WELFEN
 

Stammatfel Lexikon des Mittelalters Band IX Anhang

EUROPÄISCHE STAMMTAFELN NEUE FOLGE BAND L 1 Tafel 17 und 18-30
 

Lexikon des Mittelalters: Band VIII Spalte 2147
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Welfen
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I. VON DEN ANFÄNGEN BIS ZU HEINRICH DEM SCHWARZEN

Die WELFEN waren ein seit dem frühen 9. Jahrhundert belegtes, weit verzweigtes Adelsgeschlecht, das sich in einzigartiger Weise, wenn auch in unterschiedlicher Dichte fortan das ganze Mittelalter hindurch verfolgen läßt. Da die Sammelbezeichnung 'WELFEN' erst im 12. Jahrhundert vereinzelt gebräuchlich wurde und eine fortgeschrittene Entwicklungsstufe adliger Geschlechterbildung spiegelt, kann der Name WELFEN für das Frühmittelalter nur mit Einschränkungen gelten. Der für die heutige Forschung nicht anders als für die welfische Hausgeschichtsschreibung des 12. Jahrhunderts klar greifbare Spitzenahn der WELFEN ist ein Graf Welf zur Zeit KARLS DES GROSSEN, nach dem Zeugnis Thegans aus einem sehr vornehmen bayerischen Geschlecht stammend; seine Tochter Judith wurde 819 die Gemahlin Kaiser LUDWIGS DES FROMMEN. So deutlich damit die Familie Welfs in das politische Rampenlicht trat, so sehr liegen die Ursprünge der WELFEN im dunkeln. Denn neben dem zeitgenössischen Hinweis auf bayerische Herkunft gibt es (spätere) Belege für die fränkische beziehungsweise schwäbische Abstammung der WELFEN. Als ein Vorfahr gibt sich der fränkische Große Ruthard zu erkennen, der mit Warin um 750 Alemannien verwaltete (J. Fleckenstein); dem mehrfach im welfischen Zusammenhang vorkommenden Rekurs auf Ruthards Gewalttat gegenüber Abt Otmar von St. Gallen kommt dabei, wenngleich negativ besetzt, die wichtige Funktion adligen Gedächtnisses zu. Vielleicht gehörte zur Familie Graf Welfs einer der bayerischen Großen, die im Auftrag König Pippins in Auxerre, einer späteren welfischen Position, eingegriffen haben, wodurch sich die offenbar auf Reichsintegration gemünzte Herkunftsangabe Thegans erklärt (J. Fried).
Die Zeit LUDWIGS DES FROMMMEN bedeutete sogleich einen Höhepunkt welfischen Einflusses im Reich: Neben Judith erhielt deren Schwester Hemma als Gemahlin König Ludwigs des Deutschen eine Spitzenposition, und der so gewonnene Vorrang der Familie Graf Welfs in der karolingischen Adelsgesellschaft verstärkte sich noch durch die Ehe von dessen Sohn Konrad mit Adelheid, einer Tochter des Grafen Hugo von Tours aus dem Hause der elsässischen ETICHONEN, wodurch er Schwager Kaiser LOTHARS I. wurde. Vor allem aber fiel ins Gewicht, dass Judiths Sohn KARL seit 829 als künftiger König galt. Von daher waren die WELFEN allesamt in den Konflikt verwickelt, der bis zum Vertrag von Verdun (843) das KAROLINGER-Haus und Reich erschütterte. Die Parteinahme der WELFEN für LUDWIG DEN FROMMEN, durch die Konrad ab 839 eine Machtposition als Graf in Alemannien erlangte, hat unter Ludwig dem Deutschen zu einem Revriment zugunsten der in Alemannien verwurzelten ULRICHE vor allem in den Grafschaften am Bodensee geführt. Offenbar wegen dieser Kränkung verbanden sich zwei Söhne Konrads des Älteren, Konrad, Dux in Transjuranien, und Hugo "Abbas", 858/59 mit ihrem Vetter König KARL DEM KAHLEN, bauten von dem überkommenen welfischen Stützpunkt Auxerre aus ihre im westfränkischen Reich seit dem 9. Jahrhundert auf; Konrad der Jüngere begründete das Haus der westfränkisch-burgundischen WELFEN und späteren Könige von Burgund (RUDOLFINGER).
Ein auch nur bis Mitte der 50-er Jahre des 9. Jahrhunderts am Bodensee belegter Graf Welf, vermutlich Sohn Konrads des Älteren, gilt als "Stammvater" der süddeutschen WELFEN. Wenn diese damals die väterliche Grafschaft in Alemannien verlor, so konnte doch im späten 9. Jahrhundert sein Vetter Rudolf als Markgraf von Rätien und als Graf im Zürich- und Augstgau welfischen Einfluß im Süden des ostfränksichen Reiches wieder geltend machen, und auch der vielleicht auf Graf Konrad den Älteren zurückgehende (K. Schmid) in der welfischen Tradition Heinrich "mit dem goldenen Wagen" zugeschriebene listige Erwerbung eines großen kaiserlichen Lehens im Schussengau hat zur Konsolidierung der welfischen Herrschaft mit dem über Schwaben, Bayern (Augstgau, Ammergau), das Inntall, den Vintschgau und Churättien verstreuten Besitz mit dem Zentrum nördlich des Bodensees beigetragen. Hier in Altdorf und der im 11. Jahrhundert erbauten Ravensburg sowie in dem vermutlich um 1000 gegründeten Stift (später Kloster St. Martin/ Weingarten) entstanden für die WELFEN im 12. Jahrhundert namengebender fester Sitz und das durch die Familiengrablege ausgezeichnete Hauskloster, in dem zuerst Rudolf (+ um 992) seine letzte Ruhe fand, ein Neffe Bischof Konrads von Konstanz, der ebenso wie Bischof Eticho von Augsburg vom welfischenEinfluß im Schwaben des 10. Jahrhunderts zeugt; seit dieser Zeit galten die WELFEN als schwäbisches Geschlecht.
Nach der Darstellung der "Historia Welforum" war Rudolf mit Ita von Öhningen, einer Enkelin Kaiser OTTOS I., verheiratet. Im hausgeschichtlichen Rückblick des 12. Jahrhunderts scheint der so herausgestellte genealogische "Anschluß" der WELFEN an die höchste weltliche Rangstufe den Wiedereintritt der WELFEN in die Reichsgeschichte im 11. Jahrhundert zu reflektieren. Rudolfs Sohn Welf II., als Graf in Schwaben bezeugt, erreichte über seine Ehe mit der LÜTZELBURGERIN Imiza (Irmentrud), einer Nichte von Kaiser HEINRICHS II. Gemahlin Kunigunde, den Vorzug der Herrschernähe, die den WELFEN den Gewinn des für die Sicherung des Italienweges nützlichen Fiskus Mehring am Lech einbrachte. Politisch-militärisch tat sich Welf nicht nur mit seinen Fehden gegen den Augsburger und Freisinger Bischof hervor, sondern er ergriff auch in die unter HEINRICH II. beginnenden Auseinandersetzungen um das Erbe des burgundischen Reiches ein, die in der Rebellion Herzog Ernsts II. von Schwaben gegen Kaiser KONRAD II. kulminierten; dem hierin verwickelten Welf wurde 1027 vom Kaiser die Grafschaft im Inn- und Eisacktal mit dem wichtigen Brennerübergang abgesprochen.
Mit Welfs gleichnamigem Sohn beginnt die lange Reihe der welfischen Herzöge; 1047 erhielt Welf III. von Kaiser HEINRICH III. das Herzogtum Kärnten mit der Mark Verona, dessen Rang ihn nach dem Bericht der "Historia Welforum" dem Herrscher gegenüber in einer "Mischung aus gesundem Rechtsempfinden und Stolz" (B. Schneidmüller) hat auftreten lassen. 1055 war Welf an einer Verschwörung gegen den Kaiser beteiligt. Als er noch in diesem Jahr in der Burg Bodman, dem Ort der für den hochmittelalterlichen Adel Schwabens bedeutsamen karolingischen Pfalz nachkommenlos starb, nachdem er sein Erbe dem Kloster in Altdorf tradiert hatte, geriet die welfische Herrschaft ins Wanken. Ihre Kontinuität ist durch die Tatkraft von Welfs III. Mutter gesichert worden, die den Sohn ihrer mit Markgraf Azzo II. von Este verheirateten Tochter Chuniza (Kunigunde) aus Italien holen ließ. Außerdem hat Imiza 1056 das nun Weingarten genannte Hauskloster neu organisiert, indem sie die hiesigen Nonnen gegen den Mönchskonvent des Klosters Altomünster östlich von Augsburg austauschte.
Auf Reichsebene kam die jüngere Linie der WELFEN zum Zuge, als Welf IV. 1070 von König HEINRICH IV. das Herzogtum Bayern empfing, das bis 1180 fast ununterbrochen in welfischer Hand blieb. Durch seine dritte Ehe mit Judith, der Tochter Graf Balduins von Flandern und Witwe des Earl Tostig von Northumberland, weitete sich der welfische Beziehungshorizont erheblich. Welf IV. gehörte zu den Hauptträgern der süddeutschen Fürstenopposition gegen HEINRICH IV., weshalb er 1077 sein Herzogtum für fast 20 Jahre verlor. In der Folgezeit agierte Welf weiter als treuer Anhänger des Papstes, spielte in Schwaben eine dominierende Rolle und versuchte gar, 1091 die Wahl eines neuen Gegen-Königs zu organisieren. Mit der spektakulären, von Papst Urban II. betriebenen Heirat seines Sohnes Welf mit Mathilde von Tuszien wollte er die welfische Position in Italien stärken. Die nach Scheitern dieser Allianz erreichte Aussöhnung mit HEINRICH IV.1096, zugleich Beginn einer reichweiten Entspannung, sicherte den Söhnen Welfs IV. die Nachfolge im Herzogtum Bayern, das der ältere Sohn Welf nach dem Tod des Vaters 1101 übernahm. Welf V. war wie zuletzt Welf IV. ein treuer Parteigänger HEINRICHS V., und diese Politik setzte sein ihn 1120 nachfolgender Bruder Heinrich der Schwarze fort. Durch seine Ehe mit der BILLUNGERIN Wulfhild erwarb dieser dem welfischen Haus später bedeutsame Positionen in Sachsen. Mit der Verheiratung seiner Töchter Judith und Sophia an die STAUFER beziehungsweise ZÄHRINGER betrieb Heinrich die Politik einer süddeutschen Fürstenallianz. Allerdings gab er bei der Königswahl 1125 mit seiner Stimme den Ausschlag für die Erhebung Herzog Lothars von Sachsen auf Kosten seines staufischen Schwiegersohnes Herzog Friedrich II. von Schwaben, ein Verhalten, das mit der Absprache der Ehe seines Sohnes Heinrich der Stolze mit LOTHARS Tochter Gertrud zusammenhing.
"Hausintern" hat Heinrich der Schwarze sein Interessen auf die Erkundung der eigenen Vorfahren gerichtet, was durch den Bericht von der Stiftung einer Kirche über dem auf sein Geheiß geöffneten Grabes des Spitzenahns Welf-Eticho bezeugt ist; dies kommt auch darin zum Ausdruck, dass er 1123 der Erhebung der Gebeine des heiliggesprochenen Konrad von Konstanz beiwohnte und sich durch seine Zuwendung an die Konstanzer Kirche als dessen Verwandter zeigen wollte. Heinrich zog sich zuletzt als Mönch in das Kloster Weingarten zurück, wo er 1126 starb. Wenn er als letzter der WELFEN in der dortigen welfischen Grablege beigesetzt wurde, so kann das als Zäsur in der Geschichte dieser Familie gelten.
 

II. VON LOTHAR III. BIS ZU OTTO 'DEM KIND'

Seit der Königswahl LOTHARS III. von 1125 nahmen die WELFEN für mehr als ein Jahrhundert entscheidenden Einfluß auf die Reichspolitik. Der 1125/26 erlangten Königsnähe entsprach die Formierung des adligen Hausbewußtseins, das durch politische Realitäten wie Ansprüche geprägt ar, sich darum beständig wandelte und in unterscheidliche geistliche Zentren (Weingarten, Lüneburg, Braunschweig) verschriftlicht wurde. Als erstes großes Adelsgeschlecht überhaupt wurden die WELFEN zum Gegenstand von "Hausgeschichtsschreibung", die nicht allein als adlige Selbstaussage, sondern auch in ihrer institutionengebundenen Prägung gelesen werden muß. Die "Genealogia Welforum" (um 1170) aus Weingarten/Ravensburg dokumentieren den Aufstieg der WELFEN in der Beschreibung genealogischer Verbindungen, politischen Aktivitäten, erlangter Ämter und Titel wie der Förderung zentraler Herrschafts- und Erinnerungsorte. Ebenfalls in Weingarten entstand in der 2. Hälfte des 12. Jahrhundert die Darstellung eines Stammbaums, die den Übergang des welfischen patrimomium an die staufischen Nachfolger spiegelt, just in einer Zeit, als der norddeutsche Zweig der WELFEN aus der Herkunft von Kaisern (LOTHAR III., KARL DER GROSSE) oder Königen legitimierte und genuin welfische Kontinuitäten zugunsten der herrschaftlichen Verankerung in der neuen patria Sachsen weiterentwickelte. Diese unterscheidliche Ausfaltung welfischer Memoria resultierte aus dem politischen Wandel des 12. Jahrhundert, den Otto von Freising noch in seine Rollenzuweisung zu pressen versucht hatte: Die STAUFER pflegten Kaiser, die WELFEN große Herzoge hervorzubringen (Gesta Friderici, II 2)! Dieses Bild entsprach allenfalls den Realitäten staufisch-welfischen Zusammenwirkens zwischen 1152 und 1174/76.
Noch 1137/38 hatte Heinrich der Stolze, Herzog von Bayern und Sachsen (wohl schon seit 1126, RI IV 1/1, 115), beim Tod seines Schwiegervaters Kaiser LOTHAR III. auf die Krone gehofft. Doch die Königswahl KONRADS III. und die von Helmhold von Bosau (Chron. Slavorum, I 54) überlieferte Forderung des STAUFERS, ein Herzog dürfe nur ein Herzogtum besitzen, drängten Heinrich in die Opposition. Nach rechtlichen und militärischen Auseinandersetzungen, die wegen des Fehlens fester Prinzipien und Prozeßformen erst politische Normen erwachsen ließ, verlor der WELFE Bayern an die BABENBERGER, Sachsen an die ASKANIER. Besitz und Herrschaftsrechte/-ansprüche der WELFEN blieben seit Heinrichs des Stolzen Tod 1139 zweigeteilt: im süddeutschen patrimonium folgte Welf VI. (+ 1191), zunächst alleiniger Verfechter der welfischen Sache. Er konzentrierte sich nach anfänglicher Behauptung seiner italienischen Herrschaft (1152 Belehnung mit Spoleto, Tuszien, Sardinien und den Mathildischen Gütern) ganz auf den welfischen Besitz im schwäbisch-bayerischen Raum (Zentren Weingarten und Steingaden) und entfaltete dort nach dem frühen Tod seines Sohnes Welf VII. (+ 1167) eine vielgerühmte Hofhaltung. Die Rechte an beiden welfischenHerzogtümern reklamierte Heinrich der Löwe (+ 1195) erfolgreich für sich: Er wurde 1142 von KONRAD III. mit Sachsen, 1154/56 von FRIEDRICH I. mit Bayern belehnt (Abspaltung Österreichs).
Die enge Verwandtschaft der WELFEN mit führenden Adelsfamilien des Reiches und Europas bildete die Basis einer langjährigen Kooperation von WELFEN und STAUFERN. Sie ermöglichte Heinrich dem Löwen den entscheidenden Ausbau seiner Herrschaft in Sachsen und Bayern (Gründung Münchens), so dass kaum von einem gleichförmig verlaufenden Epochenkonflikt zwischen zwei festgefügten Familienverbänden gesprochen werden kann (Hechberger). Angestoßen wurde der seit 1176 offen zutagetretende Dissens zwischen FRIEDRICH I. und Heinrich dem Löwen aber nicht nur durch die überherzogliche Stellung des WELFEN, die sich nach der Eheschließung mit der englischen Prinzessin Mathilde 1168 in einem königsgleichen Rangbewußtsein, im gezielten Ausbau Braunschweigs zum residenzartigen Zentrum wie in einer mäzenaten Hofkultur niederschlug. Eigentlicher Anlaß dürfte neben der Hilfeverweigerung Heinrichs in Chiavenna 1176 vielmehr der Entschluß Welfs VI. (ca. 1174) gewesen sein, das süddeutsche patrimonium der WELFEN seinen staufischen Verwandten zu verkaufen. Hinzu trat die latente Opposition der Reichsfürsten gegen Heinrich, die seine Aburteilung im Fürstengericht, den Einzug seiner Reichslehen und 1180 die Aufteilung der Herzogtümer Sachsen (Dukat der Kölner Kirche, ASKANIER) und Bayern (WITTELSBACHER, Errichtung des Herzogtums Steiermark) durchsetzen.
Die WELFEN begrenzt auf ihre von sächsischen Fürstentöchtern ererbten Allodien um Braunschweig und Lüneburg, wurden damit aus dem sich formierenden Stand der Reichsfürsten verstoßen. Der Wiedereingliederung in diese adlige Spitzengruppe galten fortan die Bestrebungen, bis ins 13. Jahrhundert politisch wie finanziell nachdrücklich durch das verwandte englische Königshaus unterstützt. Die Anläufe von Heinrichs des Löwen ältesten Söhnen Heinrich von Braunschweig (1195/96 Pfalzgraf bei Rhein, 1214 Verlust der Pfalzgrafschaft nach dem frühen Tod des gleichnamigen Sohnes) und OTTO IV. (König 1198, Kaiser 1209, nach seiner Niederlage gegen Philipp II. von Frankreich bei Bouvines 1214 Sieg des staufischen Rivalen FRIEDRICH II.) scheiterten freilich. So nannte Burchard von Ursberg die WELFEN ein Geschlecht, das stets Gott und der römische Kirche ergeben sei, oft aber den Kaisern widerstehe. Als OTTO IV. 1218 und Heinrich von Braunschweig 1227 ohne Söhne starben, verblieb als letzter WELFE Otto 'das Kind' (+ 1252), Nachkomme von Heinrichs des Löwen jüngstem Sohn Wilhelm von Lüneburg (+ 1212/13). Mit ihm erreichte Kaiser FRIEDRICH II. 1235 die endgültige Aussöhnung beider Häuser, indem das neue Herzogtum Braunschweig-Lüneburg geschaffen und Otto in den erblichen Reichsfürstenstand erhoben wurde. Nach dem Verlust der süddeutschen Lehen und Allodien blieben die WELFEN ganz auf ihre sächsische terra beschränkt. Dieser neuen Realität von Herrschaft trug die spätmittelalterliche Historiographie durch die Dynastie und Land wie durch die Betonung des sächsischen Wurzeln der WELFEN Rechnung.
Die Nachkommen Ottos spalteten seit 1267/69 in 10 Teilungen das Herzogtum in mehrere Linien auf (Braunschweig, Lüneburg, Göttingen, Grubenhagen, Wolfenbüttel, Calenberg). Trotz der Verlagerung der welfischen Hofhaltung im Spätmittelalter blieb Brauschweig namengebender Herrschaftsmittelpunkt des Reichsfürstentums, Ort des Hausarchivs und Grablege.

Quellen:
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Historia Welforum, ed. E. König, 1978

Literatur:
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zu I.
J. Fleckenstein, Über die Herkunft der W. und ihre Anfänge in Süddtl. (Stud. und Vorarbeiten zur Gesch. des großfrk. und frühdt. Adels, 1957), 71-136 - K. Schmid, Welf. Selbstverstädnis (Fschr. G. Tellenbach, 1968), 389-416 - W. Metz, Heinrich "mit dem goldenen Wagen", BDLG 107, 1971, 136-161 O. G. Oexele, Bf. Konrad v. Konstanz in der Erinnerung der W. und der welf. Hausüberlieferung des 12. Jh., Freiburger Diözesan-Archiv 95, 1975, 7-40 - H. Cleve-E. Hlawitschka, Zur Herkunft der Hzgn. Judith v. Bayern (Fschr. A. Kraus, 1982), 15-32 - M. Borgolte, Die Gf.en Alemanniens in merow. und karol. Zeit, 1988 - H. Schwarzmaier, Die W. und der schwäb. Adel im 11. und 12. Jh. in ihren Beziehungen zum Vinschgau (Der Vinschgau und seine Nachbarräume, 1993), 83-98 - J. Fried, Der Weg in die Gesch., 1994 - W. Störmer, Die W. in der Reichspolitik des 11. Jh., MIÖG 104, 1996, 252-265.

zu II.
H. Patze, Die welf. Territorien im 14. Jh. (VuF 14, 1971), 7-99 - S. Zillmann, Die welf. Territorialpolitik im 13. Jh., 1975 - Heinrich der Löwe, hg. W.-D. Mohrmann, 1980, 249-274 - H. Patze, Die W. in der ma. Gesch. Europas, BDLG 117, 1981, 139-166 - R. Gresky, Die Finanzen der W. im 13. und 14. Jh., 1984 - G. Althoff, Anlässe zur schriftl. Fixierung adligen Selbstverständnisses, ZGO 134, 1986, 34-46 - O. G. Oexele, Adliges Selbstverständnis und seine Verknüpfung mit dem liturg. Gedenken - das Beispiel der W., ebd. 47-75 - J. Ahlers, Die W. und die engl. Kg.e 1165-1235, 1987 - G. Pischke, Die Landesteilungen der W. im MA, 1987 - E. Boshoff, Staufer und W. in der Regierungszeit Konrads III., AKG 70, 1988, 313-341 - G. Althoff, Konfliktverhalten und Rechtsbewußtsein: Die W. Mitte des 12. Jh., FMSt 26, 1992, 331-352 - B. Schneidmüller, Landesherrschaft, welf. Identität und sächs. Gesch. (Regionale Identität und soziale Gruppen im dt. MA, 1992), 65-101 - S. Weinfurter, Ebf. Philipp v. Köln und der Sturz Heinrichs des Löwen (Köln, Stadt und Bm. in Kirche und Reich des MA, 1993), 455-481 - H. Dormeier, Verwaltung und Rechnungswesen im spätma. Fsm. Braunschweig-Lüneburg, 1994 - O. Engels, Die Staufer, 1994 - O. G. Oexele, Die Memoria Heinrichs d. Löwen (Memoria in der Ges. des MA, 1994), 128-177 - W. Paravicini, Fsl. Ritterschaft: Otto v. Braunschweig-Grubenhagen, Jb. d. Braunschweig. Wiss. Ges., 1994, 97-138 - Welf VI., hg. R. Jehl, 1995 - Heinrich d. Löwe und seine Zeit, 3 Bde, hg. J. Luckhardt-F. Niehoff, 1995 - Die W. und ihr Braunschweiger Hof im hohen MA, hg. B. Schneidmüller, 1995 - W. Hechberger, Staufer und W. 1125-1190, 1996 - Gesch. Niedersachsens, II/1, hg. E. Schubert, 1997 - J. Ehlers, Heinrich d. Löwe, 1997 - Der W.schatz und sein Umkreis, hg. J. Ehlers-D. Kötzsche [im Dr.].



Die WELFEN entstammten der karolingischen Reichsaristokratie des Maas-Saar-Mosel-Raumes und gingen auf Ruthard zurück, einem der fränkischen Regierungskommissare, die nach der Vernichtung des alemannischen Adels im Blutbad von Canstatt (746) im Auftrage der KAROLINGER die politisch-herrschaftliche Neuordnung des unterworfenen Stammesherzogtum übertragen erhielten.
Drei große Besitzkomplexe lassen sich in S-Deutschland herausschälen:
1.  der Schussengau und der nördliche Argengau mit Ravensburg, Altdorf und der Familiengrablege im Hauskloster Weingarten, das der WELFE Heinrich "mit dem goldenen Wagen" um 935 gegründet hatte. Der
2. Güterkomplex waren die ausgedehnten welfischen Besitzungen im Augst- und Ammergau, in denen die WELFEN-Klöster Steingarden und Rottenbuch lagen. Schließlich zeichnet sich ein
3. vorwiegend bayerischer Herrschaftsbereich alpinen welfischen Fernbesitzes im Gau Norital ab, das heißt im Oberinntal und im Vintschgau.

Trillmich Werner: Seite 109
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"Kaiser Konrad II. und seine Zeit"

Fränkischer Herkunft war Ruthard, der Ahnherr der WELFEN [Erst die jüngeren WELFEN betrachteten sich als schwäbisches Geschlecht. Ihre Stammburg lag auf dem Veitsberge bei Ravensburg.]. Vom Elsaß aus wirkte er zunächst in Ortenau, Breisgau und Thurgau. Dann erwarb er Grafenrechte im Schussengau samt stattlichen Allodien zwischen Bodensee und Iller. Weiterer Streubesitz lag in der Baar, im Vintschgau und in Rätien, dessen Markgrafschaft noch sein Urenkel innehatte. Mit den Enkelinnen Judith und Emma vermählten sich LUDWIG DER FROMME und Ludwig der Deutsche. In den Auseinandersetzungen um die Teilung des Reiches aber schlossen sich Angehörige der Familie 859 KARL DEM KAHLEN an. Rudolf ließ sich 888 in Burgund sogar zum König krönen. Das machte dem ostfränkischen Herrscher die rechtsrheinischen WELFEN so verdächtig, dass er ihnen Lehen und politischen Einfluß entzog. Von den nächsten Generationen ist daher nur verschwommene Kunde auf uns gekommen. Erst KONRAD I. gab ihnen im Schussengau Grafenrechte zurück. Inzwischen hatten sie sich aber nordöstlich vom Bodensee durch Usurpation von Ödland und günstige Tauschverträge einen ungewöhnlich geschlossenen Besitz geschaffen. Konrad erlangte als Anhänger HEINRICHS I. die Konstanzer Bischofswürde (934-975). 935 wurde neben Burg Altdorf ein Familienkloster gestiftet, das man nach 953 ins nahe Weingarten verlegte. Seitdem vergrößerten die WELFEN ihren Besitz zielstrebig weiter durch Eheschließungen und durch Urbarmachung unbesiedelter Waldgebiete am herrschftsfreien Alpenrande. Das gelang besonders gut im Allgäu um Füssen, am oberen Lech und im Bruchland östlich der Iller um Memmingen im Bistum Augsburg, dessen Leitung 982-988 der WELFE Eticho innehatte. Im Augstgau besaßen seine Verwandten Grafschaften beiderseits des Lechs bis ostwärts an Paar und Ammer. Als bayerisches Geschlecht erlangten sie neue politische Bedeutung. Durch Verschwägerung mit bayrischem Uradel erwarb die Familie Burg Hohenwarth bei Weilheim sowie große, rodungsfähige Gebiete im Ammergau zwischen Lech und Loisach, Güter im Inntal um Imst und wohl auch bei Bozen, so dass außer dem Zugang vom Bodensee zum Oberrheintal nun auch die Straße über Fern- und Reschenpaß unter welfische Kontrolle gelangte. Als Vögte verwalteten WELFEN Augsburger Bistumsland, Güter von Altomünster, Wessobrunn, Polling, St. Mang zu Füssen und anderer Klöster. Zu Beginn des 11. Jahrhunderts verschwägerte sich Welf II. durch Imiza, eine Schwester der Kaiserin Kunigunde, sogar mit dem Herrscher. Durch Belehnung mit der Grafschaft im Inn- und Norital machte ihn HEINRICH II. zum Hüter der Brennerstraße. Die Heirat seiner Schwester Richardis verband ihm das mächtige Haus EBERSBERG.

Stälin Paul Friedrich: Seite 393-400
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"Geschichte Württembergs"

In Schwaben jedenfalls schon früher in naher Beziehung stand das Geschlecht der WELFEN [Welf ist ursprünglich ein Appellativum und bezeichnet ein Junges von wilden Tieren und Hunden.], welche durchaus sagenhafter Weise auf die Skyren-Fürsten Eticho und Welf zurückgeführt wird, hinsichtlich dessen es jedoch zweifelhaft ist, ob es ursprünglich Schwaben oder Bayern angehört habe, - eine Frage, welche später noch kurz zu erörtern ist. In der Geschichte tritt die Familie auf vielleicht schon mit den schwäbischen Statthaltern zu König Pippins Zeit, Warin und Ruodhard, jedenfalls aber mit dem als Grafen, auch als Herzog bezeichneten Welf (+ um 824), dessen Töchter Judith und Emma Kaiser LUDWIG DER FROMME (819) und König Ludwig der Deutsche (827) zu ihren Gemahlinnen wählten. Durch Judith wurden mehrere Angehörige des Geschlechts in das ihrem Sohn KARL DEM KAHLEN, dem späteren Kaiser, zugefallene Westreich geführt und spielten dort zum Teil eine bedeutende Rolle. So schon ihre Brüder Konrad und Rudolf, von denen der erstere uns übrigens wohl auch in den Jahren 839 und 856 als Graf im Argengau, 844 im Linzgau, 839 und 851 im Eritgau, 839 im Alpgau, 853 und 855 im Rheingau begegnet. Sein Enkel Rudolf schwang sich im Jahre 888 zum König von Hoch-Burgund auf und wurde der Gründer des dortigen im Jahr 1032 erloschen Königshauses.
Für uns kommt nur der in Deutschland verbliebene Zweig des Geschlechts in Betracht, dessen ältere Geschichte besonders die Historia Welforum Weingartensis, zum Teil höchst wahrscheinlich auf Grundlage einer wohl ums Jahr 1126 gefertigten Genealogie der WELFEN, und der Codex Traditionum Weingartensium, freilich nicht in durchaus glaubhafter Weise erzählen. Ihr zufolge erscheint als Welfs I. weiterer Sohn Eticho, der sich im Kummer darüber, dass sein Sohn Heinrich vom Kaiser 4.000 Hufen Landes in Oberbayern zu Lehen genommen, mit zwölf Gefährten in die Wildnis des Scharnitzwaldes zurückgezogen und Mönchen in Ammergau oder in dem benachbarten Ettal eine Zelle gebaut haben soll - eine Geschichte von mythischem, nicht historischen Hintergrunde. Heinrich selbst hat, wie die Sage weiter berichtet, vom Kaiser soviel Guts im Lande seiner Gemahlin versprochen erhalten, als er während der Mittagszeit mit einem Wagen umfahren oder nach anderer Fassung mit einem Pfluge umgehen könne. Mit immer frischen Pferden umritt er darauf, einen goldenen Wagen oder Pflug bei sich bergend, einen großen Landstrich, den ihm der Kaiser schenken mußte. Er wird als Gründer des Klosters Altomünster in Oberbayern und des Nonnenklosters Altdorf in Oberschwaben bezeichnet. Aus seiner Ehe mit Ata (Beata von Hohenwarth) werden ihm drei Söhne beigelegt: Rudolf, Konrad der Heilige, Bischof von Konstanz (+ 976) und Eticho. Aus Rudolfs Ehe mit Ida von Öhningen (am Bodensee) sollen zwei Söhne entsprossen sein: Heinrich, welcher gegen Ende des 10. Jahrhunderts auf der Jagd bei Lana in Tirol verunglückte, und Welf II., welcher geschichtlich nachweisbar im Jahre 1030 verstarb. Eticho wird eine nur ganz wenig beglaubigte illegitime Nachkommenschaft zugeschrieben. Bei dieser ganzen Genealogie sind übrigens jedenfalls einige Generationen übersprungen, vielleicht bei Eticho, dem Vater Heinrichs, zum mindesten zwei Eticho, und später zwei Rudolf, Großvater und Enkel, in eine Person zusammengezogen worden, wobei in letzterem Falle schon an einen im Jahre 972 vorkommenden Grafen Wolferat oder auch an den im Aufgebot des Jahres 980 oder 981 erwähnten Azolin, Rudolfs Sohn, als Bindeglied gedacht wurde [Der Graf Welfo, welcher im Jahre 849 oder 850 im Linzgau, 857 und 858 im Argengau als Nachfolger obigen Konrads amtete, nimmt keine sichere Stelle in der welfischen Stammtafel ein, weshalb er auch bei der heutzutage üblichen Zählung der "Welf" genannten Glieder der Familie in der Regel nicht mitgerechnet wird.].
Sicher und zusammenhängend wird die Geschichte der Familie erst mit Welf II., Gemahl der Imiza (Irmengard) von Gleiberg (bei Gießen), Schwester der Herzoge Heinrich VII. von Bayern und Friedrichs von Nieder-Lothringen. Er beteiligte sich sehr zu seinem Schaden an der Empörung gegen Kaiser KONRAD II., wurde jedoch von dem letzteren wieder zu Gnaden angenommen und ist ohne Zweifel der Erbauer von Ravensberg. Sein Sohn, Welf III., genannt von Ravensburg, wurde im Jahr 1047 von Kaiser HEINRICH III. mit dem Herzogtum Kärnten und der Mark Verona belehnt, schloß sich im Jahr 1055 der von Bischof Gebhard von Regensburg geleiteten Verschwörung mehrerer Fürsten gegen den Kaiser an, starb aber, nachdem er, von Reue ergriffen, dieselbe HEINRICH angezeigt und dessen Verzeihung erhalten, im selben Jahr den 12. oder 13. November auf seiner Burg Bodmann am Bodensee.
Mit ihm erlosch der Mannesstamm des alten WELFEN-Hauses; allein seine Mutter ließ den Sohn seiner Schwester Kunigunde, Gemahlin des Markgrafen Azzo II. aus dem Geschlechte der ESTE, - nach Berichten, die allerdings keinen Anspruch auf Zuverlässigkeit haben, einer welfischen Nebenlinie in Italien - Welf IV. (I.), eiligst nach Schwaben kommen. Er übernahm hier die alten Erbgüter des Hauses und behauptete sie gegen die Ansprüche des Klosters Weingarten, welches Welf III. zum Erben seines Allodialvermögens eingesetzt haben soll. Dieser Neubegründer des welfischen Hauses (+ 1101), in welchem sich kriegerische Tüchtigkeit und Schlauheit paarten, ist uns als Herzog von Bayern und als Genosse des Gegen-Königs RUDOLF in den Kämpfen zwischen Kaiser HEINRICH IV. und RUDOLF schon öfters begegnet. Er war zuerst vermählt mit Ethelinde, einer Tochter des Bayern-Herzogs Otto von Nordheim; als aber dieser der Acht verfiel, schickte er sie dem Vater wieder zurück (1070) und heiratete bald darauf Judith, Tochter Graf Balduins V. von Flandern, Witwe des Grafen Tostig von Northumberland. Seine schwäbischen Erbgüter vermehrte er durch das Allodialgut des letzten Grafen von Buchhorn und einen Teil des Besitzes Graf Liutolds von Achalm; in Italien erbte er unter sonstigem ansehnlichem Besitze namentlich Este. Hochbetagt unternahm er im Jahre 1101 noch einen Kreuzzug nach Palästina und verschied auf der Rückkehr zu Paphos auf Zypern. Seine Mildtätigkeit gegen die Kirche hatte, gleich anderen Klöstern, auch Weingarten zu genießen.
Von seinen Söhnen folgte ihm im Herzogtum Bayern und der einen Hälfte der väterlichen Güter Herzog Welf V. (II.), der Dicke, in der andern Hälfte dieser Güter Heinrich, in ziemlich späterer Zeit der Schwarze zubenannt. Noch sehr jung vermählte sich Welf V. mit der über 40-jährigen "großen Gräfin" Mathilde von Tuszien, um durch diese Verbindung Tuszien und die angrenzenden Länder zu erwerben; allein er trennte sich wieder von ihr und hielt von da an fest zum salischen Königshause, wie er denn als tapferer Kämpfer und als Unterhändler besonders auch in den kirchlichen Streitigkeiten (1107,1119) um Kaiser HEINRICH V. sich wiederholt Verdienste und dadurch dessen Gewogenheit erwarb. Nach seinem Tode (1119 oder 1120) wurde voller Erbe des Herzogtums Bayern und der Hausgüter sein jüngerer Bruder Heinrich der Schwarze. Auch er hielt treu zu genanntem Kaiser, in dessen Investiturstreit mit dem Papste er als Vermittler tätig war, und spielte bei der Königswahl des Jahres 1125 eine nicht unbedeutende Rolle. Durch seine Heirat mit Wulfhilde, Tochter des Herzogs Magnus von Sachsen, erwarb er seinem Hause die Hälfte der ausgedehnten billungischen Güter, namentlich Lüneburg und dessen Gebiet. Gegen das Ende seines Lebens ließ er sich im Kloster Weingarten, welches er neu hatte aufbauen lassen, als Mönch einkleiden.
Sein Erbe teilten im Jahre 1126 seine Söhne: Heinrich, in der Folge der Stolze genannt, Nachfolger im Herzogtum Bayern, und Welf VI. (III.), in der Weise, dass der erstere die reichen sächsischen Allode und Herrschaften seines Vaters nebst den meisten Rechten und Besitzungen in Bayern, der letztere dagegen der Hauptsache nach die Hausgüter und Rechte westwärts vom Lech in Schwaben und dazu mehrere im dem rechten Lechtal und in den oberen Ammergegenden erhielt. Heinrich der Stolze war, von Kaiser LOTHAR durch die Hand seines einzigen Kindes Gertrud, der Erbin der ausgedehnten braunschweigisch-nordheimischen Güter, für sich gewonnen, unermüdlich in dem Kampfe seines Schwiegervaters gegen die staufischen Brüder, Friedrich II. und KONRAD, und wurde dafür von LOTHAR unter anderem mit der Markgrafschaft Tuszien und dem Herzogtum Sachsen und vom Papste mit den mathildischen Gütern belehnt. Als er aber, nach seines Schwiegervaters Tode selbst nach der königlichen Krone strebend, sich gegen den neugewählten König, den STAUFER KONRAD III., zur Wehr setzte, ging er im Jahre 1138 seiner beiden Herzogtümer verlustig und starb schon im folgenden Jahr zu Quedlinburg. Sein damals noch minderjähriger Sohn Heinrich, später der Löwe zubenannt (+ 1195), welcher im Jahre 1142 mit dem sächsischen und im Jahre 1156 mit dem bayerischen Herzogtume belehnt wurde, besaß zwar auch in Schwaben manche alt-welfische Güter, Rechte und Dienstmannen (zum Beispiel die Vogtei des Klosters Reichenau), allein sein und seiner Nachkommen Schicksale gehören nicht der schwäbischen Geschichte an, oder sind, wie die Geschichte seines dritten Sohnes, Kaiser OTTOS IV., bereits früher berührt worden. - Nach seines älteren Bruders, Herzog Heinrichs des Stolzen, Tode setzte Welf VI. den Kampf gegen das staufische Haus in SW-Deutschland längere Zeit fort, machte insbesondere vergebliche Versuche, sich das Herzogtum Bayern zu erkämpfen, unterlag aber namentlich in dem berühmten Kampfe bei Weinsberg. Schließlich mit König KONRAD III. ausgesöhnt, wurde er besonders in Italien ein wackerer Streitgenosse von KONRADS Nachfolger, seinem eigenen Neffen FRIEDRICH I., und erhielt von diesem im Jahre 1152 als Reichslehen das Herzogtum Spoleto, die Markgrafschaft Tuszien, das Fürstentum Sardinien und Korsika, woselbst er freilich faktisch seine Herrschaft nicht durchführen konnte, mochte er sich auch Fürst von Sardinien und Korsika nennen, sowie die Mathildischen Güter. Durch seine Heirat mit Uta, Erbtochter des reichbegüterten Grafen Gottfried von Calw, Pfalzgrafen vom Rhein, verdoppelte er fast seinen ererbten Länderbesitz; allein da sein einziges Kind, Welf VII. (IV.), sein Stellvertreter in Italien, vor ihm im Jahre 1167 auf dem 4. italienischen Zuge Kaiser FRIEDRICHS I. starb, wandte er mit Umgehung des welfischen Mannesstammes dem staufischen Hause sein Erbe zu. In seinem 76. Lebensjahr beschloß er den 15. Dezember 1191 an seinem Lieblingsaufenthalt Memmingen wie sein dereinst kampfbewegtes, später dem Genuß gewidmetes Leben, so den Stamm der schwäbischen WELFEN, gerühmt von Dichtern und Klöstern, denen er sich wohltätig erwiesen hatte.
Wiederholt lagen die Glieder dieses Hauses, Welf IV. (nebst seinen Söhnen), Heinrich der Stolze, Welf VI., Welf VII. und von den nordischen WELFEN Heinrich der Löwe und Kaiser OTTO IV., mit den STAUFERN in Fehde und erst im Jahre 1235 wurde durch den Frieden mit Kaiser FRIEDRICH II. mit einem Neffen Kaiser OTTOS IV., Herzog Otto dem Kinde, der Streit der beiden mächtigen Häuser beendigt. Doch hatten auch mehrfach Aussöhnungen, ja selbst Eheverbindungen zwischen denselben stattgefunden, indem Herzog Friedrich II. von Schwaben mit Judith, der Tochter Herzog Heinrichs des Schwarzen, Herzog Friedrich IV. mit Gertrud, der Tochter Herzog Heinrichs des Löwen, und Heinrich, ältester Sohn Heinrichs des Löwen, mit Agnes, der Tochter des rheinischen Pfalzgrafen Konrad, eines Bruders von Kaiser FRIEDRICH I., sich vermählen.
Die WELFEN, gleich den STAUFERN glücklich im Ländererwerb durch Heiraten, waren vor dem Aufkommen der letzteren neben den ZÄHRINGERN die begütersten Erbherren in Schwaben und Besitzer der verschiedenartigsten Rechte, Allode, Lehengüter, auch Grafenrechte, so besonders der Grafschaft im Schussensee. Ihr Hausbesitz erstreckte sich in dem jetzt württembergischen Oberschwaben auf die Oberämter Ravensburg (zum Beispiel die Stadt Ravensburg nebst Altdorf [heutzutage Stadt Weingarten] und dem Altdorfer Wald), Wangen, Tettnang, Saulgau, Waldsee, Biberach, und es gehörten zu demselben allhier namentlich auch viele Lehensleute und Dienstmannen, wie die Truchsessen von Waldburg, die Herren von Schmalneck, Ravensburg, Emerkingen, und Klostervogteien, wie diejenige des Klosters Weingarten und in der Folge die der Priorate Langnau, Ochsenhausen und Roth. Dieser Besitz dehnte sich aber auch aus auf das jetzt bayerische Schwaben (zum Beispiel die Schutzvogtei über das Hochstift Augsburg und über die Abteien Kempten; die Orte Immenstadt, Füssen, Kaufbeuren, Memmingen), auf Bayern, wo dem Hause die Grafschaften im Augst- und Ammergau zustanden (zum Beispiel Ammergau, Steingaden, Raitenbuch, Peiting, Schongau, Altomünster), auf Tirol (zum Beispiel Güter im Vintschgau, Ulten- und Passeiertale) und auf die Schweiz (zum Beispiel Graubünden). Zu dem Buchhorner Erbe gehörte namentlich Buchhorn selbst, zu dem von dem letzten Grafen von Achalm übergebenen Besitze die freilich nicht lange bei der Familie verbliebene Burg Achalm, wie der Verbindung mit dem Achalmischen Hause ohne Zweifel noch weiter die welfische Schirmvogtei des Klosters Zwiefalten verdankt wurde. Aus dem gräflich Calwischen Erbe besaß Herzog Welf VI. (III.) Orte in den Oberämtern Calw und Neuenbürg (zum Beispiel Liebenzell - die Burg Calw selbst wurde den Verwandten Utas als Lehen zurückgegeben); Sindelfingen, Möhringen auf den Fildern, Echterdingen, Plieningen; Rechte zu Cannstatt, zu Heilbronn; die Grafschaft der Glehuntare und so weiter.
Das welfische Wappenbild war ein Löwe.
Was schließlich die Frage betrifft, ob die WELFEN ursprünglich ein schwäbisches oder ein bayerisches Geschlecht gewesen, so steht so viel fest, dass sich die späteren, die lombardischen WELFEN (seit 1055), entschieden als Schwaben, ihren Besitz in der Ravensburger Gegend als ihr Handgemal betrachteten; sie werden in gleichzeitigen Dokumenten von Ravensburg oder Altdorf genannt, wurden anfangs sämtlich zu Weingarten begraben und noch der bayerische und sächsische Herzog Heinrich der Löwe verlangte auf schwäbischem Boden gerichtet zu werden. Nicht so unzweifelhaft ist die Entscheidung hinsichtlich der älteren echten WELFEN: allerdings erscheint für sie Altdorf-Weingarten wenigstens seit dem 10. Jahrhundert als Erbbegräbnis und werden sie nach den Sitzen Altdorf und Ravensburg genannt; allein letzteres geschieht nur in Schriftstücken aus der Zeit der jüngeren WELFEN; gerade das älteste sicher als solches beglaubigte Glied der Familie, Welf, Schwiegervater Kaiser LUDWIGS DES FROMMEN, wird von den gleichzeitigen, sonst nicht schlecht unterrichteten Biographen LUDWIGS, Thegan, ausdrücklich als zum edelsten Geschlechte der Bayern gehörig bezeichnet; die erwähnten, freilich sagenhaften Berichte über die früheste Geschichte seiner Nachkommen wiesen teilweise wenigstens auch auf die bayerischen Lande als den Schauplatz ihres Auftretens hin; der Besitz in letzteren dürfte noch umfassender gewesen sein, als der in Schwaben, und der letztere ist zu einem beträchtlichen Teile erst längere Zeit nach dem erstmaligen Auftreten der WELFEN, teilweise sicher erst von der jüngeren Linie, erworben. Ja er ist vielleicht in seinen Anfängen erst auf Schenkung seitens des kaiserlichen Schwiegersohnes an Welf I. zurückzuführen, denn der im Jahre 815 genannte "königliche Fiskus" Schussengau wird später nicht mehr erwähnt, und so hat die Annahme manches für sich, eben dieses Königsgut habe bald darauf den Kern des welfischenBesitzes in Schwaben gebildet und es sei dem Geschlechte auch erst in der Folge dort eine Grafschaft verliehen worden, die auf Kosten anderer Gaue gegründete Schussengau-Grafschaft, welche dem Hause in Schwaben allein in dauernder Weise zustand.