Ruth Schölkopf

"Die sächsischen Grafen 919-1024"  1957

9. Die Burchardinger

Burchard war ursprünglich ein in Franken üblicher Name. Sabine Krüger wies nach, dass ein Graf Burchard von Ludwig dem Deutschen in Sachsen eingesetzt wurde, was mit der Reichsgutrevindikation Ludwigs zusammenhing. Dieser Graf Burchard wurde urkundlich in einem 858 ausgestellten Diplom erwähnt. Ob sein unmittelbarer Nachfolger jener Burchard war, der 892 dem abgesetzten BABENBERGER Poppo als Markgraf der sorbischen Mark folgte, läßt sich zwar nicht mit Sicherheit beweisen, ist aber wahrscheinlich. Der Markgraf fiel 908 im Kampf gegen die Ungarn. Die Annalen, die seine Todesnachricht überlieferten, bezeichneten ihn als dux Thuringorum.
Als Söhne des Gefallenen gelten Burchard und Bardo. Widukind nannte sie in seiner Sachsengeschichte in einem Atemzuge, bezeichnete sie aber nicht ausdrücklich als Brüder. Auf einen von ihnen traf die Bezeichnung gener regis (CONRADI) zu. Das Vorgehen der LIUDOLFINGER gegen sie dient als Beweis dafür, dass sie Nachkommen des Markgrafen waren. Der Sohn des Sachsen-Herzogs Otto des Erlauchten - der spätere deutsche König HEINRICH I. - vertrieb sie 913 aus ihrem Herrschaftsbereich und machte ihnen durch Aufteilung ihres Allods an seine Kampfgefährten unmöglich, wieder eine Machtposition im thüringischen Raume aufzubauen. In der Folgezeit nahmen die LIUDOLFINGER de facto die Stellung eines Herzogs der Thüringer ein. Zur Ausbildung eines stammeseigenen Herzogtums kam es vorerst nicht mehr. Auch der Aufstieg Ekkehards I. von Meißen zum Herzog auf Grund eines Wahlvorganges, blieb nur Episode.
Die BURCHARDINGER selbst faßten im thüringischen Gebiet nie wieder Fuß. Vielleicht gelang es ihnen auf Grund von Eigenbesitz oder verwandtschaftlichen Beziehungen in den nördlich von Thüringen gelegenen Liesgau auszuweichen. Der hier im Raum von Gittelde 965 urkundlich bezeugte Graf Burchard könnte mit ihnen in irgendeiner verwandtschaftlichen Verbindung gestanden haben. Die Annalen von Fulda verzeichnen zum Jahre 981 und 993 den Tod je eines Burchard comes. Es ist jedoch nicht möglich, sie zu identifizieren. Der Borchardus comes, der in den ersten Jahren des neuen Jahrtausends eine Hörigenfamilie in Rotwardessen (wüst bei Kalenberg, Kr. Warburg) pro patre suo Siberto dem Kloster Corvey tradierte, könnte ebenso gut ein fränkischer Graf gewesen sein.
Es bereitet eine unlösbare Schwierigkeit, zwei andere mächtige Grafensippen in agnatischen Zusammenhang mit den BURCHARDINGERN zu bringen. Die Verbindung geht von der Bezeichnung Thietmars aus, der einem Mitglied des wettinischen Hauses die Gentilbestimmung de tribu, quae Busici dicitur beilegte. An Erklärungen dieses Beinamens wurde viel herumgerätselt. Waitz, Holtzmann und zuletzt Schlesinger traten nachdrücklich für die Gleichsetzung von tribus mit Geschlecht oder Stamm ein, da Thietmar auch an anderer Stelle tribus in der Bedeutung von Geschlecht und nicht etwa von Volksstamm benutzte. Die Bezeichnung soll von der Kurzform des Namens Bucco oder Buzo für Burchard mit der slawischen patronymischen Bildungssilbe -ici abgeleitet worden sein. Sprachlich gesehen ist dieser Erklärungsversuch allerdings möglich. Er bleibt dennoch fraglich. Die zweite Schwierigkeit ist die, dass die WETTINER, die nach dieser These Nachkommen der BURCHARDINGER werden, nach nordschwäbischem Recht lebten, während die BURCHARDINGER vermutlich fränkischen Ursprungs waren. Außerdem amtierten die WETTINER nicht im thüringischen Raum, dem ursprünglichen Herrschaftsgebiet der BURCHARDINGER, was sich allenfalls mit ihrer Vertreibung unter Herzog Heinrich in Zusammenhang bringen läßt. Auch damit sind die Schwierigkeiten noch nicht am Ende.
Auf Grund des bei den WETTINERN wiederkehrenden Namens Dedi kommt auch noch ein Dedi autem Thuring als Mitglied dieser Sippe in Betracht, der 939 an der Empörung des Bayern-Herzogs Heinrich gegen seinen Bruder OTTO DEN GROSSEN aktiv teilnahm. Dedi war wohl mit Dadanus identisch, den Widukind als Thuringi genere und potestatis praefectoriae kennzeichnete. Er nahm 953 mit Wilhelm von Weimar an dem Aufstand Liudolfs gegen seinen Vater teil. Die doppelte Parteinahme gegen den König, die er mit Absetzung und Verbannung büßte, könnte durch die Vertreibung der BURCHARDINGER aus ihrem Herrschaftsgebiet eine Erklärung finden. Vielleicht suchte er sich für das von seinen Vorfahren erlittene Unrecht zu rächen und hoffte, durch den Sieg der Aufständischen die alte Machtstellung zurückzuerobern. Die Betonung seiner thüringischen Herkunft und seiner gräflichen Stellung machen es jedoch zweifelhaft, in ihm einen unmittelbaren Nachkommen der BURCHARDINGER zu sehen. Dedis Grafschaft lag nicht in Thüringen, sondern im Gebiet des südlichen Hochseegaues, wo er in confinio Mersapurac nachweisbar die Blutgerichtsbarkeit ausübte. Dedi starb nach einer Aufzeichnung des Fuldaer Totenbuches am 14. März 957. Sein Todestag fand auch im Lüneburger Totenbuch Aufnahme, in dem die Sterbetage zahlreicher Mitglieder der WETTINER notiert wurden.
Als seine Söhne kommen Burchard und Dedi in Betracht, die am 13. Juli 982 in der Schlacht am Capo Colonne fielen. Allerdings bezeichnete sie Thietmar nicht als Brüder. Er führte sie aber in der Liste der Gefallenen unmittelbar hintereinander auf. Sie lassen sich nicht als Inhaber gräflicher Ämter nachweisen, was mit der Absetzung ihres Vaters zusammenhängen wird. Es empfiehlt sich deshalb nicht, Burchard mit dem Grafen Burchard zu identifizieren, der auf dem Hoftag zu Worms 950 in Anwesenheit der Großen des Reiches zum Zweikampf gegen einen Conradus, filius Gebhardi antrat, der mit seinen prahlerischen Redensarten die Ehre einer Verwandten des Königshauses verletzt hatte. Thietmar gab ihm den gräflichen Titel. Der Continuator Reginonis (a. 950) bezeichnete Burchard als sächsischen Grafen. Es könnte sich eher um den 965 im sächsischen Liesgau amtierenden Grafen gleichen Namens handeln.
Nach der bisher herrschenden Meinung wurden die beiden Gefallenen Stammväter zweier Familien: nach Kurzes Ansicht war Burchards Bruder Friedrich von Goseck, der erste Pfalzgraf aus diesem Hause. H.-D. Starke lehnte diese Theorie, die sich hauptsächlich auf eine falsche Ortsinterpretation stützte, ab und ließ das Haus GOSECK mit Friedrich beginnen, den der Gosecker Mönch in seiner Chronik als erstes Mitglied dieses Hauses bezeugte. Allerdings ließ auch Starke auf Grund der Namensgebung in der nächsten Generation, in der ein Sohn Friedrichs Dedo hieß, die Möglichkeit eines verwandtschaftlichen Zusammenhanges zwischen Burchard und Friedrich offen, wie er bei der Nähe ihres Amtsgebiets wohl erfolgt sein könnte. Eine genaue Verwandtschaftsbestimmung ist jedoch meines Erachtens nicht möglich. Der gefallene Dedi gilt als Stammvater der WETTINER.
Der von etwa 1003-1017 amtierende Pfalzgraf Burchard war aller Wahrscheinlichkeit nach ein Sohn des gefallenen Burchard. Vermutlich übte er schon seit 991 eine gräfliche Stellung aus und war mit dem Burchard comes identisch, in dessen Grafschaft im Hassegau das von den Adeligen Brun und seiner Gattin gestiftete Kloster Vitzenburg mit seinem Pertinenzien Liederstedt, Zidici (?), Vudri (?), Schartau, Gröst, Zeuchfeld (?) und Reinsdorf lag. Er wurde demnach wohl mit der Grafschaft seines vermeintlichen Großvaters Dedi belehnt. Möglicherweise brachte der Schlachtentod seines Vaters die Familie wieder zu Ansehen. Durch eine besondere Gunstbezeugung des Herrscherhauses wurde Burchard mit dem Amt des sächsischen Pfalzgrafen betraut. 1003 intervenierte er schon als Burchard palatinus comes für das Bistum Halberstadt. 1004 erhielt er den Comitat des verstorbenen Grafen Esicho super Merseburg et beneficium ad hunc pertinens. Ein direktes Verwandtschaftsverhältnis, das der Übertragung zugrunde liegen könnte, kommt kaum in Betracht. Das Merseburger Domkapitel wurde 1004 aus dem Nachlaß des verstorbenen Grafen Esicho mit Kuckenburg und Opphausen bedacht, die dem König heimgefallen waren und die in Burchards Grafschaft lagen. Ferner tätigte der Pfalzgraf im Auftrag des Königs die Schenkung des Ortes Zöllschen (Kr. Merseburg) und eines Weihers (bei Merseburg) an Merseburg. Die darüber vom König ausgestellte Bestätigungsurkunde bezeichnete ihn als advocatus noster Burchardus palatinus comes. Burchard signierte ebenfalls in seiner Eigenschaft als Pfalzgraf die Beilegung des Gandersheimers Streites. Er testierte außerdem die nicht genau datierbare Güterschenkung des Thüringers Gunther an das Kloster Gellingen. Das bei einem Tauschgeschäft zwischen dem Bamberger Bistum und dem Kloster Hersfeld in Betracht kommende Gut Klobikau (Kr. Merseburg) lag in der Grafschaft des Pfalzgrafen. Die letzte Urkunde, die seinen Namen erwähnte, datierte aus dem Jahre 1017: Thietmar von Merseburg erwarb für sein Bistum den Ort Geusa (Kr. Merseburg) in Burchards Grafschaft. Über die weitere Tätigkeit des Pfalzgrafen unterrichtete uns die Chronik Thietmars. Burchards klugem Rat war es 1009 zu verdanken, dass Markgraf Werner von Walbeck vorerst seine Markgrafschaft behalten durfte. Die Gründe, die den Pfalzgrafen zu diesem Eingreifen bewogen, sind - falls sie nicht rein rechtlicher Natur waren - nicht mehr ersichtlich. Eine persönliche Beziehung zum Hause WALBECK dürfte dabei kaum den Ausschlag gegeben haben. Es wäre immerhin möglich, dass Bischof Thietmar seinen Einfluß geltend machte. 1015 nahm Burchard an einem Feldzug gegen Polen teil, auf dem Markgraf Gero sein Leben ließ. Er selbst kam mit einer schweren Verwundung davon. Im Folgejahr erlitt er einen Schlaganfall und starb 1017. Die Magdeburger Annalen setzen bei der Erwähnung seines Todesjahres wohl irrtümlich für Burchard palatinus comes den Namen Bernhard.
Kehren wir nun zu dem 982 gefallenen Dedi zurück, dem vermutlichen Stammvater der WETTINER. Die Genealogia Wettinensis nennt ihn den Tidericus egregie libertatis vir, der zur Zeit OTTOS DES GROSSEN lebte. Sie erwähnte seinen Herrschaftsbereich nicht. Vermutlich wurde er als Sohn des Aufständischen mit keiner gräflichen Stellung betraut. Holtzmann unterschied ihn von dem gefallenen Dedi, in dem er einen Bruder Dietrichs sah. Diese Unterscheidung ist fraglich, weil damit die beiden Brüder die gleichen Namen tragen würden. Alle Anzeichen sprechen eher für eine Identität beider.
Der durch die Genealogie Wettinensis und Thietmar als sein Sohn bezeichnete Dedi trat erstmalig um 977 handelnd auf, als er ein böhmisches Heer zur Verwüstung der Zeitzer Kirche anführte. Thietmar gab keine Gründe an, warum Dedi auf der Seite des Reichsfeindes kämpfte. Vielleicht hing sein Vorgehen unmittelbar mit der Zurücksetzung seiner Familie zusammen. Die politisch Unzufriedenen trieb es ja immer ins feindliche Lager, in der Hoffnung, durch den Druck von außen wieder in den Besitz alter Rechte zu gelangen. Thietmar bezeugte, dass Dedi nach kurzer Zeit die Gunst des Königs zurückerlangte. Das hing vermutlich mit der Einsetzung seines Verwandten Ricdag zum Markgrafen des großen südlichen Markengebietes zusammen. Ricdag wurde von Thietmar als sein Agnat bezeugt, was Blutsverwandtschaft von der väterlichen Seite voraussetzt. Da wir aus Mangel an gesicherten Zeugnissen weder über Ricdags unmittelbare Vorfahren noch über die von Dedis Vater gesicherte Aussagen machen können, müssen wir Thietmars Behauptung auf sich beruhen lassen. Die Genealogia Wettinensis bringt allerdings keine derartige Andeutung. Thietmar berichtete, dass Dedi dem Markgrafen ab infancia serviebat et gemina cordis ac corporis virtute pollebat, was zugleich für den frühzeitigen Tod seines Vaters im Kampf spricht. Graf Dedi übte nachweisbar Grafenrechte in provincia Bloni aus, wo der nördlich von Pausitz gelegene Burgwart Beelitz dem Erzstift Magdeburg unterstellt wurde. Dedis Beziehungen zu Magdeburg waren sehr rege. Erzbischof Giselher verschaffte ihm 1009, nach dem Tode des Grafen Bio von Merseburg, dessen Comitat zwischen den Flüssen Wipper, Saale, Salza und Wilderbach, so dass er hier kirchlicher Lehnsträger wurde. Dazu erwarb Dedi gleichzeitig den Burgward Zörbig (bei Bitterfeld), den schon seine Vorfahren als Lehn innegehabt hatten. Anläßlich dieser Belehnung erzählte Thietmar, Dedi habe Thietburga, die Tochter des Markgrafen Dietrich von Haldensleben, zur Gattin genommen, was auch die Genealogia Wettinensis bestätigte. Noch in das gleiche Jahr fiel der Ausbruch der offenen Feindseligkeit gegen das Haus WALBECK. Markgraf Werner wäre beinahe instinctu Dedi comitis seiner Mark verlustig gegangen, wenn es nicht Pfalzgraf Burchard verhindert hätte. Als Dedi einsah, dass er sein Ziel auf diese Weise nicht erreichte, brandschatzte der den WALBECKER Besitz Wolmirstedt. Daraufhin wurde er 1009 in einem Racheakt von Mitgliedern des Hauses WALBECK bei Mose fortiter resistens erschlagen. Dedi war mit dem Tado occisus identisch, dessen Todestag das Lüneburger Totenbuch auf den 13. November festsetzte. Die Gründe für Dedis Feindschaft gegenüber den WALBECKERN treten aus den Quellen nicht deutlich zutage. Vielleicht ging sie über den Rahmen einer persönlichen Gegnerschaft hinaus und war Ausdruck der Rivalität zweier Familien.
Als Bruder Dedis ist Friedrich mehrfach bezeugt. Der Name mag über eine Frau in die Familie gekommen sein. Ein genauer Nachweis ist nicht möglich, da wir die Gattin seines Vaters nicht kennen. Graf Friedrich stand gleichfalls in einem engen Dienstverhältnis zum Markgrafen Ricdag. Er wurde als sein Amicus et satelles, was eine Blutsverwandtschaft zweifelhaft erscheinen läßt. Markgraf Ricdag übertrug ihm in seiner Eigenschaft als Markgraf von Meißen die Schutzaufsicht über die Burg Meißen. Im Jahre 1009 nach der Absetzung Guncelins vertraute ihm HEINRICH II. erneut vorübergehend die Aufsicht über die Reichsburg an. Die gleiche Funktion als Burggraf übte er 1015 nach Beendigung des polnischen Feldzuges aus. Friedrich verwaltete nachweisbar eine Grafschaft Quezzi in burgwardo Ilburg, aus dem der Ort Gubici einem königlichen Kämmerer übereignet wurde. Thietmar nannte die civitas Eilenburg als Herrschaftsgebiet und Eigentum Friedrichs. Er hatte keine männlichen Nachkommen, sondern drei Töchter unbekannten Namens. Deshalb schloß er mit seinem Neffen Dietrich, Dedis und der Thietburgas Sohn, der heres suimet fuit, einen Erbschaftsvertrag, da er als aliter hoc legitime fieri non potuit. Laut Vertrag fiel diesem die civitas sua Ilburg unter der Bedingung zu, dass alles übrige Gut Friedrichs Töchtern vorbehalten bleiben sollte. Man folgerte auf Grund dieses Erbganges, dass die WETTINER nordschwäbischen Ursprungs seien, da nach nordschwäbischem Recht die Frauen erblos blieben. Dagegen erhebt sich der Einwand, dass Friedrich seinem Neffen die Stadt Eilenburg ea ratio dedit, ut cum laude sua liceret, sibi tribus suis filiabus predium omne, quod remansit tradere. Graf Friedrich starb am 6. Januar 1017.
Die Familie lebte im Mannesstamm nachweisbar nur in seinem Neffen Dietrich fort. HEINRICH II. belehnte ihn 1009 auf dem Hoftag zu Pöhlde iure et ortatu regiane ac principum suimet mit der Grafschaft und sämtlichen Lehen seines erschlagenen Vaters. Nach dem Tode seines Onkels Friedrich fiel ihm dessen Herrschaftsgebiet, bestehend aus einem comitatus et super Siusili pagum potestas...munere imperatoris, zu. Hier ist er später urkundlich nachweisbar. Er amtierte auch im Hassegau, aus dem der Ort Burgsdorf - unweit von Wettin - dem Domkapitel von Merseburg zugesprochen wurde. Schon 1017 hieß Eilenburg Thiederici comitis urbs, ein Beweis also, dass der Erbschaftsvertrag unangefochten in Kraft trat. Im kommenden Jahr beschworen er und Hermann von Meißen - also die beiden einzigen weltlichen Herschaftsträger - in Bautzen den Frieden mit dem Polen-Herzog Boleslaw. Vielleicht war er mit dem Thiaedericus comes identisch, der 1013 die Beilegung des Gandersheimer Streites unterzeichnete. Die Genealogia Wettinensis und das Chronicon Montis Sereni (a. 1017) bezeugten als seine Gattin Mathilde, die Tochter Ekkehards I. von Meißen. Dietrich wurde auf Betreiben seines Schwagers Ekkehards II. von Meißen am 19. November 1034 aus dem Hinterhalt erschlagen. Die Annalen nennen ihn bei dieser Nachricht comes orentalium. Die Gründe der Mordtat sind nicht ganz durchsichtig. Soviel darf vermutet werden, dass er durch die Vergrößerung seiner Macht den Haß des ehrgeizigen Ekkehards II. auf sich zog, zumal noch im gleichen Jahr 1034 sein Sohn Dedi nach dem kinderlosen Hinscheiden des Markgrafen Hodo mit der Mark Lausitz belehnt wurde. Möglicherweise glaubte Ekkehard über seine Mutter Schwanhild größere Ansprüche auf diese Belehnung zu haben.
Ekkehards Gegnerschaft gegen das Haus WETTIN fand deutlichen Ausdruck in seiner letztwilligen Verfügung, die den König als seinen Erben einsetzte. Das Testament war sicher in der Absicht verfaßt worden, die WETTINER von der Erbfolge auszuschließen. Nur sie kamen nämlich - als Kinder seiner Schwester Mathilde - als Erben in Betracht, da mit ihm die EKKEHARDINGER im Mannesstamm ausstarben.
Aus Dietrichs Ehe mit Mathilde gingen zahlreiche Kinder hervor. Die Genealogia Wettinensis führte sie der Reihe nach auf: Friedrich, Dedi, Thiemo, Gero, Conradus, Riddag und Hidda. Die Namen der Kinder spiegeln die mannigfachen verwandtschaftlichen Beziehungen wider: Friedrich und Dedi waren Leitnamen der eigenen Familie; der Name Riddag (Ricdag) betonte die agnatische Beziehung zu dem gleichnamigen Markgrafen von Meißen, dessen Verwandtschaftsverhältnis mit den WETTINERN allerdings nicht genau bestimmbar ist. Die Namen Thiemo (Thietmar) und Gero wurden wahrscheinlich durch Schwanhild, die Großmutter mütterlicherseits, übertragen, die in 1. Ehe mit Markgraf Thietmar verheiratet gewesen war und ihm den Sohn Gero geschenkt hatte. Der Name der Tochter Hiddda stammte ebenfalls aus dieser Sippe. Auf diese Weise erklärt sich auch die Aufnahme der WETTINER in das Lüneburger Totenbuch. Der Name Konrad war bisher noch nicht innerhalb der wettinischen Familie belegt. Das soll nicht heißen, dass er nicht vielleicht doch schon von einem Mitglied dieser Familie getragen worden war. Er vererbte sich auf die nächste Generation weiter.
Markgraf Ekkehard II. von Meißen erreichte letztlich sein Ziel doch nicht. Dedi, der Sohn seines erschlagenen Schwagers und sein Neffe, übernahm nämlich 1046 nach Ekkehards Tod die Mark Zeitz und Merseburg. Damit unterstanden den WETTINERN die Mark Lausitz, Zeitz und Merseburg.
Es war für das 10. Jahrhundert nicht möglich, den Schwabengau als Heimat der WETTINER nachzuweisen. Erst unter HEINRICH III. amtierten sie nachweisbar in Teilgebieten dieses Gaues. Es bleibt fraglich, wie sie in den Besitz dieser Herrschaftsbereiche gelangten. Ansprüche können sowohl über Markgraf Ricdag als auch über die Familie des Markgrafen Christian vererbt worden sein, deren Nachfolge sie nachweisbar im Markengebiet antraten. Die Ausgangsbasis ihrer Amtsstellung war der Hassegau, wenn man von den ungeklärten Herrschaftsrechten in Thüringen absieht. Von hier aus dehnten sie ihren Machtbereich weit in den Kolonialraum östlich der Saale aus.