Lüpke Siegfried:
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"Die Markgrafen der Sächsischen Ostmarken in der Zeit von Gero bis zum Beginn des Investiturstreites (940-1075)"

Bei Ekkehards Tode 1046 war eine Verebung der Lehen nicht möglich, da weder er noch sein Bruder Hermann Kinder hatte. So kam Meißen an das Haus WEIMAR, während die Ostmark mit der Lausitz den WETTINERN gegeben wurde, als deren erster Vertreter Dedi (1046-1075), des ermordeten Grafen Dietrich zweiter Sohn, sie 1046 erhielt. Von Dedis Gauen werden Susilin (oder Susseli), Niciza, der Schwabengau und der Hassegau genannt. Aber auch die Gaue Serimunt und Lusizi müssen zu seiner Mark gehört haben, da sie unter Dedis Vorgängern dazu gehörten und es nicht möglich ist, für Dedis Amtszeit dort andere Markgrafen nachzuweisen. Der Pfalzgraf Dedi hat seine Grafschaft im Hassegau neben dem Markgrafen Dedi wie unter Ekkehard II. Über Dedis Verhältnis zu HEINRICH III.ist wenig bekannt, da die Zahl der Quellen aus dieser Zeit gering ist. Das Eivernehmen zwischen dem Kaiser und seinem Markgrafen erscheint nirgends getrübt. War schon Dedisfriedlicher Sinn nicht zu Unruhen geneigt, so gab ihm der Kaiser seinerseits keinen Anlaß zur Unzufriedenheit, da HEINRICH III. sich ähnlich wie sein Vater der kleineren Fürsten als Stütze gegen die Herzöge bediente. Auch nach des Kaisers Tode änderte sich Dedis Verhältnis zur Reichsregierung, also nunmehr zur Regentin Agnes, nicht. Sicher war er nicht unter denen, die auf eine Beseitigung der weiblichen Herrschaft hinarbeiteten. Er wurde im Gegenteil für verdächtig gehalten, zum Anhang der Kaiserin zu gehören. Dafür ist der Brief Gunthers von Bamberg an Anno von Köln Beweis genug. In dieser Verbindung ist es verständlich, dass Anno die Wahl des Dompropstes Friedrich, Dedis Bruder, zum Magdeburger Erzbischof vereitelte. Allerdings mag Annos Bestreben, Verwandte und Freunde (in diesem Falle seinen eigenen Bruder Werner) in einflußreiche Stellen zu bringen, dabei ebenfalls eine Rolle gespielt zu haben. Jedoch scheint sich Dedi im Laufe des Jahres mit Annos gewalttätiger Handlungsweise ausgesöhnt zu haben, denn 1068 tritt er urkundlich als Fürsprecher für des Kölners Abtei Siegburg auf. Die Beziehungen zum jungen König HEINRICH IV. waren bis 1069 so ungetrübt wie zu seinen Eltern. Aus Dedis Stellungsnahme ist überall deutlich ersichtlich, dass er keinerlei Ehrgeiz besaß, an den politischen Fragen des Reiches tätigen Anteil zu nehmen, geschweige denn bestimmend in die Verhältnisse einzugreifen, oder gar an führender Stelle zu stehen. Auch im Thüringer Zehntstreit wird eine Parteinahme Dedis nicht deutlich: er erscheint lediglich als Zeuge in den Schlichtungsverhandlungen. Immerhin wäre bei diesem Ereignis noch eine andere Deutung möglich. Man könnte in der Tatsache, dass er in den Verhandlungen überhaupt auftrat (wenn auch offenbar noch ohne Parteinahme) ein Anzeichen für seine durch Adela wachgerufene Teilnahme an den Thüringer Verhältnissen erblicken. Denn Adela, die Witwe des Markgrafen Otto von Orlamünde und Dedis zweite Gemahlin, eine Frau, deren Ehrgeiz wir kennen, hat die letzten Lebensjahre ihres zweiten Mannes stark, aber zu seinem Nachteil beeinflußt. Es ist daher nicht ausgeschlossen, dass hier bereits ihr Einfluß spürbar wurde, denn ihr erster Mann hatte den ärgerlichen Zehntstreit erst erregt und war auch durch seine Herkunft mit Thüringen eng verbunden gewesen. Recht spürbar wurde Adelas Einfluß aber erst im folgenden Jahre (1069) und das um so deutlicher, als Dedis Verhältnis zu HEINRICH IV. noch 1068 das denkbar beste war, wie die Zeugnisse ihres Beisammenseins beweisen. Nach kurzer Zeit aber hatte Adela vermocht, dass ihr Gemahl sich den unzufriedenen Sachsen anschloß, törichterweise sich sogar als Friedensbrecher gebrauchen ließ. Unter den zwölf Verschworenen wagten nur Dedi und Graf Adalbert von Ballenstedt mit Waffengewalt gegen HEINRICH IV. aufzutreten. Der Markgraf nahm die Burg Scheidungen an der Unstrut, die dem Bischof von Bamberg gehörte, in Besitz, während Adalbert die Abtei Nienburg an der Saale mit Beschlag belegte. Als Antwort eroberte der König Dedis Burg Beichlingen in Thüringen und verbrannte sie. Darauf eroberte er auch Scheidungen zurück. Adalbert gab Nienburg freiwillig wieder auf. Von den anderen Verschwörern im Stich gelassen, unterwarfen sich die beiden Empörer und wurden für kurze Zeit in Haft gehalten. Erst nachdem sie einen beträchtlichen Teil ihrer Eigengüter abgetreten hatten, erlangten sie die königliche Gnade und ihre Freiheit wieder. Dedi aber verlor überdies seine Mark. Das Ziel dieser Empörung ist nach Lamperts ausdrücklicher Aussage ebenso wie nach der Richtung des Vorstoßes klar: Dedi trachtete nach den thüringischen Lehen Ottos von Orlamünde. Der Versuch schlug gänzlich fehl, statt Gewinn trug er Verlust ein .
Diese Handlung und ihre Folgen sind bemerkenswert für die Stellung des Markgrafen zum König. Obwohl es im Reiche und besonders in Sachsen eine Anzahl Unzufriedener gab, wagten sie dennoch keine Unterstützung der von ihnen selbst ermutigten Aufrührer, als der König eingriff. Und es ist bedeutsam, dass HEINRICH IV. durch wenige kräftige Schläge sein Ansehen in Sachsen völlig wieder herzustellen vermochte. Ja er konnte noch weiter gehen; er konnte die Empörer durch Schmälerung ihres Eigengutes empfindlich strafen und, was hier am meisten ins Gewicht fällt, Dedi wurde besonders gestraft durch den Verlust der Mark, die seinem ältesten Sohne gleichen Namens übertragen wurde. Zwar erfuhren diese Maßnahmen durch die Aussöhnung des älteren Dedi mit HEINRICH IV. und vor allem durch die Rückgabe der Mark an ihn nach der Ermordung seines Sohnes (vor Dezember 1069) eine wesentliche Milderung, aber Tatsache ist, dass der Wille des Königs sich zunächst voll durchsetzen konnte. Die Ostmark war noch fest in HEINRICHS Hand. Danach scheint sich Dedi mit HEINRICH ausgesöhnt zu haben. Freilich als 1073 der Unmut der Sachsen sich in einem Aufstand Luft machte, war auch Dedi am 29. Juni in Goslar unter den Unzufriedenen. Er wird auch unter den Klägern in Wormsleben genannt, wo er die Entziehung einiger Güter - er meint wohl die 1069 erfolgte Bestrafung - gegen HEINRICH IV. erwähnt. Gregor VII. nennt ihn zu Eingang seines Briefes, den er Ende 1073 an die Sachsen richtete, und zählt ihn offenbar zu den Führern des Aufstandes. Aber damit hatte der Papst sicher unrecht. Wenn Dedi gewiß zu den angesehensten Fürsten gehörte, zu den Treibern des Volkes gegen den König kann er nicht gerechnet werden. Dagegen spricht schon seine Stellungsnahme in Goslar. Dort ist er der einzige, der die erhitzten Gemüter zu besänftigen und von voreiligen Schritten zurückzuhalten sucht. Ob er Anfang August vor der Harzburg war, ist nicht einmal gewiß. Er wird überhaupt nicht erwähnt. Also ist er vermutlich nicht gegen den König hervorgetreten. Wahrscheinlich war er gar nicht anwesend, und hat sich an feindseligen Handlungen gegen HEINRICH IV. nicht beteiligt. Um so eher wird er zu Gerstungen bereit gewesen sein, den Frieden zu bekräftigen, zumal den Wünschen der Sachsen stattgegeben wurde. Der Hersfelder Mönch versichert uns außerdem ausdrücklich, dass Dedi seitdem nichts mehr gegen den König unternommen habe, sondern ihn bis zu seinem Tode treu geblieben sei. Und wenn HEINRICH den russischen Großfürsten Isjaslav auf dessen Reise durch Deutschland Dedis Führung und Obhut anvertraute, so ist darin ein Beweis königlichen Vertrauens zu sehen. Zwar verlangte HEINRICH IV. bei dem Sachsenaufstand von 1075 Dedis ältesten Sohn als Geisel, wobei aber offen bleiben muß, wieweit darin eine Handlung des Mißtrauens gegen den Markgrafen zu sehen ist.
Es bleibt noch übrig, über die Vergebung der Mark nach Dedis Tod zu reden. HEINRICH IV. ging hier von der Erbfolge ab und gab die Mark den treuen Böhmen-Herzog Wratislav. Dedis Sohn Heinrich, der später Heinrich von Eilenburg heißt, blieb weiter in Haft. Die Gründe für des Königs Handlungsweise sieht man am wahrscheinlichsten in Folgendem. Bei Heinrichs Jugend (er kann höchstens fünf bis sechs Jahre alt gewesen sein) wäre Adela auf eine Reihe von Jahren die tatsächliche Beherrscherin der Ostmark geworden. Das konnte der König um so weniger zulassen, als auch die anderen Markgrafen des Ostens - vor allem Ekbert II. von Meißen, Adelas Schwiegersohn - zu seinen Gegnern gehörten. So wollte er sich wohl in der Person des Böhmen-Herzogs wenigstens eine zuverlässige Stütze an der Ostgrenze schaffen. Wenn er bei dieser Nichtbeachtung des Erbrechtes seinen persönlichen Vorteil ebenso wie den der Mark und des Reiches wahrte, so zeigt doch Lamperts entrüstete Bemerkung, dass der König Dedis und Adelas Sohne, dem er nach der Erbfolge die Mark schuldete, sie ihm nicht gegeben habe, obwohl Dedi seit dem Frieden von Gerstungen dem König in unverbrüchlicher Treue ergeben sei, wie tief die Vorstellung dieses Rechtes im Bewußtsein des Volkes wurzelte. Und noch schwerer mußte es sein, gegen diese Rechtsvorstellung anzugehen, da überall in den Marken nicht einzelne Männer, sondern Familien saßen, in denen sich das Markgrafenamt vom Vater auf den Sohn vererbt hatte und die dieses Erbe als ihr gutes Recht ansahen. Man wird auch annehmen dürfen, dass die Markgrafenhäuser infolge der langen Überlieferung, die sie mit ihren Markgrafschaften verband, häufig mit dem Volke verwachsen waren und in ihm oft genug einen mehr oder weniger starken Rückhalt fanden. Von einer Beziehung zum Herzogtum oder einer gewissen Oberhoheit des Herzogs über die Mark ist zu Dedis Zeit ebenso wenig wie früher die Rede. Herzog und Markgraf kommen kaum miteinander in Berührung.