Atto                                                Graf von Lecco
-------
    -20.7.975
 

Begraben: Kirche S. Salvatore in Almenno
 

Sohn des Grafen Wibert von Lecco aus dem Hause der WIDONEN
 

Hlawitschka, Eduard: Seite 138-142
*****************
"Franken, Alemannen, Bayern und Burgunder in Oberitalien (774-962)", in: Forschungen zur Oberrheinischen Landesgeschichte Band VIII

XXXIII.                               ATTO
 

ist als Graf von Lecco durch einer ganze Reihe von Urkunden bekannt. Diese zeigen uns Atto immer wieder als Partner im Grundstückskauf, -tausch oder -verkauf und geben uns damit auch einen Hinweis auf die starke wirtschaftliche Machtposition, die dieser Graf gehabt haben muß. - Die erste Quelle, die ihn nennt, ist eine Bergamenser Urkunde vom Juli 956, die einen Tausch von Gütern in Briolo, Curno und Locate beinhaltet. Über ein in Locate gelegenes Grundstück wird dabei vermerkt: coerit ei das mane Atoni comes. Von da an finden wir ihn fast immer als Atto comes filius bone memorie Wiberti item comiti de loco Lecco genannt. So zeigt ihn die Urkunde vom Juni 957, laut welcher er einem Landobarden Nandulf percionem de turre una, que est edificata ante porta de castro illo qui dicitur Palusco, quod est medietatem ex ipsa curte, abkauft, und so nennt ihn die Urkunde vom März 959, mit welcher er Häuser und Grundstücke in suprascripto vico et fundo Palosco von den Brüdern Raistannius und Tadilo, den Söhnen des Alemannen Otolioni, erwirbt. Für weiteren Besitz in Palosco gibt er im Mai 959 Häuser und Landstücke in Turre prope castro Modelaco et in Trivilio seu in Gendobio, adque vinea una in vico Pranzanica. Seinen Besitzstand in Palosco vermehrte der Ato comes, quondam Wiberti item comiti filius de loco Leoco, durch einen weiteren Ankauf im April 960. Im Juni des Jahres dagegen erwarb er durch Gütertausch vom Bischof Dagibert von Cremona castrum unum et rebus terretoreis ... in loco et fundo Camisiano, Häuser und Land in vico et fundo Gabiano, sowie in valle Cremonense in villa Ceriune et Bergi und in vico Vidolasco etc. Er selbst gab dafür die curtis Sesto mit castrum et capellis und anderem Zubehör.
Im März 961 treffen wir den Grafen Atto auf der Isola Comense; er schließt dort mit dem Grafen von Seprio, Nantelmus, einen Kaufvertrag über Güter in Gossenago ab. Diese Insel, gegenüber Sala im Comersee gelegen, war seit byzantinischer Zeit stark befestigt und spielte auch für die Langobarden-Könige als fester Ort eine bedeutende Rolle. Es könnte vermutet werden, daß Atto und Nantelm in jener Situation, in der jederzeit mit dem Einfall OTTOS DES GROSSEN in Italien gerechnet werden mußte, von König Berengar II. mit der Verteidigung der an den großen oberitalienischen Seen einmündenden Paßstraßen betraut worden waren und dabei auch diese wichtige Eiland im Comersee als Stützpunkt erhalten hatten. Bereits im Januar 958 war  ja Atto bei Berengar II. und Adalbert in Gunst gestanden und als ihr Getreuer bezeichnet worden. Und als Befehlshaber dieser Insel sehen wir Atto dann auch 964.
Wenn aber Graf Atto mit einer im Mai 962 in Trasolcio, 10 km östlich von Bergamo, ausgestellten und nach Regierungsjahren OTTOS zählenden Urkunde seinen Besitzstand in Palosco weiter vergrößert, so ist das ein Zeichen dafür, daß er zunächst doch eine Schwenkung zu OTTO vollzogen und ihn als Herrn anerkannt haben muß [12 CdL Seite 1258, nr. 720. Atto hatte ja auch 957 beim 2. Italienzug Liudolfs die Oberhoheit OTTOS schon anerkannt; vgl. die in Anm. 2 zitierte Urkunde.]. Als sich dann aber 964 die Isola Comacina dem Belagerungsheer OTTOS DES GROSSEN ergibt, ist er der Befehlshaber derselben [13 Contin. Reginonis ad 964, Seite 175.]. So scheint es, daß er sich erst 963 bei der Reaktion gegen OTTO I. [14 Ders., ad 963, Seite 172: Interim Adalbertus huc illucque discursans, quoscumque poterat, sibi undique adtraxit ... Daß die Isola Comense nicht sogleich 961 wie die Burgen Garda, "Travallium" und die Insel S. Giulio im See von Orta (Contin. Reginonis ad 962, Seite 171) Zufluchtsort für die Anhänger Berengars II. wurde, kann auch aus dem Diplom MG DD Otto I Seite 353, nr. 246 geschlosen werden, mit dem OTTO am 28. August 962 die homines habitantes in insula Cumana et in loco qui dicitur Menasie in Königsschutz nahm. Gegen den von Sickel und anderen geäußerten Fälschungsverdacht siehe jetzt auch Ch. E. Odegaard, Imperial diplomas for Menaggio and Comacina Seite 344ff.], bei der auch Papst Johann XII. seinen Versprechungen untreu wurde, wieder auf seiten Berengars und Adalberts schlug. - Atto hatte während der Verteidigung Verbindung  zu dem mit OTTO I. nach Italien gekommenen Grafen Udo aufgenommen, ja dieser hatte ihn sogar in seinen Schutz genommen und versprochen, ihn mit dem Kaiser zu versöhnen. Das letztere scheiterte aber, was Udo und besonders Atto in eine üble Lage brachte, da Bischof Waldo von Como die Befestigungen der Insel inzwischen zerstören ließ. Bis 970 hören wir dann von Atto nichts mehr. Ob er für einige Zeit sein Amt verlor, wie Graf Egelrich von Verona und Graf Bernhard von Pavia mit seinen Brüdern, ist nicht bekannt. Im Mai 970 sehen wir ihn wieder als comes ein Massariciergut in Brivio erwerben. Im Juli 973 schenken Ato comes et Ferlinda jugalibus et Widone filium nostrum Gebäude und Grundstücke, que rejacentt in comitatu Veronensis - vornehmlich in Cereto et Inglare et ceterisque locis rejacentes ejusque comitatu Veronensis, seu in comitatu Brixiensis cico Gargniano - an die S. Marienkirche in Verona, auf daß deren Kleriker bei Gott für die Vergebung ihrer Sünden bitten.
Im April 975 trifft man den Grafen Atto wieder in Lecco an, jedoch bereits als alten schwerkranken Mann, qui propter infirmitatem suam minime scribere potuit. Er verkauft nun seinen gewaltigen Besitz in Palosco, Ceredello, Cassenago, Cassenedello et in Rudiliano, Malaga, Adrevigo, Mapello, Cisiano, Brivio sowie 42 (!) zur curtis Palesco gehörige Knechte und Mägde [20 Die beiden korrupten Urkunden vom 6. April 975 (CdL Seite 1328, nr. 757 und Seite 1330, nr. 758), die sich im Imhalt wie in den Zeugenunterschriften im wesentlichen decken, stellen einmal die Veräußerung durch Atto, das andere Mal die Besitzaufgabe durch Ferlinda, Attos Gemahlin dar. Wenn in der ersten der Verkauf an Lambertus et item Lambertus germani filii quondam Hedreverge erfolgt, in der zweiten Urkunde dagegen der Verauf an Lambertus et Wilielmus germanis filius Fredeberge geschieht, so muß in der ersten bei dem zweimaligen Lambertus ein Schreibfehler vorliegen, die Leute müssen ja identisch sein, denn ein und dieselben Güter können ja schlecht an verschiedene Leute verkauft worden sein. Vgl. dazu auch noch die Urkunden CdL Seite 1607, nr. 914; Seite 1625, ne. 925; Seite 1640, nr. 933, wo genau die gleichen hier verkauften Besitzungen in den Händen der genannten Brüder Wilhelm und Lambert nachweisbar sind.]. Am folgenden Tage, am 7. April 975, veräußert er dazu noch die curtes Lecco und Almenno, wobei der Nießbrauch an dem alten Familiengut Almenno allerdings Atto und Ferlinda bis zu ihrem Tode vorbehaltewn bleibt, wie das 2 Tage später ausgestellte Testament des Käufers beweist. Auch curtis und castrum Palasone in der Grafschaft Parma, die bis 942 im Besitze Suppos IV. standen und dann der S. Marienkirche von Parma übertragen wurden, wohl durch Tausch schließlich an Atto kamen [23 Vgl. Skizze Suppo IV.], verkaufte er laut einer Urkunde, die mit aller Wahrscheinlichkeit in diesen letzten Tagen, und zwar am 28. März 975, abgefaßt wurde.
Im Juli 975 war Graf Atto bereits verstorben. Attos Witwe Ferlinda filia bone memorie Bertarii de loco Bevulco kaufte damals von einem gewissen Umbertus aus Caligo die curtis Bruscanti cum castro qui dicitur Baliade zurück, welche dem Umbert ab quondam Atone comes quondam Umberti item comiti filius de loco Leuco einst verkauft worden waren [25 CdL Seite 1341, nr. 763. - Umbert als Vater Attos ist wohl eine Verschreibung oder Verlesung für das sonst übliche Wibert. Späte Überlieferung gibt den 20. Juli 975 als Attos Todestag und die Kirche S. Salvatore in Almenno als Begräbnisort an; gl. N.G. Guastella, La marca settentrionale Seite 181f. und Th. Wüstenfeld, Über die Herzöge von Spoleto Seite 425f.]. Attos Witwe, die cometissa Ferlinda, findet man noch am 6. September 999 in castro Portitari (= Portotaro), wo sie den Kanonikern von Parma meam porionem ... in loco etfundo Palaxione cum castro et capella inibi constructas und eine Menge weiteren genannten Besitz schenkt [26 Drei, Le carte Parmensi I Seite 266, nr. 90 (=Affo, Parma I Seite 376, nr. 87) zu 1000/September/6. - Ferlinda hatte die Hälfte von Palasone als ihren Anteil anscheinend zurückbehalten (vgl. Anm. 20). Wenn Besitzbestätigungsurkunden  OTTOS II. und OTTOS III. für die Kirche von Parma aus den Jahren 980/Dezember/28 und 996 (MG DD Otto II. Seite 622, nr. 210 und Seite 267, nr. 238) das castellum Palasioni mit aufzählen, so ist das in Anbetracht der in der nächsten Anmerkung zitierten Urkunde nur schwer in Einklang mit der in Anm. 24 zitierten Urkunde zu bringen. Vielleicht hat man hier zwei verschieden Kastelle Attos in Palasone vor sich. Oder erwarb Atto diese Anlage kurz vor seinem Tode zurück und schenkte sie sodann an die Parmenser Kirche? - Daß Ferlinda am 14. Oktober 1001 noch lebte, läßt sich aus MG DD Otto III. Seite 844, nr. 411 ersehen, dort werden vasalli Ferlende comtisse genannt.]. Die curtis Palacioni, sicut hactenus Atto comes obtinuit, wird daraufhin auch am 1. Januar 1000 von OTTO III. den Parmenser Kanonikern bestätigt.
Graf Atto war fränkischen Herkommens, und zwar war er ein Glied der großen WIDONEN-Familie. Er lebte - wie in den vielen Urkunden immer wieder betont wird - nach der lex salica. Seine Gemahlin Ferlinda entstammte einem langobardischen Geschlecht. Zu Lebzeiten ihres Gemahls unterstand sie gemäß den Muntgesetzen dem salischen Recht, kehrte aber nach dem Tode Attos in den Rechtsstand ihres Herkommens zurück. - Von dem Sohne der beiden, Wido, ist außer der angeführten Nennung im Diplom für die Veroneser Kirche nichts bekannt. Auch über den Diacon Abo, den Bruder Attos [30
Abo diaconus, der Bruder Attos von Lecco, ist allein durch eine Urkunde bekannt, die vor ca. 150 Jahren in der Stiftsbibliothek St. Gallen von einem Buchdeckel abgelöst und dabei arg verstümmelt wurde; Wartmann, UB St. Gallen II Seite 309, nr. 24. Vollständige Edition jetzt bei E. Hlawitschka, Der Text der in der Stiftsbibliothek St. Gallen aufbewahrten oberitalienischen Muntverkaufsurkunde vom Jahre 975. Abo ist auch nicht bei dem Verwandteneintrag genannt, der im Gedenkbuch von Brescia (Valentini, Cod. necrol.-liturg. Seite 55 - f.31r.) zu finden: Albissinda, Otto, Ferlinda, Gandulfo. Zu Gandulf vgl. Skizze Wibert Anm. 5.], schweigen die Quellen.
 
 
 

  oo Ferlinda
             - nach 14.10.1001
 
 
 

Kinder:

  Wido
          -
 
 
 
 

Literatur:
-----------
Adalberts Fortsetzung des Regino. in: Ausgewählte Quellen zur Deutschen Geschichte Band VIII Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt 1977 Seite 225 - Hlawitschka, Eduard: Franken, Alemannen, Bayern und Burgunder in Oberitalien (774-962), in Forschungen zur Oberrheinischen Landesgeschichte Band VIII Eberhard Albert Verlag Freiburg im Breisgau 1960 Seite 95,138-142,173, 199,214,240,247,274,284,295 -