Störmer, Wilhelm: Seite 89
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"Die süddeutschen Welfen unter besonderer Berücksichtigung ihrer Herrschaftspolitik." in: Ay, Karl-Ludwig/Maier, Lorenz/Jahn Joachim: Die Welfen. Landesgeschichtliche Aspekte ihrer Herrschaft.

Erst nach dem Ende Heinrichs des Stolzen wird die Dimension welfischer Herrschaftsverdichtung deutlicher, und zwar im Kampf Welfs VI. (1115-1191) mit König KONRAD III. Jetzt erst erfahren wir von den WELFEN-Burgen der Lechlinie, von Peiting (diese Burg scheint ein bevorzugter Aufenthaltsort Welfs VI. gewesen zu sein), Kaufering, Mering, auch dem Gunzenlee, der wohl nicht nur Gerichtsstätte und Stätte prächtiger welfischer Feste und Hochzeiten war [120 Pankraz Fried, Forschungen zur bayerischen und schwäbischen Geschichte; Sigmaringen 1997, Seite 353,566,569, 573.]. Sie waren offensichtlich die Operationsbasen des kriegerischen Welf im bayerisch-oberschwäbischen Raum. Daß Welf VI. zu Weihnachten 1146 das Kreuz gerade in Peiting nimmt, um zum Kampf um Jerusalem aufzubrechen, macht die Zentralität dieses Platzes deutlich.
An wichtigen Klostervogteien verfügte Welf VI. zwar nicht über Wessobrunn und Polling, die beide Heinrich dem Löwen unterstanden, wohl aber über Altomünster, Rottenbuch, das von ihm gegründete Steingaden, schließlich noch St. Mang in Füssen und nach 1170 über Kempten - ein dichtes Netz herrschaftlicher Eingriffsmöglichkeiten. Auffällig ist, daß das Kloster Wessobrunn, das unter der Vogtei der WELFEN stand (oder doch nicht gänzlich?), der häufigste Empfänger von Begünstigungen Welfs VI. war. Hier lag auch seine Schwester Wulfhild begraben.
1147, noch vor seinem Aufbruch zum Zweiten Kreuzzug, gründete Herzog Welf in der Nähe der Burg Peiting, wo er im Jahr zuvor das Kreuz genommen hatte, das Prämonstratenserstift Steingaden, gewissermaßen als Grablege, Platz seines himmlischen Friedens, falls er vom Krieg gegen die Heiden nicht mehr zurückkehren sollte. "Das Abrücken von dem traditionsreichen Begräbnis Weingarten, wo noch Welfs Eltern begraben wurden, nach Osten in den bayerisch-schwäbischen Raum dürfte kein Zufall sein."
Katrin Baaken[-Feldmann] betont mit Recht, daß die Kreuznahme Welfs VI. einen tiefen Einschnitt in seinem Leben bedeutet hat: "War er bis jetzt völlig in die Kämpfe für das brüderliche Erbe verwickelt gewesen, so vollzieht sich jetzt langsam eine Wende von der ganz einseitg orientierten welfischen Interessenpolitik zur Teilnahme an der Reichspolitik, in den Quellen ablesbar an dem allmählichen Abrücken Welfs VI. von seinem welfischen Neffen [= Heinrich der Löwe] und der dann immer stärker werdenden Zusammenarbeit mit seinem staufischen Neffen FRIEDRICH. Daß er noch von König KONRAD das bedeutende Reichslehen Mertingen an der Schmutter im Mündungsbebiet des Lechs erhielt, wo der WELFE bislang noch keine Positionen hatte, ist ein erstes Zeichen für diesen Wandel.
Das eigentliche Ende eines welfischen S-Deutschland wird weniger durch die Absetzung Heinrichs des Löwen 1180 markiert als vielmehr durch die Katastrophe des deutschen Heeres 1167 vor Rom. "Das kaiserliche Heer, das im Frühsommer durch malariaverseuchte Gebiete gezogen war, [...] wurde bei der Belagerung Roms am 2. August 1167 von einem furchtbaren Unwetter heimgesucht, dem bereits am nächsten Tag das große Sterben folgte. [...] Die in den Quellen geschilderten Symptome weisen auf bakterielle Ruhr [...] hin, jene Seuche, die bis in den Zweiten Weltkrieg hinein verantwortlich war für das Massensterben in Heeren und anderen großen Menschenansammlungen [..] Innerhalb kurzer Zeit starben Tausende von Deutschen und Römern, darunter der ehemalige Kanzler und jetzige Erzbischof von Köln Rainald von Dassel, die Bischöfe von Prag, Lüttich, Verden und Speyer, von weltlichen Großen der junge Friedrich von Schwaben, Berengar von Sulzbach, Welf VII. und viele andere. Der Kaiser erkrankte nicht." [131 Peter, Herde, Die Katastrophe vor Rom im August 1167 (SB Wiss. Gesellschaft Frankfurt am Main 27), 1991, Seite 139. Das Zitat ist entnommen aus ders., Friedrich Barbarossa, die Katastrophe vor Rom von August 1167 und die Würzburger 'güldene Frieiheit' vom 10. Juli 1168, in: Jahrbuch für fränkische Landesforschung 56, 1996, Seite 157.]
Die Folgen waren vor allem im schwäbischen Raum tiefgreifend. Aus den Chroniken Ottos von St. Blasien und Burkhards von Ursberg wissen wir, daß FRIEDRICH BARBAROSSA nach der Katastrophe eine Reihe schwäbischer Adeliger, deren Söhne 1167 nicht mehr zurückgekehrt waren, bewegen konnte, ihre Rechte durch Schenkung oder gegen Kauf dem Kaiser zu überlassen. Wir wissen, daß FRIEDRICH BARBAROSSA die Nachfolge der Grafen und Herren von Donauwörth, Biberach, Herlingen, Schweinhausen, Warthausen, Schwabegg, Kaufbeuren, Lenzburg, Pfullendorf und schließlich - freilich offensichtlich teuer erkauft - Herzog Welfs VI. antreten konnte. Dieser sicherlich nicht ohne vielfältige diplomatische Finessen gelungene Massenerwerb machte dem STAUFER-Kaiser den Weg frei für eine großangelegte Reichslandplanung hin zu den großen Alpenpässen in Richtung Italien.
Die Steingadener Fortsetzung der Historioa Welforum notiert: "Der ältere Welf konnte nach dem Tode seines Sohnes keinesfalls darauf rechnen, von seiner Gattin noch einen Erben zu bekommen, zumal seine Liebe zu ihr gering war und er den Verkehr mit anderen Frauen vorzog." [133 Historia Welforum (wie Anm. 2), Seite 68ff. Zu Welfs Gemahlin siehe Hansmartin Schwarzmaier, Uta von Schauenburg, die Gemahlin Welfs VI., in: Jehl, Welf VI. (wie Anm. 3), Seite 29-42.] Nicht gesagt wird, daß das permanente Unterwegssein Welfs zwischen S-Deutschland und Italien - er war ja auch Markgraf von Tuszien, Herzog von Spoleto, Fürst von Sardinien - eine eheliches Zusammensein auch kaum möglich gemacht hätte.
Nachdem sein einziger Sohn 1167 von der Seuche dahingerafft wurde und keine Aussicht auf Nachkommen mehr hatte, beschloß Welf VI., seinen gesamten Besitz an den Kaiser zu verkaufen, wobei der Rechtsfall weitgehend erst nach seinem eigenen Tode eintreten sollte. Seine politische Energie hat der WELFE nach 1167 nie wiedergewonnen.
Es ist hier nicht Aufgabe, diese letzte Phase nach 1167 mit Welfs Prachtentfaltung und seinen ausgeprägten Festen darzustellen, in der freilich wiederum der Raum um den Lech eine zentrale Rolle spielte. Bei einem feierlichen Pfingstfest nach 1173 übertrug Welf seine Besitz- und Herrschaftskomplexe FRIEDRICH BARBAROSSA [135 Fried/Lengle, Dokumente (wie Anm. 102), Nr. 202, Seite 252f.] - davon wurde schon gesprochen -, und 1175 scheint er, ebenfalls bei einem Pfingsfest auf dem Gunzenlee, den Versuch unternommen zu haben, sich einigermaßen mit seinem Neffen Heinrich dem Löwen, der bei dem Handel leer ausgegangen war, zumindest aber mit seinen politischen Nachbarn zu verständigen.
Als Welf VI. am 15. Dezember 1191 hochbetagt in Memmingen starb, endete auch die WELFEN-Herrschaft in S-Deutschland. Entsprechend seinem Willen wurde der Tote von seinen Ministerialen nach seiner Klostergründung Steingaden gebracht, wo man ihn als Stifter beisetzte. Auf dem Wege dorthin schloß sich in Kaufbeuren der junge Kaiser HEINRICH VI. dem Leichenzug an - dessen Vater und Vorgänger FRIEDRICH BARBAROSSA, Weggenosse und Freund des WELFEN, hatte schon im Sommer 1190 in Kleinasien den Tod gefunden.