Judith von Flandern                        Herzogin von Bayern
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1031/32-5.3.1094

Begraben: Kloster Weingarten

Einzige Tochter des Grafen Balduin IV. von Flandern aus seiner 2. Ehe mit der Eleonore von der Normandie, Tochter von Herzog Richards II.
 

Brandenburg Erich: Tafel 4 Seite 9
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"Die Nachkommen Karls des Großen"

IX. 52 b. JUDITH
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* ca. 1033, + 1094 5. III..

Gemahl:
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a) Tostig, Graf von Northumberland
          + 1066 25. IX.

b) ca. 1071
Welf IV. Herzog von Bayern (siehe XI 53)
        + 1101 8. XI.

Anmerkungen: Seite 131
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IX. 52. Judith

war nicht Tochter, sondern Stiefschwester Balduins V., siehe Freeman, Norman conquest 3, 656, und Vanderkindere I, 298. Curschmann 54.



Brandenburg Erich: Tafel 11 Seite 22
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"Die Nachkommen Karls des Großen"

XI. 53. WELF IV., Herzog von Bayern 1070
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* ca. 1030/40, + 1101 9. XI.

Gemahlin:
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a) Ethelinde, Tochter des Otto von Northeim, Herzog von Bayern

geschieden 1070

b) 1071
Judith (siehe IX 52)
      + 1094 5. III.

Tochter Balduins IV., Graf von Flandern, Witwe des Grafen Tostig von Northumberland

Anmerkungen: Seite 137
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XI. 53. Welf IV.

siehe Riezler, 1,2, 118f.



Schwennicke Detlev: Tafel 18
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"Europäische Stammtafeln Neue Folge Band I. 1"

WELF IV.
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* (1030/40) + Paphos auf Cypern 9. XI 1101

Begraben: Weingarten

1070 HERZOG VON BAYERN
gründet um 1078 Kloster Rottenbuch

  I oo um 1070/geschieden 1070
         ETHELINDE VON NORTHEIM

Tochter von Graf Otto I., 1063/7 Herzog von Bayern

(oo II Hermann 1115 Graf von Calvelage, 1105/54)

  II oo um 1070
         JUDITH VON FLANDERN

Tochter von Graf Balduin IV. Pulchrae Barbae (und N von Normandie, Tochter von Herzog Richard II.); Witwe von Tostig Graf von Northumberland (England)



Heine Alexander (Hg.): Seite 45
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"Geschichte der Welfen"

Geschichte der Welfen

13. Zur Gemahlin aber nahm er Judith, die verwitwete Königin von England, eine Tochter des edlen Grafen Balduwin von Flandern. Mit ihr zeugte er zwei Söhne, nämlich Welf und Heinrich, welche beide nacheinander das Herzogtum Baiern besaßen.

Judith wuchs nach dem Tode ihres Vaters (+ 30. Mai 1035) am Hofe ihres Stiefbruders Balduin V. auf. Und dort lebte sie auch, als Tostig und sein Vater Graf Godwine von Wessex während der Regierungszeit König Hartaknuts von England (1040-1042) in Flandern zeitweise Zuflucht fanden und auch als ihre Verheiratung mit Tostig erfolgte.
Das ganze Argument verliert aber noch mehr an Überzeugungskraft, wenn man feststellt, dass Judith zur Zeit der Entscheidungsschlacht zwischen Harold II. und Tostig und zwischen Harold II. und Wilhelm dem Eroberer im Herbst 1066 wahrscheinlich gar nicht in England war, von wo "die Mutter nach Süden, die Söhne nach Nordosten in die Sicherheit" (H. Decker-Hauff) flüchten konnten.

Heyck Dr. Eduard: Seite 179
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"Geschichte der Herzöge von Zähringen"

Am 5. März 1094 verlor der ältere Welf seine Gattin, welche der Tod von langem Siechtum erlöste. Sie, die flandrische Judith, war es, welche dem Welf, als sie nach der Verstoßung der Tochter Ottos von Northeims seine zweite Gemahlin geworden, seine Söhne Welf V. und Heinrich den Schwarzen geboren hatte. Ihrem Leichenbegängnis in der Weingartner Familiengruft gab die Anwesenheit Bischof Gebhards eine höhere Feier, zu der auch Welf durch reiche Schenkungen an das Familienstift und dessen Lossprechung und Übergabe an die unmittelbare Schutzgewalt des Stuhles Petri beitrug.

Cleve Hartwig/Hlawitschka Eduard: Seite 511-527
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"Zur Herkunft der Herzogin Judith von Bayern (+ 1094)"

Das Verhalten Welfs, der seine Gemahlin Ethelinde verstoßen hatte, wurde als Skandal empfunden, zumal er sich wenig später wieder verheiratete: und zwar mit der Witwe des am 25. September 1066 im Kampf um das englische Königtum bei Stamford Bridge gefallenen Earl Tostig von Northumberland. Diese Witwe war Judith, die in der welfischen Hausüberlieferung aus Oberschwaben als flandrische Grafentochter, ja sogar als Königin von England bezeichnet wird. Da Judith die Urgroßmutter Kaiser FRIEDRICH BARBAROSSAS wie auch seines Gegners Heinrichs des Löwen war, hat man ihr seit langem größeres Interesse entgegengebracht.
Tostig hatte am 25. September 1066 gegen seinen Bruder Harold II. bei Stamford Bridge den Tod gefunden; seine Witwe habe sich danach auf den Kontinent zurückgezogen. Der sächsische Annalist berichtet, dass Judith damals große Schätze, die sie von König Eduard dem Bekenner (dem Schwager Harolds und Tostigs), sowie von Harold (richtig: Tostig) geerbt haben soll, mit sich führte.
Eine Ehe im 6. Verwandtschaftsgrad (3 : 3) würde sich aber für Herzog Welf und Judith ergeben haben, wäre Balduin V. Insulanes Judiths Vater gewesen. Nun ist Welfs Wiederverheiratung 1070 mit Judith zwar als ein "öffentlicher Ehebruch" (publicum Adulterium) von den Zeitgenossen verurteilt worden; doch ein Verwandtschaftshindernis für die neue Ehe hat man nicht geltend gemacht. Davon hätte man sicherlich Gebrauch gemacht, wenn man die karrierebedingte Verstoßung der ersten Gemahlin und die Wiederverheiratung Welfs mit Judith schon als Skandal anprangerte.

Jäschke Kurt-Ulrich: Seite 44,73
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"Die Anglonormannen"

Bezeichnenderweise suchten Tostig und seine Gattin Judith bei deren Halbbruder Zuflucht, nämlich Graf Balduin V. von Flandern, dem Schwiegervater des Normannen-Herzogs Wilhelm II.
Gleichwohl brachte erst das Ableben Heinrichs I. eine spürbare Entlastung für Wilhelm II., denn jetzt übernahm dessen Schwiegervater die Regentschaft in Frankreich.
Demgegenüber hatte die Godwine-Familie die Flandern-Kontakte intensiviert: Im Sommer 1051 heiratete Godwines Sohn Tostig Balduins V. Halbschwester Judith, und nach der Vertreibung aus England suchte Godwine selbst eben in Flandern Zuflucht. Mit flandrischer Unterstützung gelang ihm 1052 im zweiten Anlauf die Rückkehr nach England.

Schneidmüller Bernd: Seite 134,135
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"Die Welfen. Herrschaft und Erinnerung."

Die Bindungen an den Vater und die Halbbrüder könnten bereits für die Auswahl der neuen Ehefrau nach Ethelindes Verstoßung entscheidend geworden sein: "Zur Frau aber nahm er Judith, die verwitwete Königin von England, Tochter des hochadligen Grafen Balduin von Flandern." Hinter dieser Meldung der Historia Welforum, die Herkunft der Dame ein wenig verzerrend, verbirgt sich ein überraschend anmutender Angriff in die hochentwickelte westeuropäische Adelsgesellschaft. Über eine Tochter KARLS "DES KAHLEN" stammten die Grafen von Flandern von KARL DEM GROSSEN ab und pflegten dieses genealogische Wissen durch das ganze Hochmittelalter hindurch. Sie gehörten zu den herausragenden Fürstenfamilien Frankreichs und spielten im Gefüge von Kaiserreich, kapetingischem Königreich und anglonormannischer Monarhie eine bedeutende Rolle. Daß Welf IV. 1070/71 eine flandrische Grafentochter, die den Namen der karolingerzeitlichen welfischen Kaiserin wie ihrer Enkelin, der Tochter KARLS "DES KAHLEN" trug, heiraten konnte, zeigt den europäischen Rang seines Hauses an. Die genaue Einordnung Judiths in die Folge flandrischer Eltern und Töchter gestaltet sich indes schwierig. Am ansprechendsten ist die Vermutung, daß Judith die Tochter Graf Balduins IV. (+ 1035) aus zweiter Ehe mit der Schwester der normannischen Herzöge Richard III. und Robert sein könnte. Sie wäre dann eine Halbschwester Graf Balduins V. von Flandern (+ 1067).
Die neue welfische Herzogin brachte aber noch weitere Verbindungen mit. Sie war in erster Ehe nämlich mit Tostig, dem angelsächsischen Earl von Northumbrien, verheiratet. Nach dem Tod des angelsächsischen Königs Eduard (des Bekenners) im Januar 1066 machten sich neben dem normannischen Herzog Wilhelm (dem Eroberer) auch Tostig und sein Bruder Harold Hoffnung auf die Nachfolge. Zunächst setzte sich für einige Monate Harold durch. In einer Schlacht bei Stamfordbridge besiegte er am 25. September 1066 den Bruder, der dort den Tod fand. Nur drei Tage später landete Wilhelm der Eroberer auf der Insel. In diesen turbulenten Wochen kehrte Tostigs Witwe Judith, mit Schätzen beladen, auf den Kontinent zurück. Spätere Geschichtsschreiber machten sie zur Witwe Harolds oder ließen Tostig zum englischen König aufsteigen. Beides ist nicht richtig. Doch diese Erinnerung bescherte Welf IV. eine englische Königs-Witwe zur Frau.
Das welfische Hauskloster Weingarten stattete Judith glänzend aus, zuvorderst durch eine 1053 in Mantua im Beisein Papst Leos IX. und Kaiser HEINRICHS III. geborgene, dann von flandrischen Grafen erworbene kostbare Heiligblut-Reliquie; zu ihren Ehren findet bis heute am Freitag nach Christi Himmelfahrt in Weingarten der "Blutritt" statt. Zudem schenkte die Herzogin mehrere wertvolle Handschriften, die sich bis heute in New York, Montecassino, Fulda und Stuttgart befinden. Die Fuldaer Handschrift aus Weingarten, wohl in Flandern oder Nieder-Lothringen mit Miniaturen ausgestattet, enthält ein Widmungsbild, das Judith mit Christus darstellt: Erstmals kündet das Stifterhandeln dieser Dame vom hochrangigen welfischen Mäzenatentum.
Die Eheverbindung mag nicht allein ein mit Welf verwandter Trierer Erzbischof vermittelt haben, wie es der Translatiobericht der Heiligblut-Reliquie nahelegt. Mediator dürfte auch der italienische Vater Welfs IV. gewesen sein, der 1069/70 in die westeuropäische Politik eingriff.
Auch in Flandern entbrannten nach dem Tod Graf Balduins VI. 1070 Auseinandersetzungen um das Erbe, welche die Stellung der Grafschaft im Machtfeld zwischen Imperium, französischem und anglonormannischem Reich berührten. Gerade in dieser Zeit wurde die Ehe Welfs IV. mit Judith verabredet, der flandrischen Grafentochter und englischen Adelswitwe. Die westeuropäischen Verbindungen der OTBERTINER erklären die Brautwahl und rücken den WELFEN auch wieder deutlicher in den väterlichen Familienverband.

Störmer, Wilhelm: Seite 80
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"Die süddeutschen Welfen unter besonderer Berücksichtigung ihrer Herrschaftspolitik." in: Ay, Karl-Ludwig/Maier, Lorenz/Jahn Joachim: Die Welfen. Landesgeschichtliche Aspekte ihrer Herrschaft.

Welf hatte sich inzwischen mit einer in ganz Europa außerordentlich einflußreichen Dame mit besten internationalen Familienverbindungen vermählt, mit Judith, der Tochter des Grafen Balduin [88
Eduard Hlawitschka, Stirps regia, Frankfurt a. M. 1988, Seite 551-528.]. Hatte den WELFEN die Erlangung des bayerischen Herzogsstuhls große finanzielle Opfer gekostet, so brachte ihm die neue Gemahlin von ihrem ersten - englischen Gatten beachtliche Reichtümer zu. Noch wichtiger war, daß ihm die neue Ehe erstmals Söhne und eine Fülle weitreichender Familienbeziehungen brachte, die bei seiner selbständigten Politik in Zukunft eine große Rolle spielten.
 
 
 
 

  1. oo Tostig Earl von Northumberland
                 -25.9.1066

    1071
  2. oo Welf I. Herzog von Bayern
          1030/40-9.11.1101
 
 
 
 

Kinder:
2. Ehe

  Welf V.
  1072-24.9.1120

  Heinrich IX. der Stolze
  um 1075-13.12.1026

  Kunizza
        -6.3.1120

  oo Friedrich Rocho Graf von Dießen
             -12.11.
 
 
 
 

Literatur:
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Annalista Saxo: Reichschronik a. 1126 - Ay, Karl-Ludwig/Maier, Lorenz/Jahn Joachim: Die Welfen. Landesgeschichtliche Aspekte ihrer Herrschaft. Universitätsverlag Konstanz GmbH 1998 Seite 80,84, 158,199 - Brandenburg Erich: Die Nachkommen Karls des Großen Verlag Degener & Co Neustadt an der Aisch 1998 Tafel 4 Seite 9, Tafel 11 Seite 22 - Cleve, Hartwig/Hlawitschka, Eduard: Zur Herkunft der Herzogin Judith von Bayern (+ 1094), in: Stirps Regia von Eduard Hlawitschka, Verlag Peter Lang Frankfurt am Main Seite 511-528 - Douglas David C.: Wilhelm der Eroberer Herzog der Normandie. Diederichs Verlag München 1994 Seite 83,85,399 - Heyck, Eduard: Geschichte der Herzoge von Zähringen. Freiburg im Breisgau 1891 - Jäschke Kurt-Ulrich: Die Anglonormannen. Verlag W. Kohlhammer Stuttgart Berlin Köln Mainz 1981 Seite 44,73 - Jehl Rainer (Hg.) Welf VI. Jan Thorbecke Verlag Simmaringen 1995 Seite 117 - Lerche, Ludwig Alfred: Die politische Bedeutung der Eheverbindungen in den bayerischen Herzogshäusern von Arnulf bis Heinrich den Löwen (980-1180) Langensalza 1915 (Sammlung wissenschaftlicher Arbeiten; Heft 43) - Meyer von Knonau, Gerold: Jahrbücher des Deutschen Reiches unter Heinrich IV. und Heinrich V. 1. - 7. Band, Verlag von Duncker & Humblot Leipzig 1890 - Schneidmüller Bernd: Die Welfen. Herrschaft und Erinnerung. W. Kohlhammer GmbH Stuttgart Berlin Köln 2000 Seite 30,134,135,143,150 - Schwennicke Detlev: Europäische Stammtafeln Neue Folge Band I. 1, Vittorio Klostermann GmbH Frankfurt am Main 1998 Tafel 18 - Störmer, Wilhelm: Die Welfen in der Reichspolitik des 11. Jahrhunderts. in: Mitteilungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung 104, 1996, Seite 252-265 - Störmer, Wilhelm: Die süddeutschen Welfen unter besonderer Berücksichtigung ihrer Herrschaftspolitik. in: Ay, Karl-Ludwig/Maier, Lorenz/Jahn Joachim: Die Welfen. Landesgeschichtliche Aspekte ihrer Herrschaft. Universitätsverlag Konstanz GmbH 1998 Seite 57-97 -