Lüpke Siegfried:
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"Die Markgrafen der Sächsischen Ostmarken in der Zeit von Gero bis zum Beginn des Investiturstreites (940-1075)"

Nach dem Tode Ekkehards II. erbte das Haus WEIMAR die Mark Meißen, doch nicht derart, dass damit der ganze Besitz der EKKEHARDINER an Lehen ungeteilt auf Wilhelm von Weimar (1046-1062) überging. Wir haben über diesen Vorgang zwei Quellenzeugnisse, die nicht übereinstimmen, aber sich auch nicht gegenseitig ausschließen. Es sind die größeren Altaicher Jahrbücher und der Sächsische Annalist. Die oft angeführte Stelle der Altaicher Jahrbücher lautet: "Illic (sc. in Misna) etiam Teti, Dietrici comitis filius, marchas Ekkardi duas a rege promeruit, terciam, id est Mihsinensem, rex adhuc retinuit" Der Sächsische Annalist schreibt zunächst Lampert ab: "Eggihardus marchio subitanea morte prefocatus interiit", und fährt dann fort: "et Willehelmus marchiam illius adquisivit". Darauf folgt eine umständliche Auseinandersetzung der weimarischen Verwandtschaftsverhältnisse mit Betonung der Verdienste der Grafen um Thüringen. Es ist natürlich nicht abgängig, sich für die eine Quelle zu entscheiden und die andere mit Stillschweigen zu übergehen, wie das meist geschehen ist. Beide Schreiber verraten durch ihre Bemerkungen eine mehr als nur oberflächliche Kenntnis vom Stand der Dinge im deutschen Osten und haben daher beide das Recht auf volle Annahme und Auswertung. Zunächst muß man beachten, dass beide mit verschiedenem zeitlichem und örtlichem Abstand schreiben, und dann darf nicht übersehen werden, dass der Niederaltaicher Mönch von drei Marken redet. Beide haben offenbar verschiedenes im Auge. Die süddeutsche Quelle, zeitlich den Ereignissen nahe stehend, schließt an den plötzlichen Tod des weithin bekannten Markgrafen an und schildert daher das Schicksal des von ihm beherrschten Gesamtgebietes, von dem ausführlicher unten geredet wird. Sie sagt, dass jetzt eine Teilung eintritt und der König sich die Entscheidung über einen Teil von Ekkehards Marken, nämlich Meißen, vorbehält. Das scheint den Tatsachen zu entsprechen; aus einer Reihe von Urkunden ist zu schließen, dass noch ein halbes Jahr nach Ekkehards Tode Meißen nicht ausgetan war. Eine andere Blickrichtung hat der sächsischen Schreiber. Er steht den Ereignissen zeitlich viel ferner als der Altaicher. Einzelheiten jener Zeit konnten ihm leichter entgehen oder unwichtig erscheinen. Während der Süddeutsche eine auffallende Maßnahme festgehalten hat und die ostdeutschen Verhältnisse dann nicht weiter beachtet, überblickt der Sachse wohl mehr die Weiterentwicklung der Ereignisse, ohne sich auf Einzelheiten einzulassen. Überdies hat er augenscheinlich seine Aufmerksamkeit auf den Aufstieg des Weimarischen Hauses gerichtet, über dessen Verwandtschaftsverhältnisse er, von einer Verwechslung Wilhelms II. und Wilhelms III. abgesehen, gut unterrichtet ist, wie er für verwandtschaftliche Beziehungen überhaupt starke Anteilnahme bekundet und ihnen einen breiten Raum in seinem Werk gewährt. So lassen sich die beiden Quellen miteinander vereinbaren, ohne dass man ihnen Gewalt antut oder sie mißdeutet.
So fest nun die Tatsache der Markübertragung auf Wilhelm selbst steht, so unsicher ist die Zeit und so wenig wissen wir über die näheren Umstände. Als spätestes Jahr ist 1050 anzusetzen, weil Wilhelm von da an in den Urkunden auftaucht. Bemerkenswert aber ist noch eine andere Tatsache in diesem Zusammenhang, nämlich dass die Mark einem anderen Geschlecht gegeben wurde. Wenn Ekkehard auch keine Leibeserben hatte, so waren doch Seitenverwandte vorhanden, die Ansprüche erheben konnten: die WETTINER. Das Verhältnis der WETTINER zur Mark Meißen kann hier nicht behandelt werden. Nur soviel kann als sicher festgestellt werden, dass die Erbansprüche der WETTINER, wenn sie erhoben wurden, schließlich keine Erfüllung gefunden haben. Nur ein Ereignis aus dem Leben Wilhelmsist in den Quellen etwas ausführlicher behandelt. Das ist der Ungarnfeldzug von 1060. Auf den Hilferuf des Königs Andreas von Ungarn, der von seinem eigenen Bruder Bela verdrängt worden war, sandte König HEINRICH den Böhmen-Herzog Spitignev II., den Bischof Eberhard von Naumburg, den Markgrafen Ernst von der bayrischen Ostmark und unseren Markgrafen Wilhelm. Ohne die Ankunft des Böhmen abzuwarten, nahmen die Markgrafen und der Bischof den Angriff der Ungarn an. Aber den Ort des Kampfes - es war der Wieselburger Engpaß - hatten die Deutschen nicht glücklich gewählt: bald waren sie von allen Seiten von den Feinden umringt. Der fliehende Andreas kam durch einen Sturz vom Pferde um. Frau und Sohn konnten - wahrscheinlich unter dem Schutz des Markgrafen Ernst - nach Bayern entkommen. Der Markgraf Wilhelm aber kämpfte gegen ein große Übermacht noch die ganze Nacht hindurch bis zum anderen Morgen und ergab sich erst nach Zusage seiner persönlichen Sicherheit, "mehr durch Hunger als durch das Schwert bezwungen", sagt Lampert von Hersfeld. Seine Tapferkeit hat solche Bewunderung erregt, dass Belas Sohn Geisa sich persönlich für Wilhelms Schutz einsetzte und seinen Vater bat, die eigenen Schwester Sophia dem Deutschen zu verloben, was dann auch geschah. Bald darauf wurden Bischof und Markgraf aus der Gefangenschaft entlassen. In diesem Feldzug tritt Wilhelm als Führer der sächsischen Heeresabteilung auf. War das ganze Unternehmen auch ein völliger Mißerfolg, so ist doch dem Markgrafen an dem Unglück kaum eine Schuld beizumessen. Die Quellen lassen wenigstens von einem Versäumnis seinerseits nicht das Geringste erkennen. Sie rühmen im Gegenteil seine außerordentliche Tapferkeit gegen die feindliche Übermacht und heben die Wertschätzung hervor, deren er sich auch im gegnerischen Lager erfreut. Sie ist so groß, dass der ungarische Führer in verwandtschaftliche Beziehungen zu ihm zu treten wünschte. Seine sonstigen Beziehungen zu Reichsregierung und zu Thüringen sind fest ganz in Dunkel gehüllt, da nur wenige Urkunden als Belege dafür vorhanden sind, und auch die Schriftsteller darüber schweigen. Die Zeit der Vormundschaft HEINRICHS IV. wurde ja durch viel wichtigere Ereignisse in Spannung gehalten, als dass die Zeitgenossen ihr Augenmerk auch auf die kleineren deutschen Verhältnisse gerichtet hätten. Mit der Regentin Agnes scheint der Markgraf in gutem Verhältnis gestanden zu haben. Eine Urkunde deutet darauf hin, in der Wilhelm zu den Getreuen der verwitweten Kaiserin gezählt wird. Erst unter Otto, der nach seines Bruders Tode ihn beerbte, werden diese Beziehungen wieder deutlicher, da er den großen Strömungen seiner Zeit etwas näher trat als sein Bruder Wilhelm. Wilhelmstarb auf dem Wege nach Ungarn, als er seine Braut heimführen wollte, wahrscheinlich zu Anfang 1062, nachdem er nur zwei Tagesreisen weit gekommen war.