Zähringer
 

Stammatfel Lexikon des Mittelalters Band IX Anhang

STAMMTAFELN ZUR GESCHICHTE DER EUROPÄISCHEN STAATEN Band I Tafel 82
 

Lexikon des Mittelalters: Band IX Spalte 464
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ZÄHRINGER
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Fürstenhaus im hochmittelalterlichen Schwaben.
In vermuteter Verbindung zu der frühalemannsichen Familie der BERTOLDE/ALAHOLFINGER tritt um 1000 mit dem Thurgaugrafen Berthold der erste historisch faßbare Vorfahre der ZÄHRINGER entgegen. Dieser erhielt 999 von Kaiser OTTO III. für seinen Ort Villingen Markt-, Münz- und Zollrecht, und damit erscheint die westliche Baar mit der oberen Donau als alter Besitzschwerpunkt der Familie. Durch HEINRICH II. mit der Grafschaft im Breisgau ausgestattet, erweiterte Berthold seinen und seiner Nachkommen Wirkungsraum an den Oberrhein. Der 1024 gestorbene Graf Berthold/Bezelin, über dessen Mutter Berta die ZÄHRINGER mit den STAUFERN verwandt, ist entweder mit dem Thurgaugrafen identisch oder als dessen Sohn anzusprechen. Bezelins seit 1025 belegter Sohn Berthold gehörte zur engeren Umgebung KONRADS II. und war in seinem Auftrag 1037/38 in Italien tätig. Um diese Zeit heiratete er Richwara, die als Tochter Herzog Hermanns IV. von Schwaben gelten darf. Wohl durch sie erweiterte sich der Familienbesitz um den Komplex Weilheim/Limburg im Neckargau, der im späten 11. Jahrhundert Zentrum und Stammsitz war. Als einer der mächtigsten schwäbischen Adligen erhielt Berthold die Zusage Kaiser HEINRICHS III. auf das Herzogtum Schwaben, ging allerdings 1057 leer aus, da die Kaiserin-Witwe Agnes den Dukat an RUDOLF VON RHEINFELDEN verlieh. 1061 wurde Berthold mit Kärnten entschädigt, und dadurch erreichte die Familie dukalen Rang. Sein ältester Sohn Hermann amtierte als Graf im Breisgau und führte überdies den Titel des Markgrafen (von Verona). Da er 1073 der Welt entsagte und in das Kloster Cluny eintrat, nahm Herzog Berthold den Breisgau wieder in eigene Regie. Um diese Zeit kam es zu einer ersten Entfremdung Bertholds von König HEINRICH IV., die sich nach 1072 verstärkte, als Berthold sich mit Herzog Welf IV. von Bayern und Herzog Rudolf von Schwaben zur süddeutschen Fürstenopposition zusammenschloß. Von HEINRICH 1077 seiner Ämter und Lehen entsetzt, starb Berthold 1078 auf der Limburg. Sein Sohn Berthold II. führte bald als Anhänger der päpstlichen Partei die anti-salische Opposition in Schwaben fort, seit 1084 unterstützt von seinem Bruder Gebhard, der damals Bischof von Konstanz und überdies 1089 päpstlicher Legat wurde. Durch seine Heirat mit Agnes, Tochter RUDOLFS VON RHEINFELDEN, gelangte Berthold 1090 nach dem kinderlosen Tod von RUDOLFS Sohn, Herzog Berthold von Schwaben, an das reiche, vor allem in Burgund gelegene Rheinfelder Erbe; die Ehe seiner Tochter Agnes mit Graf Wilhelm von Hoch-Burgund verstärkte die Verbindung in diesem Raum. Damals schuf Berthold den neuen Herrschaftsschwerpunkt mit der Burg Zähringen im nördlichen Breisgau, die für die Familie namengebend wurde, und zur gleichen Zeit verlegte er auch das von seinem Vater gegründete, zeitweise in Hirsauer Verfügung befindliche Kloster Weilheim an den westlichen Schwarzwaldrand, wo es als zähringisches Hauskloster St. Peter mit der Familiengrablege eine wichtige Funktion erhalten sollte. Auch Burg und Siedlung Freiburg im Breisgau nahmen zu dieser Zeit ihren Anfang. In Opposition zum kaisertreuen staufischen Herzog Friedrich I. wurde Berthold II. 1092 zum Herzog von Schwaben gewählt; zugunsten des STAUFERS gab er diese Funktion 1098 gegen Überlassung Zürichs als Reichslehen auf, ohne indes auf seinen Herzogstitel zu verzichten, der zum festen Bestandteil des zähringischen Hauses wurde. Berthold kann ebenso wie sein gleichnamiger Sohn in der Folgezeit als verläßliche Stütze der spät-salischen Herrscher gelten. Bertholds II. Neffe Hermann, der die von seinem Vater begründete markgräfliche Linie fortführte, wurde damals von HEINRICH IV. für den Verlust der Markgrafschaft Verona mit der Herrschaft über Baden in der Ortenau entschädigt, wonach sich dieser Zweig der Familie künftig benannte.
Es gelang den ZÄHRINGERN seit dem frühen 12. Jahrhundert, über Vogteien (Bamberg, St. Peter, St. Georgen, St. Blasien) und unter Einsatz adliger und ministerialer Gefolgsleute ihr Territorium im Südwesten Schwabens herrschaftlich zu verdichten, das nun nicht mehr der Zuständigkeit des schwäbischen Herzogs unterlag. In Konkurrenz mit alteingesessenen Herrschaftsträgern wie dem Baseler Bischof erschlossen und nutzten die ZÄHRINGER den Silbersegen des Schwarzwaldes und schufen sich damit eine wesentliche materielle Basis. Nach dem Tod Bertholds II. 1111 tat sich unter seinen Söhnen besonders der jüngere Konrad hervor, der 1120 in Freiburg im Breisgau einen Markt gründete und damit die zähringische Städtepolitik einleitete. Als Nachfolger seines Ende 1122 gestorbenen Bruders Berthold III. im Dukat hat Konrad 30 Jahre lang die Geschichte der ZÄHRINGER geprägt. Durch seine Heirat mit Clementia von Namur dehnte er den Einfluß seines Hauses weit über den deutschen Südwesten hinaus aus. Herrschaftsgeschichtlich ist von hoher Bedeutung, dass Konrad 1127 von König LOTHAR III. zum Rektor Burgunds erhoben wurde, wo er über seine nach Hoch-Burgund verheiratete Schwester Ansprüche anmelden konnte. Diese reichsamtliche Position stützte fortan den fürstlichen Rang der ZÄHRINGER. Während das gute Einvernehmen Konrads mit dem Königtum auch unter KONRAD III. fortdauerte, verschlechterte sich die Beziehung zwischen FRIEDRICH BARBAROSSA; der bereits 1146 eine Fehde gegen den ZÄHRINGER geführt hatte, und Herzog Konrads Sohn und Nachfolger Berthold IV. von Zähringen, da der STAUFER nach anfänglichem Zugeständnis weiterreichende Rechte in Burgund an den Herzog hier seine eigenen Interessen verfolgte und den Spielraum der ZÄHRINGER auf den östlichen Teil zwischen Jura und Alpen einengte. Wenn auch Berthold IV. ca. 1156 als Entschädigung Vogtei und Regalieninvestitur in den Bistümern Genf, Lausanne und Sitten zugestanden bekam, blieben Spuren der Kränkung, und sie wurden noch vertieft, als der Kaiser 1160 die Wahl von Bertholds Bruder Rudolf für den Mainzer Erzstuhl nicht anerkannte. In diesem Tiefpunkt des staufisch-zähringischen Verhältnisses bot Berthold IV. dem französischen König Ludwig VII. für den Fall eines staufischen Angriffs Rat und Hilfe an und versprach im Zusammenhang mit der Mainzer Affäre vom Haß des Kaisers gegen "unser Geschlecht". Dieser betrieb seinerseits 1162 die Scheidung Heinrichs des Löwen von Bertholds IV. Schwester Clementia, um die welfisch-zähringische Allianz zu schwächen. In der Folgezeit besserten sich die Beziehungen zwischen FRIEDRICH I. und den ZÄHRINGERN: Rudolfs erfolgreiche Bischofskandidatur in Lüttich 1167 kam den territorialpolitischen Interessen seines Bruders im nordlothringischen Raum entgegen, die FRIEDRICH I. allerdings später durchkreuzte, als er hier Mitte der 80-er Jahre die Grafen von Hennegau begünstigte. Berthold IV., der sich bereits 1159/60 im kaiserlichen Heer in Italien hervorgetan hatte, begleitete FRIEDRICH I. auch 1167 und 1176 über die Alpen, und der Kaiser belehnte 1173 nach dem Anfall des Lenzburger Erbes Berthold mit den Kirchenvogteien in Zürich.
War die Geschichte der ZÄHRINGER auf Reichsebene in der 2. Hälfte des 12. Jahrhunderts von einigen Mißerfolgen gekennzeichnet, so vermochten doch Berthold IV. und sein ihm 1186 nachfolgender Sohn Berthold V. ihr fürstliches Territorium in der Alemannia und in Burgund durch Neugründungen von Städten (Freiburg im Üchtland 1157, Bern 1160/91), durch die Anlage repräsentativer Burgen (zum Beispiel Burgdorf, Rheinfelden) und (in der Nachfolge der LENZBURGER) durch Siedlungs- und Verkehrspolitik im Alpenraum zu konsolidieren. Allerdings erfuhr Berthold V., dessen Ehe mit Clementia, Tochter Graf Stephans III. von Hoch-Burgund-Auxonne, seine Verbindung zu Burgund spiegelt, gerade hier mehrfach den Widerstand des Adels. Während er dabei 1190 einen klaren Sieg verzeichnen konnte, bereitete ihm der Konflikt mit Graf Thomas von Savoyen zu Beginn des 13. Jahrhunderts größere und längere Mühe. Im deutschen Südwesten förderte Berthold V. Städte wie Villingen und vor allem das mit einer Residenzburg verbundene Freiburg, dessen Münster er neu erbauen ließ und als Ort seines Begräbnisses wählte.
Als nach dem Tod Kaiser HEINRICHS VI., der im ZÄHRINGER-Land staufische Territorialinteressen verfolgt hatte, Herzog Berthold V. Ende 1197 als Thronkandidat der anti-staufischen Partei ausersehen wurde, eröffnete sich den ZÄHRINGERN die Möglichkeit reichspolitischen Engagements höchsten Ranges. Doch wollte Berthold diese Aufgabe letztlich nicht wahrnehmen und blieb von dem festgesetzten Wahltermin in Andernach 1198 fern, nachdem er sich mit König PHILIPP geeinigt und von diesem im Gegenzug zu dessen Anerkennung territoriale Zugeständnisse erhalten hatte, die seit alters verfolgte Ziele der ZÄHRINGER betrafen: Vogtei und Herrschaft über Kloster und Stadt Schaffhausen und die staufische Besitzhälfte an dem alten breisgauischen Vorort Breisach, der zum anderen Teil dem Bischof von Basel gehörte. In der Folgezeit fast durchgängig auf staufischer Seite, hat Berthold V. sein Augenmerk auf die innere Konsolidierung des ducatus Zaringiae gerichtet, indem er ein anderes altes Ziel der ZÄHRINGER, den vogteilichen Zugriff auf St. Gallen, zu erreichen suchte. Doch scheiterte er hier, und auch seinen Anspruch auf das Erbe der Grafen von Nimburg konnte er gegenüber dem Straßburger Bischof nicht durchsetzen. Der höfischen Kultur aufgeschlossen, hat sich Berthold V. als Gönner von Dichtern wie Berthold von Herbolzheim einen Namen gemacht; ob Hartmann von Aue an den Hof der ZÄHRIINGER gebunden war, ist fraglich.
Da Berthold V. und Clementia zuletzt ohne Nachkommen blieben und FRIEDRICH II. frühzeitig den Plan verfolgte, den die staufischen Kernlande beeinträchtigenden zähringischen Dukat aufzulösen, wurde das aus Allod, Reichs- und Kirchenlehen bestehende Erbe nach dem Tod Bertholds 1218 teils auf dem Fehdeweg zwischen den Ansprüche anmeldenden Parteien aufgeteilt. Hierzu gehörten die Grafen von Urach und die Grafen von Kiburg, in deren Familien Schwestern Bertholds, Agnes und Anna, eingeheiratet hatten, die Herzöge von Teck als eine im späten 12. Jahrhundert abgetrennte Seitenlinie der ZÄHRINGER und nicht zuletzt FRIEDRICH II. War damit die Zeit der ZÄHRINGER-Herrschaft zu Ende gegangen, so kam den ZÄHRINGERN in der Nachwirkung eine bedeutsame Rolle zu, indem er sich sowohl die HABSBURGER als auch (in der frühen Neuzeit) die BADENER auf sie als Vorfahren beriefen.

Literatur:
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E. Heyck, Die Hzg.e v. Zähringen, 1891 [Nachdr. 1980] - Th. Mayer, Der Staat der Hzg.e v. Zähringen, 1935 - K. Schmid, Aspekte der Z.forsch., ZGO 131, 225-252 - Veröff. zur Z.-Ausstellung, I-III [Bibliogr.]: Die Z. Eine Traditon und ihre Erforsch., hg. K. Schmid, 1986; die Z. Anstoß und Wirkung, hg. H. Schader-K. Schmid, 1986; die Z. Schweizer Vortr. und neue Forsch.en hg. K. Schmid, 1990 - Th. Zotz, Dux de Zaringen - Dux Zaringiae. Zum zeitgenöss. Verständnis eines neuen Hzm.s im 12. Jh., ZGO 139, 1991, 1-44 - J. Lichdi, Bm. Basel und zähring. Herrschaftsbildung in der Freiburger Bucht, Schau-ins-Land 110, 1991, 7-63 - M. Blattmann, Die Freiburger Stadtrechte zur Zeit der Z., 1991 - K. Schmid, Vom Werdegang des bad. Mgf.engeschlechtes, ZGO, 139, 1991, 45-77 - Ders., Baden-Baden und die Anfänge der Mgf.en v. baden, ZGO 140, 1992, 1-37 - Ders., Auf der Suche nach der Z. Kirche in der Z.zeit, Schau-ins-Land 112, 1993, 7-29 - H. Hartler, Die Z.ministerialen "von Schopfheim" in der Ortenau. Ein Beitr. zum "Offenburg-Problem", Die Ortenau, 1994, 229-272 - Ders., Die "Herren v. Ow" im 11. und 12. Jh. (Adel am oberen Neckar, hg. F. Quarthal, 1995), 229-272 - Freiburg 1091-1120. Neue Forsch.en zu den Anfängen der Stadt, hg. H. Schadek-Th. Zotz, Das Z.haus unter Heinrich V. und der Freiburger Marktgründung 1120 (Gesch. in Verantwortung. Fschr. H. Ott, hg. H. Schäfer, 1996), 25-52 - J. Mangei, Die Z. in den sog. Marbacher Annalen, Schau-ins-Land 116, 1997, 141-155 - A. Zettler, Burgenbau und Z.herrschaft (Burgen im Spiegel der hist. Überlieferung, hg. H. Ehmer, 1998), 9-36 - U. Parlow, Die Z. Kommentierte Q.ndokumentation zu einem sw.dt. Hzg.sgeschlecht des hohen MA [im Dr.].


Das Herzogsgeschlecht, das an der Wende vom 11. zum 12. Jahrhundert unter dem Namen "von Zähringen" in Erscheinung trat, stammte aus altem Adel. Seine Herkunft wurde auf Grund des gebräuchlichen Namens Bertold mit dem alemannischen Herzogsgeschlecht, den sogenannten "BERTOLDEN" oder "ALAHOLFINGER", in Verbindung gebracht. Dem entspricht es, dass die ZÄHRINGER wie die Angehörigen und anderen Nachfahren des alten alemannischen Herzogsgeschlecht in Inneralemannien, vor allem im Bereich der Baaren (Bertoldsbaar) begütert waren. Der Aufstieg des Grafengeschlechts zum Herzogsgeschlecht im 11. Jahrhundert, seine Festsetzung im Breisgau, die Ausbildung des Herrschaftszentrums im Bereich Zähringen, St. Peter und Freiburg und der Aufbau einer Herrschaft, die den alemannischen Raum übersteigend nach Burgund und in den Raum an Maas und Mosel hineinreichte, verband sich mit dem Namen "Zähringen" und verdichtete sich in der Bezeichnung "ZÄHRINGER" zum Geschlechternamen. Während als sicher gelten kann, dass der Name des Geschlechtes vom Namen der Burg bzw. der Siedlung herzuleiten ist, bleibt unklar, ob die Höhenburg ihren Namen von einer im Tal gelegenen Siedlung namens Zähringen erhalten hat. 1061 erhielt es vorübergehend das Herzogtum Kärnten und die Mark Verona. Die ältere Linie der Herzöge von Zähringen erwarb dann 1152 das Rektorat in Burgund (W-Schweiz); sie gründeten die Städte Freiburg im Breisgau, Freiburg im Üchtland, Murten und Bern, starben aber 1218 aus. Aus der jüngeren Linie gingen die Markgrafen, später Großherzöge von Baden hervor.

Trillmich Werner: Seite 112
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"Kaiser Konrad II. und seine Zeit"

Die ZÄHRINGER verfügten über Güter und Grafschaften in der Baar, am mittleren Neckar und um Weilheim am Teck, aber auch im Thurgau, in der Ortenau und dem Breisgau, wo ihr Familienkloster Sulzburg lag. In der Ortenau wurden die bambergischen Klöster Schuttern und Gengenbach von ihnen bevogtet. Für Villingen nahe der Neckarquelle besaßen sie Marktrecht.

"DIE ZÄHRINGER" Band I
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Althoff Gerd: Seite 53
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"Die Zähringerherrschaft im Urteil Ottos von Freising"

Die Eigenart der geschichtlichen Erscheinung der ZÄHRINGER wäre aber auch unvollständig beschrieben, wenn nicht anschließend die Frage gestellt würde, wie es kommt, dass die ZÄHRINGER im 11. und 12. Jahrhundert durch das Problem ihres Titelherzogtums zu ständiger Anstrengung im Königsdienst genötigt wurden. Die Antwort kann hier nur noch thesenartig gegeben werden: Sie waren es deshalb, weil ihre Herrschaft nicht in langen Zeiträumen gewachsen war, nicht auf vornehmen Vorfahren aus grauer Vorzeit, auf altem ausgedehnten Eigenbesitz und auf Lehen beruhte, deren Lehenscharakter in Vergessenheit geraten war, sondern weil sie erst zu Beginn des 11. Jahrhunderts sozusagen einen großen Sprung nach vorne gemacht hatten. Zu Beginn des 11. Jahrhunderts bot sich nämlich dem König HEINRICH II., dem letzten Vertreter der ottonischen Dynastie, die Möglichkeit einer weitgehenden Neuordnung der Machtverhältnisse am Oberrhein. Dies deshalb, weil schon sein Kontrahent bei der Königswahl im Jahr 1002, der schwäbische Herzog Hermann aus dem Hause der KONRADINER, im Jahre 1003 verstarb und nur einen unmündigen Sohn hinterließ, der jedoch bereits 1012 ohne Erben verschied. Damit war für das Königtum die seltene Möglichkeit gegeben, die Herrschaftsverhältnisse in einem wichtigen Reichsgebiet weitgehend neu zu ordnen. Dementsprechend fassen wir in dieser Zeit ein Fülle diesbezüglicher Aktivitäten HEINRICHS II., der unter anderem den Bistümern Basel und Straßburg, aber auch dem gerade neu gegründeten Bistum Bamberg Besitzungen und Rechte am Oberrhein zuwies.
Unter den weltlichen Herrschaftsträgern aber hat von dieser Neuordnung vor allem eine Sippe profitiert, die durch die sogenannten 'Leitnamen' Bezelin und Bertold gekennzeichnet ist. In den Angehörigen dieser Sippe glaubt man seit langem - und wohl zu Recht - die Vorfahren der ZÄHRINGER zu erkennen. Sei sind im endenden 10. und beginnenden 11. Jahrhundert in auffälliger Weise im Königsdienst nachzuweisen. Wir hören von ihnen aus Italien, aus Lothringen und aus Sachsen, und immer in der besonderer Nähe zum König. In die freigewordenen Herrschaftspositionen am Oberrhein aber rückten gleichfalls diese Personen ein, die zuvor ihren Herrschaftsschwerpunkt wohl auf der Baar im Raum Villingen und Weilheim unter Teck gehabt haben. Sie werden nun faßbar als Vögte kirchlicher Institutionen in der Ortenau und im Breisgau, sowie als Inhaber der Grafenämter in mehreren Grafschaften. Im  Verlaufe des 11. Jahrhunderts scheinen sie sich dann auf den westlichen Teil ihres Einflußbereichs konzentriert zu haben. Der Einfall Herzog Bertolds II. in den Breisgau im Jahre 1079, den Karl Schmid kürzlich gewürdigt hat, gehört sicher in diesen Zusammenhang. Die Verlagerung des Schwerpunktes der Herrschaft fand 1091/93 mit der Gründung des Hausklosters St. Peter und der Benennung nach der Burg Zähringen ihren sichtbaren Abschluß.
Alle diese Hinweise markieren den Vorgang einer jüngeren Herrschaftsbildung. So ist es auch nur bestätigend, dass im 12. Jahrhundert die WELFEN mit der Tatsache renomierten, dass aus ihren Reihen schon in der KAROLINGER-Zeit eine Kaiserin hervorgegangen sei; dass die STAUFER auf ihre Vorfahren aus dem salischen Königsgeschlecht pochten, die sie sogar bis zu den Merowingern zurückführten. Die ZÄHRINGER propagierten dagegen keine vergleichbare Version ihrer vornehmen Herkunft. Die ältesten Mitglieder ihres Geschlechts waren nach ihrer in einer Genealogie aus St. Peter niedergeschriebenen Meinung die am Ende des 10. Jahrhunderts lebenden Gründer von Sulzburg namens Bezelin und Gebhard. Doch selbst dies hat die moderne Forschung nur zweifelnd zur Kenntnis genommen.
Zusammenfassend möchte man also die mittelalterliche ZÄHRINGER-Herrschaft charakterisieren durch die Tatsache eines sprunghaften Aufstiegs auf Grund königlicher Förderung und durch das lange Streben nach dem Herzogstitel, der für die unabhängige Herrschaftsbildung nötig war, der aber von königlicher Verleihung abhing und deshalb Anstrengung im Königsdienst unabdingbar machte.

Stälin Paul Friedrich: Seite 25
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"Geschichte Württembergs "

Als weitere Nachkommen der alten Volksherzoge werden vielfach mit Rücksicht ins besondere auf den beliebten Familiennamen Berchtold (welchem auch die Verkleinerungsform Birchtilo entsprechen dürfte), sowie auf die Lage des Besitzes die ZÄHRINGER angesehen, obgleich sich diese Annahme nicht sicher nachweisen läßt. Es wird daher auch das Geschlecht in neuester Zeit mannigfach als eine verhältnismäßig junge Familie aufgefaßt, welche durch die 1. Gemahlin Herzog Berchtolds I., Richware, ein Tochter des 1039 verstorbenen Herzogs Konrads II. des Jüngeren von Kärnten, des Sohnes Herzog Konrads I. und der Mathilde von Schwaben, in den Besitz ursprünglich alaholfingischer Güter gekommen sei.
Auf dem Schauplatz der größeren Geschichte erscheinen die ZÄHRINGER mit Graf Berchtold, von späteren Quellen mit dem Kosenamen "Bezelin" von Villingen bezeichnet, welchem Kaiser OTTO III. im Jahr 999 für seinen Ort Villingen Markt, Zoll und Münze schenkte, einen Sohn von Bertha, der Schwester Friedrichs, des ersten bekannten Ahnherrn des staufischen Geschlechts, noch mehr aber mit Bezelins Sohn, Berchtold dem Bärtigen. Letzterer, in der 1. Hälfte des 11. Jahrhunderts Graf im Breisgau, in der Ortenau und in dem um Stühlingen gelegenen Albgau, wird zuerst, im Jahre 1078, nach Ceringen, das heißt der Burg Zähringen im Breisgau, nahe bei dem erst im Jahr 1091 von Berchtold II. gegründeten Freiburg genannt [J. Caspart findet in dem Weiler Zähringen die Urheimat der ZÄHRINGER, aus der sie am Ende des 11. Jahrhunderts nach dem Breisgau übergesiedelt seien; allein in diesem Ort und seiner Umgegend ist kein Besitz der Familie bekannt, entscheidende Anhaltspunkte liegen für seine Annahme nicht vor und die beglaubigte Anfangsgeschichte des Geschlechts weist es doch mehr der Schwarzwald-Gegend zu.]. Wie er im Jahre 1061 das Herzogtum Kärnten mit der Markgrafschaft Verona erhalten, an welches er nach obigen Ausführungen eine Erbanwartschaft gehabt hätte, welche Rolle er in den Kämpfen zwischen HEINRICH IV. und dem Gegen-König RUDOLF VON SCHWABEN gespielt hat und wie er im Jahre 1078 sein Leben beschlossen, ist bereits dargelegt worden. Vermählt war Berchtold I. in erster Ehe mit Richware, über deren Abstammung schon sehr verschiedenartige Vermutungen aufgestellt worden sind - die neueste siehe oben -, in zweiter Ehe mit Beatrix, Tochter des Grafen Ludwig von Mömpelgard. Er besaß 3 Söhne, nach der wahrscheinlicheren, wenngleich nicht unbestrittenen Reihenfolge Herzog Berchtold II. (+ 1111), Markgraf Hermann I. (+ 1074) und Gebhard III. Bischof von Konstanz 1084-1110.
Die Hauptlinie der Familie, deren Stammvater Herzog Berchtold II. ist, hat für die württembergische Landesgeschichte weniger Bedeutung, insofern sie vorzugsweise Besitz im jetzigen Großherzogtum Baden, so im südlichen Schwarzwald, im Breisgau und in der Ortenau erhielt; doch besaß sie im jetzigen Königreich Württemberg namentlich Dornstetten und Aach, kurze Zeit auch den Hohentwiel, vielleicht aus dem rheinfeldischen Erbe, und außerdem verwaltete sie einen Bruchteil der alten Berchtoldsbar um Rottweil das Grafenamt, in dessen Ausübung uns einige zähringische Herzoge (1099,1108,1140) entgegentreten. Unter den Gliedern der Familie wurde insbesondere Berchtold II. (+ 1111), der Schwiegersohn des Gegen-Königs RUDOLF VON SCHWABEN, im Jahr 1092 von der päpstlichen Partei zum Herzoge von Schwaben erhoben; allein ums Jahr 1098 trat er mit seinen Ansprüchen an das schwäbische Herzogtum zugunsten des STAUFERS Friedrich I. zurück und bekam dafür die Stadt Zürich, wohl mit ihrer Umgebung, als unmittelbares Reichslehen zugestanden. Auch behielt er wie seine Nachfolger den Herzogstitel bei und die umfangreichen, unter den verschiedensten Rechtstiteln erworbenen Besitzungen und Grafschaftsrechte des Geschlechts wurden immer mehr zu einem selbständigen Reichsgebiete verschmolzen, wenn sie auch niemals ein Herzogtum im staatsrechtlichen Sinne des Reiches gebildet haben. Berchtolds II. Sohn und Nachfolger, Herzog Berchtold III., war einer der wenigen weltlichen Zeugen des berühmten Wormser Konkordats vom September 1122, starb aber noch im gleichen Jahre kinderlos, so dass sein Bruder Konrad (+ 1152) folgte. Durch Kaiser LOTHARS Gunst erhielt dieser im Jahr 1127 die Belehnung mit den Grafschaften Hoch-Burgund und Sitten, vermochte jedoch nur in den Besitz des burgundischen Gebiets östlich vom Jura zu setzen und nahm, da ihm auch hier eine der herzoglichen Gewalt ähnliche Stellung übertragen wurde, noch den weiteren Titel eines Herzogs - in der Folge auch Rektor genannt - von Burgund an. Sein Sohn Berchtold IV. (+ 1186) erprobte sich vielfach in den italienischen Kämpfen Kaiser FRIEDRICHS I., war auch beim Abschluß des Konstanzer Friedens vom Jahr 1183 tätig; insbesondere aber erwarb er sich in der westlichen, burgundischen, Schweiz als Gründer oder Förderer einer Reihe von Städten Verdienst: Sein Sohn Berchtold V. wurde, wie bereits erwähnt, im Jahr 1198 von einigen Fürsten zum deutschen König gewählt, trat jedoch alsbald wieder von seiner Bewerbung zurück. Er ist der Gründer der Stadt Bern (1191). Als er am 18. Februar 1218 kinderlos verstarb, fielen die Teile, aus denen sich der bedeutende zähringische Länderkomplex zusammensetzte, auseinander. Die Güter und Rechte, welche die Familie im Namen des Reiches innegehabt hatte, wie das Rektorat Burgund, kamen ans Reich zurück; der Allodialbesitz der Familie ging, freilich unter heftiger Fehde mit Kaiser FRIEDRICH II., welcher die Herzoge von Teck mit ihren Erbansprüchen durch Geld abfand, an Berchtolds beide Schwestern über: die uralten Stammgüter im Breisgau und in Schwaben an Agnes und deren Gemahl Graf Egino von Urach, die rheinfeldisch-burgundischen Erbgüter an Anna und deren Gemahl Graf Ulrich von Kiburg.
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 


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