio von Lesbos
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Der Sultan besetzte auch Alt-Phokaia und Lemnos, hier begünstigt durch einen Aufstand der Inselbevölkerung gegen das Regiment Niccolos II., des Bruders von Domenico. 1458 bemächtigte sich Niccolo II. durch Brudermord der Herrschaft über Lesbos, mußte aber 1462 vor den Türken kapitulieren und wurde in Konstantinopel, wohin er mit den Notabeln der Insel verschleppt worden war, erdrosselt.



Runciman Steven: Seite 179
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"Die Eroberung von Konstantinopel 1453"

Mittlerweile verschwanden die letzten Überreste griechischer Unabhängigkeit. Als erstes gingen die den halbgriechischen Fürsten GATTILUSI anvertrauten Länder verloren. Dorino und Palamedes starben beide 1455. Der Sohn und Erbe des ersteren war ein Schwächling, der des letzteren ein Bösewicht. Sie lieferten dem Sultan ausreichen Vorwände, unter denen er ihre Länder an sich reißen konnte. Mit dem Jahr 1459 befanden sich Imbros, Tenedos, Lemnos und die Stadt Enos in türkischen Händen, wenngleich Imbros in der Person des Kribulos einen christlichen Statthalter erhielt. Lesbos hielt sich mit Mühe und Not bis 1462, dann wurde Niccolo Gattlusi, Dorinos jüngerer Sohn, der bereits seinen Bruder erdrosselt hatte, zur Übergabe seiner Länder gezwungen und selbst erdrosselt.

Babinger Franz: Seite 139,141,143,224-228
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"Mehmed der Eroberer. Weltenstürmer einer Zeitenwende."

Eben, als die osmanische Flotte unter Hamsa in See ging, starb am 30. Juni 1455 Dorino I. Gattilusio, Herr von Mytilini (Lesbos), Alt-Fotscha nördlich Smyrna mit seinen ergiebigen Alaungruben, Thasos und Lemnos. Er überließ diese fragwürdig gewordenen Besitzungen seinem ältesten überlebenden Sohn Domenico als bedenkliche Erbschaft. Als sein Statthalter führte sein jüngerer Bruder Niccolo auf Mytilini die Staatsgeschäfte.
Junus-Pascha begnügte sich damit, auf der Höhe von Chios über ein lesbisches Wachtschiff herzufallen, das von Niccolo Gattilusio zur Erkundung katalanischer Korsaren ausgesandt worden war, also im Dienste der Pforte tätig war. Junus-Pascha jagte die Galeere, auf der sich eine reiche Griechin aus Chios, die Schwiegermutter des Fürsten von Mytilini, befand, bis in den Hafen von Lesbos und forderte sie als Kriegsbeute.
Die Lemnier hatten mit Niccolo Gattilusio, den Bruder Domenico als seinen Stellvertreter schalten und walten ließ, trübe Erfahrungen gemacht und sich heimlich über das selbstherrliche Wesens Niccolos beim Sultan beschwert. Sie hatten ihn geradezu gebeten, einen Befehlshaber über die Insel zu ernennen. Mehmed ließ nicht zweimal drängen, sondern schickte den Hämling Ismail-Pascha nach Lemnos, wo er den verträglichen früheren Admiral als osmanischen Statthalter bestallen sollte.
Ein Vorwand für das Unternehmen gegen Lesbos (Mytilini) war bald gefunden. Der ehrgeizige Inselherr Niccolo Gattilusio hatte Ende 1458 seinen älteren Bruder Domenico unter der Beschuldigung, er wolle das Eiland an die Türken ausliefern, in den Kerker geworfen und dann erdrosseln lassen, um sich hirauf selbst der Insel zu bemächtigen. Diese Greueltat nahm Mehmed II. zum Vorwand seines Einschreitens, indem er sich als Rächer des Himmels aufspielte. Tatsächlich verübelte Mehmed dem Fürsten weit mehr, daß er sich zum Spießgesellen der katalanischen Seeräuber hergab, denen er, entgegen den ausdrücklichen Weisungen des Sultans, die dortigen Gewässer von diesen Freibeutern zu reinigen und vor allem Überfälle auf das nahe anatolische Festland zu unterbinden, im Hafen von Mytilini Schutz gewährte und dafür einen erklecklichen Beuteteil für sich beanspruchte. Nicht genug damit, den Katalanen hatten sich Seeräuber von den Kykladen angeschlossen, die gemeinsam über das kleinasiatische Küstengebiet herfioelen, plünderten und Einwohner als Sklaven nach Lesbos verschleppten, wo Niccolo Gattilusio seinen Gewinnanteil entgegennahm.
Mehmed ließ Truppen auf Lesbos landen, die Gegend verheeren und die wenigen, dort angetroffenen Bewohner als Sklaven nach den Schiffen schleppen, die im St Georgs-Hafen ankerten. Seine Hoffnung, durch solcherlei Maßnahmen Niccolo Gattilusio hinreichend eingeschüchtert und zur Übergabe bereit gemacht zu haben, erfüllte sich nicht. Falls er sich zu sofortiger Waffenstreckung erbötig finde, so ließ ihm der Sultan erklären, werde er ihm anderwärts ein entsprechendes Besitztum als Entschädigung für die Preisgabe der Insel anweisen. Der Fürst vertraute auf die Stärke der Befestigungen seiner Hauptstadt, den Mut der Verteidiger und die Angst der Einwohner vor türkischer Sklaverei. Er werde, so gab er zur Antwort, mit den Seinigen ehrenvoll unterliegen, niemals aber die Stadt seinen Feinden ausliefern. Mehr als 30.000 Nichtkämpfer, Männer, Frauen und Kinder, und eine Besatzung von über 5.000 Kämpfern hielten sich innerhalb der Mauern auf, die nunmehr aus den Schlünden von herbeigebrachten 6 Riesengeschützen volle 27 Tage hindurch bombardiert wurden. Niccolo Gattilusio mußte sich besiegt erklren. Seine Widersacher auf der Insel scheinen Mahmud-Pascha die rasche Bezwingung der Hauptstadt dadurch erleichtert haben, daß sie den Türken ddie schwachen Mauerstellen bezeichneten, wo sich der Zugang leichter bot. Niccolo stellte dem Eroberer nur eine Bedingung, daß ihm ein seinem bisherigen Fürstentuim gleichwertiges Besitztum anderwärts angewiesen werde, aus denen er die nämlichen Einkünfte zu beziehen vermöge. Mehmed gewährte dem Fürsten die Bitte, ein Vertrag ward aufgesetzt und von beiden Seiten eidlich beschworen. Niemand, so sagte der Sultan ausdrücklich zu, solle an Leben und Eigentum zu Schaden kommen. Gefolgt von den Vornehmen der Insel überbrachte dann der Herzog dem Großherrn die Schlüssel der Stadt, fiel dem Sultan weinend zu Füßen, bat um Vergebung und um die Gunst des gewaltigen Gebieters der Osmanen. Mehmed befahl Niccolo, die weiteren Städte der Insel gleichfalls zu übergeben, und so machte Niccolo mit den türkischen Befehlshabern die Runde, zeigte ihnen die Bollwerke und empfahl allerorts den Einwohnern untertänige Gesinnung gegenüber den neuen Inselherrn.
Für sich selbst wählte Mehmed II. 800 auserlesene junge Menschen, Knaben und Mädchen, zum Pfortendienst aus. Maria, Schwester des  Niccolo Gattilusio, Witwe des Alexander Komnenos, eines Bruders  des Kaiser David von Trapezunt, die als die schönste Frau ihrer Zeit galt, wählte er für seinen Harem aus, ihren Sohn für den Pagendienst im Seraj. Von der dem Herzog zugesagten Entschädigung war bald keine Rede mehr. Er und Luchino Gattilusio, sein Vetter, wurden wohl in Stambul, wo sie am 16. Oktober 1462 anlangten, auf freiem Fuß belassen, aber schon nach wenigen Wochen ordnete Mehmed II. die Einkerkerung Luchinos an, und zwar mit der Begründung, daß er bei dem von seinem Vetter verübten Verbrechen hilfreiche Hand geleistet habe. In Wahrheit war bei dieser Gewalttat weiter nichts als der sultanische Staatsgrundsatz maßgeblich, alle besiegten Fürsten dadurch unschädlich zu machen, daß er sie aus dem Wege räumen ließ. Aber auch Niccolo entging seinem Schicksal nicht, obwohl er zusammen mit Luchino den Islam angenommen hatte. Alle zwei wurden beschnitten und mit Kaftan und Turban bekleidet, bald darauf jedoch teilte er Luchinos Los und wurde mit einer Bogenschnur erdrosselt. Mehmed II. soll zu diesem Todesurteil durch ein Vorkommnis bewogen worden sein, das, da es auf Wahrheit zu beruhen scheint, Erwähnung verdient. Ein von Mehmed II. mißbrauchter Page war aus dem Sultanspalast entronnen ud hatte sich nach Mytilini begeben, wo er Christ nd Günstling des Niccolo Gattilusio wurde. Unter den nach der Einnahme von Lesbos nach Stambul gebrachten Knaben befand sich auch der Flüchtling, der erkannt und dem Sultan gemeldet wurde. Dieser Vorfall mag die unverzügliche Hinrichtung des letzten Herzogs von Lesbos beschleunigt haben.
 
 
 
 

Literatur:
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Babinger Franz: Mehmed der Eroberer. Weltenstürmer einer Zeitenwende. R. Piper GmbH&Co. KG, München 1987 Seite 139,141,143,224-228 - Runciman Steven: Die Eroberung von Konstantinopel 1453 C.H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung München 1966 Seite 179 -