Jordan Karl: Seite 128,138,214-216,220,223-228,230,232
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"Heinrich der Löwe"

Gegen Ende Juli des Jahres 1182 trat Heinrich der Löwe von Braunschweig aus die Fahrt in die Verbannung zu seinem Schwiegervater Heinrich II. von England an. In seiner Begleitung befanden sich seine Gemahlin Mathilde, ihre einzige Tochter Richenza, die an Stelle dieses im anglonormannischen Bereich ganz ungewöhnlichen Namen fortan den Namen ihrer Mutter Mathilde annahm, ferner Heinrich und OTTO, der erste und der dritte Sohn des Herzogspaares. Erst im Frühjahr 1185 setzte Heinrichund Mathilde mit ihrem Gefolge nach der Normandie über und kehrten im Herbst nach Braunschweig zurück. Auf jeden Fall kam ihr ältester Sohn Heinrich mit nach Deutschland, wo wir ihn in der Folgezeit wiederholt in der Umgebung seines Vaters sehen.
Heinrich der Löwe legte das eidliche Versprechen ab, zusammen mit dem jungen Heinrich abermals zu seinem Schwiegervater für drei Jahre in die Verbannung zu gehen, da er nicht am Kreuzzug des Kaisers teilnehmen wollte.
In der Zwischenzeit hatte König HEINRICH VI., den Herzog Bernhard nach der Rückkehr des WELFEN um Hilfe gebeten hatte, auf einem Reichstag zu Merseburg im Oktober 1189 die deutschen Fürsten zu einem Feldzug gegen Heinrich den Löwen aufgeboten. Wenige Wochen später vereinigte sich unter seiner Führung bei Hornburg ein größeres Heer, zu dem auch die Truppen der Erzbischöfe von Mainz und Köln und des Herzogs Bernhard gehörten. Trotz der ungünstigen Jahreszeit stieß der König gegen das stark befestigte Braunschweig vor, dessen Verteidigung der Löwe seinem Sohn Heinrich übertragen hatte. Da die Stadt gut verproviantiert war, konnte man sie aber nicht einnehmen. Der Einbruch eines harten Winters erzwang bald hier wie in Nordelbingen den Abbruch der Kämpfe. Während der Pause, die jetzt in den Kämpfen eintrat, schickte Heinrich der Löwe seinen Sohn Heinrich zu seinem Schwager Richard Löwenherz, der sich im Süden Frankreichs in seinen festländischen Besitzungen aufhielt, um seine Teilnahme am Kreuzzug vorzubereiten. Anfang 1190 sehen wir den jungen Fürsten am Hof seines Onkels in La Reole an der Garonne. Über den Zweck seiner Reise ist nichts bekannt. Irgendwelche Hilfe konnten die WELFEN vom englischen König damals nicht erwarten. Im Juli 1190 kam es bei einer persönlichen Zusammenkunft auf dem Reichstag zu Fulda zum Frieden zwischen Heinrich dem Löwen und dem deutschen König HEINRICH. Für die Einhaltung der ihm auferlegten Bedingungen mußte der Löwe seinen zweiten Sohn Lothar als Geisel stellen. Der älteste Sohn Heinrich sollte den König auf dem bevorstehenden Feldzug nach Italien mit 50 Rittern Hilfe leisten. Erst um die Wende des Jahres 1190 konnte HEINRICH VI. mit seinem Heer aufbrechen. Heinrich von Braunschweig, wie der älteste Sohn des Löwen schon damals in Urkunden genannt wird, leistete ihm die vereinbarte Gefolgschaft. Sein jüngerer Bruder Lothar war schon im Oktober 1190 in Augsburg gestorben. Sein früher Tod ließ im Lager der WELFEN den wohl unbegründeten Verdacht aufkommen, dass er durch Gift aus dem Weg geräumt sei. Während des Sizilienfeldzugs tat Heinrich von Braunschweig einen spektakulären Schritt. Er fiel vom Kaiser ab und verließ heimlich dessen Heer. Die Einzelheiten dieses Vorgangs sind bei den widersprüchlichen Angaben der Quellen nicht mit Sicherheit zu erkennen. Während der WELFE nach Arnold von Lübeck den Kaiser bereits zu Beginn des Feldzugs in S-Italien im Stich gelassen hat, bringen die übrigen Quellen die Flucht - und das ist wahrscheinlicher - mit der Belagerung von Neapel in Verbindung. Nach den Steterburger Annalen hat sich Heinrich zu diesem Schritt entschlossen, um nach dem frühen Tod seines Bruders Lothar nicht der Seuche im deutschen Heer zum Opfer zu fallen. Vermutlich begab er sich mit seiner Begleitung im Juni oder Juli zunächst nach Neapel und von hier aus auf dem Seeweg nach Rom. Hier hat Papst Cölestin am 5. August für die WELFEN ein wichtiges Privileg ausgestellt. Mit ihm gestand er Heinrich dem Löwen das Recht zu, dass niemand mit Ausnahme des Papstes oder seiner Nachfolger oder eines dazu beauftragten Legaten ihn oder seine Söhne exkommunizieren dürfe; es sei denn, dass ein besonderes Vergehen diese Strafe ohne weiteres zur Folge habe. Wenn auch in der päpstlichen Urkunde nur ganz allgemein von einer entsprechenden Bitte des Herzogs gesprochen wird, so kann wohl kein Zweifel daran bestehen, dass sein Sohn Heinrich dieses auch für ihn wichtige Privileg beim Papst in Rom persönlich erwirkt und nach Deutschland, wo er Ende August oder Anfang September in Sachsen eintraf, mitgebracht hat. Nachdem er sich der Felonie gegenüber dem Kaiser schuldig gemacht hatte, mußte ihm sehr daran liegen, in irgendeiner Weise vom Papst eine moralische Unterstützung zu erhalten. Während des Italienzuges des Kaisers hatte Heinrich der Löwe die Bedingungen des Friedens von Fulda nicht erfüllt. Die auf seiten des Kaisers stehenden Fürsten beschlossen für den Sommer des Jahres 1192 eine Heerfahrt gegen den WELFEN. Im Lager der WELFEN übernahm jetzt der junge Heinrich von Braunschweig immer mehr die Führung. Heinrich der Löwe war mit zunehmendem Alter eher zum Ausgleich bereit. Die Steterburger Annalen berichten sogar, dass er dem Kaiser durch eine Gesandtschaft seine Unschuld am Abfall seines Sohnes beteuert und als Sühne militärische Hilfe für einen neuen Feldzug nach Italien angeboten habe. Auf Veranlassung der sächsischen Gegner des Herzogs habe aber der Kaiser dieses Angebot abgelehnt. Auf dem Reichstag zu Worms zu Pfingsten im Mai 1192 sprach der Kaiser über den jungen WELFEN wegen seines Verrats die Acht und Oberacht aus.
Da eine Verstärkung ihres Heeres durch den Kaiser ausblieb, schlossen die sächsischen Fürsten mit dem jungen WELFEN einen Waffenstillstand, den dieser zur Niederwerfung der Rebellion nutzen konnte. Dagegen blieb sein Versuch, durch einen Vorstoß gegen die Stadt Stade im Norden des alten welfischen Machtbereichs die Herrschaft seines Hauses durchzusetzen, vergeblich.
Man hat vermutet, dass das Versprechen darin bestand, dass König Richard seinen Schwager dazu bringen sollte, das schon seit einer Reihe von Jahren bestehende Verlöbnis zwischen seinem Sohn Heinrich und Agnes, dem einzigen Kind und damit der Erbin des Pfalzgrafen Konrad von Staufen, auflösen zu lassen. Heinrich der Löwe, der durch die Gefangennahme seines Schwagers seinen wichtigsten Bundesgenossen verloren hatte, setzte jetzt seine letzten Hoffnungen auf seinen Schwiegersohn Knut VI. von Dänemark. Im Sommer oder Herbst 1193 sandte er seinen Sohn Heinrich zum Dänen-König, um dessen Hilfe für die Wiedergewinnung Nordelbingens zu erbitten. Da Knut zu einem solchen Schritt nicht bereit war, kehrte der junge WELFE unverrichteterdinge nach Braunschweig zurück.
Eine Wende im Verhältnis zwischen STAUFERN und WELFEN bahnte sich schließlich dadurch an, dass die Ehe zwischen dem jungen Heinrich von Braunschweig und der staufischen Prinzessin Agnes trotz aller Widerstände gegen Ende des Jahres 1193 doch zustande kam. Die Pfalzgräfin Irmgard, die mit dem Plan einer Ehe zwischen ihrer Tochter und Philipp von Frankreich nicht einverstanden war, berief während einer Abwesenheit ihres Mannes in aller Heimlichkeit den WELFEN auf ihre Burg Stahleck am Rhein und ließ hier sofort die Ehe zwischen ihm und ihrer Tochter einsegnen. Durch diese Ehe gewann der WELFE auch die Anwartschaft auf die pfalzgräfliche Würde seines Schwiegervaters und dessen umfangreichen Allodialbesitz. Nachdem der Pfalzgraf die Forderung des Kaisers, die Ehe aufzulösen, abgelehnt hatte, nahm dieser auf einem Reichstag zu Würzburg im Januar 1194 Heinrich von Braunschweig wieder in Gnaden an. Pfalzgraf Konrad übernahm es auch, eine Verständigung mit Heinrich dem Löwen herbeizuführen, der von dem Schritt seines Sohnes ebenfalls überrascht war und ihn zunächst auch nicht billigte.
In der Pfalz Tilleda kam es endlich im März 1194 zur Aussöhnung zwischen dem Kaiser und Heinrich dem Löwen. HEINRICH VI. bestätigte den WELFEN noch einmal ihren Allodialbesitz. Der junge Heinrich von Braunschweig nahm dafür bis zum Herbst des Jahres 1194 an dem Feldzug HEINRICHS VI. in S-Italien teil und kehrte dann mit dessen Genehmigung nach Deutschland zurück. Nach einem kurzen Aufenthalt in Braunschweig begab er sich in die Pfalzgrafschaft am Rhein. Da Heinrich der Löwe seine letzte Stunde herannahen fühlte, rief er seinen Sohn Heinrich aus der Pfalz zu sich und bat Bischof Isfried von Ratzeburg nach Braunschweig zu kommen. Am 6. August 1195 ist er gestorben.
Als Pfalzgraf Heinrich, der älteste Sohn des Herzogs, im Jahre 1219 in einem Vertrag mit Erzbischof Gerhard II. von Bremen die Stader Besitzungen der Bremer Kirche zurückgab, leisteten auf seinen Befehl mehr als 70 Dienstmannen dem Erzbischof als ihrem neuen Herrn den Treueid.
Heinrich der Löwe ist im Gebiet von Göttingen niemals nachweisbar. Der Ort wird nach langer Zeit zum ersten Mal wieder in der Erbteilung erwähnt, die die drei damals noch lebenden Söhne Heinrichs des Löwen im Jahre 1202 durchführten. Göttingen gehörte zum Erbteil des Pfalzgrafen Heinrich, des ältesten der drei Söhne, und ging nach dessen Tod zusammen mit seinen übrigen Besitzungen an seinen Neffen, Herzog Otto das Kind, über. Vermutlich hat der Pfalzgraf Heinrich bald nach der welfischen Erbteilung Göttingen zur Stadt erhoben.