BRIENNE
 

Lexikon des Mittelalters: Band II Spalte 684
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Brienne
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Grafenfamilie aus der Champagne, die durch Unternehmensgeist und glückhafte Heiraten zu einer der bedeutendsten Dynastien des spätmittelalterlichen Europas aufstieg

[1] GRAFSCHAFT und HAUPTLINIE

Der Name Brienne (Brienne, Dep. Aube, Arr. Bar-sur-Aube) ist als „Briona“ auf einer merowinger-zeitlichen Münze bezeugt; eine Vita des heiligen Lupus (AASS, Jul., VII, 81) erwähnt „Brionenses“; KARL DER KAHLE, König von W-Franken, stellte eine Urkunde „in villa Briona“ aus (851). Zu dieser Zeit war Brienne Zentrum des „pagus Brionensis“ (auch: Breonensis, Brianensis, Brenensis; das spätere Brenois, Briennois), von dem bald darauf ein Teil als Grafschaft Rosnay abgetrennt wurde (schon das Kapitular von Servais nennt „Brionisi duo“). Der Pagus korrespondierte anscheinend mit dem Archidiakonat Brienne der Diözese Troyes. Allgemein wurde als ursprünglicher Vorort des Pagus der Ort Brienne-la-Vieille angesehen, während Brienne-le-Chateau als das spätere Zentrum galt; tatsächlich dürfte jedoch, wie auch andernorts, eine Aufgliederung des Fiscus Briona in castrum und villa erfolgt sein.
Der seit der Mitte des 10. Jh. belegte Engelbertus trug, soweit bekannt, als erster den Titel eines Grafen von Brienne; die Herrschaft hatte offenbar vorher zur Grafschaft Troyes gehört. Ludwig IV., König von W-Franken, belagerte 951 die Burg des Engelbertus (Flodoardus, Annales, ed. Lauer, 31). Dessen Sohn Engelbertus II. (+ ca. 980; oo Adelaide, Tochter des Grafen von Sens und Witwe des Grafen von Joigny) nahm  ausdrücklich den Titel eines Grafen von Brienne an, er veranlaßte die Wiederherstellung der Abtei Montierender, in welcher noch seine Nachkommen die Vogtei ausübten. Um 1035 ging die Grafschaft durch seine Erb-Tochter Petronilla an Gautier (Walter) I. (+ bald vor 1089) über; dieser vereinigte durch seine 2. Heirat mit der Erbin der Grafschaft Bar-sur-Seine, Eustachie, die beiden Grafschaften (1072). Nach seinem Tod wurden beide Grafschaften zwischen den beiden Linien des Hauses BRIENNE geteilt: die jüngere Linie, die auf Milon I. von Brienne zurückgeht, hatte die Grafschaft Bar inne (Gui, um 1125-1146; Milon II., + 1151), die durch Milons II. Tochter, Petronilla, an deren Gatten Hugues (Hugo) von Puiset (+ 1189) kam. Der Begründer der älteren Linie, Erard I. (oo Aaalis, Tochter des Grafen Ramerupt, Andre von Roucy), nahm am 1. Kreuzzug teil. Nach seinem Tod (vor 1125) ging die Herrschaft Ramerupt an seinen jüngeren Sohn Andre von Brienne und dessen Nachkommen über, von denen insbesondere Erard von Brienne zu nennen ist, welcher 1214 Philippine, die Tochter Heinrichs II. von Champagne, König von Jerusalem, und der Isabelle, geheiratet hatte und mit der Waffe in der Hand die Grafschaft Champagne forderte, die ihm ein Urteil der Pairs von Frankreich verweigerte.
Die Grafschaft Brienne ging dagegen an den älteren Sohn Erards I., Gautier II. (+ um 1158) über; er nahm am Kreuzzug König Ludwigs VII. teil. Gautiers Sohn war Erard II. (oo 1166 Agnes von Montbeliard/Mömpelgard), der um 1188/92 starb. Der Aufstieg des Hauses vollzog sich indes vor allem unter dem abenteuerlichen Gautier III., der am Kampf von Richard Löwenherz gegen Philipp II. August teilnahm (1198), gleichzeitig mit seinem Vasallen Geoffroi de Villehardouin das Kreuz nahm und im Jahre 1200 Elvira, die ältere Tochter Tankreds, Königs von Sizilien, heiratete; der König übertrug ihm sein Eigentum, die Grafschaft Lecce, die dem Haus BRIENNE verblieb. Als Parteigänger Innozenz' III. ließ sich Gautier III. vom Papst, als dem Oberlehnsherrn des Königreiches Sizilien, die Rechte auf die Grafschaft Lece und das Fürstentum Tarent bestätigen. 1201 begab er sich nach Unteritalien, wo er einen beachtlichen Teil des Erbes seiner Frau zurückerobern konnte, doch fiel er 1205 im Gefecht von Sarno. Die "Estoire de Eracles" nennt Gautier III. "einen tapferen Ritter", voll Heldenmut, großherzig und von edler Herkunft". Gautier IV., sein posthumer Sohn, unterstand zunächst (bis 1221) der Vormundschaft seines Onkels, Johann (Johann de Brienne), des späteren Königs von Jerusalem (zu der auf Johann von Brienne zurückgehenden Linie Eu-Guines siehe Abschnitt 2).
Gautier IV., genannt "der Posthume" oder "der Große", Graf von Brienne, Lecce und Jaffa (oo 1233 Maria von Lusignan, Schwester König Heinrichs von Zypern), war einer der aktivsten Verteidiger des fränkischen Syrien; von den Muslimen 1244 gefangengenommen, wurde er in der Gefangenschaft getötet. Sein Leichnam wurde 1251 den Christen zurückgegeben und in St. Johann zu Akkon bestattet. Joinville rühmt Gautiers Tapferkeit, Freigebigkeit und Frömmigkeit. Seiner Ehe mit Maria von Lusignan entstammten zwei Söhne: Johann II., der ältere, wurde 1247 Graf von Brienne, hielt sich aber zumeist am zyprischen Hof in Nikosia auf; kinderlos verstorben, hinterließ er Brienne seiner Witwe Maria von Enghien als Wittum. Der jüngere Sohn, Hugo, Graf von Lecce (seit 1246?), blieb bis 1267/68 im Osten, darauf diente er Karl von Anjou in Italien (Schlacht von Tagliacozzo, 1268). In einer Urkunde, gegeben zu Marseille am 23. Juni 1270, anerkennt er, Thibaud IV., Grafen von Champagne, seinen Lehnsherrn, 2.000 livres Tournois zu schulden für:
1. die Abtretung der Grafschaft Brienne, die ihm infolge des Todes seines älteren Bruders Johann zugefallen war;
2. die Erbfolge für seinen Bruder Aimeric.
Hugo nahm an den militärischen Auseinandersetzungen zwischen den ANJOU und den ARAGON, welche der Sizialinischen Vesper (1282) folgten, als Anhänger der ANJOU teil. Bereits 1272 hatte Hugo die Witwe des Herzogs von Theben und Schwester Herzog Wilhelms I. von Athen, Isabella de la Roche, geheiratet, die ihm Gautier V. gebar; 1291 vermählte sich Hugo in 2. Ehe mit Helene Komnene, die, als Witwe Herzog Wilhelms I. (+ 1287), Regentin des Herzogtums Athen war; aus dieser Ehe ging Johanna hervor (oo Niccolo Sanudo, Herzog von Naxos). Hugo von Brienne war somit, durch Einheirat in die Familie DE LA ROCHE, zum Beherrscher des Herzogtums Athen geworden. Er fiel 1296 bei Lecce in einem Gefecht gegen den aragonesischen Admiral Roger de Lauria.
Die Grafschaft Brienne fiel nun an Hugos Sohn, Gautier V., der sie durch seinen Schwager Gaucher de Chatillon, Connetable de France, verwalten ließ. Gautier V. regierte in Athen mit angevinischer Unterstützung und nahm auch an der Seite der ANJOU den Kampf im Königreich Sizilien, allerdings erfolglos, wieder auf. Bald nach 1300 vorübergehend nach Frankreich zurückgekehrt, eroberte er ab 1308 große Teile Griechenlands und herrschte als Herzog von Athen, wobei er sich zunächst auf die Söldnertruppe der Katalanischen Kampagnie stützte (1310), mit der er aber bald in Konflikt geriet. Im Gefecht am Kephisos (15. März 1311) unterlag er den Katalanen und fand den Tod. Die Katalanen bemächtigten sich anschließend des Herzogtums Athen, so daß Gautiers Nachkommen, trotz aller Rückeroberungspläne, nur der leere Herzogstitel blieb. Die Großnichte Gautiers, Maria von Enghien, ließ den Leichnam des Herzogs später in den Dom von Lecce überführen.
Gautiers Witwe, Jeanne de Chatillon (+ 1355), führte die Vormundschaftsregierung für Gautier VI., Graf von Conversano, während dessen Minderjährigkeit. Gautiers VI. weitgespannte militärischen und politischen Aktivitäten als Parteigänger der ANJOU in Italien gipfelte in seiner Herrschaft als Signore von Florenz 1342-1343. Nach Gautiers Tod in der Schlacht bei Poitiers (1356) erbte seine Schwester Isabella, deren Gatte Gautier IV. von Enghien ebenfalls bei Poitiers gefallen war, die Grafschaften Brienne, Conversano und Lecce, die, gemeinsam mit dem Titular-Herzogtum Athen, somit an das Haus ENGHIEN fielen (Sohier, + 1367; Gautier, + 1381; Louis). 1386 ging Brienne durch die 2. Heirat der Tochter des Louis d'Enghien, Marguerite, mit Johann von Luxemburg an das Haus LUXEMBURG über. Nach der Hinrichtung des Ludwig von Luxemburg, Graf von St-Pol und Connetable de France (1475), unter König Ludwig XI. übertrug sie dieser im Januar 1476 an Karl I. von Amboise, doch wurde sie von König Karl VIII. an Anton I. von Luxemburg, den Sohn des Hingerichteten, zurückgegeben.

[2] DIE LINIE EU-GUINES

Johann von Brienne hatte im Jahre 1210 Frankreich verlassen, da ihn König Philipp II. August mit einer Gesandtschaft nach Akkon betraut hatte. In Akkon heiratete er Maria, die Tochter Konrads von Montferrat, und wurde am 3. Oktober 1210 zum König von Jerusalem gekrönt. Die Tochter von Johann und Maria, Jolande, wurde mit Kaiser FRIEDRICH II. vermählt, dem sie das Königreich Jerusalem in die Ehe brachte. Johann, der von den Baronen des lateinischen Kaiserreiches nach Konstantinopel gerufen wurde, übte dort die Regentschaft aus und veranlaßte, daß seine Tochter Maria, die der Ehe mit Berengaria (Berenguela) von Kstilien entstammte, mit seinem Mündel, Balduin II., vermählt wurde. Einer der Söhne Johanns, Alfons, wurde durch Heirat mit Alix von Issoudun (um 1249) der Stammvater der Grafen von Eu; aus dieser Linie des Hauses BRIENNE gingen hervor: Raoul I. von Brienne, der Graf von Eu und (aufgrund der Erbschaft seiner Mutter Jeanne) auch Graf von Guines war; er übte seit 1330 das Amt des Connetable de France aus und leitete die Kriegsführung gegen die Engländer im Languedoc und in der Guyenne, 1344; Raoul II., ebenfalls Connetable de France, geriet 1346 in englische Gefangenschaft und verpfändete als Lösegeld seine Grafschaft Guines; dies trug ihm den Verdacht des Verrates ein, und er wurde 1350 hingerichtet, die Grafschaft Guines konfisziert, während seine Herrschaft im Morvan (Chateau-Chinon und Lormes) an seine Schwester Jeanne (oo mit seinem Vetter Gautier VI. von Brienne) fiel.



Über die Grafen von Lecce aus dem Hause Brienne besitzen wir seit kurzem das von einem Franzosen, dem Grafen Ferdinand de Sassenay geschriebene Buch «Les Brienne de Lecce et d'Athènes» (Paris 1869). Diese Schrift ist mit Benutzung des Staatsarchivs in Neapel aus fleißigen literarischen Studien entstanden, aber die Verhältnisse Lecces und des Landes überhaupt sind in ihr fast gar nicht berührt worden. Die Brienne, deren Epoche von 1200 bis 1356 reicht, haben dort nur selten ihren Sitz gehabt.

Die Geschichte dieser tapfern französischen Abenteurer, welche alle nacheinander von Gauthier III. an, dem Gemahl der Albiria d'Hauteville und erstem Grafen von Lecce seines Hauses, bis zum letzten ihres Namens Gauthier VI., dem bekannten Herzog von Athen und Signor von Florenz, ein blutiges Ende gefunden haben, gehört wegen ihrer Verbindung mit Cypern, Jerusalem und Athen fast mehr dorthin als nach Kalabrien.

Gauthier III. war der Sohn Erards aus dem alten Grafenhause der Brienne in der Campagne, und der Agnes von Mömpelgard. Er vermählte sich mit Tancreds Tochter Albiria, im Jahre 1200; von dem Papst Innocenz III. unterstützt und in den Rechten seiner Gemahlin auf Lecce anerkannt, warf er sich zum Rächer der Normannen und zum Prätendenten der Krone Siziliens auf, welche Heinrich VI. seinem jungen Sohne Friedrich vererbt hatte. Er fiel jedoch schon im Jahre 1205 in Campanien in einer unglücklichen Schlacht, wo er zum Tode verwundet in die Gewalt des Grafen Diepold geraten war.

Sein Sohn Gauthier IV., Neffe jenes Königs von Jerusalem, Johann von Brienne, dessen Tochter Jolantha die Gemahlin Friedrichs II. wurde, konnte seine Rechte auf Lecce nicht mehr geltend machen. Er ging nach Jerusalem, wo er mit heldenmütiger Tapferkeit gegen die Sarazenen kämpfte. In einer Schlacht gefangengenommen und nach Kairo fortgeführt, ward er dort ermordet im Jahre 1246. Er hatte sich mit Maria von Lusignan vermählt, einer Schwester des Königs Heinrich I. von Cypern. So wurde durch ihn die Verbindung des Hauses Brienne mit den Angelegenheiten des Orients fortgesetzt.

Sein Sohn Hugo machte die Rechte seiner Mutter auf Cypern geltend und beanspruchte sogar die Krone Jerusalems. Doch kehrte er, da seine Hoffnungen fehlschlugen, nach Italien zurück, und hier gab ihm Karl von Anjou nach der Besiegung Konradins die Grafschaft Lecce zum Lehn, die sein Großvater besessen hatte. Er diente seither als Vasall der Krone in den Kriegen Karls, ging aber bald nach Griechenland, wo er die Witwe Guillaumes de la Roche heiratete, des Herzogs von Athen. Hugo von Brienne fiel im Jahre 1296 vor den Mauern Lecces, welche Stadt der sizilianische Admiral Roger Loria bestürmte.

Sein Sohn und Nachfolger Gauthier V. wurde im Jahre 1308 Herzog von Athen, nach dem Tode des Sohnes jenes Guillaume de la Roche, in welchem diese Linie der athenischen Herzöge endigte. Dort fiel auch dieser Brienne im Jahre 1311 in einer mörderischen Schlacht gegen die katalonischen Banden.

Seine Witwe Jeanne de Châtillon flüchtete aus Griechenland mit ihren beiden Kindern Gauthier und Isabella an den Hof Neapels. Es war ihr Sohn Gauthier, der Titularherzog von Athen, welchem die Florentiner, geängstigt durch die Wut der Parteien und durch ihr Unglück im Kriege wider Pisa, auf unerhörte, ja unbegreifliche Weise die lebenslängliche Signorie ihrer Republik übertrugen. Dies geschah am 8. September 1342. Der ehrgeizige Brienne setzte alle seine Künste in Bewegung, um Tyrann der reichen Republik zu werden; er wälzte die florentinische Verfassung um und nahm dem Volk seine Freiheiten, bis ihn dieses in dem berühmten Aufstande des 3. August 1343 aus der Stadt verjagte.

Der verbannte Herzog von Athen kehrte in seine Grafschaft Lecce zurück; später ging er nach Frankreich, ward dort Connetable und fand endlich einen ruhmvollen Tod in der Schlacht bei Poitiers. Mit ihm erlosch das Haus Brienne.

Er war vermählt mit Margarete von Anjou, einer Tochter Philipps I., des Fürsten von Tarent, hinterließ aber keine Kinder. So fiel die Grafschaft Lecce an die Nachkommen seiner Schwester Isabella, welche sich im Jahre 1320 mit Gauthier von Enghien vermählt hatte. Dessen Sohn war Jean d'Enghien-Bourbon, nachmals Vater der Königin Maria di Enghenio, welche unter den geschichtlichen Persönlichkeiten Lecces noch heute vielleicht die volkstümlichste ist.

Diese schöne und kluge Frau, eine Tochter der Sueva del Balzo, war im Jahre 1367 geboren. Sie folgte ihrem Bruder Pirro, dem Letzten des Hauses Enghien zu Lecce, in der Regierung im Jahre 1384 und vermählte sich mit Romandello Balzo-Orsini, dem berühmten Fürsten von Tarent und mächtigsten Feudalherrn Neapels. Nach dem Tode ihres Gemahls im Jahre 1405 regierte sie als Vormünderin ihrer Kinder auch das Fürstentum Tarent, dessen Gebiet sich damals fast über die ganze kalabrische Halbinsel erstreckte. Vom Könige Ladislaus im Jahre 1406 belagert, verteidigte sie Tarent erst mit kühnem Mut, dann übergab sie die Stadt und sich selbst dem Feinde, welcher sie als seine Gemahlin nach Neapel führte. Nach dessen Tode im Jahre 1414 wurde sie von der Königin Johanna II. mit ihren Kindern in Neapel gefangengehalten, aber sie entkam nach Lecce und regierte ihre Länder unter vielen Kriegen und Umwälzungen bis an ihren Tod, im Jahre 1446. Mit ihrem Sohn Gianantonio erlosch im Jahre 1463 die feudale Dynastie von Lecce und Tarent.

Die wissenschaftlichen Bestrebungen in jenem Lande haben endlich dadurch einen festen Mittelpunkt gefunden, daß im Jahre 1869 zu Lecce eine Kommission der Archäologie und der vaterländischen Geschichte der Terra d'Otranto eingesetzt worden ist. Ihr ist die Aufgabe gestellt, alles die Altertümer und die Geschichte der Provinz betreffende Material zu ordnen, Ausgrabungen zu veranstalten, Vasen, Münzen, Inschriften, Bücher und Manuskripte zu sammeln und in einem Provinzialmuseum zu Lecce niederzulegen.

Dies Museum ist eingerichtet worden und beginnt sich zu füllen, sowohl durch Schenkungen aus dem ganzen Lande, als durch den Erfolg von Ausgrabungen, mit denen in Rugge, der Vaterstadt des Ennius, unter der Leitung De Simones der Anfang gemacht worden ist. Ob die Ausgrabungen in der Terra d'Otranto noch sehr lohnend sein werden, ist zweifelhaft; denn seit vielen Jahrhunderten sind dort die Altertümer geplündert, verschleudert und zerstört worden, wie das der Vorstand jener Kommission, der Herzog Sigismondo von Castromediano, ein verdienter Patriot und Förderer der Wissenschaft und Kunst, in seinem ersten Sitzungsbericht namentlich von Rugge, Oria, Brindisi und Tarent beklagt hat. Vielleicht ist überhaupt zu wünschen, daß die einseitig vorherrschende Richtung auf archäologische oft ganz unfruchtbare und sehr kostspielige Forschungen gemäßigt werde, und daß durch einsichtige Arbeitsteilung auch die historischen Studien zu größerer Kultur kommen. Dies würde geschehen durch Überweisung des geschichtlichen Gebietes an eine Abteilung der Kommission und durch Gründung von Bibliotheken und Archiven. Die mit dem Museum vereinigte Sammlung salentinischer Autoren und Manuskripte umfaßt gegenwärtig mehr als 320 Nummern. Die Handschriften bestehen größtenteils in ungedruckten Chroniken und Stadtbeschreibungen.

Die neugegründete öffentliche Bibliothek zählt erst 16 000 Bände. Im allgemeinen ist es um die Büchersammlungen des Landes schlecht genug bestellt. Tarent, einst ein Athenäum der Wissenschaften, besitzt heute weder ein Museum von Altertümern noch selbst die kleinste Bibliothek. Nardò hat die Biblioteca Sanfelice, die der Bischof dieses Namens am Anfange des 18. Jahrhunderts stiftete; Brindisi besitzt die reichhaltigste des Landes, welche vom dortigen Erzbischof Leo am Anfange dieses Jahrhunderts dem öffentlichen Gebrauch übergeben wurde. Auch Gallipoli, Ostuni und Oria haben Kommunalbibliotheken. Es gibt sodann einige Privatbibliotheken, wie in Lecce die des Hauses Romano, in Galatina die der Familie Papadia, in Gallipoli die der Fonto und Ravenna.

Solche Büchersammlungen stammen noch aus Stiftungen her, welche einzelne einheimische Gelehrte und Bibliophilen seit dem 16. Jahrhundert gemacht und dann ihren Familien hinterlassen haben. Andere waren feudalen und geistlichen Ursprungs; die Barone des Landes gründeten nämlich Klöster zu dem Zweck, die Sorge für ihre Familiengrüfte Mönchen dauernd zu übergeben, und zugleich legten sie dort Büchersammlungen an. Die erste und auch berühmteste Stiftung dieser Art ist die Fransizkanerkirche der heiligen Catarina zu San Pietro in Galatina, zugleich ein schönes Baudenkmal, welches Heinrich Wilhelm Schulz für das bedeutendste in der Terra d'Otranto erklärt hat. Dieses Kloster gründete um das Jahr 1384 jener aus der Zeit des Papstes Urban VI. und Karls III. von Neapel bekannte Ramondello del Balzo-Orsini, Graf von Soleto. Die Klosterbibliotheken erhielten sich bis auf den Anfang dieses Jahrhunderts. Als damals unter dem französischen Regiment Neapels die Klöster überhaupt aufgehoben wurden, wanderten deren Bücherschätze teils in die Nationalbibliothek zu Neapel, teils in die Generalordenshäuser in Rom, teils in Privatbesitz. Soviel sich endlich nach der letzten Aufhebung der Klöster in unserer Zeit an Büchern vorgefunden hat, soll nun der Anlage öffentlicher Gemeindebibliotheken zugute kommen.

Was den Bestand des archivalen Materials betrifft, so liegen die Quellen dieser Natur für die Geschichte der Terra d'Otranto heute wesentlich im großen Staatsarchiv zu Neapel. Infolge des Gesetzes vom 12. November 1818, welches jenes Archiv zu einer zentralen Reichsanstalt machte, wurden die Urkunden der Provinzial- und Gemeindearchive dorthin übertragen. So sind auch die kalabrischen Archive ausgeleert worden, bis auf wenige Reste in einzelnen Kommunen. Das Museum zu Lecce besitzt nur dreizehn Urkunden, von denen die älteste ein Diplom der Königin Johanna I. vom 7. August 1362 ist. Reichhaltiger ist der Bestand einiger Archive der Kathedralkirchen. Nach einem mir von Herrn Casotti übergebenen Bericht besitzt zum Beispiel das Domarchiv Brindisi noch heute an Urkunden 58 Bullen der Päpste, ein griechisches Diplom des Kaisers Basilius, 10 normannische, 6 der Hohenstaufen, 16 der Anjou, 1 der Grafen von Lecce, 24 der Fürsten von Tarent, 4 der Könige vom Haus Aragon und 2 der Republik Venedig. Die Archive der Feudalgeschlechter sollen durchweg verschleudert und vernichtet worden sein.

Das Gesagte mag hinreichen, dem Leser einen Begriff von den geschichtlichen Verhältnissen und den historischen Studien in jenem merkwürdigen Lande zu geben, wo ehemals die feinste hellenische Bildung auf dem Grunde des sogenannten messapischen Barbarentums sich ausgebildet hatte und dann jählings verschwand, ohne, wie es in manchen Teilen Siziliens der Fall gewesen ist, durch eine andere bedeutende Kultur ersetzt zu werden.

Es ist aber wohl möglich, daß jenes alte Kalabrien noch einer schönen Zukunft entgegengeht, und daß Brindisi von neuem eine internationale Wichtigkeit gewinnt, nämlich als die europäische Mittelstation der neuen Via Appia des Weltverkehrs, die sich heute von England bis nach Indien und China forterstreckt.