3. DIE ÄLTESTEN WILHELMINER

Unter den Familien der oft in rascher Abfolge einander ablösenden Grenzgrafen der karolingischen Mark fällt eine auf, die fast das ganze neunte Jahrhundert hindurch ihre Machtposition im wesentlichen halten konnte. Nach dem in drei aufeinanderfolgenden Generationen wiederkehrenden Leitnamen Wilhelm hat man sie mit Recht als WILHELMINER bezeichnet. Von allen karolingischen Grenzgrafen-Familien scheint sie am stärksten im Markengebiet verwurzelt gewesen zu sein. Ihre Erben nahmen noch durch lange Zeit in den alten Stammgebieten der Familie eine bedeutende Stellung ein. Auch der Leitname Wilhelm ging zum Teil auf Nachkommen des Geschlechtes über, so daß eine Scheidung in ältere und jüngere WILHELMINER am Platze ist.

Die starke Kontinuität des Leitnamens hat die Forschung veranlaßt, die Frage nach der Herkunft des Geschlechtes durch Anknüpfung an ältere Wilhelm-Familien zu klären. Dabei wurde etwa an die Herzoge von Aquitanien gedacht, die aus der Gegend von Kloster Prüm in der Eifel stammen [1
Zuletzt E. Klebel, Bayern und der fränkische Adel im 8. und 9. Jahrhundert, Vorträge und Forschungen 1 (1955), 204. Über das Geschlecht der aquitanischen WILHELMINER vgl. M. Chaume, La famille de St. Guillaume de Gellone, Annalen de Bourgogne 1 (1929). Derselbe, Les origines du duche de Bourgogne 1, Dijon 1925, Anhang, Tafel 10. J. Calmette, La famille de St. Guilhem, Ann. du midi 18 (1906).
Derselbe, La famille de St. Guilhem et 1'ascendance de Robert le Fort, Ann. du midi 39/40 (1927/28). L. Auzias, L'Aquitaine carolingienne, Toulouse 1937.
]. Fränkische Abkunft der Familie vermutete auch C. Plank, der sie von Präfekt Werner I. herleitet [2 C. Plank, Siedlungs- und Besitzgeschichte der Grafschaft Pitten, Stammtafel 39. Ihm folgt Karl Oettinger, Das Werden Wiens, Wien 1951, 90.]. Gegen eine solche Abstammung spricht, daß die WILHELMINER schon früh im Besitz beträchtlicher Güter nicht nur im Rodungsland, sondern vor allem im Altsiedelgebiet des Traungaus nachgewiesen werden können. Ähnliche Beobachtungen sind bei den Grenzgrafen-Familien fränkischer Herkunft zu dieser Zeit nicht möglich. Schon 826 gibt Graf Wilhelm I. in Thening (b. Linz) an Mondsee [3 OÖUb. 1, 50,784.]. 833 schenkt er an St. Emmeram in Schönering, Puchham (beide w. Linz) und Kematen (nw. Wels), ein Jahr später in Perschling [4 Widemann 26, 27.]. Vor 853 gelangte durch ihn das gesamte Gebiet zwischen Naarn, Aist, Donau und Nordwald an Regensburg [5 MG Dipl. Kar. 1, 88.]. Diese Besitzlage macht eine fränkische Abstammung der Familie unwahrscheinlich, kann jedoch für sich allein genommen keineswegs als ausreichender Beweis für eine bayerische Herkunft gewertet werden.
Als Familienangehörige Graf Wilhelms I. kennen wir seine Gattin Engilrat [6
Widemann 27.] sowie die Grenzgrafen Wilhelm II. und Engilschalk mit ihren Söhnen Megingoz, Wilhelm, Ruodperht, Pabo, Werinheri und Engilschalk [7 MGSS I, 408.]. Von ihren Namen sind Wilhelm und Ruodperht in allen Stammesgebieten ziemlich häufig. Pabo und Engilschalk kommen fast ausschließlich in Bayern vor, wo sie aber im neunten Jahrhundert durchaus nicht häufig begegnen. Megingoz und Werinheri sind rein fränkisch. Von diesen Namen hilft bei der Suche nach der Herkunft der WILHELMINER vor allem Pabo weiter. Graf Engilschalk benannte so den ältesten seiner drei Söhne, dem man meistens einen alten Leitnamen der Familie zu geben pflegte. Träger des Namens Pabo haben wir in Bayern bereits im ausgehenden achten Jahrhundert angetroffen. So hieß der Bruder Graf Gramans sowie der Sohn eines Erchanperht [8 Vgl. oben 27 ff. und 46.], der ebenfalls in den Verwandtenkreis Gramans gehört. Graman aber war Graf im Traungau und damit ein Amtsvorgänger Graf Wilhelms. Auch dessen Name begegnet in der Sippe Gramans bei Priester Willihelm, dem mutmaßlichen Bruder Cotahelms [9 Vgl. oben 44.]. Bei diesem geht der Name wohl auf einen älteren Willihelm zurück, der vor 735 die Zelle Kuhbach-Rottalmünster gegründet hatte [10 Heuwiener 33.]. Unter den Zeugen der Übergabe dieses Klosters an Passau durch Willihelms Tochter Irminswint finden sich Vertreter fast aller Gruppen, die als Angehörige der Graman-Sippe erschlossen werden konnten. Schon Mitis vermutete, daß in diesem Kreis um Irminswint die Ahnen Graf Wilhelms zu suchen seien [11 O. Mitis, Zur Herkunft des Ostmarkgrafen Wilhelm, MIÖG 58 (1950), 546.]. Durch die Beziehungen der WILHELMINER zur Sippe Graf Gramans lassen sich nun neue Argumente zur Stützung dieser Annahme erbringen.
Graf Wilhelm I. war im Traungau nicht nur Amtsnachfolger Graf Gramans. Auch im Besitz ergeben sich hier gewisse Zusammenhänge. Ebenso wie Wilhelm war auch Graman in der Gegend von Linz begütert. In den Breves Notitiae wird von seinen Gütern in Ansfelden und an der Traun gesprochen [12
Hauthaler 1, 44.]. Das Erbe der Besitzungen Gramans im Traungau könnte die allodiale Grundlage für das Grafenamt der WILHELMINER gebildet haben und so auch dessen starke Kontinuität erklären.
Obwohl Graf Graman hauptsächlich im Salzburg- und Traungau begütert war, so kann man doch annehmen, daß seinen Nachkommen auch Anteile an altem Familienbesitz in der Heimat des Geschlechtes an der oberen Isen erhalten geblieben sind. Waren die WILHELMINER nun wirklich Nachfahren Graf Gramans, so müßten sich auch hier ihre Spuren nachweisen lassen. Tatsächlich findet sich in der Pfarre Grüntegernbach, dem alten Zentrum der Graman-Sippe, ein Ort Englschalling, dessen Gründung offensichtlich auf einen Engilschalk zurückgeht [13
1031/39 Engilschalching (Bitterauf 1437).]. Bei der Seltenheit des Namens ist hier natürlich in erster Linie an einen WILHELMINER zu denken. In Dorfen selbst, wo 772 Graman und sein Bruder Pabo tradierten [14 Bitterauf 62.], wird 815 ein Tauschgeschäft zwischen Bischof Anno von Freising und einem Willihelm bezüglich Besitz in Rott am Inn abgeschlossen [15 Bitterauf 805. ]. In diesem Willihelm könnte man eventuell den jüngeren Traungau-Grafen gleichen Namens sehen. Um denselben Willihelm handelt es sich wohl auch bei jenem Edlen, der 857-864 Besitz in Langenbach vertauscht [16 Bitterauf 787. ]. Hier hatte Graf Gramans Verwandter Haholf eine Schenkung an Freising gemacht, in die sich 794 sein Sohn Pernolf mit Bischof Atto teilte [17 Bitterauf 172.]. Aber auch noch die jüngeren WILHELMINER erscheinen im oberen Isengebiet.
Um 925 gibt Erzbischof Odalberts Vasall Willihelm Besitz in Poigenberg (BA Erding) an Salzburg, wofür er den Ort Reithofen (BA Erding) erhält [18
18) Hauthaler 1, 92/28. In Poigenberg hat zur selben Zeit auch ein Edler Cotahelm Besitz (Bitterauf 1072). Vgl. dazu Willahelm Cocahelm 758 (Bitterauf 11) und Gotahelm und Willihelm in Mehring (OÖUb. 1 57/86-87).].
Hinweise auf die Beziehungen der WILHELMINER zum Isengebiet finden sich auch in den Zeugenreihen der Urkunden Graf Wilhelms I. Von den vier Grafen, die bei seiner Schenkung von 833 zugegen waren, ist der erste, Ratpot, der Präfekt der Mark. Orendil verwaltete den Sundergau um Ebersberg [19
Vgl. dazu E. Klebel, Diplomatische Beiträge zur bayerischen Gerichtsverfassung, Archiv. Ztschr. NF 44 (1936), 231.]. Bei Cundpald dürfte es sich um den Grafen des Isengaus handeln, in dem auch später Amtsträger dieses Namens auftreten. Es muß auffallen, daß gerade Grafen dieser in Hinblick auf den geschenkten Besitz doch etwas entlegenen Gebiete in Zusammenhang mit Graf Wilhelm auftreten. In derselben Zeugenreihe finden sich weiters ein Scroth und ein Graman, die sonst in Regensburger Urkunden dieser Zeit nicht zu finden sind. Beide Namen aber sind für die Familie des Traungau-Grafen Graman typisch. Die Person des jüngeren Graman läßt sich durch Freisinger Urkunden näher bestimmten. 856/59 tauschte er Besitz in Meiletskirchen (BA Ebersberg) und Dornach (BA München) gegen einen Hof in Buchschechen (BA Ebersberg) [20 Bitterauf 764. ]. Im gleichen Ort ertauschte er 860/75 einige Liegenschaften gegen Gut zu Angelbrechting (BA Ebersberg) [21 Bitterauf 873. ]. Die Zeugenfolge Craman Willihelm Papo einer Urkunde von 864 weist neuerlich auf die wilhelminischen Beziehungen dieses Graman hin [22 Bitterauf 899. ]. In Buchschechen ist auch ein jüngerer Graman begütert. Er vertauscht hier 925 Besitz an Salzburg [23 Hauthaler 1. 85/20. ]. Zweifellos ist er ein Nachkomme - vielleicht Enkel - des älteren Graman von Buchschechen. Auch er begegnet zusammen mit WILHELMINERN. So ist er 927 nach einem Willihelm Zeuge eines Tauschgeschäfts der Edlen Willihelm und Ruodperht mit Salzburg [24 Hauthaler 1. 102/41.]. Das Paar Willihelm Graman erscheint auch 928 und 930 [25 Hauthaler 1, 138/77 und 133/73.] in Salzburger und 926/37 in Freisinger Urkunden [26 Bitterauf 1079 und 1080.].
Angelbrechting, wo einer der Gramane tradiert, hieß ursprünglich Engilperhtesdorf. Der Namengeher des Ortes könnte der um 791 erwähnte Verwandte von Graf Gramans Bruder Pabo gewesen sein, der zusammen mit diesem sowie mit Ato und Friduperht in Grüntegernbach und Kirchötting gibt [27
Bitterauf 160.]. Die Namen Engilperht und Ato weisen nach Salzburg. In Berndorf (n. Salzburg) sind ein Ato und ein Engilperht begütert [28 Hauthaler 1, 38 und 41.]. Dieser potestativus homo Engilperht tradiert zusammen mit einem Hatto in Arthering [29 Hauthaler 1, 41.]. Er ist der Stammvater des Geschlechts der ENGELBERTE, die das Grafenamt im Salzburg- und Mattiggau innehatten und zu den Ahnen der jüngeren SIGHARDINGER gehören [30 Über die ENGELBERTE vgl. F. Tyroller, Der Chiemgau und seine Grafschaften, Beil. z. J.-Ber. d. Wittelsbacher-Gymn. (1953/54), 6. ]. Ein jüngerer Engilperht und sein Bruder Pazrih vergleichen sich 814/29 mit einem Ato über Besitz im Rottachgau, der ihnen nach Atos Tod zufallen sollte [31 OÖUb. 1, 43/73.]. Zum Salzburggau hatte aber auch Graf Graman Beziehungen. Er selbst erscheint wiederholt als Wohltäter des Erzstifts. Da seine Verwandten in diesen Gebieten weniger in Erscheinung treten, wäre es denkbar, daß er erst durch Heirat mit einer Angehörigen eines hier mächtigen Geschlechts engere Verbindungen zu Salzburg gewann. War aber seine Frau Maza eine Angehörige der mächtigen ENGELBERTINER-Sippe, so ist es naheliegend, in Pabos Verwandten Engilperht und Ato Söhne vor. Graman und Maza zu sehen [32 Sollte wirklich schon ein Bruder Graf Gramans den Namen Engilperht getragen haben (vgl. oben 32), dann müßte allerdings die Verbindung mit den ENGELBERTINERN eine Generation früher angesetzt werden.]. Auf diese Weise würde sich der Besitz von Graf Gramans gleichnamigen Nachkommen in dem nach Engilperht benannten Anglbrechting erklären. Der jüngere Graman war vielleicht sogar ein Sohn oder Enkel des Namengebers selbst.
Die Beziehungen der WILHELMINER zu Salzburg sowie zum Gebiet an der oberen Isen und um Ebersberg erlauben es, die Zugehörigkeit eines weiteren Pabo zu dieser Familie wahrscheinlich zu machen. Bei einer Verzichtserklärung Cundpatos, des Enkels der Kepahilt aus dem Verwandtenkreis Graf Gramans, wird 845 als erster Zeuge ein Papo comes genannt [33
Bitterauf 670.]. Es handelt sich bei ihm wohl kaum um einen Grafen dieser Gegend, da er sonst gewiß mit oder ohne Amtstitel in anderen Freisinger Urkunden begegnen würde. Viel wahrscheinlicher ist es, daß wir es hier mit dem seit 844 nachweisbaren dux Karantaniens zu tun haben [34 MG Dipl. Kar. 1, 50. ]. Dieser zog sich nach seiner Vertreibung durch Prinz Karlmann um 860 nach Salzburg zurück [35 MGSS 9, 565.]. Seine Eigengüter lagen also offensichtlich in dieser Gegend. Hier wird daher auch seine Familie zu suchen sein. Der Name Pabo weist auf die WILHELMINER. Es ist bemerkenswert, daß auch ein späterer Angehöriger dieses Geschlechts in Karantanien als Graf tätig war, nämlich Ruodperht, der Sohn Graf Wilhelms II., von dem noch zu sprechen sein wird. Ebenso verwalteten im zehnten und elften Jahrhundert die jüngeren WILHELMINER eine Grafschaft in Kärnten [36 Vgl. dazu E. Klebel, a.a.O., 204.]. Graf Pabo wird es wohl gewesen sein, der diese Stellung seiner Familie in Karantanien begründete. Nach ihm dürfte Graf Engilschalks ältester Sohn benannt sein. Wie Graf Wilhelm I. wird man auch ihn am ehesten als Enkel des Traungau-Grafen Graman und als Groß-Neffen Pabos von Dorfen einreihen dürfen.
Die Beziehungen der WILHELMINER zu Pabo und Graman werden durch einige Eintragungen in den Verbrüderungsbüchern von St. Gallen und Reichenau bestätigt. Vor allem die Reihe Pabo Aragoz Cundrat Gehabart Engilscalh Trusun Craman Hungund zeigt diese Zusammenhänge deutlich auf  [37
MG Libri confraternitatum, Reichenau 457.]. Hier werden einige Frauennamen genannt, die uns aus urkundlichen Zeugnissen nicht bekannt sind, jedoch sicher in den Kreis der ältesten WILHELMINER gehören. Das beweisen die Eintragungen Drusun Engilscalh Gundarat [38 St. Gallen 106.], Ruodperht Ruodperht Drusan [39 Reichenau 74.], Engilscalh Iranritz Drusun Tungund [40 Reichenau 547. Die Eintragung wurde von Freising übernommen. Tungund ist wohl verschrieben statt Hungund. Beide Namen kommen in den Verbrüderungsbüchern nur ein einziges Mal vor.] und die geschlossene Gruppe Pabo Drusun [41 St. Gallen 38.]. Auch Aragoz dürfte in den Kreis der Graman-Sippe gehören, wie die Notizen Walpret Aragoz [42 Reichenau 206.] und Argoz Fridabert [43 Reichenau 417.] andeuten. Die Eintragungen Isanrih Graman und Engilscalh Isanrih [44] lassen Beziehungen zu den ARIBONEN erkennen, bei denen dieser seltene Name vorkommt.

Mitis ist bei seinen Untersuchungen über die Herkunft Graf Wilhelms I. von dem für die WILHELMINER charakteristischen Namen Engilschalk ausgegangen [45
O. Mitis, a.a.O., 535 ff.]. Er erschloß Verwandtschaftsbeziehungen zu einer in Steindorf (nö. Salzburg) ansässigen Familie, in der dieser keineswegs häufige Name auftritt. Der Vater Engilschalks von Steindorf hieß Reginhelm, einer seiner Verwandten Deothelm [46 Hauthaler 1, 908/17.]. Das zweimalige Vorkommen der Endsilbe -helm erinnert an den Kreis um Irminswint, in dem Namen wie Willihelm, Cotahelm, Rihhelm, Walthelm und Ellinhelm auftreten [47 Heuwieser 33.]. Reginhelm war vielleicht der Neffe eines Kaganhard, der in Freising von 776 bis 820 nachzuweisen ist [48 Heuwieser 33.]. Diesen lernen wir als Sohn eines Nendinc und Vater eines Erchanolf kennen [49 Bitterauf 47 und 604.]. Seine Familie stand den HUOSIERN nahe [50 U. a. Bitterauf 75-77.]. Er wird wiederholt zusammen mit einem Willihelm genannt, dessen Identität mit dem späteren Traungau-Grafen zwar nicht direkt zu beweisen, jedoch in hohem Maß wahrscheinlich gemacht werden kann [51 Bitterauf 415, 424, 480.]. An eine nahe Verwandtschaft der Gruppe von Steindorf mit den WILHELMINERN ist auf Grund dieser spärlichen Hinweise sicher nicht zu denken. Es dürfte sich bei ihnen um entfernte Seitenverwandte handeln. Der Name Engilschalk allerdings könnte bei beiden Familien auf dieselbe Wurzel zurückgehen. Der Mangel an früheren Nennungen des Namens verhindert eine weitere Aufhellung dieser Beziehungen.

Der zweite Ausgangspunkt von Mitis' Untersuchung über die Abstammung der WILHELMINER war der Name von Wilhelms I. Gattin Engilrat [52
Mitis, a.a.O., 535 ff.]. Hier hat allerdings eine nicht ausreichend gesicherte Gleichsetzung mit einer in Schäftlarn (BA Wolfratshausen) begüterten Matrone dieses Namens [53Bitterauf 453 und 557a.] zu Resultaten geführt, die nur teilweise als Grundlage für weitere Forschungen dienen können. Wertvoll ist vor allem der Hinweis auf Hiltiburg, die Gattin Uos, deren Spitzenzeugen bei einer Besitzübergabe in Seeon (BA Erding) Willahelm und Kaganhard sind [54 Bitterauf 415.]. Hiltiburg ist durch die beiden Eintragungen im St. Gallener Verbrüderungsbuch „Poso Hilitburg Engilrat" und „Engilbert Hiltiburg Engilrat" aufs engste mit dem Namen von Wilhelms I. Gattin verknüpft [55 St. Gallen 98 und 329, erstere eine geschlossene Reihe!]. Aber auch Engilbert und Poso haben Beziehungen zu Wilhelm. Sein Spitzenzeuge bei der Schenkung von 834, Pazrih, hatte einen Engilperht zum Bruder [56 OÖUb. 1, 43,73. ]. Vom Vergleich der beiden Brüder mit einem Ato bezüglich Besitz in Rott war bereits die Rede. Pazrih erscheint 829-837 als Vogt von Mondsee [57 OÖUb. 1, 20,13.]. An dieses Kloster gab sein Bruder Engilperht zusammen mit seinem Neffen, dem Diakon Kundperht, in Rott ihr Eigen zu Schöffau (nö. Rottalmünster), das sie nebst ihrem Lehen in Essenbach (nö. Griesbach) zur lebenslänglichen Nutznießung behalten durften [58 Widemann 36. ]. Erste Zeugen dieser Handlung nach den Grafen und Vikaren des Rottachgaus sind Pazrih, wohl der Vater des Diakons Kundperht, und ein zweiter Kundperht. Beide treten auch als Eideshelfer auf. Unter den weiteren Zeugen der Urkunde werden ein Ato und ein Engilscalh genannt. Die Nennung des letzteren weist neuerlich auf den Zusammenhang dieser Familie mit den WILHELMINERN hin. Ato, Engilperht und Engilscalh bezeugen ein Jahrzehnt später hintereinander ein Tauschgeschäft des Regensburger Hochstiftes [59 Widemann 40.]. Kundperht wird nach Poso als Zeuge der Schenkung Graf Wilhelms von 833 genannt [60 Widemann 26.]. Poso war schon 827 bei der Grenzbestimmung der Pfarre Buchenau (b. Linz) durch Graf Wilhelm zugegen [61 Bitterauf 548.]. Mit diesem zusammen bezeugt er 837 die Besitzübergabe Präfekt Ratpots in Tulln [62Widemann 29.]. Er selbst gibt nach 863 sein Eigen zu Pfaffenberg und Haselbach (beide bei Mallersdorf) gegen Güter zu Hettenbach und Deggenbach (beide bei Mallersdorf) [63Widemann 58.]. In dieser Gegend aber hatte schon früher eine Sippe Besitz, in der der Name Poso vorkommt. Es ist die Familie Adaluncs von Roning, der wir bereits in anderem Zusammenhang begegnet sind [64 Vgl. oben 39. Über diese Familie vgl. H. Dachs, Germanischer Uradel im frühbayerischen Donaugau, Verh. d, hist. der. f. Oberpfalz u. Regensburg 86 (1936), 179 ff.]. Adaluncs Söhne hießen Poso, Helmuni, Heriperht und Heidfolc [65 Widemann 1, vgl. dazu die Eintragungen im Reichenauer Verbrüderungsbuch Helmuni Heriperth (Reichenau 389) und Heripret diac. Heidfolt, von denen die letztere vom Kloster Niederaltaich übernommen wurde.]. Von ihnen ist Helmuni ebenso wie der jüngere Poso in Hettenbach begütert [66 Widemann 6.]. Sein ältester Sohn Cundalperht trat in den geistlichen Stand ein [67 Widemann 1 und 6.]. Seinen Besitz in Machendorf (b. Kirchdorf a. Inn) schenkte er an Passau [68 Heuwieser 3 und 35.]. Als seine Brüder und Verwandten nennt er Kerfirid, Hrodhelm und Husito [69 Heuwieser 8.], die jedoch sonst nicht erwähnt werden. Helmuni heiratete, wohl in zweiter Ehe, Irminswint, eine mutmaßliche Schwester Totos von Isen, durch die er mit der Sippe Gramans in Verbindung trat. Von diesen Beziehungen war bereits die Rede [70 Vgl. oben 40.].
Helmuni hatte Besitz in Pram (BA Mallersdorf) und Sünching (sö. Regensburg) [71
Bitterauf 59.]. In den gleichen Orten ist auch sein älterer Bruder Poso begütert [72 Widemann 7 und 8.]. Wie Helmunis Sohn Cundalperht hat er Besitz am Zusammenfluß von Inn und Salzach. Vor 788 schenkt er in Überackern (BH Braunau) [73 Heuwiese 3.]. Auf Grund dieser Besitzlage darf man jenen Adalunc, der mit Welamoot in Tüssling (BA Altötting) an Passau gibt, mit Posos Vater identifizieren [74 Heuwieser 3.]. Poso hatte außerdem Besitz in Rott, den er 803 an Mondsee tradiert [75 OÖUb. 1, 42/73.]. lm gleichen Ort haben wir bereits die Brüder Engilperht und Pazrih als Erben eines Ato angetroffen [76 OÖUb. 1, 43/73.]. Angilperht und Poso bezeugen 791/800 die Besitzübergabe Cundalperhts in Machendorf [77 Heuwieser 35.]. Angilperht allein ist vor 788 Zeuge für Priester Cundalperht zwischen dessen Verwandten Hrodhelm und Husito [78 Heuwieser 8. Hier ist der Name in der entstellten Form Agilpereth überliefert. Trotzdem kann an der Identität mit Angilpert nicht gezweifelt werden. Ein ähnlicher Fall liegt bei Bitterauf 141 vor. Vgl. oben 32.], gehörte also offensichtlich zur gleichen Familie. Die gemeinsamen Nennungen von Engilperht und Ato zeigen, daß der Name Engelbert beim Bruder des Mondseer Vogtes Pazrih von dem schon erwähnten Salzburggauer Geschlecht stammt, das nach diesem Leitnamen als ENGELBERTINER bezeichnet werden kann [79 Vgl. oben 108.]. Der ältere Poso war wahrscheinlich mit einer Angehörigen dieser Familie verheiratet. Zu seinen Nachkommen sind zu zählen: der in Hettenbach begüterte jüngere Poso, Vogt Pazrih, sein Bruder Engilperht und sein Sohn Diakon Kundperht, ein zweiter Pazrih, der 901 gleichzeitig mit einem Gundalpert in Oberhausen an der Vils schenkt [80 Widemann 187 und 188.], vor allem aber Engilrat, die Gattin des Traungau-Grafen Wilhelm I., und vielleicht auch Hiltiburg, die Gemahlin Uos.
Eine solche Verbindung Graf Wilhelms I. erklärt neben den schon angeführten Zeugen seiner Schenkungen auch die Zeugenschaft eines Heriperht bei der großen Übergabe von. 833. So hieß ja auch ein Bruder des älteren Poso. Heriperht wird direkt hinter den Grafen angeführt. Gleich nach ihm wird in der Zeugenreihe ein Crimuni genannt, der möglicherweise mit ihm verwandt war [81
821 Heriperhi Madalgoz (Heuwieser 77), 818/38 Heriperht Madalgoz (Heuwieser 73), 825/31 Madalgoz Heriperht (Heuwieser 71). 819 Crimuni Madalgoz (Bitterauf 432), 801 Madalgoz Crimuni (Bitterauf 231), 828 Crimuni Madalgoz (Bitterauf 573). Die Verwandtschaft müßte also durch einen Madalgoz vermittelt worden sein. Bezüglich der Beziehungen Crimunis zu den Nachkommen Posos ist das Paar Pazrih Crimuni (Bitterauf 155) zu verzeichnen.].
Von den zahlreichen Nachkommen des älteren Poso, die bei den Schenkungsakten Graf Wilhelms zugegen waren, kommt am ehesten Pazrih, der Spitzenzeuge von 834, als Bruder der Engilrat in Betracht. Der erste Kompositionsteil ihres Namens stimmt übrigens mit dem ihres anderen mutmaßlichen Bruders Engilperht überein.
Auf den älteren Poso geht wahrscheinlich die Gründung des Klosters Postmünster im Rottal zurück [82
Dazu sowie zum folgenden M. Heuwieser, Die Klöster des Rottales, Bayerland 36 (1925), 528 ff.]. Die Benennung der Stiftung nach dem Gründer zeigt, daß es sich um ein Eigenkloster der Familie handelte. Jedoch noch während der Regierungszeit KARLS DES GROSSEN kam das Kloster - wohl durch eine letztwillige Verfügung des Stifters - an Passau. Ein Gisalhard, der wahrscheinlich zu den Erben Posos zu zählen ist, entfremdete 818/38 widerrechtlich das ehemalige Eigenkloster, wußte es aber auf einem Gerichtstag in Triftern (BA Pfarrkirchen) Bischof Reginhari restituieren [83 Heuwieser 73.].
Das Mutterkloster von Postmünster war wahrscheinlich Mondsee. Die reichen Schenkungen Posos an dieses Kloster könnten als Gegenleistung für die Entsendung von Mönchen aufgefaßt werden [84
Vgl. dazu M. Heuwieser, a.a.O., 529.]. Zu Mondsee hatten auch Posos Nachkommen Beziehungen. Pazrih wurde Vogt des Klosters. Sein Bruder Engelbert, der Diakon Kundperht sowie Engilrats Gatte Graf Wilhelm bedachten es mit Gutsbesitz. Es ist auffallend, daß Wilhelms große Schenkungen an St. Emmeram kurz nach der Übertragung von Mondsee an Regensburg erfolgten. Dem Interessengebiet Regensburgs um Mondsee entspricht im weltlichen Bereich die Doppelstellung der Nachkommen Adaluncs von Roning in der Regensburger und Salzburger Diözese einerseits, die enge Verbindung der im Salzburggau beheimateten WILHELMINER zu St. Emmeram andererseits. Die Heirat Graf Wilhelms I. mit Engilrat, die einem für Regensburg so bedeutsamen Geschlecht entstammte, dürfte bei diesen Zusammenhängen eine wichtige Rolle gespielt haben.
Mitis hat aus seinen Untersuchungen den Schluß gezogen, daß die WILHELMINER ursprünglich im Salzburg-, Mattig- und Sundergau sowie im Rottal und um Ebersberg ansässig waren [85
O. Mitis, a.a.O., 546.]. Wenn wir den Verwandtenkreis Graf Wilhelms und seiner Gattin Engilrat überblicken, wie er sich aus Beobachtungen ergeben hat, die auf Grund anderer Voraussetzungen angestellt wurden, kann dieses Resultat der Forschungen von Mitis nur unterstrichen werden. Während Wilhelm aus dem Geschlecht des Traungau-Grafen Graman stammte, das im Salzburg-, Iren- und Sundergau beheimatet war, gehörte Engilrat einer Familie an, die vor allem am Oberlauf der beiden Laber und im Rottal begütert war. Daß diese Familie mit dem altbayerischen Adelsgeschlecht der HAHILINGA identisch ist, wie Dachs meint, läßt sich weder beweisen noch widerlegen [86 H. Dachs, a.a.O. (1936), 191.]. Gewiß gehörte das Geschlecht zu den vornehmsten Bayerns. Mütterlicherseits hatte Engilrat ebenso wie ihr Gatte Beziehungen zu einer Familie des Salzburggaus, die durch den Leitnamen Engelbert charakterisiert wird. Von fränkischen Verwandtschaftszusammenhängen ist weder in Wilhelms noch in Engilrats Sippe auch nur die geringste Spur zu finden. Die Frage nach der Abstammung der WILHELMINER kann daher klar für bayerische Herkunft entschieden werden.


                                                                                                           Willihelm
                                                                         v. 735
                                                                  Gründer von Kuhbach-Rottalmünster


                                                                              ---
                                      Gaio                             
Irminswint                   Oadalman
                                          v. 769                          791                           v. 773
                                                                                                                oo  Perhtswint

               --------------------+-------                                    --------------------+----------------------------------------------
        vgl. o. 51                    Willihelm                          Graman                                                 
Pabo                    weitere
                                          758-769                       772- um 800                                         769- n. 791               Geschwister
                                          Priester                        788 missus                                                                              vgl. oben 51
                                                                            Graf im Traungau

                                                                             oo Maza (Engelbertinerin?)                  oo Waltila   

                                                                             -------+---------------------------------
                                                                        NN               Engilperht                   Ato
                                                                                              791-821                         
n. 791

                                     --------------------------+----------------------
                                 Pabo                    Wilhelm I.                                 Graman
                                 844-  um 860          
n. 853                                  833-864
                                Graf in                seit 821 Graf i. Traungau             in Buchschecken
                                 Karantanien    oo Engilrat a. d. Haus Adaluncs
                                                             v. Roning
                                                                                                                     ---
                                                                    0                                               NN
                                                                    0

                                                                                                                      ---
                                                                                                                   Graman
                                                                                                                  927- n. 935
                                                                                                                in Buchschechen