Borgolte Michael: Seite 226-228
**************
"Die Grafen Alemanniens"
 

RUDOLF (I und evt. II, III)
------------------------------------

belegt als Graf  870 II 8, 876 XII 7 - 888 X 9,
Zürichgau 870 II 8, 876 XII 7 - ?885 111 25,
Augstgau 888 X 9,

belegt als Lebender * 891/92

Belege mit comes-Titel:
-----------------------------
 W II Nrn. 548f., UB Zürich I Nr. 130, W II Nrn. 606,603,641, D Arn Nr. 38, Liber Viventium Fabarlensis pag. 165 (= Piper, Libri Confrat. 393 col. 154, I), ? Necrologium monasterii sancti Galli 464 ad 5.1. (= St. Galler Todtenbuch 25 und 29)

Belege ohne comes-Titel:
-------------------------------
W II Nr. 681 (= BU I Nr. 82; mit dem Titel dux Raetianorum), Lendi, Untersuchungen 182,185 (Annales Alamannici ad a. 891 bzw. Annales Laubacenses ad a. 892 oder ad a. 891), Das Verbrüderungsbuch der Abtei Reichenau 59D1 (mit dux-Titel), 80D3

Literatur:
-----------
Dümmler-Wartmann, St. Galler Todtenbuch 68 - Meyer von Knonau, Thurgau und Zürichgau 210 - Speidel, Zürichgau 25f. - Chaume, Bourgogne I 553 - Bauer, Gau und Grafschaft 112 mit A. 99 - Meyer-Marthaler, Rätien 73f., 76,78,80 mit A. 206 - Fleckenstein, Welfen 87,126 A. 289 - Tellenbach, Welfen 336-340 - Schmid, Familie, Sippe und Geschlecht 9 - Schwarzmaier, Iller und Lech 56 - Schmid, Welfisches Selbstverständnis 408 - Dobler, Gedenkeintrag 110 - Metz, Heinrich "mit dem goldenen Wagen" 159f. - Schulze, Grafschaftsverfassung 90,123 - Schwarzmaier, Reichenauer Schuldregister 21 - Bilgeri, Geschichte Vorarlbergs I 90, 270 A. 131 - Walther, Fiskus Bodman 258 - Borgolte, Geschichte der Grafschaften Alemanniens, s.v.

Als Graf im Zürichgau hat nach dem Eschatokollvermerk von fünf St. Galler und einer Züricher "Privaturkunde" 870 (W II Nrn. 548f.) und zwischen 876 XII 7 (UB Zürich I Nr. 130) und ca. 885 (W II Nr. 641, ferner Nrn. 606,603) Rudolf amtiert. Die Belegreihe ist durch Zeugnisse für Hunfrid unterbrochen, die unter anderem vom 19. März 872 und vom 29. Mai 876 datieren. Bauer, der wie frühere Forscher (Speidel, Meyer von Knonau) den Rudolf von 870 mit dem von 876ff. identifizierte, nahm an, Rudolf habe bis 876 nur den Nordwesten des Zürichgaus verwaltet, während im selben Zeitraum Hunfrid der Südösten der Landschaft übertragen worden sei. Gegen diese Teilung der Kompetenzen spricht, dass Rudolf und Hunfrid zur selben Zeit nicht sicher belegt sind; außerdem werden in der St. Galler Urkunde 549 auch Tradita an der Ostspitze des Zürichsees genannt, ohne dass neben Rudolf ein anderer Graf in der sub N. comite-Formel erschiene. An der Voraussetzung einer einheitlichen Grafschaft im Zürichgau kann also festgehalten werden.
Weder ausreichend begründen noch widerlegen läßt sich dagegen die herrschende Auffassung, nach der alle Belege für Graf Rudolf eine und dieselbe Person bezeichnen. Für diese Annahme spricht derselbe Name und Wirkungsbereich sowie der Zeithorizont von anderthalb Jahrzehnten. Andererseits wird eine zweimalige Übernahme derselben Grafschaft durch keine sichere Parallele in Alemannien gestützt. Die Frage der Identität der Zürichgau-Grafen namens Rudolf sollte besser offenbleiben.
In einer St. Galler Urkunde vom 13. April 878 (W II Nr. 606) wird Rudolf (I, II) in der Grafenformel erwähnt, obwohl mindestens ein Teil der betreffenden Güter dem Comitat im Thurgau angehört hat. Daraus darf man aber wohl nicht schon auf eine Übernahme der benachbarten Grafschaft schließen, in der Adalbert (II) kurz vorher und nachher gut belegt werden kann.
Meyer-Marthaler setzte Rudolf (I, II) auch mit Rudolf, dem dux Raetianorum einer St. Galler Urkunde von 890, gleich (W II Nr. 681). Tatsächlich dürfte die räumliche und zeitliche Nachbarschaft (vgl. W II Nr. 641) der Belege diese These rechtfertigen (s. a. Art. Burchard). Der rätische Große gilt auch als derjenige Rudolf, der nach den Antiales Alamannici (Liendi 182) und den Annales Laubacenses (ebd. 185) 891/92 Bernhard, den aufständischen Sohn Kaiser KARLS III., erschlug; Bernhard war nämlich bereits 890 in Rätien verfolgt worden (Lendi 182 ad a. 890; vgl. Dümmler, Ostfrk. Reich III 343 mit A. 3). Während die These einer alemannisch-rätischen Doppelstellung Rudolfs (I, II) in der Forschung Zustimmung fand, traf die weitere Vermutung Meyer-Marthalers auf Widerspruch, der Graf im Zürichgau und dux von Rätien sei aus demselben Geschlecht wie Hunfrid hervorgegangen, also ein "HUNFRIDINGER" oder "BURCHARDE" gewesen (vgl. auch Knapp, Buchhorner Urkunde 210, 222). Meyer-Marthaler übersah, dass der Wechsel Hunfrid-Rudolf in dieselbe Zeit fiel (876 V 29 - XII 7) wie der Tod Ludwigs des Deutschen (876 VIII 28). Der naheliegende Schluß, Rudolf (I, II) sei durch KARL III. an die Stelle Hunfrids gesetzt worden, erschwert die Ableitung der Grafen von demselben Geschlecht. Mit neu diskutierten Gedenkbucheinträgen hat Tellenbach zu zeigen versucht, dass Rudolf (I, II) ein WELFE war; diese Auffassung ist heute durchgedrungen (Bilgeri, Metz, Schmid, Fleckenstein 126 A. 289, Dobler; anders Walther, Schwarzmaier, Reichenauer Schuldregister 21, und Schulze 123, die Tellenbachs Arbeit aber nicht berücksichtigten).
Einer der von Tellenbach herangezogenen Einträge befindet sich auf pag. 165 des Liber Viventium Fabariensis; er umfaßt 27 Namen und beginnt wie folgt: Pro Rodulfo comite, Rodulf, Roduna, Hemma, Heiluuic, Velf, Chvanrat. An der Spitze von 30 Namen im Reichenauer Verbrüderungsbuch (59D1-4), die mit denen aus Pfäfers weitgehend übereinstimmen, stehen Ruodolf dux, Item Rodulf, Roduna. Offenkundig bezeichnen die ersten drei Namen beider Einträge dieselben Personen. Das Paar Rodulf/Roduna konnte Tellenbach auch in Quellen des W-Frankenreiches nachweisen und als den WELFEN Rudolf, den Bruder Konrads (I), der Kaiserin Judith und der Königin Hemma, und seine bis dahin unbekannte Gemahlin bestimmen. Hemma, die Ehefrau Ludwigs des Deutschen, und deren Eltern Welf (I) und Heilwig sowie vielleicht Konrad (I) sind im Pfäferser Buch nach Rudolf und Roduna genannt. Man darf daraus mit Tellenbach folgern, dass der an der Spitze beider Einträge vermerkte comes bzw. dux Rudolf ebenfalls zu den WELFEN gehörte. Zu der Annahme, dass Rudolf ein Sohn Rudolfs und Rodunas war, kam Tellenbach durch einen weiteren Reichenauer Eintrag (80D3): Ruadlfo, Ruodun, Chonrat, Huc, Vuelf, Liutfrid, Ruadolf, Iudit. Rudolf und Roduna sind hier offenbar mit ihren Kindern Konrad, dem Grafen von Paris, Hugo, dem Rector von St. Saulve in Valenciennes, und Welf, Abt von St. Riquier und von St. Colotne zu Sens, in das Reichenauer Gebetsgedächtnis aufgenommen worden. Dass Liutfrid, Ruadolf und Iudit zu den übrigen Personen in einem Verwandtschaftsverhältnis gestanden haben, ist aus anderen Quellen nicht bekannt. Tellenbachs These, Rudolf sei mit dem comes und dux der anderen Einträge identisch und ein weiterer Sohn des WELFEN-Paares gewesen, ist plausibel, da sich so am einfachsten die zweimalige Spitzenstellung Rudolfs vor Rudolf und Roduna erklärt. Zahlreiche auf Rudolf und seine mutmaßlichen Eltern folgende Namen sind im Pfäferser Gedenkbuch noch einmal als Gruppe eingeschrieben worden (Tellenbach 340 mit Hinweis auf Liber Viventium Fabariensis pag. 46 = Piper 367 col. 43, 5ff.). Diese Beobachtung und der auszeichnende dux-Titel für Rudolf weisen darauf hin, dass Rudolf der dux Raetianorum von 890 und demnach wohl auch der (eine oder andere) Graf im Zürichgau war.
Aus der Zeit zwischen dem letzten Zürichgaubeleg von ca. 885 und dem Nachweis des rätischen dux von 890 datiert ein Diplom König ARNULFS; in ihm wird ein Graf Rudolf vom Augstgau mit Bezug auf einen Ort östlich der Lech genannt (D Arn Nr. 38). Dieser Rudolf ist der erste sicher bezeugte Graf in der östlichsten Landschaft Alemanniens gewesen (s. aber Art. Bertold IV); über den Umfang des Comitats lassen sich keine genaueren Angaben machen (s. Borgolte, Kap. VII). Merkwürdigerweise hat man die Urkunde von 898 bisher noch nicht mit den anderen Quellen für den comes bzw. dux Rudolf in Verbindung gebracht, obschon aus chronologischen Gründen die Annahme etlicher Personenidentität sehr naheliegt. Baumann (Allgäu 1 180) ließ Rudolf wohl unbeachtet, weil er auf den Raum Schwabens fixiert war; neuerdings hat Schwarzmaier Iller und Lech 48-59) zwar später im Gebiet von Iller und Lech bezeugte Grafen eingehend behandelt (siehe Art. Arbo und Borgolte 185f.), Rudolf aber fast übergangen (vgl. Schwarzmaier, loc. cit., 56).
Wenn ein WELFE in den 70-er Jahren im Zürichgau als Graf amtiert hat (Rudolf I, II) und mit dem Augstgaugrafen von 888 (Rudolf III) identisch gewesen sein kann, wird die These eines Bruchs in der älteren WELFEN-Geschichte, die Fleckenstein aufgestellt hat, relativiert (Konrad I). Im Zusammenhang mit dem Übergang der Söhne Konrads (I) von Ludwig dem Deutschen zu KARL DEM KAHLEN 858/59 scheinen zwar Konrad (I) und sein Verwandter Welf (II) die Bodenseegrafschaft verloren zu haben, doch versperrte dies offenbar einem anderen Zweig des Geschlechts nicht den Weg zur Grafenwürde in benachbarten Landschaften Alemanniens (vgl. Schmid, Metz). Vielleicht ist in der Zeit Rudolfs die Grundlage für den später bezeugten hervorragenden Besitz der WELFEN im Augstgau gelegt worden (vgl. Fleckenstein, bes. 81ff.). In der St. Galler Necrologüberlieferung wird zum 5. Januar ein Graf Rudolf genannt (Necrologium monasterii sancti Galli 464); Dümmler und Wartmann haben diesen als "Graf des Zürichgau's 870-885" identifiziert.