Norwich John Julius: Band III Seite 81-122
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"Byzanz. Der Aufstieg des oströmischen Reiches."

(1118-1143)

Wer von allen Kaisern der Rhomäer (der Byzantiner) hat jemals seinen eigenen, thronfähigen Sohn übergangen und seinem Schwiegersohn das Zepter übertragen?
Und sollte sich das jemals ereignet haben, so wollen wir eine Ausnahme nicht als Regel betrachten. In meinem Fall würde auch das ganze Reich der Rhomäer laut auflachen und meinen, ich hätte den Verstand verloren, wenn ich, der ich nicht auf rechtmäßige Weise [... ], sondern durch das Blut meiner Verwandten und unchristliche Empörung in den Besitz der Herrschaft gelangt bin, bei der Bestimmung des Nachfolgers mein eigen Fleisch und Blut überginge und diesen Makedonier einsetzte.
Kaiser Alexios Komnenos zu Kaiserin Irene, zitiert nach Niketas Choniates

Die im vorhergehenden Kapitel wiedergegebene Schilderung vom Ableben Alexios Komnenos' basiert zur Hauptsache auf den Zeugnissen von Johannes Zonaras und Niketas Choniates' und hat nur wenig gemein mit der Fassung, mit der Anna Komnena ihre Schrift Alexias beendet. Sie malt ein ergreifendes Bild von hervorragenden medizinischen Kapazitäten, die um das Krankenbett huschen, vom zunehmenden Schrecken der Leiden des kranken Kaisers, von der Selbstlosigkeit Kaiserin Irenes, die mehr Tränen vergießt, als der Nil Wasser führt, während sie ihn all die langen und qualvollen Tage und Nächte pflegt, von der treusorgenden Hilfe der Töchter Maria, Eudokia und natürlich ihr, Anna, selbst, von den Kerzen, die entzündet und den Kirchenliedern, die gesungen werden und nicht zuletzt davon, wie die verwitwete Kaiserin beim Eintritt des Todes ihre purpurfarbenen Pantoffeln von sich schleudert, den Schleier wegreißt, ein Messer ergreift und ihr wunderschönes Haar abschneidet. Indes macht Anna keine Anspielung auf den letzten, nicht gerade rühmlichen Streich ihres Vaters, mit dem er ihre Nachfolge und die ihres Mannes zugunsten von Johannes, dem rechtmäßigen Thronerben, vereitelte. Johannes erwähnt sie übrigens im ganzen Kapitel nur einmal und geruht nicht einmal da, ihn beim Namen zu nennen.
Annas Haß auf Johannes währte ihr Leben lang und gründete auf verständlicher Eifersucht. Als Irenes und Alexios' ältestes Kind war sie schon als Säugling mit dem jugendlichen Prinzen Konstantin - einem Sohn Michaels VII. - verlobt worden und galt die ersten fünf Jahre ihres Lebens als mutmaßliche Erbin des byzantinischen Throns. Dann gebar Kaiserin Irene am 13. September 1087 einen Sohn, nämlich besagten Johannes, und Annas Träume von der kaiserlichen Krone zerschlugen sich. Doch nicht für lange. Nach Konstantins frühzeitigem Tod heiratete sie 1097 Nikephoros Bryennios, Sohn des gleichnamigen Feldherrn, der nach einem versuchten Aufstand gegen den erbärmlich unfähigen Kaiser Michael VII. Dukas 1077 von ihrem Vater Alexios geblendet und gefangengesetzt worden war. Auch dieser Nikephoros Bryennios hatte sich als guter Soldat und Anführer erwiesen, so dass ihm Alexios wohl 1111 - sicher ist das Jahr nicht bekannt - den Titel eines Cäsaren verlieh. Und sofort witterte Anna eine neue Chance für ihre Ambitionen auf den Thron. Dass sie Mutter Irene und Bruder Andronikos für ihre Zwecke gewann, wurde bereits erwähnt und auch, dass sie damit letztlich scheiterte. Aber die zähe Anna warf die Flinte noch nicht ins Korn. Aller Wahrscheinlichkeit nach steckte sie hinter der Verschwörung mit dem Ziel, Johannes während des Begräbnisses von Alexios umzubringen - welchem ihr Bruder aber vernünftigerweise fernblieb, nachdem man ihn gewarnt hatte. Einige Wochen nach seiner Thronbesteigung schmiedete sie erneut ein Komplott. Ein Mordkommando unter der Leitung ihres Ehemannes Bryennios sollte Johannes in seinem Landsitz Philopation direkt außerhalb des Goldenen Tores umbringen. Dummerweise bekam BRYENNIOS es im letzten Moment mit der Angst zu tun und hielt die vereinbarte Verabredung nicht ein. In der Zwischenzeit wurden die Mitverschworeren, die er von seinem Rückzug nicht in Kenntnis gesetzt hatte, im Palast ertappt und sofort festgenommen.
Der neue Kaiser zeigte sich verblüffend gnädig. Es folgten weder Blendungen noch Verstümmelungen. Das Schlimmste, was den Schuldigen widerfuhr, war die Beschlagnahmung ihres Besitztums - und selbst das erlangten die meisten von ihnen später wieder. Nikephoros Bryennios kam straffrei davon; er diente Johannes ergeben weitere 20 Jahre, bis zu seinem Tod, im Feld und verbrachte seine Mußestunden mit dem Verfassen eines bemerkenswert langweiligen Geschichtswerks. Die Drahtzieherin Anna kam weniger glimpflich davon. Nachdem sie vernommen hatte, was im Philopation geschehen war, geriet sie außer sich und verfluchte die Vorsehung aufs unflätigste dafür, dass ihr Gatte mit gewissen männlichen Attributen ausgestattet worden war, die besser ihr verliehen worden wären. Auch sie wurde mit der vorübergehenden Konfiszierung ihres Besitzes bestraft und, schlimmer noch, auf Lebzeiten vom kaiserlichen Hof verwiesen. Verlassen und erniedrigt ließ sie sich im Nonnenkloster Theotokos Kecharitomene nieder, wo sie die folgenden 35 Jahre lebte und die Ereignisse zu Lebzeiten ihres Vaters zu Papier brachte. Sie ließ nicht ab, das ihr angetane Unrecht zu beklagen, an dem sie allerdings - soviel Ehrlichkeit und Intelligenz besaß sie, dass sie dies einsah - zur Hauptsache selbst die Schuld trug.
Johannes Komnenos bestieg den Thron einen Monat vor seinem 30. Geburtstag. Aufgrund der Zurückhaltung seiner Schwester wissen wir enttäuschend wenig über seine Jugend; immerhin liefert sie uns eine kurze Beschreibung über sein Aussehen gleich nach der Geburt:
Das Kind hatte eine sehr dunkle Haut, eine breite Stirn, eher schmale Wangen, eine Nase, die weder platt noch hakenförmgig war, sondern etwas dazwischen, und recht dunkle Augen, die, soweit der Blick eines Neugeborenen dies erahnen läßt, auf einen lebhaften Geist schließen ließen.
Für einmal ließ Anna ihren Bruder ungeschoren: Selbst Wilhelm von Tyrus, der große Bewunderer Johannes Komnenos', gesteht, dass dieser gedrungen und ungewöhnlich häßlich war, mit Augen, Haar und einem Teint so dunkel, dass er "der Mohr" genannt wurde. Doch er besaß noch einen weiteren Spitznamen, nämlich Kaloiannis, was wörtlich "Johannes der Schöne" bedeutet. Und den Schluß, dies sei ironisch zu verstehen, läßt auch eine noch so oberflächliche Lesart der Chroniken nicht zu. Die Bezeichnung bezog sich nicht auf seine körperliche Gestalt, sondern auf seine Seele. Beide Eltern waren - sosehr sie in anderer Hinsicht versagt haben mögen - selbst nach damaligen Maßstäben außerordentlich fromm gewesen, aber Johannes übertraf sie noch. Leichtfertigkeit und gemeine Rede waren ihm ein Greuel; von den Höflingen erwartete er, dass sie ihre Unterhaltungen auf ernsthafte Themen beschränkten und sonst schwiegen. Auch von Luxus hielt er nichts. Das Essen an der kaiserlichen Tafel war frugal bis zum Extrem; wohlhabende Adlige, die ihn durch die Opulenz ihrer Paläste oder die Pracht ihrer Gewänder zu beeindrucken suchten, mußten sich statt dessen einen Vortrag über die Eitelkeit solchen Zierats anhören, der in seinen Augen nur zu Niedergang und Laster führen konnte.
Heutzutage würden vielleicht die meisten von uns Johannes Komnenos für einen unerträglichen Zeitgenossen halten, doch im Byzanz des 12. Jahrhunderts liebte man ihn. Er war, vor allen Dingen, kein Scheinheiliger. Seine Prinzipien mögen streng gewesen sein, aber er hielt an ihnen mit Überzeugung fest; seine Frömmigkeit war absolut echt und seine Integrität hundertprozentig. Daneben verfügte er über sanfte, barmherzige Wesenszüge, und das gab es damals in der Tat selten. Niketas Choniates' Zeugnis, er habe keine Todesurteile ausgesprochen und keine Verstümmelungen angeordnet, mag uns vielleicht als schwaches Lob erscheinen; die Milde, die Johannes seiner Schwester Anna und ihren Mitverschworeren angedeihen ließ, ist rückblickend indes fast als gefährlich einzustufen. Trotz der eigenen Enthaltsamkeit verhielt er sich anderen gegenüber großzügig und verteilte Almosen so freigebig wie niemand je auf dem Thron. Auch erhoben sich keine Beschuldigungen, dass er, wie weiland sein Vater, die eigene Familie auf Kosten seiner Untertanen bevorzugt hätte; er hielt seine Geschwister wie auch entferntere Verwandte im Gegenteil ganz bewußt auf Distanz und wählte für Ministerposten und seinen engsten Ratgeberkreis nicht ungern Personen eher niederer Herkunft. Sein höchstes Vertrauen genoß ein gewisser Johannes Axuch, ein Türke, der im kaiserlichen Haushalt aufgewachsen war, nachdem ein Kreuzfahrertrupp ihn als Kind in Nikäa entführt und Alexios Komnenos als Präsent überreicht hatte. Kaum saß Kaiser Johannes auf dem Thron, stellte er ihn in seine Dienste, und damit war sein schneller Aufstieg gesichert. Es dauerte nicht lange, da wurde der zweite Johannes zum Domestikos oder Oberbefehlshaber der Streitkräfte ernannt.
Es war eine sinnvolle Ernennung für einen Mann, den der Kaiser an seiner Seite zu behalten wünschte, denn Johannes war wie sein Vater durch und durch Soldat. Wie zuvor Alexios glaubte auch er, der Allmächtige habe ihm das Reich als heiliges Gut zu treuen Händen überantwortet, mit der Verpflichtung, es zu schützen. Doch während Alexios sich im großen und ganzen damit zufriedengegeben hatte, es gegen die vielen Feinde ringsum zu verteidigen, verstand Johannes seine Pflicht in einem sehr bestimmten Sinn, nämlich sämtliche ehemaligen Gebiete, die nun von Ungläubigen besetzt waren, zu befreien und dem Reich den Glanz und die Macht zurückzugeben, die es unter Basileios II. oder gar unter Justinian genossen hatte - ein in der Tat beachtliches Unterfangen; allein er machte sich mit Entschiedenheit und Energie ans Werk und führte die vom Vater begonnene militärischen Reorganisation fort, indem er dessen Drillmethoden noch weiter verbesserte. Gleichzeitig war er seinen Soldaten immer wieder ein Vorbild an Mut und Ausdauer, das zu erreichen nur wenige von ihnen hoffen durften. Dem byzantinischen Volk kam sein ganzes Leben vor wie ein einziger langer Feldzug. Obwohl er Kaiserin Piriska - eine ungarische Prinzessin, die den wohlklingenderen, doch schon fast peinlich wenig originellen byzantinischen Namen Irene angenommen hatte - geliebt zu haben scheint und ihr sein Leben lang ergeben blieb, verbrachte er weit mehr Zeit im Feld als im Palast in Konstantinopel. Dasselbe galt für ihre vier Söhne, die ihn begleiteten, sobald sie alt genug waren. In einer Hinsicht hatte Johannes Komnenos mehr Glück als sein Vater. Zu Alexios' Zeiten hatte sich die Situation im Westen selten als so stabil erwiesen, dass er sich auf die islamische Bedrohung in Asien hätte konzentrieren können. Zum Zeitpunkt, da Johannes den Thron bestieg, und noch mehrere Jahre danach stellten sich ihm in Europa dagegen vergleichsweise wenig unmittelbare Probleme. Jenseits der Donau verhielten sich die kumanischen wie die petschenegischen Stämme ruhig, auf der Balkanhalbinsel anerkannten die serbischen Gemeinden die byzantinische Oberhoheit und waren zudem zerstritten, so dass sie keine Schwierigkeiten bereiten konnten, während man in Ungarn vollauf damit beschäftigt war, die Stellung an der dalmatischen Küste zu festigen, die, obwohl theoretisch eine kaiserliche Provinz, in Wirklichkeit bereits lange an Venedig abgetreten worden war. Noch weiter westlich lagen der Papst und der Kaiser im Heiligen Römischen Reich sich noch immer in den Haaren um die Vorherrschaft, und was die Normannen in Apulien betraf - die dem armen Alexios mehr Sorgen bereitet hatten als alle anderen europäischen Feinde zusammen -, war es Robert Guiscards Sohn Roger Borsa und nach dessen Tod 1111 dessen ebenso untauglichem Sohn Wilhelm gänzlich mißlungen, ihre Autorität den örtlichen Feudalherren gegenüber zu behaupten, und so versank ihr Herzogtum Schritt für Schritt im Chaos. Gewiß, ihr Vetter, Graf Roger von Sizilien, machte sich rasch einen Namen und vereinigte schließlich bis 1130 als König Roger II. alle normannischen Ländereien im Süden unter seinem Zepter, doch bis dahin sollten noch 12 Jahre vergehen. Und wir werden sehen, dass Johannes ein viel zu guter Diplomat war, um den König von Sizilien zu einer unmittelbaren Gefahr für Byzanz werden zu lassen.
So konnte er sich also ganz auf Kleinasien konzentrieren, wo sich fast ein halbes Jahrhundert nach Mantzikert allerdings nach wie vor eine hoffnungslos wirre Situation präsentierte. Vereinfacht gesagt, kontrollierte Byzanz die Nord, West- und Süd-Küsten sowie das ganze Gebiet nordwestlich einer reichlich unregelmäßig verlaufenden Linie von der Mündung des Mäander einige Kilometer südlich von Ephesos bis zur Südostecke des Schwarzen Meeres, etwas über Trapezunt hinaus - ein Lehen mit einem eigenem Oberhaupt namens Konstantin Gabras. Südöstlich jener Linie herrschten Turkvölker, zumeist dem seldschukischen Sultan Mas'ud von Ikonion untertan, dessen Macht im Lauf der Jahre allerdings immer schneller schwand. Dies ging auf den Aufstieg eines anderen türkischen Geschlechts zurück, nämlich der DANISCHMENDIDEN, deren Emir Ghazi II. nun das Gebiet zwischen Halys (Kizil Irmak) und Euphrat kontrollierte und stetig westwärts nach Paphlagonien drängte. Daneben gab es auch eine große Anzahl bewaffneter türkischstämmiger Sippen, die dem einen oder anderen dieser Potentaten zwar Lippendienst geschworen hatten, tatsächlich aber taten, was sie wollten. Während Alexios' zweiter Amtshälfte waren diese Nomadensippen allmählich in die fruchtbaren Täler von Phrygien und Pisidien eingedrungen, wo das Klima milder und das Weideland für ihre Herden unvergleichlich reichhaltiger war als in den struppigen zentralanatolischen Hochebenen. Auf diese Weise war es ihnen nach und nach gelungen, die byzantinische Hafenstadt Attaleia (Antalya) zu isolieren, so dass diese nur noch über den Seeweg erreichbar war. Ihnen galt der erste Feldzug Kaiser Johannes' daher ebenso sehr wie den Seldschuken.
Im Frühjahr 1119 brach sein Heer direkt Richtung Laodikea am Lykos auf, der alten phrygischen Hauptstadt wenige Kilometer nördlich des heutigen Denizli. Von seldschukischen Truppen 1071 erobert, gelangte Laodikea 25 Jahre später durch einen Feldzug Alexios, wieder in die Hände von Byzanz, war aber wie viele andere Städte und Dörfer entlang dieser allzu nachgiebigen Grenze seither wieder verlorengegangen. Johannes hatte einen Trupp unter der Leitung von Axuch vorausgeschickt, um die Belagerung vorzubereiten, und sein Domestikos erledigte den Auftrag bestens. Der Widerstand brach schon beim dem ersten Angriff zusammen. Der lokale Emir Abu-Shara floh, und Johannes ließ die Stadt mit einer neuen Mauerbefestigen, um seine Rückkehr sicher zu verhindern. Danach kehrte Johannes aus unbekannten Gründen eiligst nach Konstantinopel zurück. Dass gegen ihn gerichtete Pläne Annas etwas mit dieser Entscheidung zu tun hatte, wie ein Historiker vermutet, kann nicht zutreffen, denn der Zeitpunkt für ihr mißglücktes Komplott kann erst festgelegt worden sein, als Johannes sich schon in der Stadt aufhielt. Aber es gab außer Anna gewiß noch weitere Personen mit ähnlichen Ambitionen, und so dürfte Kaiser Johannes Konstantinopel während der ersten, möglicherweise unsicheren Jahre seiner Herrschaft nur ungern länger verlassen haben. Auf alle Fälle war er wenige Wochen später beim Fall der rund 40 Kilometer von Attaleia entfernten Stadt Sozopolis wieder mit von der Partie, ebenso bei der Eroberung einer ganzen Kette von Festungen und militärischen Stützpunkten zur Überwachung der Straße, die vom Mäandertal in die Hochebene führte. Im Spätherbst 1119 war die lebenswichtige Verbindung zu Attaleia wiederhergestellt, und Johannes und Axuch kehrten an den Bosporus zurück, zufrieden mit dem, was sie erreicht hatten.
Möglicherweise hielten sie sich 1120 wieder in Kleinasien auf; unsere Hauptchronisten legen, so bewundernswert sie in vielerlei Hinsicht sind, bezüglich exakter Chronologie aufreizend wenig Interesse an den Tag. Sicher jedoch zwang im Jahr darauf Johannes ein gefährlicher Petschenegeneinfall über die Donau hinweg, seine Aufmerksamkeit auf Europa zu lenken. Seit dieses ruhelose Volk von Alexios' Heer 1091 am Levunion geschlagen und fast vernichtet worden war, hatte es Byzanz nur mehr wenig Probleme verursacht. Doch das war 30 Jahre her, und inzwischen war eine neue Generation herangewachsen. Im Sommer 1121 überrannten petschenegische Stammesangehörige zu Tausenden Thrakien und verursachten die übliche Verwüstung. Vom Ausmaß her ließ sich die Invasion zwar keinesfalls mit früheren vergleichen, aber Johannes' ehrgeiziges Asienprogramm hing ganz vom Frieden in Europa ab, und daher mußte er rasch und hart auf den Einfall reagieren. Während er seine Truppen darauf vorbereitete und in Stellung brachte, versuchte er gleichzeitig Zeit zu gewinnen, indem er Zwietracht unter den einzelnen Stämmen säte - die zum Glück nicht unter einem gemeinsamen Oberhaupt vereint waren - und ihnen kostbare Geschenke anbot, wie es schon Konstantin Porphyrogennetos fast 300 Jahre zuvor empfohlen hatte. Allein das petschnegische Volk hatte seit den Zeiten Konstantins viel dazugelernt und zeigte sich gänzlich unbeeindruckt.
Es spielte keine Rolle. Kaum stand das byzantinische Heer zum Einsatz bereit, sah Johannes keinen Grund, das Unternehmen länger auf zuschieben. Die erste Etappe der Schlacht ging unentschieden aus. Johannes wurde leicht verwundet. Obwohl ziemlich viele gegnerische Kämpfer gefangengenommen wurden, gelang es doch dem Großteil ihrer Truppen, in das Lager zurückzukehren, wo sie mit ihren Streitwagen einen großen, kreisförmigen Schutzwall bildeten und sich eingruben. Die byzantinische Reiterei griff mehrmals an, doch die Wagenburg wankte nicht. Schließlich gab Johannes - der die Zeit, in der er nicht aktiv am Kampfgeschehen teilnahm, auf den Knien vor dem Bildnis der Muttergottes verbrachte - Befehl zum Absteigen und rückte, flankiert von seiner Warägergarde mit den langen Schilden und riesigen Streitäxten, zu Fuß vor. Die Äxte machten kurzen Prozeß mit den Streitwagen, und der Kampfgeist der Petschenegen brach zusammen. Manche vermochten zu fliehen, die übrigen wurden gefangengenommen. Viele erhielten indes später die Freiheit wieder, dazu ein Stück Land innerhalb der Reichsgrenzen, wo sie sich niederlassen durften, sofern die fähigen Männer als Gegenleistung sofort in die kaiserliche Armee eintraten oder sich verpflichteten, dies in Zukunft zu tun. Zweifellos erinnerte sich Johannes an den unschätzbaren Wert der petschenegischen Truppenverbände für seinen Vater Alexios bei der Überwachung der Kreuzfahrerroute durch den Balkan. Gewiß hoffte er inbrünstig, sie nicht noch einmal in dieser Eigenschaft einsetzen zu müssen, aber als nützlich konnten sie sich in den kommenden Jahren auf alle Fälle erweisen. Zur Feier des Sieges führte er den jährlichen "Petschenegentag" ein, der noch bis zur Jahrhundertwende regelmäßig eingehalten wurde.
Nach der Unterwerfung der petschenegischen Stämme - und zwar so wirkungsvoll, dass sie das Byzantinische Reich niemals mehr belästigten - hätte sich Johannes am liebsten so rasch wie möglich wieder Kleinasien zugewandt. Doch leider war seine Arbeit in Europa noch nicht zu Ende. Venedig befand sich auf dem Kriegspfad, und sowohl Ungarn als auch Serbien, so still und wohlerzogen sie sich während der ersten Jahre seiner Herrschaft verhalten hatten, waren offenbar in ähnlicher Stimmung.
Während der Regierungszeit Alexios Komnenos' hatte Venedig zu den engsten Verbündeten des Byzantinischen Reichs gehört - wohl oder übel, kam der venezianischen Flotte doch im Kampf gegen die Normannen in Süd-Italien lebenswichtige Bedeutung zu, zuerst gegen Robert Guiscard und dann gegen Bohemund. Um sich Venedigs Wohlwollen zu sichern, hatte Alexios 1082 nicht gezögert, in einem Ausmaß Handelsprivilegien zu gewähren, wie sie keine anderen fremden Kaufleute genossen, darunter den Erlaß sämtlicher Zollabgaben. So gedieh die venezianische Kolonie am Goldenen Horn und wurde immer größer und reicher, bis sie heftigen Unwillen bei der Bevölkerung erregte, wo die schrecklichsten Geschichten über die Arroganz und den Hochmut venezianischer Kaufleute kolportiert wurden. Als Johannes den Thron bestieg, war die normannische Gefahr indes verblaßt. Und als der im selben Jahr gewählte Doge Domenico Michiel eine Delegation entsandte, welche um die Erneuerung der laufenden Vereinbarungen und die Bestätigung der alten Privilegien ersuchte, weigerte sich der neue Kaiser schlankweg. Von nun an, so teilte er ihnen mit, würden sie sich derselben Behandlung erfreuen wie ihre Konkurrenz. In Venedig reagierte man zornig, und am 8. August 1122 verließ das Flaggschiff des Dogen mit 71 Kriegsschaluppen im Schlepptau die Lagune.
Ihr Ziel war Korfu, ein wichtiger byzantinischer Vorposten, der von einer starken und entschlossenen Garnison verteidigt wurde. Der venezianische Flottenverband belagerte die Insel sechs Monate lang und hätte dies auch fortgesetzt, wäre nicht im Frühjahr 1123 ein verzweifelter Ruf aus Palästina an die Soldaten ergangen: König Balduin sei gefangen und ihre Hilfe, sollte der lateinische Osten überleben, unentbehrlich. So hoben sie die Belagerung auf, und Korfu genoß eine kurze Ruhepause. Allein die venezianischen Kriegsschiffe setzten in den folgenden drei Jahren ihre Aktivitäten im östlichen Mittelmeer fort und nahmen Rhodos, Chios, Samos, Lesbos und Andros ein. Als sie zu Beginn des Jahres 1126 Truppen nach Kephalionia entsandten, hatte Johannes Komnenos es schließlich satt. Seine Flotte vermochte das Vordringen, das ihn längst viel mehr kostete als die vorenthaltenen Handelsprivilegien, nicht zu unterbinden; im August überwand er daher seinen Stolz und stellte diese wieder her. Selbst in Anbetracht des unvermeidlichen Gesichtsverlust für das Byzantinische Reich hielt sich der Preis in Grenzen.
Was Ungarn betraf, so gingen die Probleme für Byzanz auf das Jahr 1095 zurück, als der neugekrönte König Koloman seinen Bruder Almos enteignete und später mitsamt dessen Sohn Bela hatte blenden lassen. Kurz vor Johannes' Thronbesteigung hatten Almos und die mit ihm verwandte spätere Kaiserin Irene in Konstantinopel um Zuflucht ersucht und waren freundlich aufgenommen worden. Man hatte ihnen  sogar ein Anwesen in Makedonien überlassen, das schnell zum Treffpunkt für ihre vielen - freiwillig oder unfreiwillig - im Exil lebenden Landsleute wurde. Koloman hatte dagegen offenbar nichts einzuwenden, doch sein Bruder und Thronfolger Stephan II., den die Aktivität dieses Kreises von Unzufriedenen zunehmend beunruhigte, reichte beim byzantinischen Hof formell Protest ein und verlangte gleichzeitig Almos' Ausweisung aus Byzanz. Wie erwartet, weigerte sich Johannes, und im Sommer 1128 ging Stephan zum Angriff über. Seine Truppen überquerten die Donau, eroberten Belgrad und Naissus (Nis), stießen dann in das heutige Bulgarien vor und plünderten das ganze Gebiet bis nach Serdika (Sofia) und Philippopel (Plowdiw), bevor sie sich wieder in den Norden zurückzogen. Aber Johannes und sein Heer setzten sich ebenfalls in Marsch. Sie erreichten kurz nach dem Abzug der ungarischen Verbände Philippopel und rückten - wahrscheinlich das lskartal hoch - Richtung Norden vor, um sich an der Donau mit einer Abteilung der kaiserlichen Flotte zu treffen. Inzwischen hatte sich Stephan auf das Nordufer zurückgezogen; er war erkrankt und hatte von seinem Krankenlager aus die strikte Anweisung erlassen, dass seine Truppen die Donau unter keinen Umständen erneut überqueren dürften. Angesichts der folgenden Ereignisse bekamen sie auch keine Gelegenheit dazu. Die byzantinischen Kundschafter stellten fest, dass sie ihr Lager unterhalb der Festung Haram beim Zusammenfluß der Donau mit dem Nebenfluß Nera aufgeschlagen hatten, und die Reichssoldaten nutzten ihre Flotte, um etwas flußabwärts in aller Heimlichkeit ebenfalls an das andere Ufer überzusetzen. Daraufhin fielen sie den Ungarn in den Rücken und kesselten sie am Ufer ein. Von den Überlebenden vermochten einige zu fliehen, doch ein weitaus größerer Teil geriet in Gefangenschaft. Es gelang, alle von ihnen eroberten Städte zurückzugewinnen.
Entweder kurz vor oder nach diesen Ereignissen schlugen sich Johannes Komnenos' Truppen ähnlich erfolgreich mit serbischen Verbänden unter der Führung Bolkans, des Zhupan von Rascien. Danach ließ Johannes eine stattliche Anzahl der Unterlegenen wie zuvor die Petschenegen in Kleinasien ansiedeln. Unsere Kenntnisse dieser Ereignisse sind, wie im übrigen aller serbischen Angelegenheiten dieser Zeit, beklagenswert gering; klar scheint immerhin, dass serbische Stämme Byzanz während Johannes' Regentschaft nie mehr ernsthaft Sorgen bereiteten, wenn sie auch nach wie vor über die kaiserliche Bevormundung empört waren und diese - oft mit ungarischer Unterstützung - von Zeit zu Zeit weiterhin abzuschütteln versuchten. Um 1130 war Johannes soweit, dass er Europa sich selbst überlassen und seine Aufmerksamkeit einmal mehr dem Osten zuwenden konnte. In den zehn Jahren seiner Abwesenheit hatte sich die Lage in Anatolien deutlich verschlechtert. Die DANISCHMENDIDEN hatten sich weiterhin auf Kosten des Sultanats Ikonion ausgebreitet, dessen Handlungsfähigkeit aufgrund innerer Zwiste praktisch auf Null gesunken war. Emir Ghazi II. - der 1124 Melitene (Malatya) annektiert und im Verlauf der folgenden drei Jahre seinem Einzugsbereich zusätzlich Cäsarea (Kayseri), Ankyra (Ankara), Kastamon (Kastamonu) und Gangra (Chankiri) einverleibt hatte - vertrat nun die bedrohlichste Macht in ganz Kleinasien. Drei Jahre danach, im Februar 1130, hatte sein Heer am Ufer des Pyramus (Jeyhan) in Kilikien unter den Truppen des jungen Bohemund II. von Antiochia ein verheerendes Blutbad angerichtet. Bohemunds abgeschlagenes Haupt hatte man Emir Ghazi überbracht; dieser ließ es einbalsamieren und dem Kalifen von Bagdad als Geschenk senden.
Johannes Komnenos vergoß keine Tränen über den Tod des Fürsten von Antiochia, dessen Fürstentum er als rechtmäßiges Eigentum des Byzantinischen Reichs betrachtete, doch war ihm klar, dass er sich mit Ghazi auseinandersetzen mußte, solange noch Zeit dazu blieb. Zwischen 1130 und 1135 zog er nicht weniger als fünfmal gegen die Danischmendiden. Während der ersten drei Jahre behinderten ihn die Ränke seines Bruders, des dritten Sohnes von Irene und Alexios; dieser Sebastocrator Isaak setzte alles daran, die Feinde des Reichs mit dem Ziel zu einem Bündnis zu vereinen, Johannes vom Kaiserthron zu verdrängen. Kaum aber war Isaak im Jahre 1132 in das Heilige Land gezogen - ob aus Frömmigkeit oder unwürdigeren Gründen ist nicht bekannt -, erzielte Johannes rasch Fortschritte. Ende 1132 und zu Beginn des Jahres 1133 konnten er und seine Truppen einen Erfolg nach dem anderen verbuchen. Sie marschierten durch Bithynien und Paphiagonien, nahmen die wichtige Festung Kastamon ein und rückten weit über den Halys hinaus vor. Im Verlauf dieses Vorstoßes sammelten sich sowohl Christen als auch Moslems unter dem byzantinischen Banner, und mehrere lokale Emirate ergaben sich beim Herannahen des Heeres kampflos.
Johannes gestaltete seine Rückkehr nach Konstantinopel in Form eines traditionellen Triumphzugs - des ersten, den man dort seit Johannes Tzimiskes im Jahre 972 zu sehen bekam. Den schwierigen Zeiten geziemend war der zeremonielle Streitwagen, der ihn mit seinen vier schneeweißen Pferden am Goldenen Tor erwartetete, mit Silber statt Gold geschmückt, aber die Straßen hatte man wie immer bei solchen Anlässen mit Damast und Brokat versehen, und aus den Fenstern der Häuser hingen kostbare Teppiche. Die ganze Route von der Stadtmauer bis zur Hagia Sophia säumten eigens dafür errichtete Tribünen, auf denen sich praktisch die ganze Stadtbevölkerung versammelt hatte, um den vorüberziehenden Zug zu bejubeln. Erst kamen die Gefangenen, dann die Kampftruppen, dann die Feldherren und schließlich der Kaiser selbst, der zu Fuß ging und ein Kreuz trug. Wie Tzimiskes vor ihm hatte er den Ehrenplatz auf dem Streitwagen dem Marienbildnis vorbehalten, das ihn auf all seinen Feldzügen begleitet hatte.
Aber seine Arbeit war damit noch nicht getan. Im Jahr darauf zog er erneut ins Feld. Allerdings wurde dieser Feldzug in Bithynien durch den plötzlichen Tod von Kaiserin Irene unterbrochen. Sofort verließen Johannes und seine Söhne das Heer, um ihren Leichnam nach Konstantinopel zu begleiten. Unmittelbar nach den Begräbnisfeierlichkeiten kehrten sie jedoch zurück und stießen auf der Straße nach Gangra wieder zu ihren Truppen, wo sie im Spätsommer die Nachricht eines weiteren Todesfalles erreichte, den sie allerdings begrüßten. Emir Ghazi hatte das Zeitliche gesegnet. Seine letzten Stunden dürften durch die Ankunft eines Gesandten des Kalifen erhellt worden sein, der ihn darüber in Kenntnis setzte, dass ihm und seinen Nachkommen der Titel Malik (König) verliehen worden sei und ihm "vier schwarze Flaggen und Trommeln, deren Wirbel von seiner Ankunft künden sollten, wann immer er in der Öffentlichkeit erschien, eine goldene Halskette sowie ein goldenes Zepter überreichte, mit dem ihn die Gesandten zum Zeichen der Anerkennung seines neuen Ranges und Titels auf die Schulter zu tippen hatten" - doch ach, all dies nützte ihm wenig. Er starb fast unmittelbar danach, und so ging der Titel auf seinen Sohn Mohammed über.
Das Durcheinander, welches fast unweigerlich auf das Ableben eines moslemischen Oberhaupts in der Regel folgte, sorgte dafür, dass Byzanz fürs erste nur wenig Gegenwehr seitens der danischmendidischen Streitkräfte zu erwarten hatten; indes bereiteten vereinzelte Garnisonen noch Schwierigkeiten. So leistete zum Beispiel Gangra, wo der Gouverneur zwar erst kurz zuvor ebenfalls gestorben war, das Kommando aber seiner Frau übertragen hatte, so energisch Widerstand, dass Johannes entschied, vorerst nach Kastamon weiterzuziehen, wo Ghazis Leute seit einem Jahr am Ruder waren. Sie ergaben sich recht schnell - unter ein, zwei Bedingungen, die Johannes gerne erfüllte -, worauf das byzantinische Heer sofort nach Gangra zurückkehrte, diesmal, um die Stadt ernsthaft zu belagern. Die Garnison hielt für kurze Zeit stand, in der Hoffnung, dass ihr die türkischen Truppen, von denen es hieß, sie befänden sich in der Gegend, zu Hilfe eilen würden, doch war inzwischen ein ungewöhnlich kalter Winter eingebrochen, und die Lebensmittelvorräte gingen bereits zu Ende. Als es nach ein oder zwei Wochen noch immer keine Anzeichen dafür gab, dass Hilfe nahte, stellte die energische Gouverneurswitwe daher ihre Übergabebedingungen, darunter das Zugeständnis an alle, die dies wünschten, die Stadt ungeschoren verlassen zu können, und die Freilassung eines Teils der anläßlich einer früheren Auseinandersetzung gemachten Gefangenen. Einmal mehr stimmte Kaiser Johannes bereitwillig zu, und Johannes Kinnamos weiß zu berichten, dass nur ein kleiner Teil der Bevölkerung von seinem Angebot Gebrauch machte und viele Männer es vorzogen, sich in den Dienst der kaiserlichen Armee zu stellen.
Johannes beließ eine byzantinische Besatzung von 2.000 Mann in Gangra und begab sich Anfang 1135 nach Konstantinopel. In den vergangenen fünf Jahren hatte er einiges erreicht. Ghazis Ableben konnte er sich natürlich nicht als Verdienst anrechnen, aber ihm war mit der Rückgewinnung weiter Gebiete, die das Byzantinische Reich über ein halbes Jahrhundert hatte entbehren müssen, alles gelungen, was er sich vorgenommen hatte. Zwar war die türkische Macht nicht gebrochen, aber sie hatte mehrere lähmende Schläge einstecken müssen, und es würde einige Zeit dauern, bevor sie erneut zum Angriff blasen konnte. Johannes verfügte nun beinahe über die Freiheit, sich an die Umsetzung seines ehrgeizigsten Planes zu machen und statt gegen ein moslemisches Heer gegen die beiden christlichen Staaten ins Feld zu ziehen, die zu der Zeit ein Gebiet besetzt hielten, welches er als kaiserliches Territorium betrachtete, das armenische Königreich Kilikien und dessen enge Verbündete, das normannische Fürstentum von Antiochia.
Beinahe, doch noch nicht ganz. Zuvor galt es, sich mit einem anderen potentiellen Feind auseinandersetzen. Roger II. von Sizilien trug seine Krone nun seit etwas mehr als vier Jahren und hatte in dieser Zeit stetig an Macht und Einfluß gewonnen. Auch er träumte von neuen Eroberungen. Die apulischen Häfen lagen nur gut 100 Kilometer von den kaiserlichen Ländereien jenseits der Adria entfernt, und die reichen Städte Daimatiens stellten eine ständige Versuchung für ein bißchen Freibeuterei dar, der die sizilianischen Seefahrer in den letzten Jahren nicht immer hatten widerstehen können. Weitere Raubzüge an der nordafrikanischen Küste deuteten darauf hin, dass der König von Sizilien sich nicht mehr lange mit seinen gegenwärtigen Grenzen zufriedengeben würde und dass er, falls man ihn nicht im Auge behielt, bald in der Lage sein würde, das zentrale Mittelmeer nach Belieben abzuriegeln. Auch wußte man, dass er begehrlich nach den Kreuzfahrerstaaten schielte. Als Vetter Bohemunds II. hegte er einen berechtigten Anspruch auf Antiochia; seine Mutter Adelaide hatte die Eheschließung mit Balduin I. als dessen dritte Frau 1113 unter der klaren Übereinkunft vollzogen, dass die Krone von Jerusalem bei Kinderlosigkeit - und diese war in Anbetracht des Alters der beiden Eheleute fast sicher - an ihren Sohn Roger übergehen werde. Dass Balduin daraufhin zuerst Adelaides ganze und beträchtliche Mitgift durchbrachte, dann die Ehe annullierte und Adelaide kurzerhand zurück in ihre Heimat nach Sizilien verfrachten ließ, war eine Beleidigung, die ihm weder sie noch Roger verzieh, und verringerte ihrer Ansicht nach seinen berechtigten Anspruch in keiner Weise. Allerdings besaß er keinen ähnlichen Anspruch auf Konstantinopel, doch hatten sich weder sein Onkel Robert Guiscard noch sein Vetter Bohemund von derlei Erwägungen abhalten lassen. Und selbst wenn er seine Energie darauf beschränkte, gegen die Kreuzfahrerstaaten zu ziehen, konnten sich die Folgen für Byzanz längerfristig als bedenklich erweisen.
Also machte sich zu Beginn des Jahres 1135 am Bosporus eine Gesandtschaft auf den Weg in deutsche Lande zum weströmischen Kaiser LOTHAR, und schon im Herbst wurde man sich einig. Als Gegenleistung für großzügige finanzielle Unterstützung durch Byzanz würde LOTHAR im Frühjahr 1137 einen größeren Feldzug gegen den König von Sizilien führen, um diesen zu vernichten. Bei ihrer Rückkehr hieß Johannes seine Gesandtschaft auf das herzlichste willkommen. Nun, da sein Rücken zufriedenstellend geschützt war, konnte er endlich nach Osten ziehen.
Die Geschichte der armenischen Besiedlung von Kilikien - der Gegend zwischen der Südküste Anatoliens und dem Taurusgebirge, das in der Nähe von Alanya beginnt und sich bis zum Golf von Alexandretta erstreckt - geht auf das frühe 11. Jahrhundert zurück, als Basileios II. sich in verblüffend friedlicher Weise des größten Teils von Armenien bemächtigte, indem er den Fürsten von Waspurkan als Gegenleistung ausgedehnte Ländereien von Sebastea bis zum Euphrat anbot. Seine Nachfolger nahmen ähnliche Abtretungen vor, so dass bis etwa 1070 ein stetiges Ernigrationsrinnsal vom rauhen armenischen Hochland in den wärmeren und üppigeren Süden floß. Nach der Schlacht von Mantzikert verwandelte sich das Rinnsal in eine Flut und führte allmählich zur Entstehung mehrerer halbunabhängiger Fürstentümer, welche sich ständig in den Haaren lagen. So präsentierte sich die Lage in Kilikien mehr oder weniger, als die Kreuzfahrtruppen das Gebiet auf ihrem Weg nach Palästina durchquerten.
Sie war nicht von Dauer. Nachdem die fränkischen Kreuzfahrer in ihren Staaten die eigenen Angelegenheiten einigermaßen in Ordnung gebracht hatten, beschlossen sie, in Kilikien ebenso zu verfahren. Da durch dieses Gebiet ihre Hauptverbindung zum Westen verlief, wollten sie es unter ihrer Herrschaft wissen. So wurden die meisten armenischen Adligen umgebracht; nur eine Familie war stark oder schlau genug, um zu überleben, nämlich jene eines gewissen Ruben, der behauptete, mit Gagik II., dem  letzten BAGRATIDEN-König von Armenien," verwandt zu sein und sich 1071 im Taurusgebirge eingenistet hatte. Sein Enkel Leon war ihm 1129 auf den Thron von Kleinarmenien gefolgt, wie das Gebiet inzwischen hieß, und drei Jahre später zu einem ehrgeizigen Feldzug aufgebrochen, der ihm Tarsos, Adana und Mopsuestia (auch Mopsos, später Misis und Mamistra) einbrachte, wobei man nicht genau weiß, ob er diese Siedlungen Byzanz oder den Kreuzfahrern abgenommen hat. Bald darauf wagte sich Leon jedoch zu weit vor. Ende 1136 führte ein Racheakt an Raimund von Poitiers, dem neuen Fürsten von Antiochia, zu seiner Gefangennahme und kurzer Einkerkerung, aus der er erst freikam, nachdem er seinem Überwältiger Adana und Mopsuestia - nicht jedoch offenbar Tarsos - überlassen hatte und 60.000 Goldstücke obendrein. Kaum hatte er indes die Freiheit wiedergewonnen, da überbrachten ihm Boten im Frühjahr 1137 die schlechteste aller Nachrichten. Johannes Komnenos war gegen ihn aufgebrochen.
Johannes überließ nichts dem Zufall. Er hatte nicht nur sein altes, nach fast 20 Jahren im Feld erprobtes, vertrautes und abgehärtetes Heer mitgebracht, sondern gleich mehrere neue Verbände dazu, darunter einen aus petschenegischen Gefangenen und andere aus Angehörigen jener türkischen Gruppen, die sich in den vorangegangenen Jahren so begeistert seiner Fahne angeschlossen hatten. Darunter kann sich sogar eine beträchtliche Anzahl Armenier befunden haben, waren Ruben und seine Gefolgschaft doch beim Großteil ihrer Landsleute ebenso unbeliebt wie die fränkischen Kreuzfahrer, so dass die Zahl derer, die sich vor beiden Regimen auf der Flucht befanden und den Weg nach Konstantinopel gefunden hatten, groß war. Dieser gebauten  Macht war der Sieg vom ersten Moment, da sie in Kilikien auftauchte, sicher. Einmal mehr wechselten die drei oben erwähnten Städte ihre Übermacht, dazu Seleukia (Selfike) und nach 37 Tage dauernder Belagerung auch die als uneinnehmbar geltende Festung Anazarbos (Anavarza) auf ihrer 250 Meter über dem Pyramus gelegenen Schanze. Leon aber ergab sich selbst da noch nicht, sondern zog sich mit seinen beiden Söhnen und allen Getreuen tief in das Taurusgebirge zurück. Johannes, darauf bedacht, keine Zeit zu verlieren, machte sich nicht die Mühe, ihnen nachzusetzen; er rückte mit seinem Heer weiter über Issos und Alexandretta vor und hielt nur an, um unterwegs ein paar armenische Stützpunkte einzuheimsen. Am 29. August zog er sein Heer vor Antiochia zusammen.
Antiochia hatte kritische Zeiten hinter sich. Bohemund II., 1126 im Alter von 18 Jahren aus Apulien eingetroffen, war keine vier Jahe später von Emir Gahzi umgebracht worden; er und seine Frau Alice, Tochter König Balduins von Jerusalem, hatten eine gemeinsame zwei Jahre alte Tochter namens Konstanze. Ohne rechtmäßige Befugnis ausgestattet, hätte Alice nach Bohemunds Tod warten müssen, bis ihr Vater als nominelles Oberhaupt einen Nachfolger bestimmte. Statt dessen übernahm sie die Regenschaft selbst, und als sie vernahm, dass Balduin sich rasend vor Zorn auf dem Marsch nach Antiochia befand, um die Angelegenheit so zu regeln, wie er sie für richtig hielt, sandte sie einen Boten zu Imad ed-Din Zengi, dem Atabeg von Mosul und eigentlichen Herrscher über Nord-Syrien, um ihm zusammen mit einem prachtvoll aufgeputzten Pferd den Vorschlag zu unterbreiten, ihn als Lehnsherrn anzuerkennen, sofern er als Gegenleistung ihre Rechte, als Fürstin über Antiochia zu regieren, unangetastet lasse.
Aber der Bote kam nie an. Von Balduins Männern abgefangen, war er ihrem Herrn vorgeführt und hingerichtet worden. Dann führte der König von Jerusalem seine Reise nach Antiochia fort, doch dort stieß er auf verschlossene Tore. Es dauerte mehrere Tage, bis es zweien seiner Leute in der Stadt gelang, die Tore im Schutz der Dunkelheit zu öffnen und ihn und seine Truppen einzulassen. Alice aber hatte sich in einem Turm verschanzt und kam erst heraus, als man sich für ihre Sicherheit verbürgte. Vater Balduin vergab ihr, verbannte sie indes auf ihr Landgut in Laodikea und übernahm die Regentschaft selbst. Nach seinem Tod 1131 ging sie auf seinen Schwiegersohn Fulk von Anjou über, den Mann Melisendes, Balduins ältester Tochter und Alices Schwester. Vier Jahre lang harrte Alice aus. Dann erreichte Melisende, dass Fulk ihrer Schwester die Rückkehr gestattete - und prompt sandte Alice wieder einen Boten los, diesmal nach Konstantinopel und mit dem Angebot, ihre Tochter Konstanze (die inzwischen 7 Jahre alt war) mit Manuel, dem jüngsten Sohn Johannes', zu verheiraten.
Unter den gegebenen Umständen wäre eine derartige Verbindung für Antiochia keine schlechte Lösung gewesen, aber unter dem fränkischen Bevölkerungsteil wirkte die Vorstellung, Konstanze könnte einen Griechen heiraten - selbst wenn es sich um einen Kaiser-Sohn handelte -, wie ein Schock, und Fulk reagierte nicht anders, als er davon vernahm. Es war klar, dass es galt, einen anderen Heiratskandidaten für Konstanze zu finden, und es dauerte nicht lange, bis Fulk sich entschieden hatte. Seine Wahl fiel auf Raimund von Poitiers, den jüngeren Sohn Herzog Wilhelms IX. von Aquitanien, der sich zu dem Zeitpunkt gerade in England am Hofe Heinrichs I. aufhielt. Fulk sandte heimlich einen seiner Ritter los, um ihn holen zu lassen, und im April 1136 traf Raimund - der Gefangennahme durch König Roger von Sizilien, der, wie wir gehört haben, das Fürstentum für sich beanspruchte, nur knapp entgangen - rechtzeitig in Antiochia ein. Das Problem, Alices Zustimmung zu erlangen, wurde von Patriarch Radulf mit kalter Berechnung geschickt umgangen. Er teilte ihr mit, der stattliche junge Fürst sei gekommen, um um ihre Hand anzuhalten. Die ebenfalls noch junge Alice, die sich gerne wieder verheiratet hätte, gab ihr Einverständnis und zog sich in ihren Palast zurück, um alles für seinen Empfang vorzubereiten. In der Zwischenzeit wurde Konstanze zur Kathedrale geschleppt, wo der Patriarch sie auf der Stelle mit Raimund vermählte. Vor vollendete Tatsachen gestellt, gab sich ihre Mutter geschlagen. Wutentbrannt kehrte sie nach Laodikea zurück, wo sie bald darauf starb.
Als die byzantinische Belagerungsmaschinerie mit dem Beschuß der Stadtmauern von Antiochia begann und die byzantinischen Pioniere einen Tunnel zu graben begannen, dürfte mehr als nur ein paar Leuten in der Stadt schmerzlich bewußt geworden sein, dass sie sich nicht in dieser mißlichen Lage befänden, wenn man Alice ihren Willen gelassen und Konstanze Manuel geheiratet hätte. Wieviel besser wäre es gewesen, so müssen sie gedacht haben, wenn der neue Fürst in England geblieben wäre. Raimund von Poitiers sah es wahrscheinlich ähnlich. Was war Antiochia für ihn und er für Antiochia? Nach kaum mehr als einem Jahr im Osten hatte er bereits nichts mehr für das neue Fürstentum übrig, wo er den gewohnten abendländischen Schliff vermißte. Er langweilte sich und fühlte sich einsam, und von seiner Kindfrau hatte der fast 30 Jahre ältere Ehemann nichts zu erwarten. Zudem wußte er, dass es kaum möglich war, der Macht Johannes Komnenos' lange Widerstand zu leisten, und es bestand nicht die geringste Aussicht, dass ihm ein Kreuzfahrerheer zu Hilfe eilen würde. Um den Schein zu wahren, wartete er einige Tage ab und sandte dann eine Nachricht ins Feindeslager. Ob Johannes ihm zugestehen würde, kaiserlicher Verweser oder Vizekönig zu bleiben, wenn er ihn seinerseits als Oberherrn anerkennen würde?
Aber diesmal hatte Johannes offenbar keine Lust zu feilschen. Er verlangte nur eines: bedingungslose Kapitulation. Darauf antwortete Raimund, dass es nicht in seiner Macht stehe, eine solche Entscheidung zu treffen, ohne erst mit dem König von Jerusalem Rücksprache zu halten. Fulks Antwort war vorsichtig. Zengi wurde von Tag zu Tag stärker und stellte für das Oberleben der Kreuzfahrerstaaten inzwischen eine ernsthafte Bedrohung dar; es wäre Torheit gewesen, sich mit der einzigen christlichen Macht zu verfeinden, die stark genug war, ihn im Zaum zu hatten. Abgesehen davon fragte er sich, wie weit nach Syrien und Palästina Johannes vorzudringen beabsichtigte. Wenn er ihn durch den Verzicht auf Antiochia davon abhalten konnte, weiter nach Süden vorzustoßen, konnte das Opfer Antiochia sich womöglich lohnen. Auf jeden Fall war seine Reaktion besser als Raimund - oder Johannes - gehofft haben dürften:

Von unseren Vorfahren wissen wir nur zu gut, dass Antiochia Teil des Reiches von Konstantinopel war, bis es die Türken eroberten und 14 Jahre lang beherrschten, und dass die Ansprüche des Kaisers in bezug auf die Verträge, welche unsere Ahnen abgeschlossen haben, berechtigt sind. Weshalb also sollten wir die Wahrheit leugnen und etwas bekämpfen, von dem wir wissen, dass es recht ist?"

Und so ergab sich Antiochia, und Johannes zeigte sich einmal mehr großmütig. Raimund mußte zu Fuß in sein Lager kommen, ihm Untertanenpflicht schwören und freien Zutritt zur Stadt und zur Zitadelle gewähren. Auch mußte er sich verpflichten, dass er Johannes Antiochia als Gegenleistung überlassen würde, falls es diesem auf seinem nächsten Feldzug gelingen sollte, für ihn Aleppo, Shaizar, Emessa (Homs) und Harna zurückzugewinnen und ihm diese Siedlungen als dauerndes Lehen zu übergeben. Dann wurde die kaiserliche Standarte über der Stadt gehißt, Johannes überschüttete Raimund und den gesamten lateinischen Lokaladel mit kostbaren Geschenken, und in der 1. Septemberhälfte brach das siegreiche Heer das Lager ab. Inzwischen war das Jahr jedoch bereits zu weit fortgeschritten, als dass ein neuer größerer Feldzug in Frage gekommen wäre. So beschloß Johannes, seine unvollendeten armenischen Geschäfte zum Abschluß zu bringen, und machte sich in Richtung oberen Taurus auf, wo sich Leon und seine Getreuen verschanzt hatten. Nur wenige Wochen später war ihr Widerstand gebrochen. Alle mit Ruben verwandten Adligen befanden sich in kaiserlichem Gewahrsam und wurden nach Konstantinopel in Gefangenschaft gebracht.
Nun, da Armenien überwältigt und seine Stellung in Antiochia gesichert war, konnte Johannes mit der Umsetzung des nächsten Schrittes in seinem Plan beginnen: sich mit den Streitkräften seiner Kreuzfahrervasallen gegen die arabische Macht Syriens zusammenzutun. Ende März des Jahres 1138 kehrte er mit seinem Heer nach Antiochia zurück, wo sich ihm und Raimunds Verbänden ein Templerritterregiment sowie ein weiterer Trupp unter dem Befehl Joscelins II. von Courtenay, Graf von Edessa, anschlossen. Joscelin war inzwischen 24 Jahre alt und wirkte weder sympathisch noch vertrauenswürdig. Von seiner armenischen Mutter - einer Schwester Leons, dessen drei Söhne einige Monate zuvor bei ihm Zuflucht gesucht hatten - hatte er eine ungewöhnlich dunkle Hautfarbe geerbt, deren Wirkung leider durch eine platte Nase und ein stark pockennarbiges Gesicht beeinträchtigt wurde. Verschlagen und falsch, faul und lüstern, war er in jeder Hinsicht das Gegenteil dessen, was man sich allgemein unter einem idealen Kreuzritter vorstellt. Auf Johannes Komnenos, durch und durch Soldat, machte er noch weniger Eindruck als Raimund, der Fürst von Antiochia.
Mit diesen beiden gänzlich unbefriedigenden Verbündeten setzte sich der Kaiser also zusammen, um seinen nächsten Feldzug zu planen. Erstes Ziel war Aleppo. Einen Monat vor dem Aufbruch ordnete er die Festnahme aller Kaufleute und Reisenden in und um Aleppo an, um zu verhindern, dass der Bevölkerung etwas über seine Vorbereitungen zu Ohren kam; dann zog das byzantinische Heer gegen Osten. Es gelang, nebenbei ein oder zwei kleinere Festungen einzunehmen, doch ein kurzer Blick auf Aleppo und dessen - gerade rechtzeitig - durch Zengis Leute verstärkte Garnison, machte klar, dass gewaltiger Widerstand zu erwarten war. Statt durch eine lange Belagerung Zeit und Kraft zu verlieren, zogen die Truppen weiter nach Süden, wo sie am 28. April Shaizar erreichten. Im Vergleich zu Aleppo war dies eine kleine, kommerziell unbedeutende Ansiedlung mit einem ebenso unbedeutenden Emir, aber sie kontrollierte den Mittellauf des Orontes und bot Aussicht auf unschätzbaren Wert, wenn es darum ging, ein weiteres Vorrücken Zengis nach Syrien zu unterbinden. Die kaiserliche Streitmacht umzingelte die Stadt und grub sich ein; ihre 18 riesigen Schleudern wurden an strategischen Stellen der Mauer entlang in Stellung gebracht; die Belagerung begann.
Sämtliche Quellen, christliche wie moslemische, äußern sich einhellig über Johannes' Tatkraft und Mut. An seinem Goldhelm leicht erkennbar, schien er überall gleichzeitig zu sein; er stachelte die Mutlosen an, putzte die Faulpelze herunter, tröstete die Verwundeten, schrie Anweisungen für die Techniker an der Belagerungsmaschinerie und riß all seine Soldaten - Griechen, Waräger, Petschenegen und Türken - durch seinen unbezwingbaren Karnpfgeist mit. Hätten sich seine lateinischen Verbündeten ihm als würdig erwiesen, wäre Shaizar vielleicht in ihre Hände gefallen. Doch weder Raimund von Antiochia noch Joscelin von Edessa entwickelten viel Kampflust. Für Raimund bestand stets die Gefahr, dass Johannes zu viele Eroberungen zufielen und er sie, gemäß ihren letzten Vereinbarungen, gegen Antiochia eintauschen würde; und ihm wurde schon beim Gedanken übel, sich an die Kampffront begeben zu müssen. Joscelin, der Raimund beinahe ebensosehr haßte wie Johannes und keine Lust hatte, mitansehen zu müssen, wie sich das Territorium seines Mitfürsten gegen Süden oder Osten hin ausdehnte, ließ keine Gelegenheit aus, um dessen Argwohn und Mißtrauen zu erregen. Resultat war laut Wilhelm von Tyrus, dass sich die beiden wenig bis überhaupt nicht an der Belagerung beteiligten und die meiste Zeit bei endlosen Würfelpartien im Lager verbrachten.
Mitlerweile rückte Zengis Heer immer näher, unterstützt von einem starken Kontingent des Kalifen von Bagdad. Nur auf seine eigenen Leute gestützt, hätte Johannes ihn fast mit Sicherheit besiegen können, aber er konnte die Belagerungsmaschinen nicht ohne Verteidigung lassen, und den Franken war nicht zu trauen. Noch beriet er das Problem mit seinen Söhnen, da erreichte ihn die Nachricht, dass der Emir von Shaizar sich bereit erkläre, seine Oberhoheit anzuerkennen sowie einen jährlichen Tribut und eine großzügige Entschädigung zu leisten; zugleich ließ er ihm neben vielen anderen Geschenken seine beiden kostbarsten Besitztümer überbringen: einen mit einer Einlegearbeit aus Edelsteinen verzierten Tisch und ein mit Rubinen besetztes Kreuz, das sich früher im Besitz Kaiser Romanos Diogenes' befunden und das dieser nach der Niederlage bei Mantzikert verloren hatte. Selbst beim tatsächlich geglückten Sturm auf die Stadt hätte Johannes nicht mehr erwarten können. So hob er am 21. Mai die Belagerung auf und marschierte los, zurück nach Antiochia.
Bei seiner Ankunft machte er erstmals von seinen Rechten als Lehnsherr der Stadt Gebrauch und zog mit seinen Söhnen, dem Hofstaat und einigen Repräsentanten des Heers feierlich in Antiochia ein. Am Tor vom Patriarchen empfangen, ritt er hoch zu Roß durch die geschmückten Straßen, während ein deutlich mürrisch blickender Fürst Raimund von Antiochia und Joscelin, Graf von Edessa, ihm wie Knappen zu Fuß folgten. Nach der Messe in der Hauptkirche zog er weiter zum Palast, wo er sich niederließ. Nach ein paar Ruhetagen schickte er nach Raimund, Joscelin und deren führenden lateinischen Gefolgsleuten. Der Krieg, so teilte er ihnen mit, sei nicht zu Ende; nach wie vor befinde sich Aleppo in heidnischer Hand, und es sei ihm noch nicht möglich, Raimund die versprochenen Gebiete zu übergeben. Daher gelte es weitere Feldzüge in Antiochia zu planen. Zudem benötige er einen sicheren Ort, um seine Kriegsausrüstung und seinen Schatz zu lagern, und Raimund müsse ihm, gemäß dem vor Jahresfrist abgeschlossenen Vertrag, ab sofort die Zitadelle überlassen.
Nach dieser Rede herrschte Stille. Bis dahin hatte Johannes Antiochia wie eine geachtete Verbündete behandelt; nun stellte er der Stadt Bedingungen wie einer besiegten feindlichen Macht. Mit der Aussicht einer längerfristigen Besetzung ihrer Stadt konfrontiert, waren die beiden Franken vorübergehend sprachlos. Schließlich faßte sich Joscelin und ersuchte um Zeit, damit Raimund und seine Getreuen über das soeben Gehörte nachdenken könnten. Dann schlüpfte er unbeobachtet aus dem Palast und befahl seinen Leuten, der lateinischen Bevölkerung überall mitzuteilen, der Kaiser habe ihre unverzügliche Vertreibung angeordnet, und sie zum Angriff auf ihre griechische Mitbevölkerung anzustachein. Innerhalb einer Stunde war der Aufruhr im Gange. Da stürmte Joscelin in vollem Galopp zum Palast zurück und warf sich Johannes zu Füßen. Er sei nur knapp dem Tod durch die Hand eines wütenden Pöbels entgangen, man habe die Tür seines Hauses eingetreten, ihn beschuldigt, die Stadt an die Griechen verraten zu haben, und gedroht, ihn umzubringen.
Nach zwei Monaten in Gesellschaft des Grafen von Edessa wußte Johannes sehr wohl um dessen Falschheit; doch da war der Tumult auch im Palast schon deutlich zu hören. Es galt unter allen Umständen ein Massaker zwischen der griechischen und der lateinischen Bevölkerung zu verhindern. Johannes erkannte auch die Gefahr, dass sein Heer, abgesehen von einigen Angehörigen seiner Leibgarde, das Lager mehrere Kilometer weit entfernt jenseits des Orontes aufgeschlagen hatte und er somit in einer zunehmend feindseligen Stadt exportiert war. Unter so radikal veränderten Bedingungen stand eine frühzeitige Wiederaufnahme des syrischen Feldzuges außer Frage. Er teilte Raimund und Joscelin mit, dass er sich für den Moment mit der Erneuerung ihres Eides zufriedengebe und sich entschieden habe, nach Konstantinopel zurückzukehren. Dann schloß er sich wieder seinen Truppen an und brach ein, zwei Tage später in Richtung Heimat auf.
Dort erwarteten ihn gute Neuigkeiten. Sein Bruder Isaak und dessen Sohn Johannes, welche die letzten acht Jahre mit den moslemischen Fürsten gegen ihn gemeinsame Sache gemacht und Intrigen angezettelt hatten, hatten sich ergeben. Ob sie ihr früheres Verhalten tatsächlich bereuten oder ob Johannes Komnenos' jüngste Erfolge im Osten und seine damit verbundene zunehmende Beliebtheit im Reich sie davon überzeugten, dass ihr Vorhaben zum Scheitern verurteilt war, können wir nur raten. Es wurde ihnen indes volle Vergebung zuteil - und das war mehr, als sie erwartet oder verdient hatten.
Die Geschichte von Johannes' letzten Feldzügen ist rasch erzählt. In den Jahren 1139 und 1140 war er vollauf mit dem Sohn seines alten Feindes Emir Ghazi II. beschäftigt, dem DANISCHMENDIDEN-Emir Mohammed. Seine Aufgabe komplizierte sich durch die Tatsache, dass Konstantin Gabras, Herzog von Trapezunt, gegen seine Oberhoheit rebellierte und sich mit den DANISCHMENDIDEN verbündete. 1139 verlief für Byzanz alles gut: Johannes und sein Heer zogen ostwärts, durch Bithynien und Paphlagonien, die südliche Schwarzmeerküste entlang, und seine Feinde wichen stetig vor ihm zurück. Noch vor Ablauf des Jahres hatte sich der treulose Herzog ihm unterworfen, worauf Johannes sich nach Süden wandte und gegen die DANISCHMENDIDEN-Feste Neucäsarea zog. Dort ließ ihn sein Glück erstmals im Stich. Diese natürliche, von Mohammeds Besatzung hervorragend verteidigte Festung Niksar erwies sich als uneinnehmbar; das wilde Bergland erschwerte den Nachschub, und die byzantinischen Verluste lagen hoch. Die größte Demütigung aber erlebte Johannes, als sein Neffe und Namensvetter, jener besagte Sohn seines Bruders Isaak, der ihn erst vor kurzem für seine frühere Untreue um Verzeihung gebeten hatte, zum Feind überlief und nicht nur zum Islam übertrat, sondern auch noch die Tochter des seldschukischen Sultans Mas'ud zur Frau nahm. Gegen Ende 1140 hob Kaiser Johannes die Belagerung auf, bei der, nebenbei bemerkt, sein jüngster Sohn Manuel anläßlich eines plötzlichen Ausfalls der Verteidigungstruppen großen Mut bewiesen hatte. Das byzantinische Heer kehrte mitsamt seinem Kaiser und Oberbefehlshaber nach Konstantinopel zurück, mit der Absicht, die Operation im Jahr darauf wieder aufzunehmen. Als es soweit war, war Mohammed tot, und der übliche Zwist um sein Erbe ermöglichte Johannes, seine Pläne zu ändern und seine Kräfte einmal mehr auf die Situation in Syrien zu konzentrieren.
In den drei Jahren seiner Abwesenheit hätten die lateinischen Fürsten viel erreichen können, denn Zengi war vollauf mit der Eroberung von Damaskus beschäftigt. Statt dessen hatten sie sämtliche Gelegenheiten vertan. Weder gegen die Sarazenen waren Fortschritte erzielt worden, noch war es ihnen auch nur gelungen, die früheren Eroberungen von Johannes zu halten; fast alle befanden sich längst wieder in moslemischer Hand. Das bedeutete zwar nicht, dass eine weitere syrische Expedition sinnlos war, bewies aber sehr wohl, dass die Regenten von Antiochia und Edessa keinerlei Vertrauen verdienten. Johannes ließ die nötigen Vorbereitungen treffen, und im Frühjahr 1142 brach er einmal mehr mit seinen vier Söhnen auf, diesmal zur letzten Reise gegen Osten.
Sie zogen Richtung Attaleia (Antalya) an der Südküste, deren Nachschublinien zu Land wieder einmal in Gefahr waren. Die ersten Wochen verwandten sie darauf, die nomadisierenden Turkstämme und deren seldschukische Herrscher zurückzudrängen und, wo nötig, die Grenzbefestigungen zu verstärken. Im Hochsommer trafen sie dann in Attaleia ein - und dort nahm das Trauerspiel seinen Lauf. Johannes' ältester Sohn Alexios, rechtmäßiger Thronfolger des Reiches, erkrankte und starb innerhalb weniger Tage. Johannes, der ihm sehr zugetan war, wies seinen zweiten Sohn Andronikos und seinen dritten Sohn Isaak an, den Leichnam ihres Bruders auf dem Seeweg nach Konstantinopel zu begleiten; auf dieser Fahrt starb auch Andronikos; vermutlich erlag er derselben Krankheit. Diesen doppelten Schlag vermochte Johannes fast nicht zu verkraften. Dennoch rückte er mit den Truppen in Gewaltmärschen weiter vor, durch Kilikien und immer weiter ostwärts, bis er Mitte September unvermutet in Turbessel (Teil el-Bashir), der zweitgrößten Stadt der Grafschaft Edessa, eintraf, wo der überrumpelte Joscelin ihm unverzüglich seine kleine Tochter Isabella als Geisel anbot. Am 25. September hielt er sich in der gewaltigen Templerhochburg Baghtas auf und sandte von dort aus eine Botschaft an Raimund, in der er von ihm die sofortige Übergabe von Antiochia forderte - und sein früheres Versprechen erneuerte, ihn dafür in Form künftiger Eroberungen zu entschädigen.
Diesen Augenblick hatte Raimund seit langer Zeit gefürchtet. Es war ihm nicht möglich, wie Joscelin vier Jahre zuvor einen Aufruhr zu provozieren, hatte seine Unfähigkeit ihn doch derart unbeliebt gemacht, dass die Mehrheit der einheimischen christlichen Bevölkerung nur zu gerne den Kaiser an seiner Statt empfangen hätte. Seine einzige Chance bestand darin, Zeit zu gewinnen. Er gab mit vollendeter Höflichkeit zur Antwort, dass er sich mit seinen Vasallen beraten müsse, was er auch sofort tat. Und die Vasallen weigerten sich. Sie wiesen darauf hin, dass Raimund die Stadt nur als Angetrauter der rechtmäßigen Erbin regiere; er habe kein Recht, über ihren Besitz zu verfügen und selbst wenn Konstanze ihre Einwilligung zur Übergabe Antiochias gäbe, so wäre diese ohne ihre Zustimmung ungültig und sie würden eine solche unter keinen Umständen geben: jeder Versuch, Antiochia auszuliefern, werde daher die sofortige Entthronung Raimunds und Konstanzes zur Folge haben.
Johannes, den diese Botschaft in Baghras erreichte, erkannte sogleich, dass dies Krieg hieß. Doch der Winter nahte, und die Soldaten waren erschöpft. Er beschloß den Angriff auf das Frühjahr zu verschieben, und gestattete seinen Männern, ein, zwei Wochen lang in den umliegenden fränkischen Gütern zu wüten, um Raimund und seinen Freunden einen Vorgeschmack darauf zu geben, was sie erwartete, und begab sich dann mit ihnen zurück nach Mikien, um sich mit den noch verbliebenen danischmendidischen Vorposten auseinanderzusetzen, den Winter zu verbringen und die entsprechenden Vorbereitungen für den Feldzug zu treffen, weicher der entscheidendste seines Lebens zu werden versprach.
Leider traf er diese Vorbereitungen umsonst. Im März 1143, als alles bereit stand, brach er zu einem kurzen Jagdausflug in den Taurus auf und wurde in dessen Verlauf versehentlich durch einen Pfeil an der Hand verletzt. Die Wunde schien geringfügig, und er beachtete sie zunächst nicht. Doch rasch entzündete sie sich, und er bekam eine Blutvergiftung. Bald erkannte er, dass er sterben würde. So oft hatte er in seinem Leben dem Tod gegenübergestanden, dass er ihn offenbar nicht mehr fürchtete. Ruhig und kompetent machte er sich an die Vorkehrungen für seine Nachfolge. Von den beiden überlebenden Söhnen hielt sich der ältere, Isaak, noch in Konstantinopel auf, Manuel, der jüngste, bei ihm. Beide hatten Fürsprecher, und Johannes hörte sich deren Argumente aufmerksam an, aber er wies sie alle unmißverständlich darauf hin, dass die endgültige Entscheidung allein ihm vorbehalten bleibe.
Am Ostersonntag, dem 4. April, empfing der sterbende Kaiser die heilige Kommunion. Entschlossen, nichts Unerledigtes zu hinterlassen, veranlaßte er, dass die Türen zu seinem Gemach für alle im Lager offenstehen sollten, so dass ein jeder mit einer Bitte offen zu ihm sprechen könne. Tags darauf - das ganze Lager ertrank fast im Regen und Schlamm - standen sie ebenfalls offen, und er verteilte seine letzten Geschenke an die, welche ihm am treusten gedient hatten, darunter auch Nahrungsmittel von der kaiserlichen Tafel. Dann - und erst dann - berief er eine Versammlung ein, um seinen Nachfolger bekanntzugeben. Beide Söhne, so sagte er, seien vortreffliche junge Männer, stark, intelligent und voller Elan. Isaak neige jedoch zu Wutanfällen, während Manuel zusätzlich zu allen Qualitäten seines Bruders über eine einzigartige Milde gebiete und daher imstande sei, gegebenen Rat geduldig zur Kenntnis zu nehmen und dem Diktat der Vernunft zu folgen. Deshalb werde Manuel, das jüngste seiner Kinder, seine Nachfolge antreten. Er wandte sich seinem Sohn zu, der neben seinem Bett kniete, und brachte noch die Kraft auf, zuerst das kaiserliche Diadem auf das Haupt des jungen Mannes zu setzen und ihm dann den kaiserlichen Purpur um die Schultern zu legen.
Johannes lebte, zusehends schwächer werdend, noch weitere drei Tage. Am 8. April 1143 ließ er einen heiligen Mönch aus Pamphylien rufen, damit er ihm die Beichte abnehme und die letzte Ölung spende. Sein Tod, der fast unmittelbar danach eintrat, vollzog sich damit ebenso gottesfürchtig, effizient und wohlgeordnet wie sein Leben. In der Tat, kaum ein anderer Kaiser hat härter gearbeitet oder sich ausschließlicher dem Wohl des Reichs hingegeben. Gewiß starb er enttäuscht: Wären ihm nur noch ein paar Jahre mehr vergönnt gewesen, hätte er die byzantinische Macht wahrscheinlich bis tief nach Syrien, ja vielleicht sogar bis nach Palästina ausgedehnt und möglicherweise die ihr bei Mantzikert zugefügten schrecklichen Schäden weitgehend wiedergutgemacht. Nun aber mußte er schon im Alter von 53 Jahren sterben und sein Lebenswerk im Osten unvollendet lassen. Immerhin durfte er sich mit der Gewißheit trösten, dass er an seinen Sohn Manuel ein stärkeres und größeres, vor allem aber ungleich höher geachtetes Reich weitergab, als es dies in den ganzen 72 Jahren nach der großen Niederlage gewesen war. Und es blieb ihm noch ein weiterer Trost: Manuel selbst. Er würde sich, dessen war er sicher, als würdiger Nachfolger erweisen.