Lampert von Hersfeld: Seite 114-118,150,178,184,262,312,378
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"Annalen"
 

Das Jahr 1069.
 

1069 feierte der König Weihnachten zu Goslar, Ostern zu Quidelenburg, Pfingsten zu Cöln. Nach Pfingsten hielt er einen Fürstentag zu Worms. Hier verhandelt er zuerst heimlich mit dem Erzbischof von Mainz und fleht inständig um dessen Hülfe, zu Vollbringung desjenigen, was er im Sinne hat; wenn er es erlange, so wolle er von nun an ihm unterthänig und auf das Wort gehorsam sein, und die Thüringer mit bewaffneter Hand, wenn er es auf keine andere Weise vermöchte, dazu nöthigen, daß sie den Zehnten für immer ohne Widerrede entrichteten. Als der Bischof einwilligt und  die Verabredung von beiden Seiten bekräftigt ist, trägt der König in öffentlicher Versammlung vor, er passe nicht zu seiner Gemahlin, er habe die Augen der Menschen lange getäuscht, wolle sie aber nicht  ferner täuschen; er mache ihr keinen Vorwurf, wodurch sie mit Recht die Scheidung verdiene, aber er habe, ungewiß durch welches Geschick, durch welches göttliche Verhängniß, keine Möglichkeit der  ehelichen Gemeinschaft mit ihr; folglich bitte er um Gotteswillen, daß  sie ihn von der Fessel entbinden möchten, die unter bösen Vorzeichen geschlossen sei, daß sie mit Gleichmuth die Trennung geschehen lassen möchten, auf daß jene ihm und er selbst ihr, wenn Gott es so füge, den Weg zu einer glücklicheren Ehe bahne; und damit niemand vorwende, daß ihre einmal verletzte Schamhaftigkeit einer zweiten Vermählung im Wege stehe, so versichere er eidlich, daß er sie so wie er sie empfangen, unbefleckt und mit unversehrter Jungfräulichkeit bewahrt habe. Dieses erschien allen Anwesenden als eine widrige und mit der königlichen Majestät ganz unverträgliche Sache. Doch glaubte ein jeder, es sei bedenklich, ein Geschäft, auf das der König seinen Sinn mit solcher Leidenschaft gesetzt hätte, von sich abzulehnen. Auch der Bischof, durch eine so kostbare Zusicherung erkauft, unterstützte, so viel er ohne Verletzung des Anstandes konnte, nicht ungern die Sache des Königs. Da nun alle entschieden, daß dieses geschehen sollte, so beraumte er zur Vollführung des Geschäfts eine Synode in Mainz an auf die nächste Woche nach dem heiligen Michaelisfeste. Während nun in dieser Aussicht die Sache noch in der Schwebe war, wurde die Königin nach Loresham gesandt, um die bestimmte Zeit daselbst abzuwarten. Der König ging anderwärts hin, wohin Reichsgeschäfte ihn riefen. Indessen trachtete Dedi, Markgraf von Sachsen, da er sich mit der Witwe des Markgrafen Otto, der vor drei Jahren  gestorben war, vermählt hatte, aus allen Kräften danach, auch die Güter, welche jener von verschiedenen Herren als Lehen besessen  hatte, an sich zu bringen. Als sie ihm aber niemand auf sein  Verlangen gab, so ertrug er diese Schmach nicht, sondern rüstete sich zum Kriege gegen den König, bei dem es, wie er behauptete, vornehmlich gestanden hätte, daß sie ihm nicht gegeben wurden, und reizte in häufigen Unterredungen die Thüringer zur Theilnahme an der Schilderhebung. Er hoffte, dies werde leicht zu erreichen sein, weil der König durch Unterstützung des Erzbischofs bei Einforderung der Zehnten ihre Gemüther sehr von sich abwendig gemacht hätte. Jedoch wohl die stärkste Triebfeder seiner Wuth war seine Gemahlin, das unbändigste Weib. Diese flößte der sanften und durch die Jahre schon ruhiger gewordenen Sinnesart des Mannes jugendlichen Geist ein, indem sie ihm immer wieder  vorhielt, wenn er ein Mann wäre, so würde er nicht unbestraft Beleidigungen hinnehmen, und ihrem ersten Gatten, den er an Tapferkeit und Reichthum übertreffe, nicht an Kühnheit nachstehen. Den König regte die Nachricht davon heftig auf und er zog auf  das schnellste große Heerschaaren zusammen, die wohl für mehrere Heerfahrten zu gleicher Zeit ausreichend gewesen wären. Da nun  erschien der Bischof von Mainz, welcher glaubte, daß jetzt für ihn die Zeit gekommen sei, wo er auf Anlaß eines Reichskrieges seinen besondern Haß gegen die Thüringer befriedigen könnte, als der  erbittertste Feind, und reizte den König, in dieser Sache auf das strengste zu verfahren; er selbst betrieb das begonnene Werk mit allen Kräften seiner Freunde und des ganzen Mainzer Bisthums. Den Thüringern entging nicht die Erbitterung des Bischofs gegen sie; ihrerseits hegten sie gegen ihn keine mildere Gesinnungen und schickten Gesandte an den König, um ihm vorzustellen, daß sie gegen ihn nichts Unbilliges und nichts Ungeziemendes vorhätten, und daß die Waffen gegen das Reich nicht mit ihrem Rathe oder ihrer Begünstigung ergriffen worden; sie wären vielmehr bereit, den öffentlichen Feind auch mit Gefahr ihres Lebens zu bekämpfen, würden aber dieses mit größerer Willfährigkeit und Aufopferung  thun, wenn der König die Gesetze über die Zehnten, welche ihnen durch die Gnade der vorigen Könige und Bischöfe ertheilt worden  wären, gültig und unverletzt bleiben ließe; komme der Bischof zu ihnen, um eine kirchliche Sache nicht mit kirchlichen, sondern mit weltlichen Waffen zu erzwingen, und wolle er ihnen durch das Recht des Krieges die Zehnten abpressen, welche er weder nach kirchlichem Recht noch nach weltlichem Gesetz zu erlangen vermocht habe, so seien sie seit alten Zeiten durch ihren Eid gebunden und verpflichtet, Räuber und Plünderer nicht ungestraft zu lassen; es sei besser für sie, im Kriege zu sterben, als nach Verlust der Rechte ihrer Väter als Meineidige zu leben. Der König antwortete darauf gnädig und hieß sie mit voller Zuversicht auf seine Hülfe hoffen, wenn sie in der Treue beharrten; dann, als die Sache reif zu sein schien, betrat er mit feindlichem Heere Thüringen. Dort gewann er zwei Burgen, in die der Markgraf Besatzung gelegt hatte, Bichelingun und Scidingen, die eine durch Uebergabe, die andere mit den Waffen in der Hand. Vor die übrigen sollte das Heer unverzüglich rücken. Aber der Markgraf, welcher erkannte, daß er an keinem Orte und in keiner Veste den Angriff des Königs aushalten könne, übergab, da ihm die Hoffnung zur Gegenwehr abgeschnitten war, sich selbst und alles das Seinige. Die Thüringer, ob sie gleich laut ihres gegebenen Wortes dem Könige und der öffentlichen Sache hold und treu waren, übten doch gegen den Bischof von Mainz vielerlei Feindseligkeiten, forderten ihn ins Gesicht mit Beschimpfungen und Schmähungen heraus, fielen seine Krieger, wenn sie Beute forttrieben, oft in zahlreichen Haufen an, entrissen ihnen den Raub, schlugen sie zurück und jagten sie in die Flucht; endlich fingen sie einige seiner Diener und zwar keine von unbedeutender Lebensstellung oder niedrigem Stande, während sie sich von dem Heere des Königs, um Beute zu machen, etwas weiter  entfernt hatten, und knüpften sie auf. Doch wurde ihnen vom  König leichthin und verächtlich befohlen, den Zehnten zu geben,  nicht als ob er bei ihrer Weigerung Gewalt zu brauchen im Sinn  habe, sondern nur um den Erzbischof nicht dadurch zu beleidigen, daß er sein Versprechen nicht erfülle.
Der Markgraf Dedi, eine Zeitlang in Haft gehalten, wurde zuletzt, nachdem man ihm einen nicht geringen Theil seiner Besitzungen und Einkünfte eingezogen hatte, entlassen. Sein Sohn, Dedi der Jüngere, verfolgte zu dieser Zeit seinen Vater feindseliger und erbitterter als irgend einer. Deswegen stand er nach Beendigung  des Krieges bei dem König in großem Ruhme, und er war ein Jüngling von vortrefflicher Anlage, nur riß ihn der Geist des Ehrgeizes und voreilige Herrschsucht unaufhaltsam fort. Dieser wurde kurz hernach, als er in der Nacht eines Naturbedürfnisses wegen auf die Seite gegangen war, von einem außerhalb aufgestellten Meuchelmörder in den Unterleib verwundet und getödtet. Wer Anstifter dieses Mordes gewesen sei, ist nicht hinlänglich bekannt, obgleich hier und da das Gerücht unter dem Volke ging, er sei durch Arglist seiner Stiefmutter aus dem Wege geräumt worden. So viel wenigstens ist ohne Zweifel klar, daß die Klöster und Kirchen durch seinen Tod von großer Furcht entledigt wurden, da in aller Herzen sich die ganz zuversichtliche Meinung festgesetzt  hatte, er würde im Streben nach Vermehrung seiner Macht nicht Gott, nicht Menschen in Zukunft schonen, da er seines eigenen Vaters nicht geschont hätte.

Als schon der Tag nahte, welcher zur Trennung der Ehe des Königs anberaumt war, begab sich dieser auf das Schleunigste nach Mainz. Und siehe, auf dem Wege erfuhr er, daß ein Legat des  apostolischen Stuhles in Mainz seiner Ankunft warte, welcher die Scheidung verhindern und den Erzbischof von Mainz mit dem apostolischen Strafurtheile bedrohen sollte, weil er versprochen habe, eine so frevelhafte Trennung ins Werk zu setzen. Bestürzt darüber wollte der König, weil er diese so lange gewünschte Sache, da er sie schon fast in den Händen hatte, verloren, unverzüglich auf dem Wege, auf dem er gekommen war, nach Sachsen zurückkehren. Nur mit Mühe gelang es seinen Freunden, ihn davon abzubringen, damit er doch die Fürsten des Reichs nicht täuschen möchte, welche in großer Anzahl ihn in Mainz hatten treffen sollen, und so begab er sich nach Franconofurt und befahl denjenigen, welche zu Mainz zusammengekommen waren, am bestimmten Tage hier zu  erscheinen. Als sie sich zahlreich eingefunden hatten, setzte Petrus Damianus - dies war der Legat des apostolischen Stuhls, ein Mann, der sowohl durch sein hohes Alter als durch die Reinheit seines Wandels überaus ehrwürdig war - die Aufträge des römischen Papstes auseinander: Es sei eine sehr schlimme und mit dem christlichen, geschweige denn mit dem königlichen Namen ganz unverträgliche Sache, die er vorhabe; wenn er durch die menschlichen Gesetze oder durch die kanonischen Verordnungen sich nicht abschrecken lasse, so möge er doch wenigstens seines eigenen Rufes und Leumundes schonen, damit nicht das Gift eines so häßlichen Beispiels, vom Könige den Anfang nehmend, das ganze Christenvolk beflecke, und er, welcher der Rächer von Vergehungen hätte sein sollen, selbst Urheber und Führer zum Bösen würde; endlich, wenn er wohlmeinendem Rath nicht nachgeben wolle, so werde er, der Papst, notgedrungen die kirchliche Gewalt anwenden und das  Verbrechen durch das kanonische Gesetz verhindern. Ueberdies solle von seinen Händen niemals ein Kaiser geweiht werden, der durch ein so pestartiges Beispiel, so viel an ihm sei, den christlichen  Glauben verrathen hätte. Da nun erhoben sich alle anwesenden Fürsten gegen ihn und erklärten, daß der römische Papst recht urtheile; sie baten ihn bei Gott, seinem Ruhme keinen Schimpf anzuthun und die Majestät des königlichen Namens nicht durch Verunreinigung mit so schändlicher That zu beflecken; außerdem aber möge er doch auch den Verwandten der Königin nicht Ursache zum Abfall und gerechten Anlaß zu Erregung von Unruhen im Staate  geben; denn diese würden, wenn sie Männer wären, da sie durch Waffen und Reichthümer sehr viel vermöchten, die so große Schmach ihrer Tochter ohne Zweifel durch irgend eine außerordentliche That zu sühnen streben. Durch diese Rede wurde der König mehr  gebrochen als gebeugt und sprach: "Steht das bei euch fest und unabänderlich, so werde ich selbst mir Zwang anthun und, so gut ich kann, die Bürde tragen, deren ich mich nicht zu entledigen vermag."  So wurde sein Haß durch das Streben, die Eintracht herzustellen, nur noch mehr erbittert; er gab zwar zu, daß die Königin zur Gemeinschaft des Thrones zurückgerufen würde, begab sich aber selber, um das Zusammentreffen mit ihr und ihren Anblick zu meiden, mit kaum vierzig Rittern eiligst wieder nach Sachsen zurück. Die Königin folgte langsam mit der übrigen Menge und den Reichskleinodien; und da sie zu ihm nach Goslar gekommen war, konnten ihn seine Vertrauten kaum dazu bewegen, ihr entgegenzugehen; doch empfing er sie im Vergleich mit seinem gewöhnlichen  Benehmen überaus gütig, aber sofort erkaltete die Liebe wieder und er kehrte zu seiner Gemüthsart und ehemaligen Rauhheit zurück; und weil der schon oft versuchte Plan, die Ehe aufzulösen, keinen  Fortgang gehabt hatte, so beschloß er, in der Folge nur den königlichen Namen mit ihr zu theilen und sie so zu besitzen, als wenn er sie nicht besäße.

In diesem Jahre herrschte die größte Unfruchtbarkeit der  Weinberge und aller Waldbäume.

Meginward, Abt von Hildenesheim, übernahm die Abtei von Augia, nachdem er sich durch reichliche Spenden den Zutritt zu  derselben geöffnet hatte.

Rumold, Bischof von Constanz, ein Mann von überaus reifem  Ernste, starb; ihm folgte Carl, Canonicus von Magadaburg. Dieser wurde von den Geistlichen zu Constanz anfangs wohlwollend
aufgenommen, aber im Verlaufe der Zeit, da er mehr nach Willkür als nach vernünftigen Grundsätzen sein Amt verwaltete, wurden die Geistlichen darüber unwillig und begannen sich der Gemeinschaft mit  ihm zu enthalten, wegen der Ketzerei der Simonie, durch die er das Bisthum sich verschafft haben sollte; überdies gaben sie ihm auch noch Schuld, daß er die meisten Schätze der Kirche diebisch  entwendet hätte. Als diese Anklage nach Rom gebracht worden war, richtete der römische Papst Befehle an den Erzbischof von Mainz, daß jener auf keine Weise von ihm geweiht werden sollte, ehe die Sache in seiner, des Papstes, Gegenwart sorgfältiger untersucht sei.

Der Bischof von Tolosa starb; ihm folgte der Kanzler Bibo, an dessen statt Adalbero, Canonicus von Metz, als Kanzler trat.
 

Das Jahr 1071.
 

Karl, dem der König das Bisthum von Constanz gegeben hatte, lag dem apostolischen Stuhle mit ununterbrochenen Mahnungen wegen seiner Weihe an. Hingegen die Brüder von Constanz  widerstrebten mit beharrlicher Anstrengung, daß nicht wider die kanonischen Satzungen ihnen ein Bischof geweiht würde, welcher außer der Ketzerei der Simonie auch noch des Diebstahls beschuldigt war. Der Papst wies, da sie ihm beschwerlich fielen, die Entscheidung des Handels  von sich an den Erzbischof von Mainz, und befahl diesem, daß er beide vor eine Synode laden, die Sache auf das sorgfältigste untersuchen, und wenn jener wegen der ihm vorgeworfenen Vergehungen sich nicht rechtfertigen könnte, ihn auf keine Weise weihen sollte. Aus diesem Grunde sagte der Erzbischof eine Synode zu Mainz  auf den Monat August an. Der König sah diesen Streit sehr ungern wegen seiner Freundschaft zu Karl und wegen vielfacher Dienste, womit dieser ihm auch in seinem Hauswesen häufig sehr zuvorkommend beigestanden hatte; deshalb wünschte er sehnlichst, daß seine Vergabungen an ihn bei Kräften bleiben möchten. Daher zürnte er auch dem Erzbischof von Mainz heftig, daß er ihn nicht sogleich geweiht hatte, ohne die Feindschaft der sich dawider auflehnenden Brüder zu beachten. Aber jener blieb unbeweglich bei seinem Entschlusse, indem er sich darauf berief, wie schrecklich er im vorigen Jahre von dem Papste wegen eines ähnlichen Anlasses   zurechtgewiesen, und wie er nur mit Mühe ohne Verlust seiner Würde davongekommen, und daß er auch hernach noch durch neue Briefe vom apostolischen Stuhle ermahnt worden sei, nicht ohne die  gründlichste Untersuchung jenem die Hände aufzulegen. Als nun schon der erste August bevorstand, eilte der König gen Mainz, denn er wünschte, in eigener Person bei Untersuchung einer so wichtigen  Sache als Richter an der Seite des Erzbischofs zu sitzen. Sein Weg ging über Herveld. Von da zog er weiter und kehrte am  folgenden Tage in dem Weiler Utenhusen ein, um daselbst zu speisen. Und als sie nun alle erfrischt, im brennendsten Eifer die Reise zu beschleunigen, um die Wette ihreRosse wieder aufsuchten,  trug es sich zu, daß ein gewisser Liupold von Mersburg, ein Liebling des Königs, dessen Dienste und Rath er auf das vertraulichste zu benutzen pflegte, durch einen Unfall vom Pferde stürzte und, von  seinem eigenen Schwerte durchbohrt, den Geist aufgab. Dieses Unglück erfüllte den König mit unerträglichem Schmerze und  Traurigkeit, und er ließ ihn sofort nach Herveld zurückbringen und inmitten der Kirche unter herrlichem Gepränge des Todtenamtes bestatten; auch übergab er für das Seelenheil desselben dem Kloster dreißig Hufen an dem Orte, der Mertenefelt heißt. Angemerkt aber ist, daß dieses das nämliche Schwert gewesen sei, womit der einst so weitberühmte Hunenkönig Attila zur Vertilgung der Christen und zum Untergange Galliens feindlich gewüthet hatte. Denn dieses hatte die Königin der Ungern, Mutter des Königs Salomo, dem Herzog Otto von Baiern zum Geschenk gegeben, als durch dessen Anrath und Bemühung der König ihren Sohn wieder in sein väterliches Reich eingesetzt hatte, und nachdem Herzog Otto dasselbe dem Sohne des Markgrafen Dedi, dem jüngeren Dedi, zum Beweis und Pfande unzertrennlicher Liebe auf einige Zeit gewährt hatte, war es, nach dessen oben bereits gedachter Ermordung, an den König, und durch den König zufällig an diesen Liupold gelangt. Daher deuteten es die meisten Anhänger des Herzogs Otto so, als sei dieser nach einem Gottesgerichte durch das Schwert, welches dem Herzog Otto gehört hätte, umgekommen, deswegen weil er vor allen den König zur Verfolgung und Vertreibung desselben aus der königlichen Pfalz angereizt haben sollte. Man liest aber von diesem Schwerte in den Geschichten der Geten, welche auch Gothen genannt werden, daß es einst dem Mars gehört habe, welchen die Heiden für den Vorsteher der Kriegführung und ersten Erfinder der Waffen fälschlich ausgaben, und daß nach langen Zeiten ein Hirt  dasselbe, nur wenig in der Erde verborgen, entdeckt habe durch das Blut eines Ochsen, dessen Fuß das Schwert, während er im Grase weidete, verwundet hatte; dieser habe es dem König Attila überbracht, und dem sei durch die Aussprüche aller Seher der damaligen Zeit geweissagt worden, daß dieses Schwert zum Untergange des  Erdkreises und zum Verderben vieler Völker vom Schicksale bestimmt  sei. Daß dieses Orakel wahr gewesen, bezeugt noch heut zu Tage  die Zerstörung vieler der berühmtesten Städte in Gallien so sehr, daß jenes Schwert auch von den Barbaren der Rächer des göttlichen Zornes oder die Geißel Gottes genannt wurde. So viel möge, weil dieses Schwertes einmal Erwähnung geschehen war, als Abschweifung hier gesagt sein.
 

Das Jahr 1073.
 

Die von diesen Urhebern ausgegangene Erhebung zum Aufruhr ergriff in kurzem das ganze Volk Sachsens wie eine Raserei, so daß jede Würde, jeder Stand, jedes Alter, wenn es nur Kriegsdienste zu thun geschickt war, mit einem Geiste, mit gleichem Willen laut zu den Waffen riefen und eidlich versprachen, entweder fest entschlossen zu sterben, oder die Freiheit ihres Volkes zu erstreiten. In dieser Verschwörung waren folgende Fürsten: Wezel, Erzbischof von Magadaburg, Bucco, Bischof von Halberstadt, Hecel, Bischof von Hildenesheim, Wernheri, Bischof von Merseburg, Eilbert, Bischof von Minden, Immet, Bischof von Podelbrunn, Friderich, Bischof von Mimegardefurd, Benno, Bischof von Misine, Otto, vormals Herzog  von Baiern, der Markgraf Uoto, der Markgraf Dedi und,  leidenschaftlicher und unversöhnlicher als alle Markgrafen, seine Gemahlin Adela; Egbert, der junge Markgraf der Thüringer, noch nicht fähig, die Waffen zu tragen; der Pfalzgraf Friderich, der Graf   Diederich, der Graf Adalbert, der Graf Otto, der Graf Counrad, der Graf Heinrich; dann eine gemischte Volksmenge von mehr als 60,000, welche zur Behauptung der Freiheit des Vaterlandes und  zum Schutze der Gesetze mit bereitwilligstem Herzen ihren Arm und ihre Hülfe verhießen. Wahrhaft durch göttliche Fügung, sagten sie, sei ihnen Gelegenheit dargeboten, das Joch der ungerechtesten  Herrschaft von ihrem Nacken abzuschütteln. Noch war niemand zum Herzoge von Sachsen ernannt, weil, wie oben erwähnt ist, der Herzog Otto kurz zuvor die Welt verlassen hatte und sein Sohn Magnus, welchem das Herzogthum durch gesetzliche Nachfolge gebührte, nach seiner Unterwerfung noch im Schlosse Hartesburg verwahrt wurde. Und weil der König nach den Gütern desselben gierig trachtete, so glaubte man er harre darauf, daß jener, von der Last der Leiden und von dem  Ueberdrusse der langen Gefangenschaft ermüdet, freiwillig sein Recht aufgeben und gestatten würde, daß der König sein Herzogtum, wem er wollte, verliehe. Liemar, Erzbischof von Premen, Eppo, Bischof von Zeiz, und Benno, Bischof von Osenbruggen, wurden, weil sie dem gemeinsamen Beschlusse ihres Volkes nicht beitreten wollten, aus den Grenzen Sachsens vertrieben und begaben sich zum Könige, dem sie in der ganzen Zeit dieses Krieges als unzertrennliche Gefährten anhingen.
 

Das Jahr 1075.
 

Wenige Tage hierauf kam er nach Mainz, wo sich der König der Ruzenen, mit Namen Demetrius, bei ihm einstellte, und ihm unschätzbare Reichthümer an goldenen und silbernen Gefäßen und sehr köstlichen Stoffen darbrachte, mit der Bitte ihm gegen seinen Bruder beizustehen, der ihn gewaltsam aus dem Reiche vertrieben und sich des Throns mit tyrannischer Grausamkeit bemächtigt hätte.  Unverzüglich wurde vom Könige Burchard, Propst der Kirche von Trier, abgesandt, um mit jenem wegen der Unbilden, die er seinem Bruder zugefügt hatte, zu unterhandeln, und ihn aufzufordern, von  der Regierung, welche er unrechtmäßig an sich gerissen hätte, freiwillig zurückzutreten; sonst werde er die Macht und die Waffen des deutschen Reiches ehestens kennen lernen. Dieser schien deswegen zu  einer solchen Gesandtschaft geeignet, weil der, an welchen er geschickt wurde, mit seiner Schwester vermählt war, und er selbst aus dieser Ursache bei dem Könige mit den angelegentlichsten Bitten erlangt hatte, daß einstweilen gegen jenen kein härterer Beschluß gefaßt wurde. Der König der Ruzenen wurde dem Markgrafen Dedi von Sachsen, unter dessen Geleite er dahin gekommen war, von dem König anvertraut, um ihn bei sich zu behalten, bis die Gesandten zurückkehren würden.

In diesen Tagen begab es sich, daß die Babenbergische Kirche durch ein schweres Aergerniß erschüttert wurde. Der Bischof Herimann hatte eine Kirche zu Ehren des heil. Jakob zu Babenberg  außerhalb der Ringmauern auf eigene Kosten erbaut, und hier 25 durch Wissenschaft, Sittenreinheit und die Uebungen des kanonischen Wandels ausgezeichnete Geistliche versammelt, und ihnen alles,  dessen sie zur Nahrung und Kleidung bedurften, reichlich angewiesen. Als nun derjenige, welchen er der Sammung vorgesetzt hatte, von einer Krankheit ergriffen seinen letzten Tag beschloß, so benutzte er die günstige Gelegenheit, vertrieb die Weltgeistlichen, und übergab den Ort mit allem Zubehör dem Abte von Sanct Michael, Egbert, um dort den Mönchsstand einzuführen, nicht durch irgend ein   Vergehen der Geistlichen beleidigt, da sie, wie gesagt, ihr Leben auf  das ehrbarste nach den kirchlichen Gesetzen einrichteten; sondern weil er an der Reinheit des Wandels der Mönche Wohlgefallen fand, so wünschte er in seinem ganzen Bisthume wo möglich nur diese Lebensweise zu haben; zwar aus Eifer um Gott, aber nicht nach der Weisheit, so sehr für die Schönheit der Rahel eingenommen, daß er die Fruchtbarkeit der Lea in das Gemach des himmlischen Bräutigams nicht zulassen zu dürfen glaubte. Die ausgewiesenen Geistlichen waren sehr ungehalten darüber, daß sie ohne Ursache ihrer geistlichen Pfründe, welche sie nährte, beraubt worden waren. Auch die Geistlichen der Domkirche zu Babenberg schmerzte nicht nur das Loos jener Männer, sondern auch ihr eigenes, daß nämlich nicht ohne großes Unrecht gegen ihren Stand der Bischof den Mönchsstand so sehr begünstigte. Deshalb gingen sie ihn mit vereinigten Bitten an, ihn bei Gott beschwörend, daß er doch Männern, welchen er selbst kein Vergehen vorwerfe, nicht ohne gesetzliche Untersuchung und Gehör ihre auf canonische Weise erhaltenen Pfründen, welche ihnen ihren Lebensunterhalt gewährten, entziehen, und nicht zugeben möchte, daß sie nach Verlust des Soldes der geistlichen  Ritterschaft, da sie außerdem weiter kein Vermögen hätten, den Laien zum Schimpf und Schauspiel würden; das Bisthum von Babenberg habe wenige Sammungen von Geistlichen, und deswegen  bedürften sie nicht sowohl Mönche als Weltpriester, deren Hülfe sie an Festtagen bei den Umgängen und bei der gastlichen Aufnahme Fremder sich bedienen könnten; außerdem sei die Kirche, die er  neulich selbst erbaut hätte, an einem vielbesuchten Ort mitten in dem Strome der hieher und dorthin eilenden Volkshaufen gelegen, und nicht weiter als dreißig Schritte von der Babenbergischen  Hauptkirche entfernt, viel passender für Cleriker als für Mönche, denn diese müßten ja, weil ihnen befohlen werde, der Aegypter Greuel dem Herrn, ihrem Gotte, zu opfern, von der Menge sich sondern  und, wie geschrieben steht, drei Tagereisen in die Wüste gehen, damit nicht, wenn sie das, was die Laien ehren und für das Höchste achten, vor den Augen derselben opfern, diese Aergerniß nehmend  das heilige und apostolische Leben mit den Steinen ihres Spottes überschütteten und verunglimpften; wenn die Mönche, als ein ehrenvollerer und höherer Theil des Leibes Christi, Gott inniger anhingen,  so müßten deswegen die Weltgeistlichen doch nicht als faulende Glieder gänzlich von der Kirche abgeschnitten werden; denn wenn auch Sterne von Sternen im Glanze verschieden wären, so schmückten sie doch ein und dasselbe Angesicht des Himmels auf das schönste durch ihre Mannigfaltigkeit, und wenn auch die Glieder ungleich wären und jedes besondere Dienste verrichtete, so erfüllten sie doch mit einträchtiger wenngleich verschiedener Dienstbarkeit das Bedürfniß eines und desselben Leibes. Der Bischof aber ließ sich weder durch Gründe noch durch Bitten bewegen, und behauptete daß die Ehre, welche er den Mönchen erwies, in nichts die Cleriker beeinträchtige; die Güter aber, welche er zum Besten der Armen durch eigene Bemühung zusammengebracht habe, gehörten ihm von Rechts wegen und es hänge von seinem Gutdünken ab, ob er sie den Clerikern oder den Mönchen verleihen wollte.

September
Unter dem Vorwande dieser Reise täuscht er alle Fürsten des Reichs und begiebt sich nach Böhmen, ohne einen von den Fürsten mit sich zu nehmen, außer Heriman, Grafen von Glizberg, dagegen aber fast fünfhundert leichte und zu diesem Geschäft sorgfältig gewählte Reiter, welche sich mit Hinterlassung des Gepäckes und alles übrigen beschwerenden Kriegsgeräthes, bloß zur Reise und zum  Kampfe fertig gemacht hatten. In Böhmen nimmt er den Herzog und das Heer der Böhmen zu sich und dringt auf verborgenen und sehr schwierigen Nebenpfaden nach Sachsen vor, in der Hoffnung, sie, wie man zu sagen pflegt, noch gähnend anzutreffen und durch unvermutheten Ueberfall mit Leichtigkeit überwältigen zu können, oder, wenn sie Widerstand zu leisten versuchten, hinfort eine gerechte  Ursache zum Kriege gegen sie und zur Verweigerung der angebotenen Genugthuung zu haben. So gelangt er bis zu der Stadt Misene, welche auf der Grenze von Böhmen und Sachsen liegt. Hier  nahmen ihn die Bürger friedlich in die Stadt auf; den Bischof aber ließ er ergreifen und alles, was ihm gehörte, plündern, indem er ihn aus dem einzigen Grunde für des Majestätsverbrechens schuldig  erklärte, weil er während der ganzen Zeit des Sächsischen Krieges keine Boten noch Briefe zum Zeichen der dem Staat bewahrten Treue an ihn gerichtet hätte. Uebrigens war jener ein Mann von  echt kirchlicher Armuth, der nichts oder wenig von kriegerischem Prunk besaß und vielleicht Gelübde gegen den Staat thun, aber keine Waffen tragen konnte, und weder dieser noch jener Partei als Freund oder Feind großes Gewicht verliehen hätte. Etwas weiter vordringend, steckte er einige Dörfer in Brand und nöthigte die meisten Freigeborenen der Gegend zur Unterwerfung, als plötzlich die vorausgeschickten Späher meldeten, daß das Gerücht von diesem Anschlag schon längst vorher zu den Sachsen gelangt sei, und daß sie mehr als 15,000 Bewaffnete zusammengezogen und in der Nähe ein Lager geschlagen hätten, entschlossen, am folgenden Tage, wenn er ihre Genugthuung und Friedensbedingungen nicht freiwillig annähme, in offener Feldschlacht ihn zu bekämpfen; es sei um sein und aller der Seinigen Leben geschehen, wenn er weiter vorrücken oder auch nur in demselben Lager den folgenden Tag erwarten wollte, zumal da sie von allen Seiten eingeengt wären und ihnen zur Flucht kein Ausweg offen stehe, die Zahl der Feinde aber zu groß sei, um die Gefahr mit den Waffen abzuwehren. Da ergriff große Furcht alle, die bei dem König waren, und sie schalten ihn heftig wegen  seiner Thorheit, daß er allzusehr seinem Glücke nachjage und, keinen Aufschub duldend, in maßlosem Uebermuthe Kriege, welche viele Jahre erforderten, mit einem einzigen Schlage zu beendigen eile,  wodurch er sich und die Seinen mit kindischer Leichtfertigkeit den Feinden verrathen hätte. Ihrem Zureden willfahrend, zog er sich so schnell als möglich wieder nach Böhmen zurück, von wo er nach  Sachsen eingebrochen war. Bei seinem Abzug setzten ihm von den Sachsen einige leichte Reiter ohne Vorwissen der Fürsten nach, und sie hätten ihn, ehe er das Land verließ, überwältigt, wenn nicht der  Graf Boto, der von dem Könige zu den Sachsen als Unterhändler sich begeben hatte, um sie zur Uebergabe aufzufordern, oder was  richtiger ist, sie mit leerem Versprechen der Verzeihung zu umgarnen, damit sie ihn nicht auf seinem Rückzuge verfolgten, sie durch diesen Kunstgriff hintergangen hätte. Als er nämlich, das Lager der Sachsen verlassend, wahrnahm, daß sie allmählich seiner Spur folgten, vollendete er eine einzige Tagereise, in welcher er zu dem König zurückkommen konnte, durch weite Krümmungen und lange Umwege, die er aussuchte, kaum in drei Tagen, um durch diesen Verzug dem Könige Zeit zu geben, die Feinde zu täuschen und sich in Sicherheit zu begeben. So wurde der König von der Gefahr befreit und führte seine Reisigen, die durch Anstrengung und Nachtwachen, am meisten aber durch Hunger und Durst beinahe bis zu gänzlicher Erschöpfung abgemattet waren, in wenigen Tagen gen Regensburg  zurück, da der Tag, an welchem das Heer sich zum Feldzug  versammeln sollte, schon nahe bevorstand; und hier traf er Gesandte der Sachsen an, welche schon geraume Zeit seine Rückkehr  erwarteten. Diese hielt er durch Aufschub der Antwort lange in Ungewißheit hin, so daß sie nur im Augenblicke des beginnenden Heereszuges selbst, und als das feindliche Schwert fast schon über ihrem Nacken hing, zu den Ihrigen zurückkehren konnten. Und als ungefähr um dieselbe Zeit der Markgraf Dedi, von langwieriger Krankheit verzehrt, mit Tode abging, so gab der König die Markgrafschaft desselben dem Herzog von Böhmen zum Lohn für den geleisteten Kriegsdienst, obgleich die Gemahlin des Markgrafen, Adala, ihren Sohn, dem durch Erbfolge die Mark gebührte, ihm kurz vorher für sich als Geisel geschickt, und der Markgraf selbst, nachdem er in Gerstingun mit dem Könige Frieden geschlossen, diesem und dem Reiche die Treue stets unversehrt bewahrt hatte.
 

Das Jahr 1076.
 

Der Sohn des Markgrafen Uoto und der Sohn der Adela, der hinterlassenen Wittwe des Markgrafen Dedi, beide kleine Knaben von zartem Alter und noch weit unter den Jahren der Mannbarkeit, die in der Burg eines gewissen Everhard, Dienstmannes des Königs, bewacht wurden, erwiesen sich durch eine herrliche und des Andenkens der Nachwelt würdige That als echte Sprossen ihrer hohen Ahnen. Der König hatte diesem Everhard befohlen, entweder wegen des Glanzes ihres so hohen Geschlechtes oder aus Mitleid mit ihrem zarten Alter, sie auf das liebreichste zu pflegen, und damit sie nicht entweder in träger Ruhe oder aus Ueberdruß der steten Haft hinwelkten, ihnen zu gestatten, daß sie bisweilen mit ihren Altersgenossen in Kinderspielen sich übten. Darum baten ihn auch dringend die Eltern, welche den Wächtern häufig kleine Geschenke überschickten. Jener that, warum man ihn bat, und erlaubte, daß sie bald innerhalb, bald außerhalb der Veste, unter Aufsicht der Wächter, wie es ihnen beliebte, spielen durften, ohne bei ihrem einfältigen und arglosen Alter einer Gefahr sich zu versehen. Bisweilen auch, wenn er in den an die Veste stoßenden Wald auf die Jagd zog, ließ er die Knaben zu Pferde steigen und ihn begleiten, was kaum noch ihr Alter erlaubte, damit sie ihr von Kummer und Sehnsucht gebeugtes Gemüth durch diese Erholung erquickten. Da er dieses nun öfters that, erzeugte die Gewohnheit Vertrauen und das Vertrauen Sicherheit bei den Wächtern, daß sie ihnen täglich nachgiebiger die Zügel der sorgfältigen Obhut nachließen, und nach Beseitigung jedes Verdachtes ihnen alles, was sie wollten, auch ohne Zeugen zu thun vergönnten. Sie fingen also an, wo sie nur passende Zeit und einen geheimeren Ort gefunden hatten, Gespräche anzuknüpfen, des Vaterlandes und der Eltern zu gedenken, die Beschwerden der Verbannung zu beklagen, und sich durch gegenseitige Zureden anzureizen, für ihre Rettung etwas unter göttlicher Leitung zu wagen. Als nun eines Tages der vorher genannte Everhard, seiner Gewohnheit gemäß, sie mit sich auf die Jagd hinausgenommen hatte, und zu Verfolgung eines zufällig ihnen begegnenden Wildes alle, wie zu geschehen pflegt, mit unordentlichem Geschrei und mit dem brennendsten Eifer sich hierher und dorthin zerstreueten, und die Knaben sich ganz allein und ohne Wächter sahen, als sie bemerkten, daß diejenigen, welche mit ihnen auf die Jagd geritten waren, an andere Dinge nicht denkend, bloß auf die Erlegung des Wildes ihre ganze Aufmerksamkeit gewandt hatten, da geben sie ihren Pferden mit aller Kraft die Sporen, und fliegen durch das Dickicht der Wälder, über die Abhänge der Berge, durch die Tiefen der Thäler, die Gefahr nicht ahnend oder nicht achtend, schneller als das Wort, und richten den Lauf, der Gegend unkundig, nicht nach einem bestimmten Ziele, sondern stürzen blindlings mit  verhängtem Zügel unaufhaltsam dahin, wohin der Ungestüm ihrer Pferde sie trägt. In schnellem Laufe gelangen sie durch den Wald und kommen an den Main, finden hier einen Fischer, der in einem Kahne dem Fischfang obliegt, ersuchen ihn, sie nach Mainz zu fahren, und bieten ihm die Oberkleider, die sie anhatten, weil sonst nichts anderes ihnen zur Hand war, als Fährlohn an. Jener, entweder durch den Preis gelockt, oder von Mitleiden mit den Gefährdeten ergriffen, denn daß sie in Gefahr schwebten, konnte er leicht aus ihrer Aengstlichkeit und der übrigen Haltung ihres Körpers errathen, nahm sie freundlich in den Nachen auf, bedeckte sie mit dem Geräthe, was in dem Schiffe sich befand, damit sie nämlich von den Verfolgern nicht erkannt werden möchten, und führte sie, wie sie gebeten hatten, nach Mainz. Ihre Pferde schwammen durch den Fluß und liefen am andern Ufer neben dem Kahne hin, in wunderbarer Weise ihre Schritte demselben anpassend, so daß sie, wenn der Nachen abwärts fuhr, mitliefen, und, wenn dieser anhielt, ebenfalls stillstanden. Man hätte glauben sollen, daß in den  unvernünftigen Thieren menschliche Seelen wohnten. In Mainz angekommen, nehmen sie ihre Pferde wieder an sich, schlüpfen heimlich in ein am Ufer liegendes Haus, und beschwören den Herrn des  Hauses um Gotteswillen, sie an niemanden zu verrathen; sie seien dem Erzbischof von Mainz durch ihre Abstammung sehr eng verbunden, und wenn er sie diesem getreulich und wohlbehalten übergebe, so werde er sowohl von ihm, als ihren übrigen Verwandten, welche unter den Fürsten des Reichs durch besondern Vorzug der Macht und der Würde hervorragten, seinen Verdiensten angemessene  Belohnungen erhalten. Nicht lange hernach erschien auch Everhard, tobend und mit den Zähnen knirschend vor unerträglichem Schmerz, und als er durch sichere Kundschaft erfahren hatte, wohin die Knaben eingekehrt waren, schickte er sich an, mit der größten Gewalt und der größten Anstrengung das Haus zu bestürmen und die Thüren zu erbrechen, und drohte, wenn die Geiseln des Königs nicht schleunig ausgeliefert würden, Feuer auf das Dach zu werfen. Die Stadt läuft zu diesem Schauspiele zusammen, und es erhebt sich bei der eifrigen Parteinahme für den einen oder den andern Theil, ein  verworrenes und mißtönendes Geschrei der bald dieses, bald jenes rufenden Haufen. Als der Bischof von Mainz Nachricht von der Unruhe in der Stadt empfing, schickte er sogleich mit Bewaffneten den Grafen Conrad von der Veste, welche Liuzelenburg heißt, der damals eben bei dem Bischofe anwesend war. Dieser trieb bei seiner Ankunft den übermäßig tobenden und gegen alle, die ihn  wehren wollten, bald mit Gewalt, bald mit Drohung wüthenden Everhard von der Bestürmung des Hauses mit Schmach zurück, nahm die Knaben in Empfang und überantwortete sie dem Bischofe.  Dieser pries sich sehr glücklich, daß er die Sache der Fürsten, welche für das gemeine Beste die Waffen zu ergreifen vorhatten, auch von dieser Fessel entledigt hatte, und schickte jeden seinen Eltern mit aller Vorsicht zurück, um sie nämlich vor Nachstellungen auf ihrem Wege zu bewahren.