Justinian I.                                    Kaiser von Byzanz (527-565)
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11.5.482 15.11.565
Tauresium Konstantinopel
 

Sohn des Bauern Sabbatius und der Vigilantia, Schwester von Kaiser Justin I.
 

Lexikon des Mittelalters: Band V Spalte 821
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Justinian I. (Flavius Petrus Sabbatius Iustinianus), oströmischer Kaiser
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* 482,  11. November 565
Tauresium Konstantinopel
bei Bederiana

Sohn eines (illyrischen?) Bauern, wurde von seinem Onkel, dem nachmaligen Kaiser Justin an den hauptstädtischen Hof gezogen, wo er eine umfassende Ausbildung erhielt. Am 1. April 527 bestieg er den Kaiserthron. Seit 525 war er mit Theodora verheiratet, einer früheren Zirkusschauspielerin, Tochter eines Bärenwärtes am Hippodrom; sie gewann dank außergewöhnlicher Intelligenz und Willenskraft erheblichen Einfluß auch auf die Politik Justinians I. Diese war auf die Interessen der Mittelklassen in Stadt und Land gerichtet und zog ihm die Feindschaft der alten, sich vornehmlich auf ihren Großgrundbesitz stützenden Oberschicht zu. Systematisch betrieb Justinian I. eine Restauration des Imperium Romanum, sowohl bezüglich der juristischen und gesellschaftlichen Ordnung als auch der territorialen Ausdehnung.
Um die ideologische Einheit des Staates zu festigen, verbot Justinian I. 529 den philosophischen Unterricht und damit zugleich die Athener Akademie. Der Nika-Aufstand 532, der alle oppositionellen Kräfte vereinigte, wurde blutig niedergeschlagen; die inneren Gegner vermochten sich fortan nicht mehr zu erheben. Die durch den Aufstand erheblich beschädigte Hagia Sophia ließ Justinian I. wiederherstellen und in einem feierlichen Akt aufs neue weihen, wobei der kirchliche Anlaß hinter der staatlichen Repräsentation sichtbar zurücktrat und so die Einordnung der Kirche in die staatliche Hierarchie deutlich gemacht wurde. Der Stärkung des kaiserlichen Absolutismus durch Wiederherstellung der alten Rechtsordnung diente das grandiose Gesetzgebungswerk (Corpus iuris civilis). Es begann unter Leitung Justinians I. 529 mit der Promulgation des Codex Iustinianus (Sammlung geltender Kaisergesetze); ihm folgten 533 die Institutiones (Lehrbuch des römischen Rechts unter christlichen Vorzeichen) und die Pandekten (auch Digesten; sachlich geordnete Sammlung von Auszügen aus klassischen Juristenschriften mit normativem Charakter); die spätere eigene Gesetzgebung Justinians I. bildeten die Novellen.
Mehrung des Reichs, Verbreitung des wahren Glaubens und Vernichtung der Häretiker beinhaltete das Regierungsprogramm Justinians I.. Um seine offensiven außenpolitische Pläne durchzusetzen, stützte sich Justinian I. auf seine Generale Belisar und Narses. 534 fiel der arianische Vandalen-Staat in Nord-Afrika. Der nächste Schlag galt den gleichfalls arianischen Ostgoten, die unter König Theoderich ( 526) in Italien einen Staat errichtet hatten; zwar wurde 536 Rom, 540 die Hauptstadt Ravenna eingenommen, doch war der Krieg damit nicht beendet. Der Bruch des 532 mit dem Perser-König Chosroes I. geschlossenen 'ewigen' Friedens führte zu langwierigen militärischen Auseinandersetzungen an der Ostgrenze, erst 562 konnte gegen hohe Tributleistungen der Frieden erkauft werden. Während Rom vorübergehend wieder an die Ostgoten verlorenging, wurde Ravenna, später Sitz des Exarchen, prächtig ausgebaut. 552 wurden der Goten-König Totila an der Via Flaminia und die Ostgoten unter König Teia am Vesuv endgültig geschlagen. Die Sanctio pragmatica (554) stellte die byzantinische Verwaltung in Italien wieder her und annullierte unter anderem die von Totila zugunsten der Sklaven und Kolonen getroffenen Maßnahmen. 552 wurden von den Westgoten beherrschte Gebiete in Süd-Spanien (Baetica) besetzt. Das Mittelmeer war damit aufs neue Binnenmeer des Imperiums.
Im Zuge der territorialen Expansion entwickelte sich der Handel. Exportiert wurden zumeist aus syrischen und ägyptischen Produktionsstätten stammende Stoffe, Werkzeuge und Juwelierwaren. Als byzantinische Mönche das Geheimnis der Herstellung von Seide entdeckt hatten, wurde deren Aufbereitung, Verarbeitung und Vertrieb Staatsmonopol. Die handwerkliche und künstlerische Produktion in allen Zweigen florierte ebenso wie die Herstellung von Büchern sowohl geistlischen wie weltlichen Inhalts. In der Literatur wurden im Dienste der Restauration die klassischen Formen gepflegt (z. B. Prokop, Agathias, Paulos Silentiarios). Gleichzeitig zeigten sich in der rhythmisch-akzentuierten Kirchendichtung des Meloden Romanos und der Weltchronik des Johannes Malalas neue Inhalte in neuen Formen.
Bewußt förderte Justinian I. die Spiritualisierung seines Amtes und damit seiner Person. Justinian I. war nicht nur Schutzherr, sondern zugleich auch Lenker der christlichen Kirche. Wie er den Staat in allen seinen Funktionen dirigierte, so hielt er auch die geistliche Hierarchie in seiner Abhängigkeit. Daß Justinian I. dafür Kompetenz besaß, zeigen seine theologischen Schriften, die, von neochalkedonischen Positionen ausgehend, Originalität aufweisen.
Das Restaurationswerk, obwohl mit erbarmungslosem Steuerdruck, langwierigen Kriegen und zahlreichen Insurrektionen erkauft, ließ dennoch den Nachfahren die Epoche Justinians I. als ein Goldenes Zeitalter erscheinen, doch hat es seinen Schöpfer nur wenig überdauert. Die eroberten Territorien gingen bald wieder verloren, mit ihnen der Traum von der Universalmonarchie. Die Landnahme der Slaven veränderte die ethnischen und sozialökonomischen Grundlagen des Reiches. Die geschwächte Finanzkraft bedingte fundamentale Veränderungen des außenpolitischen, militärischenund administrativen Systems. Es bedurfte danach eines vollen Jahrhunderts, ehe der byzantinische Staat sich erneut zu konsolidieren vermochte.

J. Irmscher



Multimedia-Lexikon 2001
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Justinian I. der Große

byzantinischer Kaiser
geboren 11. Mai 482 in Tauretium (bei Skopje)
gestorben 11. November 565 in Konstantinopel

Regierungszeit 527-565;
aus illyrischer Bauernfamilie, vermählt mit Theodora, die ihm beim Nikaaufstand 532 den Thron rettete, stellte (vorübergehend) das römische Gesamtreich wieder her, indem er durch seine Feldherren Belisar und Narses die Reiche der Vandalen (534) und Ostgoten (554) vernichten ließ; beanspruchte absolute und alleinige Herrschaft über Staat und Kirche (Cäsaropapismus), legte den Grundstein zur Hagia Sophia (an Stelle der 532 niedergebrannten Kirche);
ließ das römische Recht im Corpus Iuris kodifizieren.



BERTELSMANN Lexikon Geschichte: Seite 407
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JUSTINIAN I., Kaiser von Byzanz 527-565
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* 11.5.482,  11.10.1565
Tauresium  Konstantinopel

Als Nachfolger seines Onkels Justin I. betrieb Justinian I. die Wiederherstellung des Römischen Weltreiches. Ohne selbst Konstantinopel zu verlassen, eroberte er durch seine Feldherrn (besonders Belisar und Narses) das nordafrikanische Wandalen-Reich 533/34, das Ostgoten-Reich in Italien 535-540, wo sich der Widerstand gegen die Fremdherrschaft bis 553 hinzog, und die Südostküste des westgotischen Spanien (553/54). Während so der römische Westen zurückerobert wurde, gefährdete der SASSANIDEN-König Chosrau I., der Persien zu einem mächtigen Reich gemacht hatte, die östliche Reichsgrenze und konnte nach schweren Kämpfen nur durch hohe Tributzahlungen zu einem Frieden von 50 Jahren bewegt werden (561).
Die erfolgreiche Expansionspolitik war nur möglich durch straffe Organisation im Innern. Justinian I. zentralisierte die Verwaltung unter Einbeziehung der Kirche. Der Einheit des eiches diente Justinians Gesetzessammlung "Codex Justinianus", die 529 erstmals und 534 in erweiterter Fassung publiziert wurde. Sie regelte die Rechtsprechung und Verwaltung im gesamten Reich und beeinflußte seit dem 11. Jh. bis in die Gegenwart die abendländische Rechtsentwicklung.
Römisches Reich, römisches Recht und christlicher Glaube bildeten für Justinain I. eine Einheit, die er als Diener Gottes zu bewahren habe. So schloß er 529 im Rahmen der Heidenverfolgung die Akademie in Athen. Die Herstellung der Glaubenseinheit mißlang jedoch trotz der sowohl gegen die Monophysiten als auch gegen Papst Vigilius angewandten Maßnahmen (5. Ökumenisches Konzil; Dreikapitelstreit); seine eigenen theologischen Schriften blieben nicht unangefochten.
Justinians Frau Theodora stand ihm als Mit-Kaiserin gleichberechtigt zur Seite.



Thiele, Andreas: Tafel 491
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"Erzählende genealogische Stammtafeln zur europäischen Geschichte Band III Europäische Kaiser-, Königs- und Fürstenhäuser Ergänzungsband"

JUSTINIAN I.
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* 482, 565

Balkanrömer, bäuerlicher Herkunft

Justinian I. wurde als Neffe des Kaisers Justin I. Patricius, Magister militum, Konsul und Chef der Hofgarde und ließ 520 den zum Konsul erhobenen Gegen-Kaiser Vitalian ermorden. Er übte schon lange die Regierungsgeschäfte aus und wurde am 1.4.527 zum Mitregenten ernannt und folgte dem kinderlosen Onkel als Kaiser von Byzanz. Unter seiner Regierung erreichte die Reaktion der herrschenden Sklavenhalterklasse ihren Höhepunkt. Die geplante Wiedererrichtung des Römischen Reiches (restitutio imperii) begann mit der Eroberung des Vandalen-Reiches in Nord-Afrika (534 durch Belisar) und des Ostgoten-Reiches in Italien (533 durch Narses). Wechselvolle Kämpfe mit dem benachbarten mächtigen Perserreich wurden durch Verträge auf einen fünfzigjährigen Frieden beendet (562). Gegen die auf dem Balkan anstürmenden Slawen wurden starke Befestigungen gebaut. Justinian I. vergrößerte die Armee und den bürokratischen Apparat. In Konstantinopel und in anderen großen Städten ließ er riesige Bauten errichten. Das unter seiner Aufsicht kodifizierte Rechtswerk (Corpus iuris civilis) entsprach dem Bestreben, überlebte Produktionsverhältnisse und Rechtsnormen aufrecht zu erhalten, ebenso die staatliche Monopolisierung der wichtigsten Wirtschaftszweige (Seidenmonopol). Auch die Kirche stand unter staatlicher Kontrolle (Cäsaropapismus). Die justinianische Restaurationspolitik verschlang ungeheure Mittel, diente der rücksichtslosen Ausbeutung der unteren Klassen, führte zum Verfall des byzantinischen Wirtschaftslebens und zur wachsenden Unzufriedenheit der Volksmassen. Bereits 532 kam es zu einer Erhebung, dem Nika-Aufstand, der den Kaiserthron erschütterte und nur mit Mühe unterdrückt werden konnte. Mit der Besetzung Südost-Spaniens (554) wurde die größte Ausdehnung des Reiches erreicht. In der Regierung folgte sein Neffe Justin II.

 525
  oo THEODORA, Tochter eines Schankwirtes
               548

Ehemalige Zirkustänzerin mit äußerst fragwürdigem Ruf (vgl. Prokops Geheimberichte), 527 Augusta und einflußreiche Mitregentin, intrigenreich, mutig, verschlagen; sicherte dem wankelmütigen Mann den Thron und beherrschte ihn völlig.



 525
  oo 2. Theodora, Tochter des Schankwirtes Akakios
  x       508 12.6.548
 
 
 
 
 

Literatur:
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Becher Matthias: Karl der Grosse. Verlag C.H. Beck München 1999 Seite 26,74 - BERTELSMANN Lexikon Geschichte 1991 Seite 407 - Bridge Anthony: Theodora. Aufstieg und Herrschaft einer byzantinischen Kaiserin. Heinrich Hugendubel Verlag Kreuzlingen/München 1999 - Browning Robert: Byzanz. Roms goldene Töchter. Die Geschichte des Byzantinischen Weltreiches. Gustav Lübbe Verlag GmbH Bergisch Gladbach 1982 Seite 9,14,19,24,29,31,34,37,40,44,49,51,53,74,79,128,144,187 - Browning Robert: Justinian und Theodora. Herrscher in Byzanz. Manfred Pawlak Verlagsgesellschaft mbH, Herrsching 1988 - Dahn Felix: Die Völkerwanderung. Germanisch-Romanische Frühgeschichte Europas. Verlag Hans Kaiser Klagenfurt 1977 Seite 34,35,39,42,58,60,61,62,66,68,76,78,119,120,160, 161,164,171,374,375,383 - Ennen, Edith: Frauen im Mittelalter. Verlag C.H. Beck München 1994, Seite 33-34 - Eickhoff Ekkehard: Theophanu und der König. Otto III. und seine Welt. Klett-Cotta Stuttgart 1996 Seite 28,33 - Ensslin Wilhelm: Theoderich der Große. F. Bruckmann KG München 1959 Seite 22,112,152,156,174,179,190,235,256,257,259,264,296,302,304,311,319,327,369 - Ewig Eugen: Die Merowinger und das Frankenreich. W. Kohlhammer GmbH Stuttgart Berlin Köln 1988 Seite 37,42 - Faber Gustav: Das erste Reich der Deutschen. Geschichte der Merowinger und Karolinger. C. Bertelmanns Verlag GmbH, München 1980 Seite 22,86 - Herm, Gerhard: Karl der Große. ECON Verlag GmbH, Düsseldorf, Wien, New York 1987 Seite 156 - Kalckhoff Andreas: Karl der Große. Profile eines Herrschers. R. Piper GmbH & Co. KG, München 1987 Seite 120,134,137 - Kashdan A.P.: Byzanz und seine Kultur. Akademie-Verlag Berlin 1968 Seite 40 - Mann Golo: PROPYLÄEN WELTGESCHICHTE. Eine Universalgeschichte. Vierter Band. Rom Die römische Welt. Verlag Ullstein GmbH, Frankfurt am Main - Berlin, Propyläen Verlag 1986 Seite 26,384,473, 538,540,589,607,609,611,614,616-647,650-657,667 - Norwich John Julius: Byzanz. Der Aufstieg des oströmischen Reiches. Econ Verlag GmbH, Düsseldorf und München 1993 Band I Seite 219,225-235, 246-255,289-296,299,307 - Offergeld Thilo: Reges pueri. Das Königtum Minderjähriger im frühen Mittelalter. Hahnsche Buchhandlung Hannover 2001 Seite 59,81,85-87,90,114,143,144 - Riehl Hans: Die Völkerwanderung. Der längste Marsch der Weltgeschichte. W. Ludwig Verlag 1988 Seite 248,250, 267,270,272 - Schneidmüller Bernd/Weinfurter Stefan (Hrsg.): Ottonische Neuanfänge. Symposium zur Ausstellung "Otto der Große, Magdeburg und Europa" Verlag Philipp von Zabern Mainz 2001 Seite 249,313 - Schreiber Hermann: Die Hunnen. Attila probt den Weltuntergang. Econ Verlag Wien-Düsseldorf 1990 Seite 87,325 - Schreiber Hermann: Die Vandalen. Siegeszug und Untergang eines germanischen Volkes. Gondrom Verlag Bindlach 1993 Seite 136,294,323,334,342,344,348,364, 366,377,384 - Steiner Jean: Theodora. Von der Zirkusdirne zur Kaiserin. Editions Rencontre Lausanne 1970 - Thiele, Andreas: Erzählende genealogische Stammtafeln zur europäischen Geschichte Band III Europäische Kaiser-, Königs- und Fürstenhäuser Ergänzungsband, R.G. Fischer Verlag 1994 Tafel 491 - Thiess Frank: Die griechischen Kaiser. Die Geburt Europas. Paul Zsolnay Verlag Gesellschaft mbH Hamburg/Wien 1959 Seite 19,32,35,64,71,73,88,99,102,105,121,130,141,174,202, 261,326,358,403, 456,515,671,681 - Tschilingirov Assen: Bulgarien. Kulturgeschichte im Prisma. - Prisma-Verlag Zenner und Gürchott Seite 83,104,109,128,131,151 - Veh Otto: Lexikon der römischen Kaiser. Von Augustus bis Iustinianus I. 27 v. Chr. bis 565 n. Chr. Artemis & Winkler Verlag Düsseldorf/Zürich 1998 Seite 67-71 - Wies Ernst W.: Karl der Große. Kaiser und Heiliger. Bechtle Verlag Esslingen 1986 Seite 40,203,214 - Zöllner Erich: Geschichte der Franken bis zur Mitte des 6. Jahrhunderts. Verlag C. H. Beck München 1970 Seite 51,88,91,93,96,102,121,172 -