Jahrbücher von St. Vaast: Seite 316
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in: Quellen zur karolingischen Reichsgeschichte Band VI

Das Jahr 887.
 

Im Jahre des Herrn 887 machten die Nortmannen nach ihrer gewohnten Art ihre Streifzüge bis zu den Flüssen Segonna und Liger. In dieser Zeit starb auch Evrard, Bischof von Senones, dem der noch jugendliche Walther nachfolgte. Die Nortmannen aber blieben daselbst bis zur Sommerszeit und verwandelten durch Brennen und Morden das Land in eine Einöde. Sigefrid seinerseits kehrte zu Ende des Winters nach der Sequana  zurück, sich in seiner gewöhnlichen Thätigkeit ergehend, und wandte
sich zur Herbstzeit nach Frisien, wo er getödtet wurde. Die Dänen nun kamen wegen des vom Kaiser versprochenen Tributs nach Parisius zurück; um dieser Angelegenheit willen begab sich Askrich zum Kaiser und kehrte von ihm mit dem Gegenstande zurück, um dessentwillen er gesandt worden war. Und nachdem der Tribut gezahlt war, drangen die Dänen wiederum, da niemand da war, um ihnen zu widerstehen, durch die Sequana in die Materna ein und schlugen zu Gaziacus ihr Lager auf.

Die östlichen Franken aber, da sie sahen, daß die Kräfte des Kaisers zur Regierung des Reichs ungenügend waren, vertrieben ihn vom Reich und setzten seinen Neffen Arnulf, den Sohn Karlmanns, auf den königlichen Thron. Die unteren Franken jedoch, unter sich uneins, wollten ein Theil den Wido von Italien, ein anderer den Odo zum Könige einsetzen. Auch riß Berengar das Reich Italien an sich. In diesen Tagen starb Hroderard, Bischof von Cameracus. Karl aber soll,  nachdem er das Reich verloren, von den Seinigen erwürgt worden sein; gewiß ist, daß er bald sein gegenwärtiges Leben beschloß, um, wie wir glauben, das himmlische zu besitzen. Die Nortmannen verwüsteten nach ihrer gewohnten Art das ganze Land bis zur Mosa, sowie einen Theil Burgunds.
 

 Das Jahr 888.
 

Im Jahre des Herrn 888 waren die Franken, wie wir gesagt haben, unter sich uneins; die einen, welche zur Partei des Erzbischofs Fulcho gehörten, suchten den Wido, die anderen aber, unter denen der
Graf Theoderich der bedeutendste war, den Odo zum König zu setzen. Und diejenigen, welche den Odo herbeigerufen hatten, kamen in der Pfalz Compendium zusammen und ließen ihn mit Zustimmung aller Gleichgesinnten durch die Hand des Erzbischofs Walter zum König weihen. Einige wenige aber aus Burgund setzten sich den Wido in der Stadt Lingonis durch Geilo, den Bischof dieser Stadt, zum König. Während dieses geschah, wurde Dodilo am 17. März zum Bischof von Camaracus und Atrebatis ordinirt. Die aber, welche jenseits des Jurus und diesseits der Alpen wohnen, versammelten sich zu Tullum und forderten, daß Hrodulf, der Neffe des Abts Hugo, durch den Bischof dieser Stadt zum König geweiht würde, was auch also geschah.

Wido aber, als er nach seiner Erwählung zum König vernahm, daß Odo in Francien zum König gesetzt worden, kehrte mit denen, welche ihm zu folgen sich entschlossen, nach Italien zurück; hier hatte er nicht geringe Kämpfe mit dem König Berenger, aus denen er immer als Sieger hervorging. Und als er den Berenger aus dem Reich zu fliehen genöthigt hatte, ging er nach Rom und wurde Kaiser.

König Odo aber eilte, die Franken, welche sich nicht seiner Herrschaft hatten unterwerfen wollen, theils durch Lockungen, theils durch Drohungen auf seine Seite zu bringen. Aber nachdem sie ihm den Eid der Treue darauf geleistet hatten, daß sie seiner Herrschaft sich unterwerfen wollten, wandten sie sich an König Arnulf, daß er nach Francien kommen und das ihm zukommende Reich in Besitz nehmen möchte. Und unter diesen waren die Hauptanstifter des Zwiespalts Erzbischof Fulcho und
Abt Rodulf, sowie auch Graf Balduin. Während diese aber solches betrieben, wurde dem König Odo durch Gottes Barmherzigkeit ein unverhoffter Sieg zu Theil. Am Tage Johannis des Täufers nämlich stieß er mit einer kleinen Schaar auf das Heer der Dänen am Fluß Axona und ging bald als Sieger aus dem Kampf, der entbrannte, hervor. Dieser Sieg brachte ihm nicht geringen Ruhm. Darauf wurde er von Arnulf zu einer Zusammenkunft aufgefordert. Und auf sein, des Reiches und der Seinigen Wohl bedacht, zögerte er nicht, in Begleitung seiner Großen, zum König sich zu begeben. Und er schickte den Theoderich mit einigen andern an Arnulf voraus, um diesem seine Ankunft zu melden und mit ihm über alles Nothwendige zu verhandeln. Diese führten den ihnen gewordenen Auftrag aus und berichteten zurückkehrend, an welchem Tage die festgesetzte Zusammenkunft stattfinden sollte.

Während dem, da die Gesandten zwischen jenen hinundhergingen, kam Balduin, seine Genossen verlassend, zum König Odo und gelobte, daß er fernerhin ihm treu sein werde. Odo aber nahm ihn gütig und ehrenvoll auf und ermahnte ihn, daß er seinem Versprechen treu bleiben möge; und er befahl dem Balduin, ihm zu jener Zusammenkunft zu folgen. Am festgesetzten Tage nun kam König Odo, sicheren Vertrauens auf die Hülfe der Seinigen, nach Wormatia, wo er vom König Arnulf ehrenvoll empfangen wurde. Und beide schlossen Freundschaft. Darauf entließ ihn König Arnulf mit Ehren in sein Reich, indem er ihn bat, denen Verzeihung zu gewähren, welche sich zu ihm begeben hatten.

Während dem belagerten die Nortmannen die Stadt Meldis, stellten Belagerungsmaschinen auf und errichteten einen Wall, um die Stadt zu erobern. Graf Teutbert aber widerstand ihnen mannhaft, bis er mit fast allen Streitern fiel. Nach dem Tode des Grafen nun befahl der Bischof Sigemund, von Furcht ergriffen, die Thore der Stadt durch Steine zu vermauern. Und da die, welche in der Stadt eingeschlossen waren, durch die Belagerung ermattet, durch Hunger geschwächt, und durch den Verlust der Ihrigen sehr betrübt, sahen, daß von keiner Seite ihnen Hülfe kommen werde, fingen sie an mit den ihnen bekannten Nortmannen zu unterhandeln, daß sie nach Uebergabe der Stadt ihres Lebens sicher abziehen könnten. Was weiter: der Vorschlag wurde der Menge mitgetheilt und von den Nortmannen zum Schein Geiseln gegeben. Die Pforten wurden aufgethan, den Christen ward der Weg gebahnt, wo sie heraus gehen konnten, und ihnen mehrere beigegeben, um sie zu führen, wohin sie gehen wollten. Nachdem sie aber den Fluß Materna überschritten und schon ein gutes Stück sich von der Stadt entfernt hatten, brachen die Nortmannen alle zu ihrer Verfolgung auf und machten den Bischof mit dem ganzen Volk zu Gefangenen. Darauf zurückgekehrt, verbrannten die Nortmannen die Stadt und zerstörten die Mauern soweit es ihnen beliebte. Und sie blieben daselbst fast bis zum Monat November.

Zur Herbstzeit aber kam König Odo mit einem Heer, das er gesammelt, nach Parisius; und er schlug sein Lager nahe bei der Stadt auf, damit diese nicht wiederum belagert würde. Die Nortmannen aber kehrten durch die Materna in die Sequana zurück, schifften auf dieser weiter und legten dann ein Stück Weges zu Lande zurück, bis sie endlich in den Fluß Luvia einfuhren und nahe dem Ufer desselben sich feste Sitze  bereiteten. König Odo dagegen zog nach der Stadt Remis den Gesandten Arnulfs entgegen, der ihm, wie es hieß, eine Krone sandte. Mit dieser wurde er in der Kirche der heiligen Mutter Gottes am Tage des heiligen Briccius (13. Nov.) gekrönt und von allem Volk als König ausgerufen. Daselbst verzieh er auch in frommer Gesinnung denen, welche ihn früher verworfen hatten, ihre Vergehen, nahm sie in seine Gemeinschaft wieder auf, und ermahnte sie, daß sie fernerhin ihm treu sein sollten. König Odo feierte das Fest der Geburt des Herrn im Kloster des heiligen Vedastus.
 

 Das Jahr 889.
 

Im Jahre des Herrn 889, nach dem Geburtsfest des Herrn, aber zog er mit wenigen Franken nach Aquitanien, um hier das Volk für sich zu gewinnen. Kaum hatte dies Ramnulf, der Herzog des größten Theiles von Aquitanien, vernommen, als er mit seinen Parteigenossen zu Odo kam, den Knaben Karl, König Hludowichs Sohn, mit sich führend. Und Ramnulf schwur ihm, was recht und würdig war, zugleich auch bezüglich des Knaben, daß er sich von diesem nichts Schlimmes zu versehen haben würde. Nachdem der König so die Aquitanier zum Theil seiner Herrschaft gewonnen, eilte er, wegen der Nortmannen nach Francien zurückzukehren. Die Dänen aber verwüsteten nach ihrer Gewohnheit, da ihnen nirgends Widerstand geleistet wurde, Burgund, Niustrien und einen Theil Aquitaniens mit
Feuer und Schwert. Als sie nun aber zur Herbstzeit nach Parisius zurückkehrten, kam König Odo gegen sie heran, und nachdem Gesandte hin- und hergegangen waren, zogen sie, von ihm beschenkt, wieder von Parisius ab. Sie verließen darauf die Sequana, und nachdem sie weiter ihren Weg erst zu Schiff über's Meer und dann zu Fuß und zu Pferd genommen, schlugen sie ihren Sitz in dem Gebiet der Stadt Constantia um das Castell des heiligen Laudus auf und belagerten das Castell aufs hartnäckigste.