Domenico Gattilusio                   Herr der Insel Lesbos (1455-1458)
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    - Ende 1458 ermordet
 

Älterer Sohn des Herrn Dorino I. Gattilusio von Lesbos
 

Lexikon des Mittelalters: Band IV Spalte 1139
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Die Gattilusio von Lesbos
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Nach Jacopos erbenlosem Tod fiel Lesbos an den jüngeren Bruder Dorino I. (+ 30. Juni 1455), Herr von Phokaia. Er ließ sich vom Kaiser die Inseln Lemnos und Thasos übertragen, wurde aber von den Osmanen zur Tributleistung gezwungen. Ihm folgte in Lemnos sein Sohn Domenico nach. Dieser wurde 1455 von Mehmed II. zu einer Verdoppelung des Tributs und zur Abtretung von Thasos genötigt. Der Sultan besetzte auch Alt-Phokaia und Lemnos, hier begünstigt durch einen Aufstand der Inselbevölkerung gegen das Regiment Niccolos II., des Bruders von Domenico. 1458 bemächtigte sich Niccolo II. durch Brudermord der Herrschaft über Lesbos, mußte aber 1462 vor den Türken kapitulieren und wurde in Konstantinopel, wohin er mit den Notabeln der Insel verschleppt worden war, erdrosselt.



Babinger Franz: Seite 137,139,140,224
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"Mehmed der Eroberer. Weltenstürmer einer Zeitenwende."

Die osmanische Flotte wandte sich aber nicht nach Rhodos, sondern nach Mytilini (Lesbos), wo sie Ende Juli oder in der ersten Augusthälfte auf der Reede vor Anker ging. Der Historiker Dukas, des Fürsten Domenico Gattilusio Sekretär, ward an Bord gesandt, um durch Überbringung reicher Geschenke dem Großherrn seine treue Gesinnung kundzutun. Die Sendung bestand in kostbaren seidenen und wollenen Gewändern, in einer geschickt getroffenen Auswahl der vorzüglichsten Inselerzeugnisse an Pferden, Hornvieh, nämlich 20 Ochsen und 50 Hammeln, 800 Maß Wein, zwei Metzen gesäuerten, eine ungesäuerte Brote, über zehn Zentner Käse, einer großen Menge Zugemüse zur Erfrischung der Schiffsmannschaft und schließlich 6.000 Silbertalern in barer Münze.
Inzwischen hatte sich aber die Lage auf Mytilini dramatisch zugespitzt und verlangte die Aufmerksamkeit der Pforte. Eben, als die osmanische Flotte unter Hamsa in See ging, starb am 30. Juni 1455 Dorino I. Gattilusio, Herr von Mytilini (Lesbos), Alt-Fotscha nördlich Smyrna mit seinen ergiebigen Alaungruben, Thasos und Lemnos. Er überließ diese fragwürdig gewordenen Besitzungen seinem ältesten überlebenden Sohn Domenico als bedenkliche Erbschaft. Als sein Statthalter führte sein jüngerer Bruder Niccolo auf Mytilini die Staatsgeschäfte. Wenige Wochen nach Übernahme der Herrschaften sandte Domenico Gattilusio den Geschichtsschreiber Dukas mit der Weisung nach Adrianopel, Mehmed II. den Regierungswechsel anzuzeigen und den Tribut zu entrichten. Dieser belief sich bei Lesbos auf 3.000, bei Lemnos auf 2.325 Goldstücke; für Imbros mußten jährlich 2.000 Dukaten erlegt werden.
Dukas eilte nach Mytilini zurück und brachte schleunigst Domenico Gattilusio mit einem stattlichen Gefolge von fränkischen und rhomäischen Großen seines Hofstaates nach Adrainopel. Dort aber traf er den Großherrn nicht an, der wegen einer fürchterlichen Pest die frische Luft der balkanischen Berge aufgesucht hatte. Mehmed II. verweigerte dem Fürsten die Unterhaltung, gestattete ihm nur den Handkuß und ließ ihn durch Mahmud-Pascha abfertigen. Obgleich dieser wie auch die übrigen Würdenträger mit ansehnlichen Geschenken bedacht worden waren, scheuten sie sich nicht, unter Berufung auf ihren Herrn, sehr angemessene Forderungen an den fassungslosen Domenico Gattilusio zu stellen. Zuerst verlangten sie, der Fürst solle die ihm gehörige Insel Thasos abtreten. Als er notgedrungen seine Einwilligung gab, wollte man am folgenden Tag den bisher gezahlten Tribut verdoppelt wissen. Er erklärte soviel Geld aufzubringen sei er außerstande, man solle ihm dann lieber gleich die Inse Lemnos abnehmen. Nach längerem Feilschen einigte man sich, das Jahrgeld von 3.000 auf 4.000 Goldstücke zu erhöhen. Überdies machte man den Fürsten zur Pflicht, die seiner Insel gegenüberliegenden anatolischen Küstenstriche vor katalanischen Seeräubern zu schützen. Die neuen Abmachungen wurden durch einen Treueid feierlich beschworen, der Fürst wurde mit einem prächtigen Ehrenkleid, dem Brokatkaftan, beschenkt, während seine Begleiter silberne Gewänder erhielten. Sie kehrten dann stracks nach ihrer Insel zurück, wo sie ihrem Schöpfer dankten, daß sie allesamt wenigstens duiesmal mit heiler Haut den Händen des 'Unholds' entronnen waren.
Der unselige Dukas mußte sich um diese Zeit abermals im Auftrage seines Gebieters an die Pforte begeben, um dort wegen des Vorgehen Junus-Paschas entsprechende Vorstellungen zu machen. Sie nahmen aber einen schlimmen Ausgang. Der Admiral, dem Dukas gegenübergestellt wurde, erklärte ihm, und zwar auf Befehl des Sultans, schlankweg, seine Herr müsse auf der Stelle 10.000 Goldstücke erlegen osder sich auf einen Waffengang gefaßt machen. Mehmed II. ließ inzwischen rasch noch Alt-Fotscha besetzen, das ebenfalls zum Herzogtum Lesbos gehörte. Als er von der Einnahme in Kenntnis gesetzt worden ward, beurlaubte er den bis dahin zurückgehaltenen Dukas ohne weitere Forderungen nach seiner Insel. So schmolz, fast ohne Schwertstreich und nur durch Drohungen, in der Ägäis die Frankenherrschaft zusammen.
Ein Vorwand für das Unternehmen gegen Lesbos (Mytilini) war bald gefunden. Der ehrgeizige Inselherr Niccolo Gattilusio hatte Ende 1458 seinen älteren Bruder Domenico unter der Beschuldigung, er wolle das Eiland an die Türken ausliefern, in den Kerker geworfen und dann erdrosseln lasssen, um sich hierauf selbst der Insel zu bemächtigen.
 
 
 
 

Literatur:
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Babinger Franz: Mehmed der Eroberer. Weltenstürmer einer Zeitenwende. R. Piper GmbH&Co. KG, München 1987 Seite 137,139,140,143,224 -