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"Die Welfen. Herrschaft und Erinnerung."

Fürs erste mußte Heinrich der Löwe das Reich verlassen. Am 25. Juli 1182, dem Jakobustag, trat er mit seiner Gemahlin, den beiden Söhnen Heinrich und OTTO, der Tochter Richenza/Mathilde und ganz wenigen Getreuen von Braunschweig aus eine lange Reise ins westeuropäische Exil an. Wenigstens sieben Jahre sollte der Auslandsaufenthalt eigentlich dauern. Die Kinder erhielten im Exil eine standesgemäße Ausbildung und stiegen bald im Dienst ihrer königlichen Verwandten auf. Im Frühjahr 1185 kam er mit seiner Frau und dem ältesten Sohn Heinrich im sächsischen Patrimonium an.
Als Heinrich den Kreuzzug verweigerte, nötigte ihn der Kaiser zu einem zweiten, dreijährigen Exil. Mit seinem gleichnamigen Sohn zog der Löwe zu Ostern 1189 erneut nach England.
Seinen Sohn Lothar stellte der Löwe als Geisel, Heinrich, der älteste, mußte dem Herrscher mit einem Aufgebot nach Italien folgen. Er trat in der Folgezeit - zunehmend eigenständig handelnd - deutlicher hervor und verfocht konsequenter als der allmählich resignierende Vater die welfische Sache. Der junge Mann, 16 oder 17 Jahre alt, folgte seinem Herrn zunächst zur römischen Kaiserkrönung am 14. April 1191 und tat sich hier durch Eifer und Sorgfalt hervor. Angeblich, so notierte Propst Gerhard von Steterburg in seine Annalen, sei ihm damals Hoffnung, sogar Gewißheit auf größere Ehre und fruchtbringenden Nutzen signalisiert worden. Doch der Zug nach Apulien, die langwierigen Kämpfe und ausbrechende Seuchen führten zur Ernüchterung. Bei der Nachricht vom Tod seines Bruders Lothar in staufischer Geiselhaft (Oktober 1190) - so meldet Gerhard chronologisch nicht ganz folgerichtig - fürchtete Heinrich, sein Leben "in der Blüte der Jugend zu verlieren. Da er nichts von der versprochenen Ehre erlangt hatte und keine Gegenleistung für die aufgewandten Mühen erkennen konnte, verließ er die Nähe des Kaisers, als dieser mit seinem versammelten Heer vor Neapel lag. Deshalb entbranmnte der Zorn des Kaisers heftig gegen ihn." Obwohl der STAUFER die Wege über Meer und Land sperren ließ, entkam der WELFE - "mit größtmöglicher Schlauheit" - zu Schiff von Neapel aus. Der Kaiser mußte Heinrichs Verhalten als Fahnenflucht deuten. Nach Lothars Tod - wie in jenen Zeiten üblich kursierte ein Giftmordgerücht - mußte das WELFEN-Haus im Reich mit seinem biologischen Potential haushalten. Auf der Rückreise ins Reich erlangte Heinrich bei einem Treffen mit Papst Coelestin III. am 5. August 1191 in Rom das wichtige Privileg, daß Heinrich der Löwe oder seine Söhne nur vom Nachfolger Petri selbst oder von bevollmächtigten Legaten exkommuniziert werden durften.
Gerade als die welfische Sache in Sachsen nach der Rückkehr der Kreuzfahrer 1191/92 in die Defensive zu geraten schien, sprengte Heinrich von Braunschweig die alten Frontstellungen in geardezu spektakulärer Weise. Ende 1193 heiratete er auf der Burg Stahleck (bei Bacharach am Mittelrhein), ohne Wissen seines Vaters, die STAUFERIN Agnes. Ihr Vater, Pfalzgraf Konrad bei Rhein, war ein Bruder Kaiser FRIEDRICHS I. Auch der entsetzte Kaiser HEINRICH VI., der seine Cousine gerne mit König Philipp II. Augustus von Frankreich vermählt hätte, wurde vor vollendete Tatsachen gestellt. Mit der Ehe knüpften die WELFEN nach langen Jahrzehnten aber nicht nur neue Verwandtschaftsbeziehungen zu den staufischen Rivalen. Agnes war vielmehr eine der lukrativsten Partien im ausgehenden Jahrhundert, da sie das einzige überlebende Kind ihrer Eltern und damit Erbin der rheinischen Pfalzgrafschaft war. Nach dem Tod ihres Vaters am 6. November 1195 stieg Heinrich von Braunschweig 1195/96 tatsächlich zum Pfalzgrafen bei Rhein auf. Damit gehörte er zu den Reichsfürsten, also zu jener adligen Spitzengruppe, aus der Heinrich der Löwe beim Entzug seiner Reichslehen 1180 verstoßen worden war. Die Hochzeit, vielleicht von der klugen Brautmutter befördert, wurde zum Stoff für romantische Dramen und Romane. Tatsächlich schien der Konflikt der Vätergeneration durch diese Heiratsverbindung überwunden. Und den WELFEN war eine zentrale staufische Bastion am Mittelrhein zugefallen, zwischen Trier, Stahleck und Heidelberg im Herzen des Reiches gelegen.
Das Erbe mußte Heinrichs gleichnamiger Sohn sichern. Bald nach dem Tod des Vaters rückte er als Herzog bzw. als Herzog von Sachsen wie als Pfalzgraf bei Rhein. Als junger Reichsfürst am Mittelrhein stellte er sich auch programmatisch in die väterliche, sächsische Herzogstradition. Auf seinem ersten Reitersiegel (1196/97) führte er nicht mehr wie der Vater den Löwen, sondernden Adler des Reichs und der Fürsten im Wappen.
Viele Kreuzfahrer waren mittlerweile aufgebrochen, unter ihnen Pfalzgraf Heinrich bei Rhein. Zuvor hatte er sich durch Verkäufe und Verpfändungen an das Kloster Marienthal bei Helmstedt, die Grafen von Sponheim und die Trierer Kirche die nötigen Geldmittel beschafft. Noch am 27. Mai 1197 urkundete Heinrich in Stahleck. Am 22. September kam er bereits in Palästina an. Zu Schiff ging die Reise mit Erzbischof Hartwig II. von Hamburg-Bremen und anderen sächsischen Herren über die Normandie, England, Spanien, Portugal zunächst nach Messina, dann weiter nach Akkon. Vom Tod des Kaisers wußte man bei den ersten Unternehmungen noch nichts. Doch militäriasche Erfolge ließen auf sich warten. Auch wenn Arnold von Lübeck die Geschicklichkeit des Pfalzgrafen und einiger im Bergbau erfahrener sächsischer Spezialisten bei der Belagerung der Burg Toron bei Tyros lobte, verlief das Unternehmen wegen der Uneinigkeit der Kreuzfahrer unglücklich. Die Nachricht vom Tod des Kaisers nutzten viele zur raschen Rückreise. So wurde Pfalzgraf Heinrich bei Rhein nicht zum strahlenden Kreuzritter. Und bei den Entscheidungen von 1198 über die Nachfolge im Königtum fehlte er. Als er 1199 wieder im Reich erschien, hatten sich die politischen Verhältnisse grundlegend gewandelt.
Sieht man von den Kölnern einmal ab, so erhielt OTTO seit 1199 von seinen beiden Brüdern Heinrich und Wilhelm den verläßlichsten Rückhalt. 1200 begleitet Wilhelm seinen ältesten Bruder Heinrich nach England, um dort vergeblich das von Richard Löwenherz ausgesetzte Erbteil für die welfischen Brüder bei König Johann einzufordern. 1201/02 vereinbarten Pfalzgraf Heinrich, König OTTO IV. und Wilhelm eine weitgehende Ordnung welfischer Ansprüche und Güter. OTTO verzichtete 1201 mit Zustimmung der Brüder zugunsten seines Förderers, des Kölner Erzbischofs, auf Besitzungen in Westfalen ud Engern. Damit wurde die 1180 vorgenommene Neuordnung des sächsischen Dukats von den welfischen Brüdern akzeptiert. Gleichwohl führte Pfalzgraf Heinrich in seinen Urkunden bis an sein Lebensende auch den väterlichen Titel eines Herzogs von Sachsen. Im Mai 1202 ordneten die drei Brüder in Paderborn dann endgültig das Erbe ihres Vaters und verabredeten eine regionale Besitzaufteilung in Sachsen.
Erbe
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Heinrich übernahm mit den Gütern und Ansprüchen westlich einer Linie, die von der Elbe über Dalle, Nordburg (östlich von Celle), Hannover, Northeim, Göttingen bis Hanstein reichte, die schwierigste Aufgabe. Im Westen des ehemaligen Herzogtums Sachsen mußten viele schüttere Zugriffsrechte der WELFEN nämlich weider aktualisiert oder überhaupt durchgesetzt werden; dafür winkten im Weserraum günstige herrschaftliche Expansionsmöglichkeiten.
Im Frühjahr 1204 kündigte Pfalzgraf Heinrich seinem Bruder die Treue auf. Das wurde zum Signal für eine breite Abfallbewegung. Nach der Ermordung König PHILIPPS ergriff Pfalzgraf Heinrich wieder die Partein OTTOS; vielleicht schloß sich auch Wilhelm von Lüneburg an.
Konkrete Hoffnung ruhte auf Heinrich, dem einzigen Sohn des Pfalzgrafen Heinrich bei Rhein aus seiner Ehe mit Agnes. Der Pfalzgraf hatte 1204 im Thronstreit die Partei gewechselt und sich erst 1208 wieder seinem kaiserlichen Bruder angeschlossen. Zwischen 1208 und 1213 urkundete Heinrich einige Male in der Pfalzugrafschaft (Lindenfels, Stahleck) oder für dortige Zisterzienserklöster (Schönau, Himmerod). Bald nach FRIEDRICHS Erscheinen im Reich stellte Heinrich die Möglichkeit eines staufischen Erfolgs in Rechnung. 1212/13 verzichtete er zugunstzen seines gleichnamigen Sohns Heinrich auf die Pfalzgrafschaft. Damit hoffte er, ihm in den sich abzeichnenden Auseinandersetzungen das rheinische Erbe seiner Mutter Agnes und des staufischen Großvaters (Konrad bei Rhein) zu erhalten. Bald stieß der junge Pfalzgraf gegen den kaiserlichen Onkel zur Partei FRIEDRICHS II. Als Heinrich aber bereits 1214 ohne Nachkommen starb und im Zisterzienserkloster Schönau beigesetzt wurde, griff der STAUFER beherzt zu und gab die herrenlose Pfalzgrafschaft als Lehen an den WITTELSBACHER Ludwig I. von Bayern.
OTTOS älterer Bruder Heinrich urkundete weiter als Pfalzgraf bei Rhein und Herzog von Sachsen, obwohl er die eine Würde eingebüßt, die andere nie errungen hatte.
Seinem älteren Bruder Heinrich hatte OTTO IV. 1218 kein leichtes Erbe hinterlassen. Dauerhaft als Pfalzgraf bei Rhein und Herzog von Sachsen urkundend, blieb sein Rang in der hochmittelalterlichen Fürstengesellschaft ebenso ungeklärt wie die biologische Zukunft der welfischen Sache. Nach dem Tod seiner ersten Gemahlin, der STAUFERIN Agnes, hatte Heinrich 1211 erneut eine Agnes geheiratet, Tochter des wettinischen Markgrafen von der Nieder-Lausitz. Seine zweite Frau gebar dem Pfalzgrafen keine Kinder. Heinrichs ältere Tochter Irmgard aus erster Ehe wurde um 1217 mit Markgraf Hermann V. von Baden vermählt, die jüngere Tochter Agnes heiratete 1222 den Pfalzgrafen Otto II. bei Rhein; die Ehe zementierte den Übergang der Pfalzgrafschaft an den WITTELSBACHER. Welche Spielräume waren Heinrich 1218/19 überhaupt noch verblieben?
Den mit Fristsetzung versehenen Auftrag zur Übergabe der Reichsinsignien führte der Pfalzgraf zunächst nicht aus. Dafür verhandelte er Anfang 1219 mit dem neuen englischen König Heinrich III. über das weitere Vorgehen. FRIEDRICH II., seit Dezember 1218 im ganzen Reich anerkannt, bat schon Papst Honorius III. um Zwangsmittel gegen den WELFEN, damit dieser endlich seinen Widerstand aufgebe und die Reichsinsignien aushändige. Erst im Juli 1219 kam es die Einigung zwischen dem WELFEN und seinem staufischen König zustande, dem weitere Konfliktbeilegung in der Region folgten. Auf einem Hoftag in Goslar unterwarf sich Heinrich und händigte die Insignien an FRIEDRICH II. aus. Auch der endgültige Ausgleich mit Heinrich kostete viel Geld. 11.000 Mark Silber erlangte der WELFE für die Aushändigung der Reichsinsignien, dazu die Verleihung eines Vikariats im Land zwischen Elbe und Weser für die Zeit von FRIEDRICHS Italienaufenthalt.
Heinrich beachtete künftig seine Unterwerfung von 1219. In der Reichspolitik trat er nicht mehr hervor. Um so zielstrebiger baute er die faktische welfische Herrschaft in den angestammten Patrimonien aus. Im September 1219 konnte der Streit um das Stader Erbe wenigstens vorläufig geschlichtet werden. Die letzten sieben oder acht Lebensjahre Heinrichs galten als Zeit weitgehender regionaler Beschaulichkeit. Dabei aktualisierte, präzisierte und erweiterte der WELFE zwischen 1219 und 1227 seine Herrschaft in bisher kaum gekannten Maß. Weit mehr als die Hälfte seiner Urkunden stellte er in diesem kurzen Zeitabschnitt aus, vor allem in Braunschweig und Stade. Wenigstens im alten Patrimonium zwischen Harz und Heide suchte Heinrich dem welfischen Mannesstamm Dauerhaftigkeit zu verleihen. Nachdem die jüngste Tochter Agnes 1222 den WITTELSBACHER Otto geheiratet hatte, übertrug Heinrich den WELFEN-Besitz unter Ausschluß des Erbrechts beider Töchter an seinen Neffen Otto. Vor seinen Ministerialen nahm der Pfalzgraf seinen Hut (cupheum nostrum) vom Haupt und übergab ihn an seinen Neffen Otto. Ihn, den "Herzog von Lüneburg", setzte er als "Erben und rechtmäßigen Nachfolger" ein. Mit dieser Symbolhandlung übertrug Heinrich seinen Besitz an den letzten männlichen Herrschaftsträger des WELFEN-Hauses.
Der alternde Pfalzgraf suchte in der Krise welfischer Herrschaft Schutz bei den Heiligen seines Hauses. In bedrängter Lage spendete die bild- und steingewordene Memoria Trost aus großer Vergangenheit und machte Hoffnung für die Zukunft. Sein Grab fand Heinrich in dieser Stiftskirche nachdem er am 28. April 1227 in Braunschweig gestorben war.