Eckhardt Karl August: Seite 79-89
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"Genealogische Funde zur allgemeinen Geschichte."

Rikdag ist, wie wiederum Kurze mit Recht betont hat, auf Grund seines Namens und seiner Amtstätigkeit im Schwabengau zu dem Geschlecht der Grafen im unmitttelbar benachbarten Harzgau zu stellen, in welchem eine Generation davor und eine Generation dnach der verwandte Name Rikbert vorkommt. Zur gleichen Generation wie Rikdag gehört der Harzgau-Graf Friedrich, der ebenfalls kein Bruder von ihm gewesen sein kann. Denn der Annalista Saxo berichtet über diesen zum Jahre 985 [54 Scriptores VI. Seite 633.]: Theodericus [von Haldensleben] et Ricdagus marchiones preclari obierunt [bis hierher nach den Annales Quedlinburgenses]. Hic Ricdagus cum sorore sua nomine Eilsuit construxitet fundavit cenobium, quod Gerbizstidi [= Gerbstedt] dicitur. Ubi eadem soro illius sanctimonialibus prefuit, ibique sepultus est ipse cum filio suo Karolo et plurimis de eadem cognatione. Graf Friedrich ist im Harzgau von 961-1000 urkundlich bezeugt, hat also im Jahre 985, in welchem Rikdag das Kloster Gerbstedt gründete und starb, noch gelebt. Wäre er ein Bruder Rikdags gewesen, so würde bei der Klostergründung seiner Mitwirkung oder wenigstens seines Konsenses gedacht worden sein.
Wir können mit ziemlicher Sicherheit sagen, daß das Geschlecht der Harzgau-Grafen in der voraufgehenden Generation nur auf vier Augen stand. Durch Urkunde vom 11. Juni 945 [55 D O I 69.] verlieh OTTO I. quibusdam nostri fidelis vasalli Fridurici filiis, Folcmaro videlicet et Richberto, vier Ortschaften inter Sclavos prope fluvium Fona vocatum [= Fuhne] in pago Serimuntilante nuncupato in comitatu Christiani comitis. Zwar kommt es durchaus vor, daß bei einer Schenkung nur einer von mehreren Brüdern bedacht wird; wenn sie aber an mehrere Brüder geht, dann geht sie in der Regel an alle (soweit sie nicht geistlich geworden waren). Danach müssen Dietrich (der Vater Dedis I.), Rikdag(der Markgraf) und Friedrich (vom Harzgau) von den beiden Brüdern Volkmar und Rikbert abstammen; und da Rikdag der Vetter der beiden anderen ist, müssen diese selbst Brüder sein. Die engere Verwandtschaft von Dietrich und Friedrich - ohnehin vielleicht aus der analogen Bildung ihrer eigenen Namen zu folgern - zeigt es deutlich bei der weiteren Namengebung der WETTINER, während Friedrich Ahnennamen gab, eine Gegenprobe also nicht möglich ist. Bei den WETTINERN trägt zwar ein Urenkel Dietrichs den Namen Rikdag, aber er ist der einzige geblieben. Friedrich ist dagegen der bei ihnen am häufigsten vegebene Vorname. Ihn trägt bereits Dietrichs Sohn Friedrich von Eilenburg, dann ein Enkel seines anderen Sohnes Dedi I. Die wettinische Seitenlinie Brehna wurde von Friedrich I. und Friedrich II. eröffnet. In der Hauptlinie Meißen begegnen Friedrich genannt Clem, sein Neffe Friedrich Tuta, sein Großneffe Friedrich der Freidige, der seinerseits zwei Söhne, zwei Enkel, drei Urenkel und zahlreiche weitere Nachkommen namens Friedrich hatte, die man nur noch durch ihre in das Buch der Geschichte eingeschriebenen Beinamen unterscheiden kann und von denen wenigstens Luthers Protektor Friedrich der Weise ausdrücklich genannt sei.
Daneben steht, wie schon früher bemerkt, kein einziger Burchard. Schon für sich allein genommen, ein triftiger Grund, die WETTINER nicht auf die Burcharde, sondern auf die Friedriche zurückzuführen!
Nicht gelöst ist mit der bisherigen Argumentation die Frage, ob Friedrich (vom Harzgau) und Dietrich (der Vater Dedis I.) Söhne Rikberts gewesen sind und Markgraf Rikdag ein Sohn Volkmars war, oder umgekehrt. Daß der gemeinsame Großvater Friedrich hieß, hilft nicht weiter.  Leider ist auch das Namensmaterial, das von der nächstjüngeren Generation beigesteuert wird, nicht so eindeutig, wie man wünschen möchte.
Markgraf Rikdag, am 22. Oktober 973 advocatus des Erzbistums Magdeburg [56 D O II. 64.], 979-985 Markgraf von Meißen [57 Kurze, Die Grafen des Schwabengaus, Seite 10.], 31. Januar 982 (Beurkundung 983) Graf in Dalaminza und im Scuntiza [58 D O II. 271.], 28. Januar 985 Graf im Süden des Schwabengaus [59 D O III 7.], + 985 [54 Scriptores VI. Seite 633.], wohl Gründer von Rihdagesrot = Ritzgerode nordöstlich Wippra im Schwabengau, hatte außer der schon erwähnten Schwester Eilsvit, Äbtissin von Gerbstaedt, anscheinend keine Geschwister. Seine Tochter (Oda) war eine Zeit lang mit Herzog Boleslaw von Polen verheiratet [60 Posse, Die Wettiner (1897) Tafel 1.]; seine Tochter Gerburg starb am 30. Oktober 1022 als Äbtissin von Quedlinburg [61 Posse, ebd.]; sein Sohn Karl ist am 6. Janaur 1014 als Inhaber der väterlichen Grafschaft im südlichen Schwabengau bezeugt [62 D O III 81.], wurde gegen 1010 abgesetzt und starb am 28. April 1014 [63 Thietmar VII 3.]. Vermutlich ist auch der jüngere Rikdag, ca. 990-1005 Abt von St. Johannes vor Maggdeburg, +  1026  als Abt von St. Michaelis zu Lüneburg [64 Annales Magdeburgenses.], ein Sohn oder Enkel des gleichnamigen Markgrafen. Aus den Namen dieser Nachkommen ergibt sich nichts für die Beantwortung der Frage, ob der Markgraf ein Sohn des Rikbert oder ein solcher des Volkmar war.
In der wettinischen Nachkommenschaft seines Vetters Dietrich kommt zwar, wie bereits ausgeführt, einmal der Name Rikdag und ungemein häufig der Name Friedrich, niemals jedoch der Name Rikbert oder Volkmar vor.
Beide Ahnennamen kehren jedoch bei den Harzgau-Grafen wieder: Am 15. April 1003 lag Elisenaburc [= Ilsenburg] in pago Hardegouue et in comitatu Richperti [65 D H II 46.], am 3. September 1009 werden Darneburc [= Derenburg], Badfeldun [= Bodfeld] und Rediborun [= Reddeber] in pago Harthega in comitatu Ipponis comitis genannt, während Anfang April 1006 Burnaccherun [= Börnecke Kr. Blankenburg] als in pago Bardaga [lies: Hardaga] et in comitatu Folcmari comitis gelegen [67 D H II 110.] bezeugt werden. Dieser jüngere Graf Volkmar fiel am 1. September 1015 gegen die Polen [68 Thietmar VII 21; Necrolgium Merseburgenses.]. Wie Poppo die Koseform von Volkmar, so wird Ippo eine solche von Rikbert sein; jedenfalls kann man sich Poppo und Ippo gut als Brüder vorstellen. Aber auch wenn wir die Ippo-Urkunden vom 3. September 1009 beiseitelassen, ergeben die beiden älteren, daß  am 15. April 1003 der Westen der Harzgau-Grafschaft einem Grafen Rikbert und im April 1006 der Osten einem Grafen Volkmar unterstand, die offenbar an die Stelle des von 961-1000 über den ganzen Harzgau waltenden Grafen Friedrich getreten waren und deshalb als seine Söhne angesprochen werden dürfen. Denn wäre nur einer von ihnen ein Sohn, der andere aber ein Neffe Graf Friedrichs gewesen, so würde dieser von jenem im Erbe ausgeschlossen wordens ein. Die beiden im ersten Jahrzehnt des 11. Jahrhunderts amtierenden Harzgau-Grafen tragen also die gleichen Namen wie die beiden harzgauzischen Brüder von 945. Kurze und Posse, die nur von der Nachfolge des jüngeren Rikbert im Harzgau wußten [69 Kurze, Die Grafen des Schwabengaus, Seite 11f., Geschichte der sächsischen Pfalzzgrafschaft, Seite 319f.; Posse, Die Wettiner, Seite 39.], folgerten (an sich logisch) daraus, daß dessen Vorgänger Friedrich offenbar ein Sohn des älteren Rikbert sei und daß demnach Rikdag ein Sohn des (älteren) Volkmar gewesen sein müsse. Da aber Friedrich außer dem Sohn Rikbert auch einen Sohn Volkmar hatte, ist es mit diesem Schlusse nichts, und wir stehen wieder am Ausgangspunkt.
Unter diesen Umständen ist keine volle Sicherheit zu gewinnen. Wir werden aber Rikdag eher als Sohn Rikberts anzusetzen haben, da beide Namen zusammengehören und auch in früheren Generationen als diejenigen von Vater und Sohn vorkommen; es liegt näher, daß der Name des Vaters als daß der des Vatersbruder variiert wird [70 Vgl. oben Seite 12.].  Umgekehrt besagt es nicht allzuviel, daß unter Friedrichs Söhnen wieder ein Rikbert auftaucht, da es sich um einen angestammten Familiennamen handelt. Der Name Volkmar ist dagegen weder in der Zwischengeneration noch in früherenn Generationen des Geschlechtes nachzuweisen, wird sich daher am ehesten als Wiederholung des großväterlichen Namens begreifen lassen. Bis zum positiven Beweis des Gegenteils glaube ich daher Rikdag als Sohn Rikberts, andererseits Friedrich und Dietrich als Söhne Volkmars ansetzen zu sollen.
Thietmar von Merseburg V 3 berichtet, sein eigener patruus, das heißt Markgraf Liuthar, sei nach dem Tode OTTOS III. 1002 cum avunculo suo Ricberto, quem a comitatu sio imperator [OTTO III.] deposuit Liudgeroque, Arnulfi presulis [von Halberstadt] militi, dedit, zu HEINRICH II. nach Bamberg geeilt und habe von diesem die Zusage auf Rückerstattung und Vergrößerung seines Lehens erhalten. Bei der Interpretation dieser Stellle hat Kurze eine schauderhafte Verwirrung angerichtet, indem er argumentierte [71 Geschichte der  sächsischen Pfalzgrafschaft, Seite 314.]:
"Hatte ihm [das heißt Rikbert] OTTO III. seine Grafschaft genommen, so war dies noch bei Lebzeiten des Pfalzgrafen Friedrich geschehen, der erst nach OTTOS Tode starb [denn die sächsischen Großen samt palatino comite Fritherico huldigten HEINRICH II. am 25. Juli 1002], also zu einer Zeit, wo Rikbert die Grafschaft im Harzgau noch gar nicht haben konnte. Die Grafschaft, die ihm von OTTO III. genommen wurde, war mithin eine ganz andere, und es kann demanch auch nicht davon die Rede sein, daß, wie Wersebe und auch Hirsch es auffassen, Rikbert, der 1003 als Graf im Harzgau auftritt, von HEINRICH seine alte Grafschaft wiedererhalten habe, sondern er muß ... mit der unterdessen frei gewordenen Grafschaft seines Oheims Friedrich entschädigt worden sein."
Diese ganze Deduktion Kurzes fußt auf seiner Behauptung, der Pfalzgraf Friedrich (995-1003) sei mit dem Harzgaugrafen Friedrich (961-1000) identisch; eine Behauptung, für die er schlechterdings nichts anzuführen weiß, als daß die beiden gleichzeitig gelebt haben [72 Ebd. Seite 310.]. Die Gleichzeitigkeit war aber nur eine partielle: Die zitierte Thietmar-Stelle beweist so deutlich, wie nur möglich, daß der Harzgau-Graf Friedrich, bevor OTTO III. am 23. Januar 1002 starb, beerbt worden ist, während der Pfalzgraf Friedrich am 25. Juli 1002 noch gelebt hat.
Der Pfalzgraf ließe sich mit dem comes Fridericus gleichsetzen, zu dessen Grafschaft in pago Norththuringe die villa Dutonthorp [= Dodendorf ssw. Magdeburg] am 20. Oktober 977 gehörte, zugleich mit dem advocatus Fridericus des Erzbistums Magdeburg, der am 10. Mai 978 genannt wird [73 DD O II 168 und 177.]. In dieser Doppelfunktion dürfte Friedrich den 973 als Magdeburger Vogt bezeugten Grafen Rikdag abgelöst haben, der nach der höchstwahrscheinlich 976 erfolgten Absetzung des Markgrafen Gunther die Markgrafschaft übernahm [74 Vgl. auch Robert Holtzmann, Sachsen und Anhalt VIII (1932) Seite 108ff., insbesondere Anm. 4 und 6-8.]. Friedrich wird also der älteste Sohn Rikdags sein und nach dessen Großvater heißen.
Der Harzgau-Graf aber wird zuletzt bei der Vergabung von Miniszlawo [= Minsleben] und Rediburo [= Reddeber] in pago Hartegouwe ac comitatu Friderici comitis an Halberstadt [75 D O III 353.] in undatierter Urkunde genannt, die Stumpf auf 1000-1002 ansetzte, die aber wegen der von OTTO III. im Jahre 1000 gebrauchten Selbstbezeichnung als servus Iesu Christi (die 1001 durch die Bezeichnung apostolorum servus abgelöst wurde) unzweifelhaft ins Jahr 1000 gehört und höchstwahrscheinlich am 31. März des Jahres 1000 zu Quedlinburg ausgestellt worden ist. Daß Rikbert der Jüngere eben diese Grafschaft vorübergehend verloren hatte, wird nicht nur durch die Aufteilung der Gesamtgrafschaft im Harzgau zwischen ihm und seinem Bruder Volkmar deutlich, sondern ergibt sich auch daraus, daß der miles Arnulfi presulis Liudger, den OTTO III. an seine Stelle gesetzt hatte, später, offenbar nach Rikberts Tode, wieder als Graf im westlichen Harzgau erscheint. Sowohl eine (wohl Anfang Oktober) 1022 zu Merseburg ausgestellte [76 D H II 452.] wie eine am 5. Dezember 1022 zu Grone geschriebene Urkunde [77 D H II 480.] bezeichnen Hadeburun bzw. Hatheburun [=  Heudeber] als in pago Hardego in comitatu Liudgeri comitis situm.
Nach Thietmar V 3 war der jüngere Rikbert ein avunculus Markgraf Liuthars, also ein Bruder oder Vetter von dessen Mutter (und Thietmars eigener Großmutter) Mathilde. Diese hatte eine Schwester Emnilde; denn nach Thietmar IV 16 ließ Thietmars Vater den Sohn in Quidlingeburg apud suam materteram nomine Emnildam erziehen. Die Quedlinburger Annalen vermelden, daß Emnild filia Brunonis gestorben sei. Dieser Brun war also auch der Vater Mathildes, dies um so gewisser, als Thietmar einen Bruder Brun (+  1049 als Bischof von Verden) und einen Bruder Friedrich (Burggraf von Magdeburg) hatte, deren Namen sonst in seiner Verwandtschaft nicht nachzuweisen sind. Gegen die Identifizierung Bruns mit dem gleichnamigen Arneburger Grafen könnte Thietmars Notiz zum 30. November 978 [78 Chronik II 8; vgl. R. Schölkopf, a.a.O. Seite 87f.] ins Feld geführt werden, daß auf dem Kriegszug gegen König Lothar Brun, comes Harneburggiensis, miles per cuncta laudabilis, den Tod gefunden habe. Thietmar hat also nicht darauf hingewiesen, daß es sich um seinen eigenen Urgroßvater handelt, obwohl er sich solche Bemerkungen im allgemeinen nicht entgehen läßt. Aber das hohe Lob "ein in jeder Weise preiswürdiger Ritter" deutet doch wohl auf eine persönliche Beziehung. Es ist jedoch letztlich für uns ohne Belang, ob auch Thietmar von Merseburg von dem Arneburger Grafen abstammte oder ob seine Großmutter Mathilde nur eine Halbschwester der Brun-Tochter Emnilde war. Wohl aber ist wichtig für uns, daß laut einer oben bereits angeführten Urkunde [80 D H II 111. - Vgl. oben Seite 69.] vom 7. April 1006 HEINRICH II. 100 Hufen samt der Hälfte von Arneburg de Ziazone, clerico nostro, filio Brunonis comitis, 60 Hufen samt der anderen Hälfte von Arneburg ab Unecone comite eintauschte, um sie an das Erzbistum Magdeburg zu schenken. Graf Uniko könnte ebenfalls ein Sohn oder auch ein Schwiegersohn von Brun sein. Seine Grafschaft griff in den Nordwestzipfel des Harzgaus hinüber, wo am 12. November 996 Wendilburgoroth [= Wülperode] als in ihr gelegen bezeichnet wird [81 D O III 183.], lag aber zur Hauptsache im angrenzenden Laragau, woselbst am 16. August 1010 VVerela [= Werla] in comitatu Vniconis comitiserscheint [82 D H II 222.], vielleicht auch im Ostfalen- und Derlingau. Noch in einer in Wallhhausen am 25. Dezember 1005 oder 1006 für Hersfeld ausgestellten Privaturkunde wird VVnico comes als Zeuge genannt [83 UB der Reichsabtei Hersfeld I, 1 (1936) 77.]. Daß Ziazo, das heißt HEINRICHS II. Kaplan Dietrich, ein Sohn des Grafn Brun von Arneburg war, wird durch die oben zitierte Urkunde vom 7. August 1006 und die dieser vorausgegangene Tauschurkunde [84 D H II. 110. - Vgl. oben Seite 69.] unmittelbar bezeugt. Man kann es unmöglich als Zufall abtun, daß Brun einen seiner Söhne Dietrich nannte und daß für diesen, wie für Dietrichs Sohn Dedi I. die sonst nirgends nachweisbare Koseform Ziazo erscheint. Bruns Frau Frederuna [85 Vgl. Siegfried Hirsch, Jahrbücher des Deutschen Reichs unter Heinrich II., I (1882) Seite 456.] war offfenbar eine Schwester Friedrichs und Dietrichs, das heißt ihre Tochter Mathilde war eine Base von Friedrichs Sohn Rikbert, der daher mit Recht als avunculus von Mathildes Sohn Markgraf Liuthar bezeichnet werden konnte.
Daß hier ständig Frauennnamen auftauchen, die wir aus der Verwandtschaft der Königin Mathilde kennen - außer Mathilde selbst noch Bia, Frederuna, Oda, Gerburg - deutet auf eine genealogische Beziehung zum Königshaus; aber welcher Art sie war, vermochte ich nicht zu ermitteln.
Zum Trost der über die WETTINER arbeitenden oder von ihnen abstammmenden Familienforschern - zu letzteren gehören auch der Bewidmete und der Verfasser dieses Beitrags - sei angefügt, daß die wettinischen Ahnenreihe durch die Eliminierung der 'BUCCONEN' durchaus nicht kürzer geworden ist. Denn mit dem jetzt als vorläufigen Spitzenahnen nachgewiesenen vasallus OTTOS I., Fridericus, dem Vater der 945 genannten älteren Brüder, stehen wir keineswegs schon am Ende der genealogischen Möglichkeiten. Allerdings werden wir es kaum auf diesen Friedrich zu beziehen haben, wenn HEINRICH I. am 13. April 928 Besitz in Enchoua und in Mengide gelegen in comitatu Friderici verschenkt [86 D H I 18. - Ungeklärt, wie sie nach Quedlinburg kam.]; da die Urkunde in Dortmund ausgestelllt ist, wird man an Mengede bei Castrop-Rauxel, nicht aber an Orte im Harzgau  (wie Kurze wollte) zu denken haben. Sicher mit unserem Harzgau-Grafen haben wir es dagegen zu tun, wenn OTTO I. am 21. Oktobber 937 erklärt, daß er rogatu Friderici fidelis nostri cuidam nobili matronae nomine Biae, ipsius videlicet matri, seinen gesamten Besitz in Gereslevo [= Giersleben] in pago Svevia in comitatu Crhistani geschenkt habe.
Hier haben wir außerordentlich frühen Allodialbesitz im Schwabengau, der nach dem Tode Bias an ihren Sohn Friedrich und dann an dessen Nachfahren gefallen sein wird. Er erklärt vollauf, wieso man die wettinischen Nachkommen Friedrichs als Nordschwaben ansah. Ganz zu schweigen davon, daß deren agnatus Rikdag, Friedrichs Enkel, mit der Grafschaft im südlichen Schwabengau (die er an seinen Sohn Karl vererbte) diejenige im nördlichen Hassegau verband (in welcher seine Klostergründung Gerbstedt liegt), die nach einer kurzen Zwischenregierung Bios - vielleicht eines der Ahnmutter Bia nachbenannten weiteren Sohnes von Rikdag - an Dedi I. (von Wettin) verliehen wurde.
Die Ahnfrau Bia kommt bereits in der spätestens 882 abgeschlossenen Vita Liutbirgae [88 Ottokar Menzel, Das Leben der Liutburg (1937) Seite 40f. - Vgl. auch Menzel, Sachsen und Anhalt XIII (1937) Seite 78ff.; Walther Grosse, ebd. XVI (1940) Seite 45 ff.] vor. Dort lesen wir in c. 35: Quidam ergo comes, nomine Friderich, in eadem villa [Wendhausen im Harzgau südlich Quedlinburg] domum simul cumm fratre suo, similiter comite, nomine Adalgar, habens. Cuius praenominati [das heißt Friedrichs] uxor, nome Pia, wird von Liutbirg aufgefordert, für das Seelenheil ihrer Mutter zu beten, und erfährt am dritten Tage danach, daß diese zur gleichen Stunde gestorben ist. Da Liutburg zur Zeit Ludwigs des Jüngeren (876-882) ihr Leben beschloß, kann der Tod von Bias Mutter etwa in die Jahre 875/80 gesetzt werden, zumal ihr Schwager Graf Adalger am 6. Juli 889 als Graf im Liesgau bezeugt ist [89 D Arn 55.].
In Bias Ehegatten Graf Friedrich haben wir ohne Zweifel den vor 21. Oktober 937 verstorbenen Vater des 937 und 945 genannten Friedrich vor uns. Kann die Stammfolge bis hierher als gesichert gelten, so sind wir für die voraufgehenden Generationen auf Vermutungen angewiesen. Wegen der Beziehung zu Wendhausen und zu der dort lebenden Klausnerin Liutbirga wird man geneigt sein, an kognatische Verwandtschaft mit dem Geschlecht der älteren Harzgrafen zu denken, deren Ahnherr Unwan eine Tochter des bekannten Grafen Hessi zur Frau hatte. Außer deren eigenen Namen Gisla sind uns die Namen ihrer Töchter Bilihild (Äbtissin von Wendhausen) und Hruothild (Äbtissin von Karsbach), sowie ihres Sohnes Bernhard, seiner beiden Frauen und seiner acht Kinder bekannt [90 Vita Liutburgae, c. 1 und 2.]. Eine Bia ist nicht darunter. Da die Nachricht vom Tode ihrer Mutter am dritten Tage danach bei ihr eintraf, wird man weder die am gleichen Ort lebende Bilihild noch die im weit entfernten Karsbach am Main amtierende Hruothild für diese Mutter halten können, obwohl beide, ehe sie Äbtissinnen wurden, verheiratet waren [91 Ebd. c. 2. - Vgl. auch Sabine Krüger, Studien zur Sächsischen Grafschaftsversammlung (1950) Seite 84ff.].
Eine andere Lösung wäre, Friedrichs Mutter für eine weitere Tochter von Unwan und Gisla zu halten, und hier böte sich wegen ihres analog gebildeten Namens jene Imhild an, die wir als Mutter der Äbtissin Rikburg von Lamspringe (seit 873) und Ehefrau des Grafen Rikdag kennen [92 Vgl. ebd. Seite 72ff.]. Graf Rikdag, 833 und 873 urkundlich genannt [93 D LdF (BM² 891) = R. Wilmans, Die Kaiserurkunden der Provinz Westfalen I (1867) 12; D LdD 150.], war unter anderem im Ostfalengau und Lisgau begütert [94 Vgl. Sabine Krüger, a.a.O. Seite 52f. und 72ff; Ruth Schölkopf, Die Sächsischen Grafen (1957) Seite 83ff.], könnte also sehr wohl der Vater der Grafen Adalger und Friedrich gewesen sein, von denen Adalger als Graf im Lisgau nachgewiesen ist, Friedrich aber einen Enkel Rikbert und einen Urenkel Rikdag hatte.
Als Graf Rikdags Vater endlich dürfen wir jenen Grafen Rikbert ansprechen, der Besitz im Derlingau hatte und der zu den frühesten Wohltätern des 822 gegründeten Klosters Corvey gehörte [95 Vgl. Sabine Krüger, a.a.O. Seite 52 und 55.]. Wieweit die in der Folgezeit im niedersächsischen Raum begegnenden [96 Beispiele bei Edmund Freiherr von Uslar-Gleichen, Das Geschlecht Wittekinds des Großen und die Immedinger (1902) Seite 17-22.] Träger der Namen Rikbert und Rikdag Agnaten oder Kognaten der hier behandelten sein könnten, muß unerörtert bleiben.
Was die älteren Leitnamen angeht, so ist Rikdag aller Wahrscheinlichkeit nach eine cheruskische Bildung [97 Edw. Schröder, Niedersächsisches Jahrbuch X (1933); Siegfried Gutenbrunner, Zeitschrift für Mundartforschung XI (1935); Wilhelm Müller, Westfalen XXXII (1954) Seite 129-132.]. Da er, wenn wir uns in der Zuordnung nicht geirrt haben, nicht weniger als vier Sprossen des Geschlechts gegeben wurde, so haben wir dessen Ursprünge eher im cheruskischen Siedlungsgebiet als im Schwabengau zu suchen. Rilkbert und Rikburg, andererseits Friedrich und Dietrich sind Variationsformen von Rikdag, können also in die Frühzeit des Geschlechts zurückreichen. Einen Dietrich finden wir erst in der sechsten bekannten Generation; aber Rikdag I. und Friedrich II. können ohne weiteres Brüder namens Dietrich gehabt haben, von denen oder von deren Zugehörigkeit wir zufällig nichts wissen. Bis auf einen sind alle diese Namen wieder erloschen. Rikbert stirbt nach dreimaliger Vergebung, vor 1002 aus. Dietrich erhält sich in direkter Nachbenennung [98 Spätere Wiederaufnahme (zum Beispiel Dedo, geboren 9. Mai 1922) muß hier außer Betracht bleiben.] bis auf den 1285 gestorbenen Dietrich den Weisen, der keine Enkelkinder hatte. Friedrich ist und bleibt der beliebteste Leitname der WETTINER wie der GOSECKER und wird im sächsischen Königshaus noch heute geführt.