Baaken Katrin: Seite 10-13,16-28
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"Welf VI. und seine Zeit"

Obgleich ein nachgeborenes Kind, erhält Welf VI. den Leitnamen der Familie, ja den Familiennamen überhaupt. Achtjährig dürfte Welf die prächtige Feier der Kanonisation seines Vorfahren, des Bischofs Konrad von Konstanz, miterlebt haben, auf der sich neben der hohen Geistlichkeit des Herzogtums auch die Herzoge des Landes, STAUFER und ZÄHRINGER, eingefunden hatten. In seine Kinderzeit fiel der Beginn des Neubaues in Weingarten. Der äußeren Entfaltung entsprach das Formulieren der Familientradition in der Selbstdarstellung der Genealogia Welforum am Hofe seines Vaters. Vielleicht hat Heinrich der Schwarze wirklich einen allseitigen politischen Ausgleich erstrebt, als er seine vier Töchter mit BREGENZERN, STAUFERN, ZÄHRINGERN und VOHBURGERN verheiratete. Seit sich der Herzog von Bayern jedoch bei der Wahl nach dem Tode HEINRICHS V. gegen das Königtum der STAUFER gestellt hatte, war dieses Gleichgewicht empfindlich gestört, und das Gegen-Königtum KONRADS brachte den offenen kriegerischen Ausbruch. Die WELFEN gehörten nun durch die Eheabsprache zwischen Heinrich dem Stolzen und der Königs-Tochter Gertrud zum Königshaus. Nach dem Eintritt in die Herrschaft hat Heinrich der Stolze seinen Bruder in den nächsten Jahren völlig in seine Politik eingespannt, und das heißt: Kampf dem staufischen Gegen-Königtum. Denn die Stellung der Familie zu untermauern, das war Aufgabe nachgeborener Söhne, seien sie wie Welfs älterer Bruder Konrad sorgfältig für die geistliche Laufbahn vorgebildet oder wie er selbst in jugendlichem Alter wegen einer bedeutenden Erbaussicht verheiratet. Es war zweifellos ein Coup Heinrichs, als es ihm gelang, seinen jüngeren Bruder durch die Ehe mit der Tochter des söhnelosen Pfalzgrafen Gottfried die Verbindung zum CALWER Haus und den Anspruch auf dessen Erbe zu verschaffen. Damit war Welf VI., wenngleich noch ganz unter dem Einfluß Heinrichs, bereits mit einer schwierigen Aufgabe betraut. Er mußte selbst seine Ansprüche durchfechten, denn natürlich erwuchs ihm Widerstand, und der Eintritt in das Erbe ging - wie so häufig in dieser Zeit - trotz aller Erbabsprachen nicht ohne kriegerische Auseinandersetzungen ab. So auch in dieser ohnehin schon äußerst gespannten Lage.
Der Neffe des Pfalzgrafen, Adalbert, suchte sich zu widersetzen, doch in den Friedensbedingungen mußte er die Belehnung mit Teilen des Erbes durch die WELFEN akzeptieren. Welf hatte das Heiratsgut und Erbe seiner Gemahlin behauptet und brachte dem Haus eine Machtposition zu, die in Schwaben im kleinen die Stellung widerspiegelte, die Heinrich der Stolze nach und nach im Reich etwa zwischen 1125 und 1135 erlangt hatte: Außer dem schwäbischen Besitz, wozu ja auch Güter im Alpenraum gehörten, waren - wie bekannt - Bayern und Sachsen in seiner Hand; es folgte im Süden die Markgrafschaft Verona mit den Erbteilen aus otbertinischen Haus, die teilweise einen Übergang zu dem Gut der Gräfin Mathilde bildeten, womit Kaiser LOTHAR III. und Heinrich der Stolze von Innocenz belehnt worden waren. Vom Kaiser erhielt er endlich noch die Markgrafschaft Tuscien. Eine riesige Sammlung von Rechtstiteln und Ansprüchen; in ihrer Ausdehnung wohl um diese Zeit einzigartig in Europa. Das ist die Stellung seines Hauses, die Welf - eben 20-jährig - vor sich gesehen hat und die für ihn ganz unerwartet zur Lebensaufgabe wird. Nach dem Tode seines Bruders Herzog Heinrich 1139 ist Welf VI. nun der einzige rechtsfähige Vertreter des welfischen Hauses und seiner Ansprüche. Aber er steht nicht allein: Die Kaiserin-Witwe und die Mutter Heinrichs des Löwen verfechten nach anfänglichem Zurückweichen in Sachsen mit Erfolg ihre Ansprüche. Die Rückgabe Sachsens ist der erste welfische Erfolg, allerdings nicht ohne Preis. Gertrud verzichtet 1142 für ihren Sohn auf Bayern. Sie erscheint nun als ducissa Saxoniae und wird die Gemahlin des neuen Herzogs von Bayern. Auch in Schwaben wird zwischen den beiden Parteien verhandelt, als sich nach dem Tod des Bayern-Herzogs Leopold eine Chance zur Wiedererlangung Bayerns bietet. Aber KONRAD III. belehnt den Bruder Leopolds, Heinrich Jasomirgott, und die Kämpfe, deren Einzelheiten hier beiseite bleiben sollen, weiten sich aus. Die Kontrahenten beginnen jenseits der Reichsgrenzen Unterstützung zu suchen: Der König durch ein Bündnis mit dem Basileus; Welf VI. schließt Verträge mit Ungarn und Sizilien, das ihn offensichtlich finanziell wirksam unterstützt.
Dass Welf in Peiting zu Weihnachten 1146 das Kreuz nimmt, ist vielleicht dem persönlichen Wirken Bernhards zuzuschreiben. In den Monaten vor dem Aufbruch zum Kreuzzug ordnen die Kreuzfahrer ihre Verhältnisse. In diesem Zusammenhang erscheint Welf VI. überhaupt zum ersten Mal mit seiner Familie, seiner Gemahlin und seinem Sohn Welf VII. Wirklich bedeutend aber ist die Stiftung Steingadens, mit großer Wahrscheinlichkeit schon im Hinblick auf den Kreuzzug zur Grablege bestimmt. Das Abrücken von dem traditionellen Begräbnis Weingarten, wo noch Welfs Eltern begraben wurden, nach Osten in den bayerisch-schwäbischen Raum dürfte kein Zufall sein.
Auf dem Hoftag von Frankfurt fordert der inzwischen volljährige Heinrich der Löwe nach einem Treffen mit Welf VI. das Herzogtum Bayern nach Erbrecht zurück. Der Herrscher hat in Frankfurt die Entscheidung auf die Zeit nach dem Kreuzzug verschoben; so war schon der neue Konflikt programmiert, bevor man überhaupt ins Heilige Land aufgebrochen war. Und kaum zurückgekehrt, hat Welf den Kampf um Bayern wieder begonnen, denn das Hauptziel, die Wiederaufnahme des Verfahrens nicht als Erneuerung der Verurteilung, sondern mit der Aussicht auf die Restitution Bayerns war noch nicht erreicht; Welf VI. hat diesen Kampf für seinen Neffen Heinrich den Löwen aufgegeben, nachdem der Tod des Thronfolgers im Frühjahr 1150 der Situation eine neue Wende gab und schließlich 1151 eine Lösung im welfischen Sinne in greifbare Nähe rückte.
So läßt sich - jedenfalls im nachhinein - sagen, dass die Kreuznahme einen Einschnitt im Leben Welfs VI. bedeutet hat. War er bis dahin völlig in die Kämpfe für das brüderliche Erbe verwickelt gewesen, so vollzieht sich von nun an langsam eine Wende von der ganz einseitig orientierten welfischen Interessenpolitik zur Teilnahme an der Reichspolitik, in den Quellen ablesbar an dem allmählichen Abrücken Welfs VI. von seinem welfischen Neffen und der dann immer stärker werdenden Zusammenarbeit mit seinem staufischen Neffen FRIEDRICH. Eine Entwicklung, die schon vor dem gemeinsamen Kreuzzug ihren Anfang nimmt und schließlich unter Vermittlung FRIEDRICHS den Frieden zwischen KONRAD III. und Welf VI. bringt. Welf VI. erhält von KONRAD das bedeutende Reichslehen Mertingen, sozusagen ein Einfallstor zum staufischen Besitz im Ries und im Wörnitztal. Er wird nun zum Kronvasall, wird zum Mitträger der Reichsregierung und jener Umordnung des Reiches, die zwischen 1150 und 1156 die Interessen der vier großen herzoglichen Familien, nämlich der BABENBERGER, STAUFER, WELFEN und ZÄHRINGER zum Ausgleich zu bringen versucht. Ein Versuch, der nach sechs Jahren der Prozesse, Verhandlungen, Belehnungsakte und Privilegierungen gelungen ist und der trotz aller Erschütterungen durch die Wende in der Burgund-Politik auch das Schisma in den Jahren 1159 überdauerte. Für die WELFEN konnte sich das Ergebnis sehen lassen: Am Ende erscheinen sie wieder im Besitz der Rechtstitel, die Heinrich der Stolze verloren hatte: Sachsen, Bayern, Tuscien und das Mathildische Gut sind restituiert; dazu tritt jetzt noch Spoleto. Und doch hat eben nicht nur eine Restauration stattgefunden. Vielmehr haben wir in diesen Jahren den Versuch des Herrschers zu sehen, die Fehler KONRADS III. nicht zu wiederholen, sondern den Frieden nachhaltig zu sichern, um alle Kräfte für die Verwaltung des Imperiums freizuhaben. Unter diesem Aspekt erscheint es einleuchtend, dass BARBAROSSA gleich nach der Kaiserkrönung, nachdem er Einsicht in die Größe der italienischen Aufgabe gewonnen hatte, diese Ordnung 1156 vollendete.
In der Hand Welfs VI. befand sich seit der Belehnung 1152 ein Güterkomplex, der ihn notwendigerweise in Berührung und in Konflikte mit den Mächten am Mittelmeer bringen mußte: das Herzogtum Spoleto im Süden an der Grenze des Königsreiches Sizilien gelegen, im Osten teilweise dem Patrimonium Petri, im Norden der Mark Ancona und damit der brisanten Interessensphären von Byzanz und Venedig benachbart; Tuscien mit der dauernd umstrittenen südlichen Grenze zum Kirchenstaat; Sardinien und Korsika, kontrolliert durch die Flotten der Seemächte Pisa und Genua und nur dem Anspruch nach in der Hand des Reiches; das Mathildische Gut, verstreut vom Südufer des Gardasees bis nach Umbrien. Eben so heikel war die Situation innerhalb dieser verschiedenen Lehen.
Welf VI., Herr des größten Teils Mittelitaliens, war vielleicht nicht unbedingt das, was man einen Italienexperten nennen könnte, aber er war doch mit Italien vielfältig verbunden, mehr als gemeinhin geläufig ist. Der italienische Besitz (Hof Elisina mit 1.100 Mansen), die damit verbundene Rechtstradition, die vielfältigen Beziehungen der OBERTENGHI, der Aufenthalt Welfs am normannischen Königshof Rogers und Verbindungen zu der einflußreichen römischen Familie FRANGIPANI belegen, dass er in Italien kein Fremder war. Vielmehr müssen wir annehmen, dass er in Sprache und Recht einige Kenntnisse hatte. Und in den etwa 20 Jahren, die die welfische Herrschaft nominell in Italien andauerte, hat sich wenigstens bis zum Tode Welfs VII. 1167 fast ständig ein WELFE - sei es Welf VI. selbst, sei es sein Sohn - dort aufgehalten. Dennoch ist es den WELFEN nicht gelungen, wirklich Fuß zu fassen.
Während sich der Sohn anscheinend mehr um die Mathildischen Güter kümmert, durchzieht Welf VI. besonders 1160 die Toscana unter der Proklamation der markgräflichen Rechte, weist die Kommunen in die Schranken, versucht, die großen Adelsfamilien durch die Belehnung mit gräflichen Rechten zu stärken, aber natürlich auch neu an die Mark zu binden; er übt das markgräfliche Vorrecht der Notarsernennung aus.
Unmittelbar nach Roncaglia fordert Hadrian IV. von FRIEDRICH I. unter anderem das Gut der Gräfin Mathilde, das Gebiet von Acquapendente bis Rom, das Herzogtum Spoleto sowie die Inseln Sardinien und Korsika. Die scharfe Reaktion Hadrians und die Forderung der welfischen Gebiete zeigte bereits, wo die Gefahr lag, aber noch führte Welf VI. ganz im Sinne des Kaisers seine Politik in der Toscana und wohl auch im Herzogtum Spoleto. Äußerlich betrachtet stand der WELFE auf der Höhe seiner Macht. Der schismatischen Wahl von 1159 folgte dann die Wende, die das Verhältnis zwischen Kaiser und Herzog für beinahe 20 Jahre aufs äußerste belasten sollte und - wenngleich stufenweise - die Zeit des welfischen Rückzugs einleitete. Auf dem im Februar 1160 durchgeführten Konzil von Pisa, das Viktor IV. zum rechtmäßigen Papst erklärte, hatte Welf VI. teilgenommen, bevor er anschließend geheim erste Beziehungen zu Alexander III. geknüpft hatte. Mit ihrer Erklärung für Alexander III., der Welf VII. mit dem Mathildischen Gut belehnt haben soll, waren die WELFEN für den Kaiser in Italien zu einer ernsten politischen Gefahr geworden.
Bereits Ficker zeigte, in welchem Maße der Kaiser in den nächsten Jahren die welfischen Rechte immer stärker zugunsten seiner eigenen Einwirkung beschnitt und die markgräfliche Gewalt zu schwächen suchte, obgleich Welf VI. doch mit kaiserlicher Zustimmung und gemäß der Gesetze von Roncaglia mit der intensiven Erfassung der Reichsrechte begonnen hatte. Das Institut der Legation bildete in der Folgezeit den Hebel, mit dem der Kaiser die Herrschaft der WELFEN sozusagen ganz legitim aus den Angeln gehoben wurden. Die Zeit der welfischen Markgrafen von Tuscien war schon in diesen Jahren beendet, ohne dass es zu einer spektakulären Konfrontation zwischen FRIEDRICH I. und Welf VI. gekommen wäre.
Keiner von beiden, weder der Kaiser noch Welf VI., hat sie gewünscht. Das zeigte sich auch in Deutschland, in der sogenannten Tübinger Fehde. Was zunächst eine lokale Streiterei um Gerichtsrechte zwischen dem Pfalzgrafen und Welf VII. gewesen war, wuchs sich auf dem Hintergrund eines Erbstreites zu einem Kampf um die Macht zwischen beiden Herzogshäusern aus, in dem der Kaiser endlich der Klage Welfs VII. folgte und ihm seinen eigenen staufischen Parteigänger, den Pfalzgrafen von Tübingen, preisgab. Während die Herrschaft in Italien schon zur Neige ging, hatten Welf VI. und sein Sohn hier in Schwaben noch einmal ihre ganze Macht entfalten können, und das, obwohl sie Papst Alexander anhingen, dauernde Beziehungen zur Kurie unterhielten und ihre Haltung mithin überhaupt nicht dem entsprach, was der Kaiser auf dem Hoftag in Würzburg von den Reichsfürsten hatte bekräftigen und beschwören lassen und andernorts auch mit Härte durchzusetzen versuchte. Zudem entfremdete sich Heinrich der Löwe der alexandrinisch-welfischen Partei immer mehr, und Welf VI. erscheint zunehmend isoliert, auch gegenüber seinem Sohn, denn möglicherweise hatte Welf VII. für den günstigen Ausgang der Tübinger Fehde dem Kaiser die militärische Unterstützung bei dem Italienzug versprochen, zu dem FRIEDRICH noch im Jahre 1166 aufbrach.
Sicher ist dagegen, dass Welf VI. diesen Zug, der die Inthronisation des kaiserlichen Papstes zum Ziel hatte, mißbilligt hat und ihm durch eine Pilgerfahrt ins Heilige Land auszuweichen suchte. Dieses Jahr 1167, in dem Welf zum zweiten Mal im Heiligen Land war, ist wie 1147, das Kreuzzugsjahr, ein Schicksalsjahr für ihn gewesen. Hatten damals seine guten Beziehungen zu FRIEDRICH - soll man es Freundschaft nennen? - begonnen, so erreichten sie nun ihren Tiefpunkt, als Welf VI. angesichts der Vertreibung Alexanders den Kaiser und dessen Heer verflucht haben soll. Es erscheint uns noch heute nicht ohne berührende Tragik, dass der Herzog gerade im Kampf gegen seinen Papst, gegen die für ihn allein rechtmäßige Kirche seinen Sohn verlieren sollte. Auf dem chaotischen Rückzug nach dem Ausbruch der Malaria vor Rom erlag auch Welf VII., wie viele andere aus dem deutschen Heer, der Seuche. In Steingaden ließ ihn sein Vater begraben.
Der Tod des einzigen Sohnes traf den Herzog aufs tiefste. Seine alte politische Energie hat er nicht wiedergewonnen. Den kaiserlichen Hof hat es für Jahre nicht mehr besucht. Doch aus der politischen Lethargie der Trauer ging offenbar ein Mann hervor, an dem nun ganz neue Züge hervortraten: der Mäzen Welf VI. Dichtkunst, Geschichtsschreibung und Kirchenbau erfuhren seine Förderung. Seine Freigebigkeit rühmten die Minnesänger; sein Geldmangel war notorisch. In dieser Zeit nach dem Tod des Sohnes erlosch das Interesse an seinen italienischen Lehen, die er nicht mehr aufgesucht hatte, und er resignierte sie schließlich dem Kaiser gegen eine beträchtliche Summe, nachdem die verflossene Zeit eine Wiederannäherung beider ermöglicht hatte. Damit war ein erster großer Teil welfischer Macht endgültig in die staufische Hand übergegangen. Von nun an heißt er in den eigenen wie in den fremden Urkunden wieder einfach dux Welfo. Mit dem erlösten Geld scheint er die aufwendigen Feste auf dem Gunzele bezahlt zu haben. Insbesondere das Pfingstfest 1175 besuchten viele vornehme Familien, darunter die Pfalzgrafen von Tübingen und Wittelsbach, die Markgrafen von Steier, Vohburg und Istrien, der Herzog Konrad von Dachau. Es war ein politisches Fest, vergleichbar dem Mainzer Pfingstfest, auf dem nicht nur handfest gefeiert wurde, sondern auf dem auch weittragende politische Entscheidungen fielen.
Ungefähr 60 Jahre alt muß der Herzog zu dieser Zeit gewesen sein. Da sein Sohn - soviel wir bis jetzt wissen - ohne Nachkommen gestorben war, dürfte sich zunächst die Frage nicht gestellt haben, wer der Erbe seiner Güter sein würde, denn dass der Sohn des Bruders im Allod folgte, war nicht ungewöhnlich. Eher fällt auf, dass es einer eigenen Abmachung zwischen Heinrich dem Löwen bedurfte, die wohl 1174 oder 1175 zustandekam. Diese Übereinkunft könnte einer der Gründe gewesen sein, weshalb sich schwäbischer und bayerischer Adel so zahlreich am Gunzele einfand; es gab - vorsichtig formuliert - einen weiteren Kreis von Erbwilligen, deren Einsprüche befürchtet wurden. Dabei ist vielleicht der Versuch unternommen worden, den Erbfolgekrieg, eine typische Erscheinung auch des 12. Jahrhunderts, durch eine vertragliche Regelung der Betroffenen zu vermeiden. Es sei dahingestellt, ob es nur die ausbleibende Geldzahlung war, die Welf dann veranlaßt hat, seinen staufischen Neffen zum Erben zu bestimmen. Aber in der kurzen Zeit zwischen der ersten Übereinkunft mit dem welfischen und der zweiten mit dem staufischen Neffen um die Jahreswende 1178 und 1179 liegen Ereignisse, die weitreichende Folgen hatten: einmal der Friedensschluß in Venedig mit Alexander und zum anderen der endgültige Bruch zwischen BARBAROSSA und Heinrich dem Löwen. Dass FRIEDRICH diese einmalige Chance der Erbfolge in den welfischen Gütern auch in Hinblick auf die bevorstehende entscheidende Auseinandersetzung mit dem Herzog sofort genutzt hat, daran kann gar kein Zweifel bestehen. Die in solchen Fällen übliche, oft riesige Geldsumme zahlte der Kaiser dem WELFEN unverzüglich, und sie bildete für Welf VI.- folgen wir den Quellen - das Hauptinteresse. Der Übergang des welfischen Patrimonium vollzog sich lege gentium, wie die Quelle vermerkt, und offensichtlich in Stufen. Einige Teile des welfischen Patrimonium nahm FRIEDRICH selbst sofort in Besitz; welfische Güter erscheinen unmittelbar nach Vertragsabschluß auch in der Hand des staufischen Herzogs Friedrich von Schwaben. Ob er sie über seinen Vater oder direkt empfing, also selbst mit in den Vertrag eingeschlossen war, ist nicht eindeutig aus der Quelle abzulesen. Andere Teile des Allods behielt Welf, sie sollten die STAUFER erben. Ein weiterer Teil des Eigengutes aber wurde mit Reichsgut verbunden und vom Kaiser den Herzog als Reichslehen gegeben. Welf VI. war nun mit Teilen seines Eigengutes königlicher Lehnsmann, das heißt ein Kronvasall geworden, war nun dux et princeps: Herzog und Reichsfürst, wie er dann auch genannt wird. Im Grunde vollzieht sich mit der Fixierung der Stellung Welfs VI. als Reichsfürst - denn dass er dazu gezählt wurde, kann schon für die Jahre zuvor nicht bezweifelt werden - der Vorgang, den Odilo Engels bei der Entmachtung Heinrichs des Löwen beschrieben hat, in umgekehrter Richtung. Reduzierung auf das Allod bedeutet den Ausschluß aus dem Kreis der Kronvasallen, aus dem Kreis der principes und Mitregierenden des Reiches, was hier konkret der urteilenden pares hieß.
Welf ist Inhaber zahlreicher Kirchenvogteien gewesen, die er ganz oder teilweise innehatte und wie andere Laien auch zur Arrondierung seiner Güter mißbraucht hat. Jedenfalls läßt sich aus den Vogteien keine eigentümliche religiöse Haltung des Herzogs ablesen. Doch bei der Betrachtung seiner drei Stiftung Allerheiligen, Memmingen und Steingaden fällt bereits etwas auf: zwei von ihnen wurden den Prämonstratensern übertragen. Hingegen zeigt die Liste seiner Schenkungen deutlich, dass der moderne Mönchsorden der Zisterzienser ganz am Rande steht, wiewohl Welfs älterer Bruder Mönch dieses Ordens gewesen ist; vielleicht auch weil er es geworden ist. Wo Welf zu den Zisterziensern in Beziehungen tritt, im Elsaß und in Oberösterreich, sind es familiäre Bindungen: hier die STAUFER dort die Markgrafen von Steiermark. Zwar vernachlässigt er bei seinen Vergabungen nicht die alten Benediktinerklöster, aber der Entzug der Grablege deutete doch an, dass er sich anderen Strömungen stärker verbunden fühlte, und das waren nach welfischer Tradition die regulierten Kanonikerstifte.
Neben seinem Bruder Heinrich dem Stolzen und dessen Sohn Heinrich dem Löwen ist Welf VI. sicher, gemessen an seinen Ländern und Lehen, einer der mächtigsten Fürsten seiner Zeit gewesen. Mit Königshöfen und Kurie stand er auf vertrautem Fuß. Die Tradition seines Hauses hat er aufgenommen, die Kirche hat er mit Mut nach seinem Glauben verteidigt, die Könige bekämpft, wo es seine Vorstellungen erforderten. Im Zuge der Zeit hat er mit den üblichen Mitteln versucht, seinen Besitz zu einem Land, zur terra Welfonis zu formen. Das Schicksal hat seinen politischen Erfolg letztlich verhindert. Aber indem er unter seinem Schutz das geistige Klima schuf, in welchem Kunst und Literatur gedeihen konnten, hat er sich und seiner Familie mit der Historia Welforum dennoch ein in seiner Zeit einmaliges Denkmal gesetzt.