Pätzold Stefan: Seite 16-22
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"Die frühen Wettiner. Adelsfamilie und Hausüberlieferung bis 1221"

Dedo, der mit Friedrich, Thiemo, Gero, Konrad, Rikdag und Ida noch sechs Geschwister hatte, trat die Nachfolge seines Vaters an: Er übte die Grafenrechte im Hassegau und Siusli mit dem Gau Quezizi aus; für das Jahr 1046 ist auch als Graf im Schwabengau bezeugt. 1035 wurde er mit dem Schutz der Burg Werben betraut. Wie Dietrich II. vereinigte er einen großen Machtbereich unter seiner Kontrolle und war ebenso wie dieser auch in erster Ehe mit einer Frau aus einer angesehenen Familie verheiratet, nämlich mit Oda, der Tochter des 1030 verstorbenen Markgrafen Thietmar II. von der Ostmark und Witwe des Grafen Wilhelm III. von Weimar. Deren Sohn Wilhelm IV. wurde im Jahre 1046 als Nachfolger von Ekkehard II. Markgraf von Meißen. Im selben Jahr erlangte Dedo die Markgrafenwürde der Ostmark. Er war der erste WETTINER, welcher jenes Amt bekleidete, das die Grundlage für die weitere Entwicklung der Herrschaft dieser Familie in den späteren Jahrhunderten bildete.
Im Jahre 1046 wurde Dedo II. von König HEINRICH III. die Würde eines Markgrafen verliehen, die auch seine Nachkommen, allerdings mit Unterbrechungen, bis 1123 innehatten. Diese beiden Jahre, 1046 und 1123, markieren den Anfang und das Ende eines Zeitraumes, der für die frühen WETTINER in doppelter Hinsicht von Bedeutung war: Zum einen erfuhren Macht und Ansehen der Familie durch die Erlangung der Markgrafenwürde zunächst der Ostmark und etwas später auch der Mark Meißen, die seitdem die zentralen Räume innerhalb des wettinischen Herrschaftsbereiches bildeten, eine erhebliche Steigerung. Zum anderen setzte in der 2. Hälfte des 11. Jahrhunderts allmählich der Wandel der Verwandtengruppe zu einem Adelsgeschlecht ein. Beide Entwicklungen fanden vor dem Hintergrund der salischen Herrschaft im Reich statt, die im östlichen Sachsen von schweren Konflikten mit dem Adel überschattet war.
Die politische Haltung der WETTINER in diesen Auseinandersetzungen läßt sich nur teilweise ermitteln. Über den kinderlos gestorbenen Rikdag sind in diesem Zusammenhang keinerlei Aussagen möglich, ebensowenig wie über seinen Bruder Konrad, der mit Othilhilde, der Schwester Graf Dietrichs II. von Katlenburg, verheiratet war, und über seine Schwester Ida, die wohl Gemahlin des böhmischen Herzogs Spitihnew II. wurde. Für Thiemo und Gero gibt es nur einige Indizien. Lediglich das Verhalten Bischof Friedrichs von Münster und Markgraf Dedos II. sowie dessen zweiter Ehefrau Adela ist vergleichsweise deutlich erkennbar. Mit den Nachkommen von Dedo II., Gero und Thiemo, nämlich Dedo III., Heinrich I., Heinrich II., ferner Dietrich, Wilhelm und Günther sowie Dedo IV., waren auch Angehörige der 5. und 6. Generation beteiligt.
Dedo II. erhielt nach dem Bericht der Altaicher Annalen zum Jahr 1046 vom König als Nachfolger seines Schwagers Ekkehard II. zwei Markgrafschaften; allerdings findet sich dort kein Hinweis darauf, um welche Herrschaftsgebiete es sich dabei handelte. Da der Verfasser der Annalen jedoch ausdrücklich erwähnt, dass HEINRICH III. die Mark Meißen, die bis dahin ebenfalls vom EKKEHARDINGER verwaltet worden war, noch eine Weile seiner eigenen Kontrolle unterstellte, kommen nur die Ostmark und die mit ihr verbundene Landschaft Lusici, also die Nieder-Lausitz, in Betracht. Sie bildeten zwar in späterer Zeit eine Einheit, wurden aber in der Mitte des 11. Jahrhunderts, als sich die endgültige Struktur der ostsächsischen Marken noch nicht verfestigt hatte, als zwei voneinander getrennte Machtbereiche aufgefaßt.
Über Markgraf Dedos II. Anteil an den politischen Vorgängen der Jahre von 1046 bis 1068 liegen nur spärliche Nachrichten vor. So deutet zunächst allein die Erlangung der Ostmark darauf hin, dass er zumindest 1046 das Vertrauen HEINRICHS III. besaß. Im März 1062 ist er dann zum ersten Mal in der Umgebung HEINRICHS IV. nachweisbar, der damals noch unmündig war. Bei der nur wenig später unter maßgeblicher Beteiligung Erzbischof Annos von Köln stattfindenden Entführung des Königs von Kaiserswerth spielte der WETTINER jedoch allem Anschein nach keine Rolle. In einem Brief Bischof Gunthers von Bamberg an den Erzbischof, der wohl aus der Zeit nach diesen Ereignissen stammt und Maßnahmen der Gegner Annos erwähnt, wird Dedos Name genannt. Diese Erwähnung läßt erkennen, dass die Zeitgenossen von ihm eine Reaktion erwarteten, aber für eine Beurteilung seiner Haltung ist sie zu vage. Schließlich fand sich der WETTINER in den Jahren 1068 und 1069 dreimal am Hofe HEINRICHS IV. ein. Offenbar trat er als einer führenden Adligen des Markengebietes in Erscheinung, hatte allerdings unter den geistlichen und weltlichen Fürsten keine herausragende Stellung inne.
Noch vor dem Beginn der 1073 einsetzenden Erhebung des sächsischen Adels gegen HEINRICH IV. kam es jedoch 1069 zu einem bewaffneten Konflikt zwischen dem König und dem WETTINER, als dessen Ursache zeitgenössische Beobachter unterschiedliche Vorgänge ansahen. So berichtet Lampert von Hersfeld, dass Dedo II. unter dem Einfluß seiner Gattin Adela, die in erster Ehe mit dem Markgrafen von Meißen, Otto von Weimar-Orlamünde, verheiratet gewesen war, Anspruch auf Güter geltend machte, welche dieser von verschiedenen Herren zu Lehen getragen hatte. Der Versuch des WETTINERS, seinen Besitz zu erweitern, scheiterte freilich an der Weigerung der ehemaligen "domini" Ottos, zu denen wahrscheinlich auch der König gehörte, die entsprechenden Güter an den WETTINER auszutun. Daraufhin habe sich Dedo auf Drängen Adelas gegen den SALIER erhoben. Der Altaicher Annalist, der diese Aspekte nicht erwähnt, stellt Dedos Handeln in einen anderen politischen Zusammenhang. Er berichtet, dass der WETTINER und sein Schwiegersohn Adalbert von 12 fränkischen und sächsischen Fürsten zur Rebellion angestiftet worden sei, die sich gegen den König verschworen hätten. Auf ihre Motive geht er dabei nicht ein. Wahrscheinlich enthalten beide Passus jeweils zutreffende Nachrichten. So ist durchaus denkbar, dass der Anlaß für die Auseinandersetzungen der Streit mit den ehemaligen Lehnsherren Ottos von Weimar war, als Dedo II. versuchte, die Güter, darunter auch königliche, gewaltsam an sich zu bringen. Zugleich ist der Konflikt mit HEINRICH IV. aber auch vor dem Hintergrund der in den Altaicher Annalen vage angedeuteten Spannungen zwischen dem ostsächsischen Adel und dem SALIER zu sehen, über deren Ursachen dort zwar nichts gesagt wird, die aber entstanden sein könnten, weil sich die "principes" in der Ausdehnung ihrer Machtgrundlagen durch den König eingeschränkt fühlten.
Über den Verlauf der Kämpfe, die offenbar von Dedo begonnen wurden, ist nur wenig bekannt. Als Reaktion auf den Vorstoß des WETTINERS sammelte HEINRICH IV. ein Heer und führte es durch Thüringen nach Sachsen. Er eroberte die Burgen Scheidungen und Beichlingen, in die Dedo Besatzungen gelegt hatte, so dass der Markgraf schließlich die Aussichtslosigkeit seiner Lage erkannte und sich unterwarf. Die Folgen des Aufstandes waren für Dedo gravierend. Der SALIER ließ ihn gefangennehmen und zwang ihm zur Abtretung umfangreicher Güter. Überdies setzte er ihn wahrscheinlich auch ab und machte dessen Sohn Dedo III. zum Markgrafen der Ostmark. Dieser, der wie seine Schwestern Adelheid und Agnes aus Dedos II. erster Ehe mit Oda stammte, hatte sich mit seinem Vater zerstritten und unterstützte die Sache des SALIERS, bei dem er hohes Ansehen genoß. Der nach dem Urteil Lamperts begabte und ehrgeizige Hochadlige, welcher auch mit Herzog Otto von Northeim in enger Verbindung stand, hätte wohl bedeutenden Einfluß auf das Geschehen im östlichen Sachsen gewinnen können, wurde aber noch im selben Jahr ermordet. Daraufhin erhielt Dedo II. nach der Aussöhnung mit dem König das Markgrafenamt zurück. Der Versuch, die Grundlagen seiner Macht zu vergrößern, war jedoch am energischen Widerstand HEINRICHS IV. sowie am fehlenden Rückhalt im sächsischen Adel gescheitert. Der Markgraf hatte dabei die wettinische Herrschaft in große Gefahr gebracht und ihr schweren Schaden zugefügt.
Als sich im Jahre 1073 die Fürsten O-Sachsens gegen den SALIER erhoben, gehörten auch Dedo II. und Adela zu den führenden Persönlichkeiten. Im Sommer nahm der WETTINER sowohl in Goslar als auch in Hötensleben an den Beratungen des Adels teil. In Hötensleben beklagte er sich, dass ihm Güter "per iniuriam" entzogen worden seien, die ihm rechtmäßig zustanden. Damit meinte er wahrscheinlich diejenigen Besitzungen, die er 1069 an HEINRICH IV. hatte abtreten müssen. Ansonsten liegen keine weiteren Nachrichten über Dedos Motive vor. Sie dürften aber im allgemeinen den Klagen des sächsischen Adels entsprochen haben. Offenbar zählte er in diesem Konflikt - vielleicht unter dem Eindruck der Erfahrungen von 1069 - zu den gemäßigteren Fürsten, denn er bemühte sich in Goslar darum, den Zorn der Anwesenden auf den SALIER zu dämpfen. Auch gibt es keine Hinweise auf seine Teilnahme an den Kämpfen zwischen den verfeindeten Parteien. Als nach dem im Februar 1074 geschlossenen Frieden von Gerstungen die Kämpfe erneut aufflammten, hielt er sich ebenfalls vom Geschehen fern. Allem Anschein nach hatte er sich aus den Reihen der Königsgegner zurückgezogen. Darauf weist ferner die Tatsache hin, dass er im Auftrag HEINRICHS IV. für den Schutz des russischen Königs Izjaslaw sorgte, der 1075 in Sachsen weilte. Trotzdem mußte Dedo II. dem König seinen Sohn Heinrich als Geisel stellen. Ein echtes Vertrauensverhältnis bestand zwischen Dedo II. und HEINRICH also offenbar nicht mehr. Nach längerer Krankheit, die gleichfalls zur politischen Zurückhaltung des WETTINERS beigetragen haben mag, starb Dedo II. im Jahre 1075. Das Markgrafenamt übertrug daraufhin nicht dessen minderjährigem Sohn Heinrich, sondern dem Herzog von Böhmen.