Leidinger, Paul: Seite 73-83
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"Untersuchungen zur Geschichte der Grafen von Werl. Ein Beitrag zur Geschichte des Hochmittelalters."

DIE ERSTE GENERATION

1. GRAF HERMANN I. VON WERL, GEMAHL GERBERGAS VON BURGUND

Außer den schon oben besprochenen Zeugnissen von 978, 985 und 1018/19 [D O II 172; Thietmar IV 8; Ann. Quedlinburgenses SS III 84 ad. a 1019. Vgl. oben Seite 47] besitzen wir über Hermann, den Gemahl Gerbergas von Burgund, keine weiteren direkten Nachrichten. Den Lebensansätzen seiner Söhne und Enkel ist jedoch zu entnehmen, daß seine burgundische Ehe spätestens um 980 geschlossen worden ist; der politische Zusammenhang weist auf die Jahre 978 bis 980 hin. Das Geburtsjahr Hermanns wird daher in die Zeit um die Jahrhundertmitte fallen. Seine Eltern und Geschwister bleiben so gut wie unbekannt [Sein Vater ist vielleicht der 947-955 in Nordwestfalen bezeugte Graf Heinrich (vgl. oben Seite 71f)], ein 980 bezeugter Graf Bernhard könnte sein Bruder gewesen sein [Da Bernhard mit großer Wahrscheinlichkeit der WERLER Sippe zuzurechnen ist und generationsmäßig hierher paßt, führen wir ihn im folgenden unter Nr. 3 (unten Seite 87) an.].
Vielleicht erhielt Hermann seinen Namen von dem 913 bezeugten "venerabilis comes" Hermann, dem wahrscheinlichen Begründer des WERLER Hauses (seinem Großvater?), so daß uns in ihm der Haupterbe des Geschlechtes entgegentreten würde. Darauf deutet auch seine burgundische Heirat hin. Entsprechend ist zu vermuten daß Hermann nicht nur - wie 978 bezeugt - Inhaber des Komitats um Erwitte gewesen ist, sondern auch Besitz- und Herrschaftsrechte im Lochtropgau (Sauerland), am Hellweg östlich von Werl, im Dreingau, vielleicht auch in Friesland in seiner Hand vereinigte, die als Kernbesitzungen des WERLER Hauses angesprochen werden müssen und sich auch bei seinen Söhnen später nachweisen lassen. In politischer Hinsicht hat Hermann zu seiner Zeit eine nicht unbedeutende Rolle gespielt. Daher trifft die Abwertung, die Friedrich von Klocke an ihm und der WERLER Familie allgemein vornimmt, in keiner Weise zu [In seiner letzten Äußerung zur Genealogie der Grafen von Werl schreibt F. von Klocke (Forschungsarbeit 204): "Den Forschern aber, die ... immer wieder versuchen, dieser (II.) Gerberga 'von Burgund' in deren erster Ehe und also in den 970-er Jahren nach Werl zu bringen, darf ich sagen, daß es allen von der prosopographisch-genealogischen Forschungsarbeit gewonnenen Einsichten in das gentilizisch-gradualistische 'Selbstverständnis' der großen Geschlechter vor und nach dem Jahr 1000 widersprechen dürfte, wenn die Burgunderin als junge Prinzessin in ihrer 1. Ehe einem daneben sehr bescheidenen Westfalen (Herm. d. Wievielte?; Bernh.?) angetraut wäre. Wie anders aber, wenn die Königs-Tochter in ihrer ersten Ehe die Frau eines KONRADINERS oder SALIERS wurde, der 994 (sic!) als Hermann II. von Schwaben selbst Herzogsstellung erhielt und 1003 als Herzog starb. Für die nicht mehr ganz jugendliche verwitwete Herzogin bedeutete dann die Verbindung mit einem ständisch sehr gut verheiratet gewesenen westfälischen Grafen hingegen noch eine annehmbare Partie."].
Gestorben ist Hermann schon bald nach seiner letzten Erwähnung im Juni 985, etwa in den Jahren 986/87, denn spätestens 988 hat sich seine Gemahlin, Gerberga von Burgund, mit Hermann II. von Schwaben wieder verheiratet.
Schon Albert K. Hömberg hat für das 10. Jahrhundert den politischen Gegensatz des frühen WERLER Grafenhauses zu den LIUDOLFINGERN herausgestellt. So steht bereits der erste Ahn des WERLER Grafenhauses, der 913 bezeugte Graf Hermann [D K I 16. Vgl. oben Seite 71], zu Beginn der Spannungen zwischen König KONRAD I. und dem Sachsen-Herzog Heinrich, als "vernerabilis comes" im Lager des KONRADINERS. Als dann in den Jahren 937/39 Aufstände gegen den eben erst zur Regierung gekommenen OTTO I. sich erhoben, wurzelten sie in Westfalen vor allem in Gebieten, die zum Kernbereich der WERLER Grafen gehörten. Immerhin ist es bemerkenswert, daß wir die WERLER nie in besonderer Beziehung zu OTTO I. finden und diese gerade in Westfalen durch zahlreiche Vergabungen von Königsgut an die Kirche der Macht des weltlichen Adels entgegenzuwirken wußte.
Eine Verbindung des WERLER Hauses mit den Aufständsichen muß daher in dieser Zeit als unwahrscheinlich gelten. Sie kann aber bei der dritten Empörung des Bayern-Herzogs im Sommer 977 nicht vorgelegen haben; denn gerade in der Osterzeit des Jahres 978 erhielt das Familienstift der WERLER Hauses in Meschede vom Kaiser eine Gunstbezeugung, nämlich den Hof Völlinghausen bei Erwitte in der Grafschaft des Grafen Hermann (I. von Werl) übertragen [D O II 172. Die angegebene Datierung (25. März) ist fehlerhaft, doch fällt das Diplom in den Aufenthalt des Kaisers unmittelbar nach Ostern zu Magdeburg.]. Unzweifelhaft geht daraus hervor, daß Hermann I. von Werl auf der Seite OTTOS II. gestanden hat.
Von diesem Zeitpunkt an muß das WERLER Grafenhaus in Beziehungen zur burgundischen Königsfamilie getreten sein. Sei es, daß Hermann I. von Werl, der vielleicht schon zur Osterzeit in Quedlinburg und Magdeburg am Hofe [Darauf deutet die Schenkung an Meschede hin (D O II 172) hin.], gewiß aber auf dem Reichstag in dem ihm benachbarten Dortmund Mitte Juli anwesend war, die Kaiserin Adelheid nach Burgund begleitete, sei es, daß er als Verbindungsmann zwischen der burgundischen Königsfamilie und dem inhaftierten bayrischen Herzogspaar sich besondere Verdienste erworben hat, jedenfalls muß er in den Jahren 978-980 die gerade 12- bis 14-jährige burgundische Prinzessin Gerberga, Tochter König Konrads und seiner zweiten Gemahlin Mathilde, kennengelernt und sich mit ihr vermählt haben; darauf deutet der Lebensansatz ihres Sohnes, Hermann II. von Werl (Nr. 4), unverrückbar hin. Die nicht unbeträchtliche Herrschaftsstellung in Westfalen und vor allem seine Zugehörigkeit zur Sippe Ekberts und der heiligen Ida, auf die erst Hömberg jüngst hingewiesen hat, machten Hermann I. von Werl dabei für die Hand der burgundischen Königs-Tochter nicht ganz unebenbürtig, da er auch als Graf dem Hochadel seiner Zeit zugerechnet werden muß. Gerade in dieser Hinsicht ist es bemerkenswert, daß mit dem Zeitpunkt dieser burgundischen Verbindung in Westfalen sich die Verehrung der heiligen Ida, der gemeinsamen Ahnfrau des WERLER Hauses und der LIUDOLFINGER, an ihrer Grabstätte in Herzfeld neu belebte. Schon am 26. November 980 führte sie zu ihrer Heiligsprechung durch den zuständigen Diözesanbischof Dodo von Münster. Auf eine Beziehung zwischen dem Aufblühen des Ida-Kultes in Herzfeld und dem WERLER Grafenhaus deutet hin, daß in der WERLER Familie der Name der neuen Heiligen mit Vorliebe Töchtern gegeben wurde [Vgl. im folgenden unter Nr. 12 (Ida von Werl-Hövel), 15 (Äbtissin Hitda von Meschede) und 18 (Äbtissin Ida von Meschede), ferner Hömberg, Comitate 120 n 342. Die älteste Namenserwähnung betrifft die Äbtissin Hitda von Meschede, die vielleicht eine Tochter Gerbergas von Burgund und Hermanns I. von Werl gewesen ist.].
Es ist nicht ausgeschlossen, daß dieser Zug des Kaisers nach Westfalen aus Anlaß der burgundischen Heirat Hermanns I. von Werl unternommen worden ist. Vielleicht wurde hier in Westfalen die Fäden geknüpft, die dann im folgenden Jahr [980] zur Versöhnung OTTOS II. mit dem französischen König und auch mit seiner Mutter führten.
Erst in den Thronwirren nach dem Tode OTTOS II. am 7. Dezember 983 hören wir wieder von Hermann I. von Werl. Zwar ist nicht überliefert, welche Stellung er zu Anfang der Thronwirren eingenommen hat, doch kam er als Verwandter des bayrischen Herzogshauses für eine Parteinahme für Heinrich den Zänker schon in Frage. Dafür spricht, daß sich Heinrich der Zänker nach der Befreiung aus der Haft in Utrecht und nach der Bemächtigung des jungen Kaiser-Sohnes, OTTOS III., Ende Januar 984 in Köln ohne Schwierigkeiten über den westfälischen Hellweg nach Sachsen wandte. Wahrscheinlich hat sich Hermann I. von Werl bei dieser Gelegenheit dem Gefolge Heinrichs angeschlossen, wie dies auch die meisten übrigen Herrschaftsträger Sachsens zunächst befolgten. Als dann Heinrich der Zänker aber bei der Feier des Osterfestes am 23. März 984 in Quedlinburg seine wahren Absichten auf die Regentschaft im Reich zu erkennen gab, verließ ihn unter Führung Herzog Bernhards ein großer Teil des sächsischen Adels und versammelten sich auf der Burg Hohenassel. Unter den dort genannten zahlreichen Opponenten wird Hermann I. von Werl nicht erwähnt. Vielleicht ist er daher im Gefolge Heinrichs des Zänkers verblieben, bis dieser am 29. Juni 984 mit den beiden Kaiserinnen Adelheid und Theophanu zu Rohr zusammentraf. Aber erst gegen Ende Juni 985 gelang es auf einem Treffen zu Frankfurt am Main die Herstellung des endgültigen Friedens zwischen Heinrich dem Zänker und der kaiserlichen Familie, an dessen Zustandekommen diesmal ein Graf Hermann besonderen Anteil hatte.
Die Umstände deuten darauf hin, daß der genannte Graf Hermann mit dem Grafen Hermann I. von Werl, dem Gemahl der burgundischen Königs-Tochter Gerberga, identisch ist. Denn schon bei der ersten Vermittlung in Rohr im Sommer des Vorjahres muß er anwesend gewesen sein, da sich hier nicht nur die burgundische Familie, König Konrad, seine kaiserliche Schwester Adelheid, seine Tochter Gisela und deren Gemahl Heinrich, wiedertraf, sondern auch nach dem Zeugnis Thietmars von Merseburg "alle Fürsten des Kaisertums und Königreichs" versammelt waren. Vielleicht hat Hermann darauf seinen burgundischen Schwiegervater, König Konrad, über Werl zurückbegleitet. Von seiner Teilnahme an der Bürstädter Vermittlungstagung im Oktober 984 hören wir nichts. Spätestens jedoch im April 985 wird Hermann wieder zum Hof gestoßen sein als dieser sich nach dem 28. März (D O III 11) von Grone aus über den westfälischen Hellweg an Werl vorbei nach Duisburg begab, wo er am 29. April urkundete (D O III 12). Hier kam es zu wichtigen Beratungen über die Verhältnisse im Reich und  besonders im französisch-lothringischen Raum, zu dem Heinrich der Zänker neuerdings wieder Verbindung suchte. Die politische Situation mußte beiden Parteien eine baldige Beendigung der Streitigkeiten nahelegen. Wie im Vorjahr zu Rohr König Konrad von Burgund, so bot sich diesmal Graf Hermann I. von Werl als der geeignete Vermittler an, da er sowohl zur kaiserlichen Familie als auch zu der des Zänkers in verwandtschaftlicher Beziehung stand und wohl persönliche Befähigung zu Ausgleichsverhandlungen gehabt haben muß. Jedenfalls zeigten ihn die Quellen bisher nie in extremer Parteinahme. So wird er von Duisburg aus mit dem Hof rheinaufwärts gezogen sein und in dessen Auftrag schon bald Verhandlungen mit Heinrich dem Zänker und vielleicht auch mit Heinrich dem Jüngeren in Bayern angeknüpft haben, die dann gegen Ende Juni 985 in Frankfurt zu einem endgültigen Frieden führten: Heinrich der Zänker unterwarf sich und erhielt das Herzogtum Bayern zurück.
Die Mittlertätigkeit zu Frankfurt bildete ohne Zweifel den Höhepunkt in der politischen Tätigkeit Hermanns I. von Werl, zugleich jedoch auch den Abschluß. Wahrscheinlich hat Hermann auf der Rückkehr in die Heimat den Hof noch bis zum Herbst begleitet, da dieser sich von Frankfurt aus rheinabwärts über Köln, Nimwegen und Westfalen nach Bamberg begab. In Westfalen nahm er - wohl Ende August - in Soest kurzen Aufenthalt. Bei dieser Gelegenheit wird man sicher dem benachbarten Stammsitz Hermanns I. von Werl, das man auf dem Weg nach Soest ja berührte, einen Besuch abgestattet haben, zumal sich auch Heinrich der Zänker, der Schwager Gerbergas von Burgund, im Gefolge befand. Als der Hof dann am 2. September in Wiedenbrück weilte, bevor er über Paderborn, Sachsen und Thüringen weiter nach Bamberg zog, erhielt das WERLER Familienstift in Meschede auf Bitten Theophanus die Bestätigung seiner Privilegien. Hermann I. von Werl wird dabei leider nicht erwähnt. Vielleicht ist er noch einmal Ende 986 am Hof gewesen, als dieser vom östlichen Sachsen aus im November über Westfalen, wo er in Dortmund urkundete, nach Duisburg gezogen ist. Weiteres läßt sich über die politische Tätigkeit Hermanns nicht vermuten. Noch vor dem Jahre 988 ist er verstorben, da um diese Zeit seine Gemahlin Gerberga von Burgund sich bereits mit Hermann von Schwaben wieder vermählt hat.