Gerstner Ruth: Seite 110-113
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"Die Geschichte der lothringischen und rheinischen Pfalzgraf von ihren Anfängen bis zur Ausbildung des Kurterritoriums Pfalz"

Auch die Verlobung der Pfalzgrafen-Tochter Agnes, die damals drei Jahre alt war, mit dem WELFEN Heinrich, dem ältesten Sohn des Löwen, war ganz im Sinne der Politik BARBAROSSAS, geht sie doch auf die Zeit des guten Einvernehmens zwischen STAUFEN und WELFEN zurück. Erst nach der Verfeindung der beiden Fürstengeschlechter hatte HEINRICH VI. andere Pläne, es schwebte ihm als Gemahl der mittlerweile groß gewordenen Agnes Philipp, der König von Frankreich, vor, der dem Kaiser damals Freundschaft und Bundesgenossenschaft anbot durch seine Werbung um die Tochter des Pfalzgrafen. Das waren verlockende Aussichten im Kampf gegen die WELFEN und England. Aber die mütterliche Besorgtheit der Pfalzgräfin Irmgard entdeckte, dass die Neigung der Tochter allein dem jungen WELFEN galt, und so bestellte sie diesen nach Stahleck, während Konrad auf dem Wege zum kaiserlichen Hof war, und in aller Stille und Heimlichkeit wurde die Ehe mit dem verkleidet Erschienenen geschlossen (Januar oder Februar 1194).
Den Zorn des Kaisers und den Schrecken des Pfalzgrafen, als sie diese Nachricht vernahmen, kann man sich leicht vorstellen. Denn das bedeutete nicht nur einen Strich durch HEINRICHS Außenpolitik, sondern weit schlimmer war noch, dass gerade der Gegner der STAUFER im Innern sich hier am Rheine festsetzte inmitten des staufischen Machtbereichs.
Dazu kam, dass eben der jüngere Heinrich Träger des Widerstandes gegen das Kaiserhaus war. Ihn finden wir auf dem Zuge Richards nach Marseille am 3. Februar 1190 in Reolle bei dem englischen König, so dass man sich fragen muß, ob nicht Richards Handlung in Sizilien im Einverständnis mit diesem WELFEN geschah (Bündnis mit Tankred). Vor Neapel hatte Heinrich von Braunschweig die Sache des Kaisers verlassen, war ins Reich zurückgekehrt und verbreitete hier das Gerücht, der Kaiser sei dem Fieber erlegen, und alle Fürsten wurden zur Königswahl und zur Erhebung dieses jungen WELFEN aufgefordert. Nach seiner Rückkehr vom Italienzug soll Kaiser HEINRICH erklärt haben, sein einziges Ziel sei von jetzt an, den Herzog von Grund auf zu vernichten, wenn dieser auch noch so viele und noch so große Versprechungen zur Sühne mache. Aber der Erfolg war auf seiten des WELFEN geblieben.
Nach der Eheschließung blieb nun dem Kaiser wirklich nichts anderes übrig, als gute Miene zum bösen Spiel zu machen und sich mit dem WELFEN auszusöhnen. So führte die beherzte Tat einer Frau den inneren Frieden im Reiche herbei, der auf Vermittlung der Fürsten im gleichen Jahre noch zustande kam. Ja, Heinrich der Jüngere erhielt gegen die Verpflichtung zur Heeresfolge auf dem Zuge nach Italien damals schon die Zusicherung der Lehensfolge in der Rheinpfalz, und gleich nach dem Tode Konrads 1195 wurden ihm diese Lehen übertragen. Von jetzt an begegnet der Braunschweiger als Pfalzgraf häufig am Hofe. Es wurde bereits angeführt, dass die Stimme Konrads von Mainz und die pfalzgräfliche zuerst für den Sohn HEINRICHS VI., FRIEDRICH, 1196 in Frankfurt abgegeben wurden. Auch war der WELFE Begleiter des Kaisers auf dem Kreuzzuge. Der Pfalzgraf bei Rhein blieb nach wie vor treu kaiserlich.
Erst bei der Doppelwahl von 1198 mußte auch um diese Gebiete gekämpft werden. Köln und die sich südlich anschließende Pfalzgrafschaft wurden jetzt Vorposten der welfischen Macht gegen S-Deutschland. Aber dieser Zustand hatte keine Dauer, PHILIPP gelang schon im Herbst 1198 der Übergang über die Mosel im Kampf gegen OTTO. Er zog rheinabwärts bis zwei Meilen vor Köln, verbrannte Remagen, Bonn und auf dem Rückwege Andernach, die pfalzgräflichen Besitzungen wurden verheert. Im nächsten Jahre erfolgte ein zweiter Vorstoß, dem Heinrich der Welfe auch nicht mit Erfolg entgegentreten konnte, trotzdem er damals die Burg Thurand an der Mosel bei Alken erbaute. Nicht allein die von Konrad geleistete Arbeit sondern auch die enge Verbindung der voraufgegangenen Pfalzgrafen mit gerade staufischen Kaisern bewirkte, dass der Rhein seinen staufischen Charakter behielt. So konnte PHILIPP 1204 drohen, er werde Heinrich die Pfalzgrafschaft förmlich absprechen lassen, wenn dieser länger bei der Partei seines Bruders bliebe. Vor Braunschweig vollzog dieser den Übertritt.
Der WELFE erhielt damals von PHILIPP die Reichsvogtei Goslar gegen Verzicht auf die Grafschaft Stade. Die Eigengüter, die Heinrich hier und in der Grafschaft Ditmarschen besaß, verschenkte er. Um der Pfalz willen gab er also seine Stammlande preis. Sein Interesse lag am Rhein im Bereich der staufischen Einflußsphäre. So wurde selbst dieser WELFE durch die Pfalzgrafschaft in das Fahrwasser der staufischen Politik gezogen. OTTO IV. verlor damals an seinen Bruder viel, denn er wagte nach dessen Übertritt keine Schlacht mehr, sondern zog sich hinter die Mauern der Stadt zurück. Für PHILIPP aber war so der Rhein frei zum Kampf gegen Köln. Im April 1207 gewann er auch den Niederrhein und hielt einen Hoftag zu Sinzig.
Wenn im Jahre 1208 Heinrich für seinen Bruder eintrat, so lagen diesmal die Verhältnisse anders, OTTO war jetzt kein Gegen-König mehr gegen den STAUFEN, sondern wurde allgemein anerkannt. Wieder hatte ein Königsbruder die Pfalzgrafschaft inne, der während der Romfahrt des Herrschers - man kann jetzt schon sagen nach alter Tradition - die Reichsverweserschaft führte, nach Aussage des Caesarius von Heisterbach für die Reichslande oberhalb der Mosel.
Das Stromgebiet dieses Flusses selbst wurde also jetzt schon nicht mehr zum Machtbereich des Pfalzgrafen, sondern seine Bedeutung betraf nur noch die Lande südlich der Mosel; in diesem Falle hatte der Pfalzgraf zu wachen über den von den STAUFEN befestigten Besitz, mit dem die Pfalz, seit Konrad den Schwerpunkt nach dem unteren Neckar verlegt hatte, in enger Verbindung stand. Wenn aber die Vertretung der Reichsmacht in diesem staufischen Raum Aufgabe des Pfalzgrafen wurde, so ist dadurch verständlich, dass der junge FRIEDRICH 1213 wieder den Pfalzgrafen auf seine Seite zog. Als welfischer Vorposten ließ sich die Pfalzgrafschaft in S-Deutschland nicht halten. FRIEDRICH konnte ohne Schwierigkeiten am Rhein abwärts vordringen, nachdem OTTO 1212 vom Niederrhein aufwärts einen letzten mißglückten Vorstoß versucht hatte.
Heinrich trat diesmal nicht wie 1204 auf die staufische Seite über, aber er überließ die Pfalzgrafschaft seinem gleichnamigen Sohne und gestattete ihm die Parteinahme für FRIEDRICH II., er selbst zog sich nach Braunschweig zurück zur Verteidigung seiner Erblande.
Schon zwei Jahre später starb der junge Pfalzgraf, die Hoffnung des welfischen Geschlechtes, 18-jährig, ohne Nachkommen zu hinterlassen. Spuren seiner Tätigkeit in der Pfalz haben wir fast keine.