RUDOLF (I und evt. II, III)
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belegt als Graf 870 II 8, 876 XII 7 - 888 X 9,
Zürichgau 870 II 8, 876 XII 7 - ?885 111 25,
Augstgau 888 X 9,
belegt als Lebender * 891/92
Belege mit comes-Titel:
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W II Nrn. 548f., UB Zürich I Nr. 130, W II
Nrn. 606,603,641, D Arn Nr. 38, Liber Viventium Fabarlensis pag. 165 (=
Piper, Libri Confrat. 393 col. 154, I), ? Necrologium monasterii sancti
Galli 464 ad 5.1. (= St. Galler Todtenbuch 25 und 29)
Belege ohne comes-Titel:
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W II Nr. 681 (= BU I Nr. 82; mit dem Titel dux Raetianorum),
Lendi, Untersuchungen 182,185 (Annales Alamannici ad a. 891 bzw. Annales
Laubacenses ad a. 892 oder ad a. 891), Das Verbrüderungsbuch der Abtei
Reichenau 59D1 (mit dux-Titel), 80D3
Literatur:
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Dümmler-Wartmann, St. Galler Todtenbuch 68 - Meyer
von Knonau, Thurgau und Zürichgau 210 - Speidel, Zürichgau 25f.
- Chaume, Bourgogne I 553 - Bauer, Gau und Grafschaft 112 mit A. 99 - Meyer-Marthaler,
Rätien 73f., 76,78,80 mit A. 206 - Fleckenstein, Welfen 87,126 A.
289 - Tellenbach, Welfen 336-340 - Schmid, Familie, Sippe und Geschlecht
9 - Schwarzmaier, Iller und Lech 56 - Schmid, Welfisches Selbstverständnis
408 - Dobler, Gedenkeintrag 110 - Metz, Heinrich "mit dem goldenen Wagen"
159f. - Schulze, Grafschaftsverfassung 90,123 - Schwarzmaier, Reichenauer
Schuldregister 21 - Bilgeri, Geschichte Vorarlbergs I 90, 270 A. 131 -
Walther, Fiskus Bodman 258 - Borgolte, Geschichte der Grafschaften Alemanniens,
s.v.
Als Graf im Zürichgau hat nach dem Eschatokollvermerk
von fünf St. Galler und einer Züricher "Privaturkunde" 870 (W
II Nrn. 548f.) und zwischen 876 XII 7 (UB Zürich I Nr. 130) und ca.
885 (W II Nr. 641, ferner Nrn. 606,603) Rudolf amtiert. Die Belegreihe
ist durch Zeugnisse für Hunfrid unterbrochen, die unter anderem vom
19. März 872 und vom 29. Mai 876 datieren. Bauer, der wie frühere
Forscher (Speidel, Meyer von Knonau) den Rudolf von 870 mit dem
von 876ff. identifizierte, nahm an, Rudolf habe bis 876 nur den
Nordwesten des Zürichgaus verwaltet, während im selben
Zeitraum Hunfrid der Südösten der Landschaft übertragen
worden sei. Gegen diese Teilung der Kompetenzen spricht, dass Rudolf
und Hunfrid zur selben Zeit nicht sicher belegt sind; außerdem
werden in der St. Galler Urkunde 549 auch Tradita an der Ostspitze des
Zürichsees genannt, ohne dass neben Rudolf ein anderer Graf
in der sub N. comite-Formel erschiene. An der Voraussetzung einer einheitlichen
Grafschaft im Zürichgau kann also festgehalten werden.
Weder ausreichend begründen noch widerlegen läßt
sich dagegen die herrschende Auffassung, nach der alle Belege für
Graf Rudolf eine und dieselbe Person bezeichnen. Für diese Annahme
spricht derselbe Name und Wirkungsbereich sowie der Zeithorizont von anderthalb
Jahrzehnten. Andererseits wird eine zweimalige Übernahme derselben
Grafschaft durch keine sichere Parallele in Alemannien gestützt. Die
Frage der Identität der Zürichgau-Grafen namens Rudolf sollte
besser offenbleiben.
In einer St. Galler Urkunde vom 13. April 878 (W II Nr.
606) wird Rudolf (I, II) in der Grafenformel erwähnt,
obwohl mindestens ein Teil der betreffenden Güter dem Comitat im Thurgau
angehört hat. Daraus darf man aber wohl nicht schon auf eine Übernahme
der benachbarten Grafschaft schließen, in der Adalbert (II) kurz
vorher und nachher gut belegt werden kann.
Meyer-Marthaler setzte Rudolf (I, II)
auch mit
Rudolf, dem dux Raetianorum einer St. Galler Urkunde
von 890, gleich (W II Nr. 681). Tatsächlich dürfte die räumliche
und zeitliche Nachbarschaft (vgl. W II Nr. 641) der Belege diese These
rechtfertigen (s. a. Art. Burchard). Der rätische Große gilt
auch als derjenige
Rudolf, der nach den Antiales Alamannici (Liendi
182) und den Annales Laubacenses (ebd. 185) 891/92 Bernhard,
den aufständischen Sohn Kaiser KARLS III.,
erschlug; Bernhard war nämlich
bereits 890 in Rätien verfolgt worden (Lendi 182 ad a. 890; vgl. Dümmler,
Ostfrk. Reich III 343 mit A. 3). Während die These einer alemannisch-rätischen
Doppelstellung Rudolfs (I, II) in der Forschung
Zustimmung fand, traf die weitere Vermutung Meyer-Marthalers auf Widerspruch,
der Graf im Zürichgau und dux von Rätien sei aus demselben Geschlecht
wie Hunfrid hervorgegangen, also ein "HUNFRIDINGER" oder "BURCHARDE" gewesen
(vgl. auch Knapp, Buchhorner Urkunde 210, 222). Meyer-Marthaler übersah,
dass der Wechsel Hunfrid-Rudolf in dieselbe Zeit fiel (876 V 29
- XII 7) wie der Tod Ludwigs des Deutschen
(876 VIII 28). Der naheliegende Schluß,
Rudolf (I,
II) sei durch KARL III. an die
Stelle Hunfrids gesetzt worden, erschwert die Ableitung der Grafen von
demselben Geschlecht. Mit neu diskutierten Gedenkbucheinträgen hat
Tellenbach zu zeigen versucht, dass Rudolf (I, II)
ein WELFE
war; diese Auffassung ist
heute durchgedrungen (Bilgeri, Metz, Schmid, Fleckenstein 126 A. 289, Dobler;
anders Walther, Schwarzmaier, Reichenauer Schuldregister 21, und Schulze
123, die Tellenbachs Arbeit aber nicht berücksichtigten).
Einer der von Tellenbach herangezogenen Einträge
befindet sich auf pag. 165 des Liber Viventium Fabariensis; er umfaßt
27 Namen und beginnt wie folgt: Pro Rodulfo comite, Rodulf,
Roduna, Hemma, Heiluuic,
Velf, Chvanrat. An der Spitze von 30 Namen im Reichenauer
Verbrüderungsbuch (59D1-4), die mit denen aus Pfäfers weitgehend
übereinstimmen, stehen Ruodolf dux, Item Rodulf, Roduna.
Offenkundig bezeichnen die ersten drei Namen beider Einträge dieselben
Personen. Das Paar Rodulf/Roduna konnte Tellenbach auch in Quellen
des W-Frankenreiches nachweisen und als den WELFEN
Rudolf, den Bruder Konrads (I), der Kaiserin
Judith und der Königin Hemma,
und seine bis dahin unbekannte Gemahlin bestimmen. Hemma,
die Ehefrau Ludwigs des Deutschen,
und deren Eltern Welf (I) und Heilwig sowie vielleicht
Konrad (I) sind im Pfäferser Buch nach Rudolf und
Roduna genannt. Man darf daraus mit Tellenbach folgern, dass der
an der Spitze beider Einträge vermerkte comes bzw. dux Rudolf
ebenfalls zu den WELFEN gehörte.
Zu der Annahme, dass Rudolf ein Sohn Rudolfs und Rodunas
war, kam Tellenbach durch einen weiteren Reichenauer Eintrag (80D3): Ruadlfo,
Ruodun, Chonrat, Huc, Vuelf, Liutfrid, Ruadolf,
Iudit. Rudolf und Roduna sind hier offenbar mit ihren
Kindern Konrad, dem Grafen von Paris, Hugo, dem Rector
von St. Saulve in Valenciennes, und Welf, Abt von St. Riquier
und von St. Colotne zu Sens, in das Reichenauer Gebetsgedächtnis
aufgenommen worden. Dass Liutfrid, Ruadolf und Iudit zu den übrigen
Personen in einem Verwandtschaftsverhältnis gestanden haben, ist aus
anderen Quellen nicht bekannt. Tellenbachs These, Rudolf
sei mit
dem comes und dux der anderen Einträge identisch und ein weiterer
Sohn des WELFEN-Paares gewesen, ist
plausibel, da sich so am einfachsten die zweimalige Spitzenstellung
Rudolfs
vor Rudolf und Roduna erklärt. Zahlreiche auf Rudolf
und seine mutmaßlichen Eltern folgende Namen sind im Pfäferser
Gedenkbuch noch einmal als Gruppe eingeschrieben worden (Tellenbach 340
mit Hinweis auf Liber Viventium Fabariensis pag. 46 = Piper 367 col. 43,
5ff.). Diese Beobachtung und der auszeichnende dux-Titel für Rudolf
weisen darauf hin, dass Rudolf der dux Raetianorum
von 890 und demnach wohl auch der (eine oder andere) Graf im Zürichgau
war.
Aus der Zeit zwischen dem letzten Zürichgaubeleg
von ca. 885 und dem Nachweis des rätischen dux von 890 datiert ein
Diplom König ARNULFS; in ihm wird
ein Graf Rudolf vom Augstgau mit Bezug auf einen Ort östlich
der Lech genannt (D Arn Nr. 38). Dieser Rudolf ist der erste sicher
bezeugte Graf in der östlichsten Landschaft Alemanniens gewesen (s.
aber Art. Bertold IV); über den Umfang des Comitats lassen sich keine
genaueren Angaben machen (s. Borgolte, Kap. VII). Merkwürdigerweise
hat man die Urkunde von 898 bisher noch nicht mit den anderen Quellen für
den comes bzw. dux Rudolf in Verbindung gebracht, obschon
aus chronologischen Gründen die Annahme etlicher Personenidentität
sehr naheliegt. Baumann (Allgäu 1 180) ließ Rudolf wohl
unbeachtet, weil er auf den Raum Schwabens fixiert war; neuerdings hat
Schwarzmaier Iller und Lech 48-59) zwar später im Gebiet von Iller
und Lech bezeugte Grafen eingehend behandelt (siehe Art. Arbo und Borgolte
185f.), Rudolf aber fast übergangen (vgl. Schwarzmaier, loc.
cit., 56).
Wenn ein WELFE in
den 70-er Jahren im Zürichgau als Graf amtiert hat (Rudolf I,
II) und mit dem Augstgaugrafen von 888 (Rudolf III) identisch
gewesen sein kann, wird die These eines Bruchs in der älteren WELFEN-Geschichte,
die Fleckenstein aufgestellt hat, relativiert (Konrad I). Im Zusammenhang
mit dem Übergang der Söhne Konrads (I) von Ludwig
dem Deutschen zu KARL DEM KAHLEN 858/59
scheinen zwar Konrad (I) und sein Verwandter Welf
(II) die Bodenseegrafschaft verloren zu haben, doch versperrte dies
offenbar einem anderen Zweig des Geschlechts nicht den Weg zur Grafenwürde
in benachbarten Landschaften Alemanniens (vgl. Schmid, Metz). Vielleicht
ist in der Zeit Rudolfs die Grundlage für den später bezeugten
hervorragenden Besitz der WELFEN im
Augstgau gelegt worden (vgl. Fleckenstein, bes. 81ff.). In der St. Galler
Necrologüberlieferung wird zum 5. Januar ein Graf Rudolf genannt
(Necrologium monasterii sancti Galli 464); Dümmler und Wartmann haben
diesen als "Graf des Zürichgau's 870-885" identifiziert.