Hlawitschka, Eduard: Seite 34,73,83,121-126
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"Lotharingien und das Reich an der Schwelle der Deutschen Geschichte"

Im Jahre 886 adoptierte Papst Stephan V. den Herzog Wido von Spoleto, den späteren König und Kaiser, um ihn beim Versagen der KAROLINGER - so wie einst dem Boso - die Anwartschaft auf den Thron zuzuwenden; vgl. das Briefregister Fulcos von Reims, MG SS XIII Seite 556.
Im Westen bestand - nachdem dort die Nachrichten von den Geschehnissen in Ostfranken (November 887) und in St. Maurice (Januar 888 und vermutlich auch schon ein Bericht aus Pavia (Januar 888) eingetroffen waren - unter den führenden Adligen zunächst keine Einigkeit darüber, was nun weiter geschehen sollte. Quiddam Widonem ab Italia, quidam Odonem in regno statuere volunt [31 Ann. Vedast. ad 887 Seite 64.] Diejenigen, die Herzog Wido von Spoleto zum westfränkischen König erheben wollten, gruppierten sich um Erzbischof Fulco von Reims, der ein Verwandter WIDOS war; und jene, die den Grafen Odo von Paris, der sich in den Kämpfen gegen die Normannen so hervorragend ausgezeichnet hatte, zu erheben gedachten, sammelten sich um den allerseits angesehenen Grafen Theoderich [32 Ann. Vedast. ad 888 Seite 64. Zur Verwandtschaft des Erzbischofs Fulco von Reims mit WIDO vgl. E. Hlawitschka, Franken, Alemannen, Bayern und Burgunder in Oberitalien (1960) Seite 75f., und E. Dümmler, Geschichte des ostfränkischen Reiches III² Seite 314-316. Zur Stellung Theoderichs im Westreich vgl. unten Excurs I.]. Die offenbar stärkere Theoderich-Gruppe erhob schließlich am 29. Februar 888 Odo in der Pfalz Compiegne und ließ ihn von Erzbischof Walther von Sens krönen. Wohl nur wenige Tage später, Anfang März, als die Ereignisse von Compiegne noch keine weite Verbreitung gefunden hatten, wurde der aus Italien herbeigeholte WIDO in Langres vom Bischof jener Stadt, Geilo, gleichfalls zum westfränkischenKönig gesalbt. Eine Auseinandersetzung schien sich anzubahnen. Doch als WIDO von Odos Erhebung und dessen weit stärkerem Anhang erfuhr, wandte er sich nach Italien zurück, um in jenem Lande, in dem er stärker verwurzelt war, seinen alten Gegner BERENGAR VON FRIAUL die Krone streitig zu machen [33 Vgl. Anm. 32; dazu G. Fasoli, I re d'Italia (888-962), (1949) Seite 1-16. - Der anekdotenhaft umrahmten Angabe Liudprands von Cremona (Antapodosis I, 16, ed. J. Becker, MG SS rer. Germ. (1915) Seite 18), daß WIDO noch bis nach Lothringen voregedrungen wäre und seine Boten schon bis nach Metz gesandt hätte, um sein Eintreffen vorzubereiten, wird neuerdings - nachdem sie bislang kaum Glauben fand - wieder stärker Beachtung geschenkt von R. Hiestand, Byzanz und das Regnum Italicum im 10. Jh. (1964) Seite 48f.].
BERENGAR I. VON FRIAUL, der in den ersten Januartagen 888 in Pavia zum König erhoben worden war und den inzwischen der aus Westfranken zurückgekehrte WIDO VON SPOLETO arg in Bedrängnis gebracht hatte, zog es vor, sich sofort zu ARNULF zu begeben, um neben WIDO nicht noch einen weiteren Gegner im Streit um das Königtum zu finden. In Anerkennung dieser bereitwilligen Unterwerfung mag ARNULF wohl BERENGAR gestattet haben, im Ostreich Hilfskräfte gegen seinen Rivalen WIDO zu werben [69 Vgl. unten Seite 123 Anm. 33.].
Fulco beschwor zur selben Zeit den Papst, bei ARNULF im gleichen Sinne zu wirken. Ja er suchte heimlich auch noch Rückhalt bei WIDO in Italien, seinem eigenen Verwandten, den er schon vor 888 den Päpsten empfohlen hatte, den er 888 in Westfranken zu erheben gedachte und den er hernach vor ARNULF geschickt als einen Mann nichtköniglichen Geschlechtes abgelehnt hatte. Seit 888 war die Verbindung Fulcos zu WIDO abgerissen, wurde nun aber wieder aufgenomen [31 Papst Formosus hatte Fulco zwar die Kaisererhebung WIDOS (891) und auch die des WIDO-Sohnes LAMBERT (892) mitgeteilt; MG SS XIII Seite 559 Zeile 44 und Seite 560 Zeile 7. Fulco hatte aber wohl gegenüber WIDO und LAMBERT nicht darauf reagiert; erst nun, im Spätjahr 893, greift Fulco diese Meldungen auf und gratuliert WIDO zu seiner Erhöhung. - Wenn R. Hiestand, Byzanz und das Regnum Italicum im 10. Jh. (1964) Seite 64, meint, in der Erhebung LAMBERTS zum Mit-Kaiser in Italien (Ende April 892) spiegele sich das Bestreben WIDOS, freie Hand für ein erneutes Eingreifen im Westreich zu erhalten, wozu engste Kontakte mit Fulco von Reims gepflegt wurden, welcher damals die Odo-Feinde repräsentierte, so widerspricht dem der eben angeführte Befund aus Fulcos Briefregister.].
Diese Gegnerschaft hatte sich bereits 888 angebahnt. Blicken wir kurz auf diese Vorgeschichte zurück! WIDO, aus dem Westreich nach Italien zurückgekehrt, war damals seinem Rivalen um die italienische Krone, BERENGAR VON FRIAUL, hart entgegengetreten, und BERENGAR hatte sich - um nicht noch einen weiteren Gegner zu erhalten - sogleich in Trient ARNULFS Oberhoheit unterworfen, womit er sich zugleich Zuzug für sein Heer aus ARNULFS Reich sicherte [33 E. Hlawitschka, Franken, Alemannen Seite 77f.]. WIDO, der ARNULF nicht gehuldigt hatte, mußte dadurch mehr und mehr als ARNULFS Feind erscheinen. - Bei den Auseinandersetzungen der beiden Rivalen gewann aber WIDO 889 die Oberhand. BERENGAR wurde auf das nordöstliche Oberitalien zurückgeworfen, WIDO jedoch Mitte Februar 889 in Pavia in aller Form im regnum Italiae erhoben. Die Beziehungen zwischen WIDO und ARNULF dürften sich 890 noch weiter verschärft haben, als der aus Alemannien vertriebene Bernhard, der Sohn KARLS III., bei WIDO Zuflucht fand. Die Gegnerschaft WIDOS und ARNULFS, der eine Hegemonie über die karolingischen Nachfolgestaaten auszuüben gedachte, mußte sich in den kommenden Jahren dazu noch dadurch verstärken, daß WIDO zur Vollendung seiner Herrschaft bald auch die Kaiserkrone anstrebte und damit ARNULFS Anspruch auf sie mißachtete. Zu Anfang 890 hatte Papst Stephan V. dieses Machtstreben des Spoletiners nocht verhindern wollen und hatte ARNULF dringend bitten lassen, nach Rom zu kommen, das Italicum regnum a malis christianis (= WIDO) zu befreien und die Herrschaft in Italien selbst zu übernehmen; aber ARNULF hatte damals wegen des bevorstehenden Treffens mit Irmingard von der Provence, durch das er eine neue Burgund-Politik einzuleiten gedachte, ablehnen müssen [34 Vgl. oben Seite 88. - Zur Aufnahnme Bernhards bei WIDO in Italien vgl. oben Seite 108 Anm. 160.]. Von dieser Seite im Stich gelassen, war Stephan schließlich nichts anderes übriggeblieben, als WIDO am 21. Februar 891 zum Kaiser zu krönen. Damit mußte freilich der Bruch ARNULFS mit WIDO vollständig sein. - In Formosus, dem Nachfolger des bald nach dieser Krönung verstorbenen Papstes Stephan V., hatte WIDO sodann einen willfährigen Mann auf dem Stuhle Petri, der ihn am 30. April 892 nochmals weihte und der gleichfalls WIDOS Sohn LAMBERT zum Mit-Kaiser krönte. Doch nach und nach mußte auch Formosus einsehen, daß WIDO und LAMBERT gefährliche Nachbarn waren, die auf päpstliche Wünsche keine Rücksicht nahmen.
Gesandte BERENGARS hatten sich den Boten des Papstes an ARNULF angeschlossen [36 Ann. Fuldens. ad 893 Seite 122.]. Gerade das Auftreten der Boten BERENGARS mag dazu beigetragen haben, daß die eigentlichen Zusammenhänge, die geheimen Bemühungen des Papstes gegen WIDO, fernerstehenden Beobachtern nicht klar erkennbar wurden [37 So läßt auch der Autor der Gesta Berengarii die Italienzüge ARNULFS nur aus Freundschaft für BERENGAR zustandekommen, desgleichen der spätere Liudprand von Cremona; vgl. BM² nr. 1892a.] und daß Fulco deshalb WIDO zwar vor dem Italienzug ARNULFS warnen konnte, zur gleichen Zeit aber auch auf die Mitwirkung des Papstes bei der Vermittlung eines Bündnisses zwischen WIDO und Karl dem Einfältigen hoffen zu dürfen glaubte. Bereits im Spätjahr 893 zog Zwentibold dann auf Geheiß seines Vaters mit einem alemannischen Aufgebot gegen WIDO; ein Erfolg blieb aus, da WIDO sich in Pavia verschanzte; Zwentibold mußte unverrichteter Dinge heimkehren [38 Vgl. BM² 1892b.]. Im Januar 894 betrat ARNULF schließlich selbst italienischen Boden. Bergamo ward erstürmt, WIDO aus Pavia verjagt und der Vormarsch in Richtung Rom bis nach Piacenza vorangetrieben.