Schneidmüller Bernd: Seite 81-89,104
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"Die Welfen. Herrschaft und Erinnerung."

Rudolf I. starb vermutlich am 25. Oktober 912. Die neuere Personenforschung hat ihm eine ansehnliche Familie zugewiesen. Unklar sind Name und Herkunft seiner Gattin, angeblich eine Dame namens Willa, vielleicht eine Tochter König Bosos von der Provence? Mehr wissen wir über zwei Söhne (Rudolf, Ludwig) und zwei Töchter, Judith und Waldrada. Da der erste welfische König neben seinem Nachfolger Rudolf II. offensichtlich noch einen weiteren Sohn Ludwig hinterließ, ist für den Wandel der königlichen Thronfolge im 10. Jahrhundert von besonderer Bedeutung. Erstmals in der Geschichte des frühen Mittelalters wurden das Königamt entgegen bewährtem fränkischen Brauch - nicht unter den beiden regierungsfähigen Söhnen geteilt. 912 etablierte sich in Burgund das Nachfolgerecht des Erstgeborenen und die Einheit des jungen Königreichs.
Daß Rudolf II. 912 seinem gleichnamigen Vater - nach unserem Kenntnisstand unangefochten - im Königtum folgte, gehört gewiß zu den größten Leistungen des ersten welfischen Königs.
Die ein Vierteljahrhundert währende Herrschaft Rudolfs II. (912-937) markiert freilich nicht allein die Verstetigung des welfischen Königtums in Hoch-Burgund. Vielmehr schuf Rudolf die Voraussetzung für ein gesamtburgundisches Reich (Arelat) vom Jura über die W-Alpen und das Rhonetal bis in die Provence. Er lernte aber auch die Möglichkeiten und Grenzen dynamischer Expansion und wechselnder politischer Schwerpunkte kennen, welche die spätkarolingische Welt prägte. Anfangs schienen die Handlungsspielräume nach Süden (Nieder-Burgund, Provence); Südosten (Italien) und Nordosten (Alemannien) offen. Doch bals erfuhren Rudolf II. und sein Sohn Konrad (937-993) in der fortschreitenden Formulierung des west- und ostfränkischen Reiches die Grenzen ihrer Entfaltung. Anscheinend wußte Rudolf die Auseinandersetzungen um das ostfränkische Königtum noch für sich zu nutzen. Mit dem fränkischen KONRADINER KONRAD I (911-918) und dem sächsischen LIUDOLFINGER HEINRICH I. (918-936) waren dort Exponenten genau jener karolingerzeitlichen Aristokratie aufgestiegen, der auch die WELFEN entstammten. Weil KONRAD und HEINRICH ihre Anerkennung im ostfränkischen Reich erst mühsam erkämpfen mußten, nutzte Rudolf einen Wechsel im schwäbischen Herzogtum 917 aus, um seine Herrschaft bis in den Thurgau auszudehnen. Doch 919 unterlag er dem neuen Herzog Burchard I. in der Schlacht bei Winterthur. Der Friede wurde in einer bündnisstiftenden Ehe zwischen Burchards Tochter Berta und König Rudolf II. beschlossen (wohl 922).
Erfolgreicher als das schwäbische Abenteuer verlief Rudolfs Vorstoß nach Oberitalien und dei Übernahme der italienischen Königsherrschaft. Formen und Motive ergaben sich aus den karolingerzeitlichen Erfahrungen einer über die noch flüchtigen Reichsgrenzen hinweg agierenden Aristokratie. Eine in Opposition zum Kaiser BERENGAR I. stehende Adelsgruppe begab sich Ende 921 zu Rudolf II. und bot ihm die italienische Königskrone an. Der WELFE griff rasch zu und amtierte schon im Februar 922 in Pavia als König. Seine italienischen Königsurkunden, in reicherer Zahl als burgundische Stücke überliefert, belegen die Durchsetzung in Oberitalien bis 924. Viel bunter als die formalisierten Diplome erzählt Bischof Liudprand von Cremona (+ 970/72) in seiner engagiert-persönlichen Geschichtsschreibung von politischen Ränken, Verrat, Sex und Mord als Mittel zur Macht in jener Zeit. Ihm ist auch die lange Schilderung von Rudolfs Königsweg nach Italien und ins Bett der Markgräfin Irmingard von Ivrea zu verdanken, nüchtern im Anfang und blumig am Ende.
Mit Kaiser BERENGAR I. mußte Rudolf zwangsläufig die Entscheidung suchen: "Er wurde von allen bereitwillig aufgenommen, ließ BERENGAR vom ganzen Reich nichts außer Verona übrig und regierte das ganze Reich kräftig drei Jahre lang. In diesen drei Jahren schien König Rudolf also den einen gut, den anderen eine Last. Darum wollte die eine Hälfte des Volkes Rudolf, die andere BERENGAR. Also rüsteten sie zu einem heftigen Bürgerkrieg. Weil Wido, der Bischof von Piacenza; Anhänger BERENGARS war, stellten sie sich 12 Meilen von Piacenza entfernt bei Fiorenzuola zur Schlacht auf. Liudprand konnte jetzt nur noch das furchtbare Gemetzel unter Verwandten und Brüdern am 17. Juli 923 beklagen, das hilfreich-rücksichtslose Eingreifen von Rudolfs Schwager Bonifaz und schließlich die Niederlage BERENGARS schildern: "Damals wurden so viele getötet, daß bis heute noch eine vorübergehende Knappheit an Rittern besteht." BERENGAR flüchtete nach Verona. Für einige Zeit schienen sich Rudolf und BERENGAR gar die Herrschaft zu teilen, bis der Kaiser 924 von seinen Gefolgsleuten ermordet wurde.
Damit hatte sich der WELFE noch lange nicht behauptet. Wieder war es eine italienische Adelsgruppe um den Mailänder Erzbischof, die 926 einen neuen Aristokraten, Hugo von Arles, als König ins Land riefen. Als treibende Kraft nannte Liudprand die schöne Markgräfin Irmingard von Ivrea, welche die Fleischeslust schwacher Männer im Kampf um die italienische Krone geschickt zu nutzen verstünde. Anstelle des blinden Kaisers LUDWIG III. (+ 928), faktisch Inhaber der Herrschaft im niederburgundischen Reich, war Hugo längst zum eigentlichen Rivalen Rudolfs erwachsen. Um seinem Ausgriff nach Italien zu begegnen, rief der WELFE den Schwiegervater, Burchard I. von Schwaben, zum italienischen Feldzug auf. Über Mailand kam der Herzog nach Novara und wurde dort im April 926 erschlagen. Dieses einschneidenden Ereignis beendete nicht allein die eigenständige schwäbische Italienpolitik, sondern nötigte Rudolf zum raschen Rückzug nach Burgund, das im Sommer 926 von den heidnischen Ungarn heimgesucht wurde. Der italienischen Königsherrschaft Hugos von Arles stand nichts mehr im Weg; im Juli 926 wurde er in Pavia gekrönt.
Zweimal, 919 in Schwaben und 926 in Oberitalien, war Rudolf in seine Schranken verwiesen worden. Im November 926 nahm der König am Hoftag des ostfränkischen Herrschers HEINRICH I. in Worms teil. Hier wurde das schwäbische Herzogtum von Rudolfs Schwiegervater an den Franken Hermann ausgegeben. Bei diesem Herrschertreffen vollzog sich offensichtlich ein bedeutsamer politischer Interessenausgleich zwischen dem LIUDOLFINGER und dem WELFEN, der auf die nächsten Jahrzehnte wirkte. Bekräftigt wurde das Freundschaftsbündnis neun Jahre später bei einem erneuten Herrschertreffen, nun unter Einbeziehung König Rudolfs von W-Franken.
Rudolf II. lieferte nämlich - eher 926 als 935 - seinem ostfränkischen Kollegen die heilige Lanze aus. Als heruasragende und siegverheißende Reliquie mit dem Nagel vom Kreuz Christi war sie, später als Mauritius-Lanze umgedeutet, eine der wichtigsten Herrschaftszeichen des Mittelalters. Bis heute hat sich eine heilige Lanze unter den Insignien des Alten Reichs in der Schatzkammer der Wiener Hofburg erhalten. Allerdings paßt die Schilderung der von Rudolf II. übergebenen Lanze nicht mit dem in Wien verwahrten Stück zusammen.
Nach dem Bericht Liudprands besiegelte die Lanzenübergabe jedoch nur ein Freundschaftsbündnis zwischen Rudolf II. und HEINRICH I., in dem der LIUDOLFINGER für die begehrte Reliquie die welfischen Eroberungen in Schwaben zwischen Aare, Jura und Reuß bis nach Basel anerkannte. Falls die Lanze überhaupt 926 und nicht beim Grenztreffen der drei nordalpinen Könige 935 an der Chiers übergeben wurde, könnte man in Rudolfs Reise nach Worms bestenfalls ein Entgegenkommen in der Gleichrangigkeit sehen.
Räumliche, politische und personelle Nähe zum ostfränkischen Königtum prägte die Zukunft des burgundischen Reichs. Zum Freundschafts- trat offenbar schon bald ein Ehebündnis. 929 hatte König HEINRICH I. für seinen Sohn OTTO I. um eine englische Prinzessin geworben. König Aethelstan schickte zwei Schwestern zur Auswahl auf den Kontinent, Eaditha/Edgith und Adiva/Adgiva. Während OTTO Edgith auswählte, scheint ihre jüngere Schwester Adgiva damals mit Ludwig, dem Bruder König Rudolfs II. von Burgund, vermählt worden zu sein. Der Verschwägerung von WELFEN und LIUDOLFINGERN 929/30 entsprach das burgundsiche Interesse an OTTOS Thronfolge wie eine Übersendung von Reliquien des hl. Innocenz durch Rudolf II. an König OTTO I. zur Ausstattung des frisch gegründeten Magdeburger Moritz-Klosters 937, Keimzelle des späteren Erzbistums.
Aggressiver vermochte der welfische König nach Süden vorzudringen. Beim Tod Kaiser LUDWIGS DES BLINDEN 928 nutzte er vielleicht verwandtschaftlich begründete Erbansprüche auf Nieder-Burgund und schuf die Voraussetzungen für ein umfassendes gesamtburgundsiches Königreich, das erst in der nächsten generation deutlicher entgegentritt.
Während LUDWIG DES BLINDEN illegitimer Sohn Karl Konstantin 928 auf seine Grafschaft Vienne beschränkt blieb, erhielt sich zunächst die faktische Regentschaft Hugos von Arles im niederburgundischen Reich. Seit 926 amtierte er als italienischer König. Als Rudolf II. von einer italienischen Adelsopposition gegen Hugo 932 erneut zur Übernahme des Königtums eingeladen wurde, sicherte man die gegenseitigen Herrschaftssphären zwischen Hugo und dem WELFEN vertraglich ab: "Damals schickten die Italiener Boten nach Burgund, damit Rudolf käme. Als König Hugo das erfuhr, sandte er ebenfalls Gesandte an ihn und übergab Rudolf alls Land, das er in Gallien vor Antritt des Königtums innehatte, und erhielt von ihm die eidliche Versicherung, niemals mehr nach Italien zu kommen." Welches Land Hugo genau an den WELFEN abtrat, wissen wir nicht. Der Weg zur Vereinigung Hoch- und Nieder-Burgunds und zur Begründung des gesamtburgundischen Königreichs von Basel bis zur Mittelmeerküste war noch lang. Doch Rudolf II. hatte in beständigen, nicht immer glücklichen Expansionsversuchen die burgundische Reichsbildung aus spätkarolingischer Zeit zu einem ersten Abschluß gebracht.
Wie bei jedem Herrscherwechsel mußte sich die Festigkeit von Reich und Dynastie bewähren, als Rudolf am 12. oder 13. Juli 937 starb und in St-Maurice/Agaune beigesetzt wurde.