Burgund, Königreich
 

Lexikon des Mittelalters: Band II Spalte 1087
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Burgund, Königreich
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Das hochmittelalterliche Königreich Burgund umfaßte das geographisch vielfältig gegliederte Gebiet der Rhoneländer, das sich von den Kämmen der Westalpen im Osten bis zur Saone-Rhone-Furche im Westen und vom Fuße der Vogesen im Norden  bis zur Mittelmeerküste im Süden erstreckte. Neben dem alten römisch geprägten Kulturland der Provence und des Rhone-Saone-Beckens mit einem dichten Netz von Römerstädten gehörte dazu nicht nur die noch kaum erschlossenen W-Alpen mit den wichtigen frühmittelalterlichen Pässen (Mont Genevre, Mont Cenis, Großer St. Bernhard), sondern auch der unwirtliche Jura und im NO das alemannische besiedelte Schweizer Mittelland. Nicht weniger als 7 Erzbistümer und ca. 30 Bistümer zählten zum hochmittelalterlichen Burgund.
Das Königreich Burgund ist aus dem Zerfall der KAROLINGER-Reiches und der Auflösung des lotharingischen Mittelreiches hervorgegangen. Im S knüpfte das in Analogie zu Burgundia superior (888) (Hoch-Burgund) in der Forschung häufig als „Nieder-Burgund“ bezeichnete Reich des 879 zum König gewählten Boso von Vienne an das Teilreich Karls des Jüngeren an, das die Provence mitsamt dem Dukat Vienne/Lyon umfaßte. Bosos Sohn LUDWIG DER BLINDE, der 890 in Valence zum niederburgundisch-provenzalischen König gewählt wurde, wies der burgundischen Expansion den Weg nach Italien: Im Oktober 900 zum italienischen König ausgerufen, im Februar 901 zum Kaiser gekrönt, mußte er sich jedoch schon 902 aus Italien zurückziehen. 905 wurde er bei seinem zweiten Zug gegen BERENGAR I. von diesem geblendet (+ 5. Juni 928?). Der eigentliche Machthaber der Provence war Graf Hugo von Arles, der 926 die italienische Königswürde erlangte. Als LUDWIG DER BLINDE starb (928), konnte sich sein Sohn Karl Konstantin nur als Graf von Vienne behaupten und mußte die Hoheit des westfränkischen Königs Rudolf anerkennen, der sich 930, offenbar im Einvernehmen mit Hugo von Arles/Italien, des Dukats Lyonnais bemächtigte. Hugo hat schließlich in einem Vertrag mit dem WELFEN Rudolf II. (um 933) auf seiner provencalisch-burgundischen Ansprüche verzichtet, um sich dadurch gegen ein erneutes Eingreifen der RUDOLFINGER in Italien zu sichern.
Das hochburgundische Königreich hatte der WELFE Rudolf I. (888-912) begründet, als er sich 888 in dem altburgundischen Königskloster St-Maurice zum König erheben ließ. Sein Versuch, das Reich Lothars II. zu erneuern, scheiterte am Widerstand ARNULFS, der 895 seinen Sohn Zwentibold als König in Burgund und Lotharingien einsetzte. Die von ARNULF schließlich anerkannte Herrschaft Rudolfs blieb nach dem Verlust des Gebietes um Besancon und Basel (895) im wesentlichen auf den von seinem Vater Konrad ererbten Besitz, den transjuranischen Dukat um den Genfer See beschränkt. Rudolf II. (912-937) versuchte zunächst, seine Herrschaft im Nordosten auf Kosten des schwäbischen Herzogs auszudehnen, eichtete seine Expansionspolitik aber nach der Niederlage gegen Herzog Burchard I. von Schwaben bei Winterthur (919) und dem Friedensschluß mit dem schwäbischen Gegner (Vermählung mit des Herzogs Tochter Bertha um 922) auf Italien, wo er tatsächlich zwischen 921/22 und der Königserhebung Hugos von Arles (926) als König anerkannt war. 926 trat Rudolf in eine engere politische Verbindung zum deutschen König HEINRICH I. Gegen Überlassung Basels und Regelung wohl alter Grenzprobleme zwischen Burgund und Alemannien übergab Rudolf die ihm von italienischen Großen übertragene Heilige Lanze dem deutschen König. Der um 933 mit Hugo von Arles geschlossene Vertrag leitete die Vereinigung von Hoch- und Nieder-Burgund ein, doch wurde die wohl auf dem Dreikönigstreffen am Chiers 935 von dem westfränkischen König Rudolf (923-936) versprochene Rückgabe von Lyon und Vienne nicht vollzogen. Nach Rudolfs II. Tod (12./13. Juli 937, begraben St-Maurice) versuchte Hugo, von Italien aus durch seine Eheverbindungen mit der Witwe Rudolfs, Bertha, und die Verlobung ihrer Tochter Adelheid (der späteren Gemahlin Kaiser OTTOS I.) mit seinem Sohn Lothar das Rhonegebiet mit seiner italienischen Herrschaft zu verbinden, wobei das Lyonnais/Viennois weiterhin beim westfränkischen Reich verblieben wäre, wo der KAROLINGER Ludwig IV. auf Rudolf gefolgt war. Der deutsche König OTTO I. durchkreuzte diese Pläne, indem er Konrad, den jungen, 936 gekrönten Sohn Rudolfs II., an seinen Hof holte. Mit OTTOS Unterstützung wurde nicht nur Konrads Königtum gefestigt, der König konnte 942 sogar die Anerkennung seiner Herrschaft im Lyonnais/Viennois durchsetzen. Es läßt sich erschließen, daß Ludwig IV. im Frieden von Vise (November 942) mit OTTO I. auf den Dukat Lynnois verzichtete, sich dafür aber Forez, Uzege (Uzes) und den Vivarais vorbehielt. Nach König Hugos Tod (948) wurde Konrad auch in der Provence anerkannt, und um 962 fie ihm das Erbe Karl Konstantins in Stadt und Grafschaft Vienne zu. Eine Schlüsselstellung erlangte das rudolfingische Reich schließlich in der 951 von König OTT I. aufgenomenen Italienpolitik und seiner Anknüpfung an die ostfränkisch-karolingische Tradition (951 auch Vermählung OTTOS mit Adelheid, der Tochter Rudolfs II. und Witwe König Lothars von Italien). In Anlehnung der RUDOLFINGER an die OTTONEN mündete unter Rudolf III. (993-1032) im Jahre 1016 in den in Straßburg geschlossenen Erbfolgevertrag mit Kaiser HEINRICH II., der schon 1006 Basel in Besitz genommen hatte. Widerstand gegen HEINRICHS Nachfolge leisteten unter den burgundischen Kronvasallen insbesondere Graf Ott-Wilhelm von Burgund, der die 1018 in Mainz erneuerte Übertragung des Königreiches Burgund auf HEINRICH nicht anerkannte und auch durch einen Feldzug HEINRICHS nicht zu bezwingen war. Nach dem Tode HEINRICHS II. mußte der deutsche König KONRAD II. seinen Nachfolgeanspruch staats- und lehnsrechtlich gegen die näheren Erbansprüche Graf Odos II. von Blois (996-1037), einen Neffen Rudolfs III., begründen. Rudolf versöhnte sich 1026 mit Ott-Wilhelm, Graf von Burgund, schloß 1027 in Basel Frieden mit Kaiser KONRAD II. und designierte ihn kurz vor seinem Tode (5./6. September 1032) zum Nachfolger, indem er ihm die Reichsinsignien übersandte. Mit Unterstützung Graf Humberts I. von Savoyen und der Witwe Rudolfs III., Irmgard, konnte sich KONRAD, der am 2. Februar 1033 im ottonisch-rudolfingischen Kloster Payerne (Peterlingen) gewählt und gekrönt wurde, gegen Odo von Blois, der eine große Anhängerschaft im burgundischen weltlichen Adel besaß, behaupten. KONRADS Bündnis mit König Heinrich I. von Frankreich in Yvois (1033) zwang Odo zum Verzicht auf seine burgundischen Ansprüche und führte zu seiner Unterwerfung 1034 bei einer Befestigungskrönung in Genf. Die 1038 auf einem Hoftag in Solothurn vollzogene Krönung HEINRICHS III. zum burgundischen König bekräftigte die Vereinigung des Königreiches Burgund mit dem Deutschen Reich und Italien zur Trias des mittellaterlichen "Römischen Reiches".
In den von den SALIERN übernommenen Königreich Burgund war nach dem berühmten Urteil Thietmars von Merseburg (VII, 30) das Königtum zur Zeit Rudolfs III. auf einem Tiefpunkt seiner Macht angelangt. KONRADS und Rudolfs Herrschaft waren in der Tat durch den Aufstieg von vier Großgrafschaften, in deren Abhängigkeit auch die Mehrzahl der Bistümer geraten war, mehr und mehr aufden hochburgundischen Kernraum um Lausanne eingeengt worden Im S übernahm der Graf von Arles (979 marchio) mit der Sarazenenabwehr (972  Fraxinetum) auch die politische Neuorganisation der Procence; das südliche Viennois und Grenoble waren der Ausganspunkt für die Herrschaftsbildung der WIGONEN (später Albon-Dauphine), die insbesondere den Mt. Genevre-Paß kontrollierten; ihre nördlichen Rivalen waren die HUMBERTINER, welche die Grafschaften Belley, Maurienne, Savoyen, Aosta vereinigten und die Pässe Mt. Cenis und Gr. St. Bernhard beherrschten; westlich des Jura bildete sich, ausgehend von Macon und Besancon, die Grafschaft (später Freigrafschaft Burgund). Um ein Gegengewicht gegen die wachsende Macht der weltlichen Großen zu schaffen, stützten sich KONRAD und vor allem Rudolf III., wohl in Anlehnung an das ottonische Vorbild, verstärkt auf die Königsklöster des Kernraumes zwischen Besancon und Vienne und auf den Episkopat. Den Aufbau einer burgundischen Reichskirche bezeugen die Bestellung von Verwandten zu Bischöfen, so in Lyon (Burchard II.), Vienne (Burchard), Lausanne (Hugo), Aosta (Anselm), ferner die Übertragung von Grafschaftsrechten an die Bischöfe von Tarentaise 996, Sitten (Sion) 999, Lausanne 1011, Vienne 1023. Der Episkopat bildete auch (abgesehen von gegen Ende des 11. Jh. ausbrechenden Investiturstreit und dem Schisma während der Pontifikate Alexanders III. und Victors IV. im 12. Jh.) stets eine sichere Stütze des deutschen Königs gegen den auf Unabhängigkeit bedachten weltlichen Adel. HEINRICH III. fand in Erzbischof Hugo von Besancon (1031-1066), den er 1041 zu Erzkanzler  für Burgund machte, einen verläßlichen Helfer. In Besancon verlobte er sich 1043 mit Agnes von Poitou. Hier nahm er auch Anregungen der burgundischen Gottesfriedensbewegung auf. Die Verlobung seines Sohnes HEINRICH mit Bertha, der Tochter des Grafen Humbert von Savoyen, sicherte die Verbinmdung mit Italien über die W-Alpenpässe, die später Kaiser HEINRICH IV. auch noch 1076/77 bei seinem Zug nach Canossa offenstanden. Königin Agnes hatte nachdem Tode HEINRICHS III. während der vormundschaftlichen Regierung RUDOLF VON RHEINFELDEN mit dem Herzogtum Schwaben und den Reichsrechten in Burgund bettraut. Während im Rhoneraum die Probleme der Kirchenreform, der Simonie und der Investitur in der Auseinandersetzung regionaler Kräfte mit den Vertretern der Reform gelöst werden konte, geriet der Kernraum des hochburgundischen Reiches zwischen Jura und Alpen in die politische Auseinandersetzung zwischen HEINRICH IV. und dem Gegen-König RUDOLF VON RHEINFELDEN. 1079 entzog HEINRICH seinem Gegenspieler sämtliche Güter und Rechte in diesem Gebiet und übertrug sie teilweise den Bischöfen von Lausanne und Sitten. Auf Lausanne, Genf, Besancon und die Grafschaft Burgund beschränkte sich der Einfluß Kaiser HEINRICHS IV. Als Exponenten der Kirchenreform, die über monastische Zentren wie Cluny, Citeaux, St-Victor in Marseille und Chartreuse rasch Fuß faßte, wirkte vor allem Hugo von Die (um 1040-1106) und Guido von Vienne, der als Papst Calixt II. (1119-1124) im Wormser Konkordat 1122 erst die Voraussetzungen für die Erneuerung der Reichsherrschaft in Burgund schuf.
Während des 11. Jh. hatte der wiederbelebte Handel die Bedeutung Burgunds als verkehrs- und handelspolitisches Zwischenglied zwischen Italein und den europäischen Nordwesten erheblich gesteigert, wofür vor allem die Messen in Frejus, St-Raphael, St-Gilles, Chalon-sur-Saone und in der Champagne, ferner die vielen Pilgerreisen zeugen (1125 Gründung des Hospizes auf dem Gr. St. Bernhard). Die politische Gliederung des burgundischen Raumes und sein Verhältnis zum deutschen Königtum waren im 12. Jh. vielen Schwankungen unterworfen. Im N setzte Kaiser LOTHAR III den Enkel RUDOLFS VON RHEINFELDEN, Konrad von Zähringen, als Nachfolger des 1127 verstorbenen Grafen Wilhelm von Burgund ein und üertrug ihm den principatus Burgundiae. Die ZÄHRINGER behielten auch unter den deutschen Königen KONRAD III. den Rektorat über Burgund, doch konnten sie ihre Herrschaft westlich des Jura faktisch nicht durchsetzen.1152 wies FRIEDRICH BARBAROSSA Berthold IV. von Zähringen (1152-1186) die potestas über terra Burgundiae et Provinciae zu, beschränkte jedoch durch seiner Vermählung mit Beatrix von Burgund (1156) den zähringischen Tätigkeitsbereich auf den Raum wischen Jura und Alpen, zu dessen Sicherung Berthold IV. 1157die Stadt Freiburg im Üchtland (Fribourg) gründete. Die Grafschaft, seit 1189 Pfalzgrafschaft Burgund stand seitdem unter FRIEDRICHS bzw. Beatrix' (+ 1184) direkter Verwaltung (Bau der Königspfalz Dole am Dobs). Im äußersten S des Königreiches Burgund setzte sich der Entfremdungsprozeß im 12. Jh. fort. 1125 wurde die Provence geteilt. Das Gebiet südlich der Durance fiel an den Grafen von Barcelona, Lehnsträger des Königs von Aragon, das Gebiet zwischen Durance und Isere an den Grafen von Toulouse, Lehnsträger des französischen Königs. Abgesehen von einem vorübergehenden, 1162 vertraglich abgesicherten Ausgleich mit Graf Raimund Berengar von Barcelona war das Verhältnis zu FRIEDRICH I. meist gespannt. Die Streitpunkte ergaben sich unter anderem aus dem alexandrinischen Schisa sowie der Unterstützung rivalisierender Herren, wie der Herren von Les Baux, Cremieux, Forcalquier oder der Bischöfe. Da auch die Unterstützung durch die Grafen vo Dauphie und Savoyen keienswegs auf die Dauer gesichert war, nahm FRIEDRICH I. seit 1157 wieder die schon von KONRAD III. vorgezeichnete Politik der Privilegierung der Bischofskirchen auf. Lehsnrechtlich begründete Reichsunmittelbarkeit und Regalienrecht verknüpften sich in den zahlreichen Diplomen, welche die Stellung des Episkopates, insbesondere auch durch die Übertragung der Stadtherrschaften stärken sollten. Besonders ausgezeichnet wurde die Erzstühle Arles, Besancon, Lyon, Vienne. Die Zeit FRIEDRICHS I. bedeutete zweifellos den Höhepunkt staufischer Herrschaft in Burgund, das seit der Mitte des 12. Jh. auch Königreich Arelat genannt wurde.